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Gutenberg > Robert Hamerling >

Der König von Sion

Robert Hamerling: Der König von Sion - Kapitel 10
Quellenangabe
typeepos
booktitleDer König von Sion
authorRobert Hamerling
firstpub1869
year1869
publisherJean Paul Friedrich Eugen Richter
addressHamburg und Leipzig
titleDer König von Sion
created20040925
sendergerd.bouillon
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                                Aber nachdem sie erwacht und geöffnet die lieblichen Augen,
Wunderbar ist sie verwandelt, ist wiedergeboren in Wonne!
Hat sie die Rolle getauscht nunmehr mit dem liebenden Jüngling?
Zärtlich umschmiegt sie das Haupt des Geliebten: im Taumel des Herzens
Stammelt sie selbst nun immer auf's Neue die minnige Frage:
»Liebst du mich, süßester Freund?« – Es erfüllt mit Entzücken des Jünglings
Herz dies zärtliche Stammeln vom Munde des herrlichen Weibes.
»Siehst du, Geliebte«, so ruft er mit süß-wehmüthigem Lächeln,
»Siehst du, inmitten des Haders, des feindlichen Waffengerassels,
Welches die Stadt umdröhnt, und umlagert von grimmigen Schaaren,
Hat nun allein uns beiden ein himmlisch Asyl sich erschlossen
Hier in der einsamen Zelle! Wie hat in diesem Asyl sich
Kraft und Muth mir gestählt! Nun doppelt vertrau' ich dem neuen
Sion, doppelt erglüht mein Herz für die leuchtenden Ziele,
Die mir winken! O tritt zur Seite mir, Tochter von Sion!
Bist du doch wiedergetauft, ja wiedergetauft durch die Liebe!« –

Also schwelgten die Beiden in wonniger Herzensentzückung.
Viel noch, feurig beredt, sprach Jan vom sionischen Reiche,
Und aufhorchte begeistert die Jungfrau: williger niemals
Trank ein lauschendes Ohr die Verkündung der Anabaptisten.
Feurig ergriff ihr Geist, der gewalt'ge, die großen Gedanken,
Und sie horchte so lang, bis aus ihrem Gemüthe gewichen
Jeglicher Selbstvorwurf, bis im innersten Grund sie verwandelt
Schien und als schmerzlicher Traum ihr entschwebt das vergangene Leben.

Doch, was streift sie noch ein Mal ein plötzlicher Schatten der Schwermuth?
Heftig fährt sie empor, und ergreifend die Hand des Entflammten,
Ruft sie: »Was je ich empfand, mit verstärkter Gewalt durchstürmt mich's!
Doppelt haß' ich ihn jetzo, den Schändlichen, welcher, so ruchlos
Minne vergeltend mit Schmach, mein Leben für immer vergiftet!
Bin ich denn werth noch der Minne, du edler, du herrlicher Werber?
Wilde Gewalten durchtoben die Brust mir, und droh'n sie zu sprengen!
Nie mehr find' ich die Pfade zurück zum Frieden der Zelle!
Höre den Schwur, o Geliebter! als würdige Tochter von Sion
Wird sich Hilla bewähren, sobald ihr winket die Stunde!
Doch du gelobe mir Eins: laß hier in der Zelle mich still noch
Wenige Tage bedenken, wie bald ich erfülle den hohen
Schwur, und Vergang'nes aus meinem Gedächtniß verlösche für immer!
Forsche nach mir nicht mehr bis dahin! Wenn da ist die Stunde,
Selbst dann tret' ich vor dich, dein werth, dein eigen in Wahrheit!«

Aufrecht wieder und stolz nun steht sie vor Jan. Aus der Nonne
Herrlich zur Heldin gereift, doch im Aug' noch grollende Schwermuth,
Steht sie leuchtend vor ihm, und er stürzt ihr bewundernd zu Füßen.

Horch, da plötzlich erdröhnt in den dämmernden Morgen ein dumpfer,
Donnernder Knall, daß des Klosters Gemäuer und Wölbungen zittern.
Lauschend empor zuckt Jan: was da hallt, ist der donnernde Weckruf
Aus dem metallenen Munde der Riesenkarthaune, die vorlängst
War von den Wiedergetauften gepflanzt auf den Markt vor dem Rathhaus,
Daß sie für sämmtliche Bürger und Streiter das Zeichen in Sion
Gebe mit dröhnendem Knall, wenn gekommen die Stunde des Kampfes,
Und vor den Thoren das Heer der Umlagernden schreite zum Angriff.

Freudig vernimmt es der Jüngling, das Donnersignal der Entscheidung.
»Horch«, so ruft er, »es regt sich der grimmige Löwe von Sion
Brüllend schon gegen den Feind! o wie flammt mir in Freude das Herz auf!
Jüngling war ich bisher und Träumer; nun fühl' ich zum Kämpfer
Mich, zum Manne gereift! Aus den Armen der Lieb' in den Kampf sich
Stürzen, ist halber Triumph schon: ich fühl's in den glühenden Adern!
Fahr' wol, herrliche Braut, und harre du mein, bis entschieden
Ruhet der Kampf, und der Sieg dich umjauchzt, sobald du hervortrittst!« –

Spricht's, und noch einmal versenkt er den liebenden, leuchtenden Glutblick
Tief in die Seele der Edlen, erneuernd das heil'ge Gelöbniß.
Und eh' er scheidet, noch pflückt er zum Pfand aus dem Kranze der weißen
Rosen am Heilandsbild eine halb erst erschlossene Knospe.
»Hilla!« ruft er, »die Knospe, sie soll noch im Tode mich mahnen,
An die gesegnete Nacht, wo mir sproßte die Knospe des Glückes!
Möge zum prangenden Kelch sie sich bald nun und ganz mir erschließen!« –

Sprach's und eilte hinweg zu den Seinen, und jetzo vernahm er,
Daß in der Nacht der Prophet mit erkorenem Haufen, im Wahnsinn,
Bis zu der schlummernden Feinde Gezelten gedrungen, erschlagen
Viel auftaumelnde Söldner im Kampf, doch der riesigen Mehrzahl
Endlich umzingelt erlegen mit sämmtlichen Schwärmergenossen.

Aber es stürzten nunmehr von hier und dort sich die Streiter,
Die nicht schon an den Thoren der Stadt, auf den Wällen zur Abwehr
Standen, zum Marktplatz hin, um dort sich in Schaaren zu ordnen,
Hörend der Führer Befehl. Indessen begannen die Feinde
Kecklich zu lösen die Mörser: es kamen herüber die schweren
Eisernen Kugeln geflogen, und hier und dort in die Dächer
Schlugen sie, daß in die Straße die Ziegel, die Trümmer der Mauern
Stürzten; und, Widdern vergleichbar, mit wuchtigem Stoß an die Thore
Pochten sie, daß von den Balken die Splitter wie Funken vom Amboß
Stoben, und klirrend zersprangen die Scheiben der Fenster: es dröhnte,
Von schwerwiegender Bombe getroffen, die riesige Glocke
Drinnen im Lambertsthurme, der einzigen, ragenden Zinne,
Welche zu Münster noch stand. Herab von den Wällen und Dächern
Antwort gaben dem Gegner die Schlünde der Wiedergetauften.

Aber die größere Zahl der bewaffneten Streiter in Sion
War zusammen geströmt auf dem Markte, dem Ruf der gewalt'gen
Lärmkarthaune gehorchend. Sie Alle beseelt das Verlangen,
Kämpfend zu opfern ihr Blut für Sion. Doch weh! des Propheten
Ordnend-entscheidendes Wort, es verstummte für immer! Erwägend
Stehen die Streiter, ob sie sich begnügten, mit Waffen zu schirmen
Wall und Thore der Stadt, ob durch's Ludgeri-Thor, wo des Feindes
Ansturm drohte zumeist, ausfallend zu kühner Entscheidung,
Gegen die Söldner ihr Glück sie im offenen Felde versuchten.

Lang so berathen die Männer sich dort in wilder Erregung.
Plötzlich in irrendem Laufe, gesattelt, doch ohne den Reiter,
Kommt mit fliegenden Mähnen gerannt und traurig gesenktem
Haupt ein schimmerndes Roß, schweift ziellos über den Markt hin.
Dem weißmähnigen Thier zuwandten sich Alle, dem edlen.
Und wehklagend erscholl's: » O sehet das irrende Streitroß
Matthissons, das nun ohne den Herrn aus dem Kampfe zurückkehrt!
«

Seufzer und Klagen durchliefen die sämmtlichen Reihen der Männer,
Schmerzlich gedachten sie Alle des edlen entrissenen Führers.
Traurig gesenkt war inmitten der Streiter das Banner von Sion,
Welches geweiht der Prophet für die nahenden Tage des Kampfes:
Auf rothleuchtendem Grund das sionische Wappen: in Goldglanz
Stralend die Kugel der Welt, die gekreuzt zwei Schwerter durchstachen.
Trauer umschwebte die Schaaren, es faßte sie banges Verzagen.

Da stürzt Jan von Leyden hervor mit flammendem Antlitz:
Und wie im Wüstengebiet ein flüchtiges Roß der behende
Araber fängt, so behend und so feurig-raschen Entschlusses
Haschte der Jüngling im Laufe das schweifende Roß des Propheten,
Faßte die flatternden Zäum' und warf sich in muthigem Aufschwung
Auf den gesattelten Renner: und, sprengend dahin durch die Reihen,
Laut zurief er dem Volke wie flammenbeflügelt: »Ihr Männer!
Sion lebt, und es lebt noch das leuchtende Banner von Sion,
Welches geweiht der Prophet für die nahenden Tage des Kampfes!
Bannerbehüter, was hältst du gesenkt sie, die heilige Fahne?
Reiche sie mir, damit ich sie wehend in Lüften enthülle!« –

Rief's und ergriff das Panier und entrollt' in wehenden Lüften
Auf rothleuchtendem Grund das sionische Wappen: in Goldglanz
Stralend die Kugel der Welt, die gekreuzt zwei Schwerter durchstachen.
Hell aufjauchzten die Schaaren der Streiter in wilder Begeist'rung,
Als sie das heil'ge Symbol in Goldglanz flatternd erblickten.

»Auf, ihr Männer, zum Kampf!« rief Jan; »nicht hinter den Mauern
Laßt uns erharren die Feinde: zu offenem Streite hinauszieh'n
Laßt uns, und während sie nah'n, um die Wälle mit Macht zu berennen,
Stürzen wir muthig hinaus aus den plötzlich sich öffnenden Thoren:
So wird doppelt der Kampf, und doppelt auch wird der Triumph sein!« –

So sprach Jan, da ergriff ein fanatischer Taumel die Schaaren.
Und: »Wir folgen dir«, scholl's, »o Jan!« und es wogte der Heerzug
Ihm nach, gegen das Ludgeri-Thor. Mit verzückten Geberden
Stürmten sie hin; es erklangen noch Stimmen der Seher und Psalmen,
Aber im Waffengerassel erstarben sie. Golden und blutroth
Wehte zum Himmel das Banner der schwärmenden Wiedergetauften.

Aber es hatte bereits ein erbitterter Kampf sich entsponnen
Rings von den Wällen herab mit dem Feind, dem der Fall des Propheten
War ein gewaltiger Sporn. Andrängten voreilige Fähnlein,
Suchten, mit Erde, mit Stroh, Riedgras, und Bündeln von Reisig
Füllend den Graben, sich Brücken zu bahnen; es stürzten auch Manche
Sich in's schlammige Wasser des Grabens, erreichten die Wälle,
Rissen die Zäune herab und zerhieben die Pfähle mit Schwertern,
Legten zuletzt Sturmleitern, mit Haken verseh'n, an die Mauern;
Doch die Vertheid'ger, sie faßten die Leitern, und schleuderten kräftig
Weithin sie von der Mauer zurück, daß krachend im Hinsturz
Sie mit den taumelnden Söldnern erschütterten drunten das Erdreich.
Siedendes Wasser und Öl und glutende Massen von Kalk auch,
Pech und Schwefel sogar entleerten aus glühenden Kesseln
Anabaptistische Männer und Weiber herab auf die Rotten
In fanatischer Wuth; auch tränkten mit brennendem Pech sie
Werg, um hölzerne Reife gewickelt, und warfen den Klett'rern
Stracks um die Hälse die Kränze, die feurigen: rasend nach Hilfe
Schrieen die also Bekränzten: es klebt' um den Nacken das Brandjoch
Ihnen, und fest auch klebten am glühenden Harze die Finger,
Welche zu lösen bemüht die Umkränzung. So rannten verzweifelnd
Weiter sie, mehrten im Lauf nur der Flammen Gewalt, bis sie stürzten,
Röchelnd am Boden sich wälzten und sterbend versengten die Gräser.

Also bekämpften sich Söldner des Bischofs und Anabaptisten
Heiß an den Mauern bereits, als Jan mit dem Kerne der Streitmacht
Kühn durchs Ludgerithor ausfiel zu entscheidendem Angriff.
Dort schon sammelten sich zum Hauptansturme die Fähnlein
Zahlreich gegen das Thor; dort standen mit starker Bemannung
Dräuend die ehernen Schlünde des Feinds. Da öffneten plötzlich
Sich, schwerwuchtig, die Flügel des Thors, und mit wehendem Banner
Stürzten hervor sich die Schaaren der Wiedergetauften. Es flüchten
Jene sich hinter die Schlünd' und entfesseln ein donnerndes Feuer
Gegen die stürmenden Reih'n. Doch es rollen die Anabaptisten
Mächtige Stücke, wie jene, heran, und es blitzen die Lunten,
Und von dem Wall auch sausen die Kugeln in's Lager des Feindes.

Wildes Gebraus und Geschmetter erwacht ringsum: von der Armbrust
Saus't in Lüften der Pfeil, eine fliegende Viper, es knattern
Unablässig die Büchsen, der Steinwurf schwirrt von der Schleuder.
Horch, wie sie bellen, die ehernen Hunde der Schlacht, die Karthaunen,
Heftiger stets! Falkonette bespei'n, Feldschlangen, aus langen
Hälsen das Feld; Basilisken und Singerinnen entladen
Fliegendes Eisen in Zentnern; bedachtsam schleudert der kurze
Mörser mit dumpfem Gekrach Steinkugeln im Schwunge des Bogens;
Tückisch platzt die Granate – heissa, von dem scharfen, doch kleinen
Tindlein, welches das Blei halbpfündig aus schmächtigem Rohr wirft,
Bis zur Haubitze, die speit zweihundert-pfündige Steinlast,
Ras't da gegen einander vom Wall und im offenen Felde
Sämmtliches Feuergezeug: zehn Meilen umher in der Runde
Zittert der Boden im Münsterland von dem dumpfen Gedonner.

Doch nicht lange so tobt das Geschütz. Hinsprengt durch die Reihen
Wieder der feurige Jan. »Wolauf, Sioniten!« so ruft er,
Grad'hin jetzt auf die Feinde gestürmt! Mit Äxten und Schwertern,
Keulen und Speeren entscheide der Kampf sich!« – Hinter dem Jüngling
Wandelt einher und ruft mit gewaltiger Stimme der wilde
Knipperdolling: »Mir nach!« – Auf der feindlichen Stücke Bemannung
Stürzt mit der vordersten Schaar er sich: von den schnöde verlassenen
Donnergeschützen erbeutet die einen er muthig, den andern,
Schwerer beweglichen, sperrt er mit eisernem Nagel den Rachen,
Daß sie schmählich verstummen, aus feurigen Speiern zu schadlos
Gähnenden Klötzen geworden.
                                                  Verwirrung erfaßte des Bischofs
Söldner, doch helfend vom Lager herbei schon eilte Verstärkung.
Trommelgewirbel erklang allwärts, Trompetengeschmetter,
Rufend des Bischofs Heer zum Streite. Zusammen von allen
Seiten nun zog man die Kräfte heran zum Kampf der Entscheidung.
Zahllos entwickelten schon sich die Rotten mit fliegenden Fähnlein
Weithin im Feld, sich schaarend zum Kampf: bei jeglichem Fähnlein
Starrte geharnischt die Reihe der Pikeniere mit scharfen
Ragenden Lanzen; dazwischen, mit wuchtigen Äxten gerüstet,
Standen die Hellebardier' und die Musketiere, mit langen
Feuerrohren gewaffnet. Und neben den Fähnlein des Fußvolks
Trabten die Reitergeschwader heran: da kamen die Lanzen-
Schwingenden Küraßreiter; die handrohrführenden, leichten
Arkebusier', und die Musketiere zu Roß, die Dragoner.
Stattliche Helmbuschzier auf den Häuptern, das Banner des Ordens
Mit achtspitzigem Kreuz vor sich, aufzogen die stolzen
Johanniter, gewappnete Mönche, bekuttete Krieger.
Bischofssöldner und Truppen des Reichs, Hilfstruppen von Cleve,
Cöln und den anderen Nachbarn, Papisten und Luther'sche standen
Jetzt einträchtig gesellt, zu bekämpfen die Wiedergetauften.
Manch westphälischer Ritter und Herr, mit reisigen Knechten
Sich einstellend vor Münster, erstralend in prächtiger Erzwehr,
Rüstet nunmehr in den Reihen der Bischofsstreiter zum Kampf sich.

Aber es ordneten sich auch die Reihen der Anabaptisten,
Glühend den mächtigen Feind in geordneter Schlacht zu bestehen.
»Seht da, Brüder«, so rief der gewaltige Knipperdolling,
Wie gleich Maden im Käse sie wimmeln, die Söldner des Pfaffen!
Aber ein Narr, wer zittert! Schon haben wir ihrer Geschütze
Eherne Mäuler gestopft – nun kommt an sie selber die Reihe!
Schreckt euch der Pikenier? nur ein Thörichter wird in den langen
Spieß ihm laufen; wer klug ist, der bückt sich und läuft ihm darunter
Zehnmal weg! Und die Schützen mit ihren veralteten Rohren
Und schwerfälligen Gabelmusketen? Bevor nur so Einer
Erst vor sich hin gestellt auf den Boden die Gabel, das Rohr dann
Zwischen die Haken gelegt, dann sacht nach bedächtigem Zielen
Losbrennt, ist schon die Kugel aus unseren handlichen Büchsen,
Oder ein anabaptistischer Pfeil in den Leib ihm gefahren!
Und was den Reiter betrifft, den eisernen Popanz, den fürcht' ich
Erst, wenn am Boden ich liege; da kann sein Gaul in den Leib mir
Treten ein Loch, 's ist wahr; doch was will er, trifft er mich aufrecht?
Und wenn einmal ein Stoß ihn selber, den eisernen Popanz,
Stracks vom Hengste geworfen, auch heil und gesund, da genügen
Kaum vier Männer, ihn wieder gemach auf die Beine zu heben.
Also nur d'rauf und d'ran, ihr anabaptistischen Brüder,
Fremde, wie Heimische! Aber vor Allen wir Bürger von Münster
Müssen das kräftigste Wort heut reden dahier mit dem Bischof!
D'rauf und d'ran! Wer da fällt im Kampf, dem wollen wir Rosen
Pflanzen auf's Grab; doch der Feigling, der Weichling, der soll, nach dem Sprüchlein,
Finden ein Grab im Fladen der Kuh, wie ein Käfer am Wege!« –

Beifall jauchzten dem Sprecher die heimischen Münster'schen Männer.
Aber die Reihen der ernster'n, der schwärmenden Anabaptisten
Liehen des Jünglings Worten das Ohr und begeisterter Seher.

Und hinstürzten nunmehr zu vernichtendem Kampf in der Nähe
Wild auf den Feind sich die Schaaren: und alsbald tobte das grause
Ringen durch's Feld, mit Schwertergeklirr und Büchsengeknatter,
Rossegestampf und Geröchel: im Blut ausglitschte der Fußtritt.
Sind es Dämonen der Hölle, die rasenden Anabaptisten?
Wer hat den bleichen Gesellen die Kraft in den Gliedern verdreifacht?
Manchmal erblickt einen Anabaptisten am Boden der Söldling
Drohend auf ihn her blickend aus starren entsetzlichen Augen,
Und er stürzt, um sich sein zu erwehren, auf ihn mit der Mordaxt:
Doch nun merkt er mit doppeltem Schauder, daß todt der Geselle,
Der so entsetzlich und drohend aus offenen Augen ihn anstarrt . . .
Ei, so heiß ist's geworden noch nie dem erprobtesten Soldknecht,
Nicht vor dem Säbel des Türken und nicht auf lombardischer Wahlstatt.
Mälig wichen die Söldner; das Banner der Anabaptisten
Blähte sich stolz wie ein Segel, des Soldheers narbige Fähnlein
Flatterten ängstlich im Winde, wie Blätter im Wald vor dem Abfall.

Knipperdolling, durchtobend mit blutigem Beile die Schlachtreih'n,
Sieht aufjauchzend der Gegner schon rathlos schwankendes Weichen.
»Seht nur«, ruft in der Freude des Herzens der wuchtige Kämpe,
»Seht, schon liegen sie reichlich umher auf dem Rücken, die Söldner,
Gleichwie Frösche, vom Hagel getroffen am Ufer des Moorteichs.
Gnädigster Herr, wo steckt ihr nur? wo sind die gestrengen
Räthe, die Feldhauptleute? Den einzigen Wilcke von Stedinck
Seh' ich noch rüstig im Felde: die Anderen halten sich abseits,
Seit sie den Corytzer führen geseh'n aus der Schlacht, dem ein Schleud'rer
Mit armseligem Stein aus dem Auge den Apfel geschnellt hat,
Wie sich die Äpfel vom Baum auch holen mit Steinen die Buben.
Malchus, der Domherr, stürzte vom Roß, und den Grafen von Bentheim
Sah ich von hinnen auf schnödem Karthaunengefüllsel in's Jenseits
Reiten – das schreckte die Andern. Denn Herren und Ritter wie Pfaffen
Machen sich's jetzo bequem: wenn einmal Einer so glänzend-
Glatt sich gemästet, so will er am Ende doch auch noch mit heiler
Haut und mit völligen Gliedern, und nicht als gespaltene Rübe
Oder durchlöchertes Sieb in die ewige Herrlichkeit eingeh'n!
Doch da seh' ich noch einen vom älteren Korne, den hagern
Ritter von Gütersloh, der im Ausland weidlich gekämpft hat
Gegen die Mohren, und der doch selber die frohnenden Bauern
Schindet daheim auf dem Gut wie ein Türk' und Heide! Den alten
Sünder, den will ich vom Braunen herab mit der Kugel mir holen!«
Sprach's, und faßte die Büchs', und den Ritter, vom stattlichen Streithengst
Warf ihn das sausende Blei. Und lächelnd begann zu den Männern
Wieder der Sionshort, unermüdlich in Worten und Thaten:

»Seht ihr, wie heut sich's lohnt, daß wir uns in friedlichen Zeiten
Fleißig im Schießen geübt? Sonntägliches Bürgervergnügen
War es für uns vormals – nun seht, nun können wir's brauchen!
Aber was ist das? es kommt, um zu rächen den Alten, gestreckten
Speers, ein Bürschchen da gegen mich her: das ist wol der Absproß
Jenes von Gütersloh? der aber ist nicht mehr vom echten
Schrott und Korn wie der Alte: das ist schon ein heutiger Windhund!
Luftiger Fant, komm' an! dich schluck' ich in mich, wenn ich athme,
Und wenn ich niese, so fliegst du mir wieder hinaus durch die Nase!«

Aber es sprengte heran auf den rüstigen Knipperdolling
Wirklich der Junker nunmehr, hochmüthig, mit flatterndem Helmbusch.
Hart an den Fluten der Aa, dort wo aus den wiesigen Gründen
Sie sich wendet zur Stadt, da war's wo die Beiden sich trafen:
Knipperdolling erfaßte den Speer, und stieß ihn gemächlich
Gegen die Brust des auf ihn ansprengenden prunkenden Jünglings,
Daß er über den Bug des Rosses hinaus in den Aafluß
Weithin flog: er versank, und die rollende Woge begrub ihn.

»Ist kein ritterlich Haupt mehr da?« rief nun der gewalt'ge
Knipperdolling; »da muß ich nun wol an's Gesinde mich halten.
Sieh' da, ein alter Bekannter! Der Friese, der Münster'sche Stadtknecht,
Der schon zwanzig Herren gedient, und zuletzt sich dem Bischof
Schnöde verkauft, und kecklich mit eschener Lanze den Unsern
Stochern nun möchte die Zähn'. Gib Acht, du friesischer Schlingel!
Bist noch lange genug, auch wenn um den Kopf du gekürzt wirst!«
Sprach's und auf muthigem Roß ansprengend so gegen den Soldknecht,
Hieb er das struppige Haupt ihm herab mit der wuchtigen Streitaxt,
Und hinrollte der Rumpf in die Lache des eigenen Blutes.

So durchtobte das Feld der gewaltige Knipperdolling,
Hier und dort sich erkiesend den Feind, und immer ein Scherzwort,
Immer ein Sprüchlein findend, um Hieb und Stoß zu gesegnen.

Schweigend, doch schrecklicher weit als der mächtige Knipperdolling,
Würgt ein anderer Reck' im Getümmel, der riesige Tylan.
Noch ist ein Elennsfell sein Mantel, der rostige Stahlhelm
Deckt ihm das Haupt, doch er schwingt einen riesigen Hammer in Händen,
Ähnlich dem donnernden Thor, vorzeitlichem Gotte des Nordlands,
Oder den grimmigen Hünen, den lange begrabenen Riesen,
Die einander mit Hämmern aus stündiger Ferne geworfen.
Brüllend so stürzt er sich immer und tobend ins tiefste Getümmel:
Ob auch zu Hunderten rings ihn die Schwerter, die Spieße bedräuen,
Schartig prallt von den Knochen, den stählernen, jeglicher Mordstahl
Ab, und zersplittert die Lanze. Die Speere, die ihm sich entgegen
Drängen, mit nervigen Fäusten ergreift er sie, reißt mit den Speeren
Reihen der Männer zu Boden. Und wenn ihm ein würdiger Gegner
Näher im Kampfe begegnet, so schwingt er den Hammer und läßt dumpf
Nieder ihn krachen auf Haupt und Helm, daß der ehernen Kuppe
Funken mit Tropfen sich mengen des hauptentsprühten Gehirnes.

Ei, will sämmtliche Grauen- und Reckengestalten der Vorzeit
Senden das finstere Reich, mitkämpfend vor Münster den heißen,
Wilden Entscheidungskampf in den Reihen der Wiedergetauften?
Wer ist, tummelnd den Falben mit schwärzlichen Mähnen und dunklem
Schweif, die Beflügelte dort, die Walkyre mit flatternden Haaren?
Divara ist es, das Weib des gefall'nen Propheten in Sion:
Stets auftaucht sie vor Jan, dem kämpfenden, immer im wilden
Streitergetümmel verfolgt ihr Auge den herrlichen Jüngling
Wie mit glühenden Pfeilen, und wenn sie die glühendsten machtlos
Sieht abgleiten am Schild des von höherer Liebe Gefeiten –
Rasender stürzt sie sich wieder zurück in 's blutige Kampfspiel.
Hei, wie die Lanze sie schwingt und den schwirrenden Bolz in das Soldheer
Wirft, und behend dann wieder im näheren Kampf die Pistole,
Oder den Dolch aus dem Gürtel sich reißt, wildlachend vor Kampflust!
Oft anspornt sie in wilden und seltsam klingenden Lauten
Ihre Getreuen, die Söhne des bräunlichen wandernden Stammes.
Ohne Versehrung bleibt sie im wild'sten Gemetzel: doch weh' ihm,
Den nur ein Pfeilwurf ritzt, nur streift eine Kugel von ihrer
Hand: er fällt wie vom Blitze berührt oder giftigem Anhauch.
Wie so gewaltig erscheint nun und sehnig des bräunlichen Weibes
Schlanke Gestalt! manchmal auf dem Rücken des fliegenden Rosses
Richtet sie tollkühn stracks sich empor, um stehend zu kämpfen,
Stehend zu werfen den Pfeil. Wildschön ist ihr feuriges Antlitz!
So wol mochte die Hunnin auf feurigem, fliegenden Rosse
Blicken, durch's Schlachtfeld jagend, auswerfend die hänfene Fangschnur,
Und den Gehaschten erwürgend. So mocht' ein germanisches Mannweib
Rollen die Augen dereinst, in verschollenen Tagen des Odin,
Wenn im Linnengewand, barfüßig, mit härenem Gürtel,
Im Streitwagen sie stand, grimmvoll, und dem bleichen Gefang'nen
Warf einen Kranz um das Haupt, einen Strick um die keuchende Brust her,
Und ihn empor zu sich zog, um mit Erz zu durchschneiden den Hals ihm,
Und aus dem dampfenden Blute sodann, das hinab sich in eh'rne
Kessel ergoß, des Schlachtengeschicks Wahrzeichen zu schöpfen.

So, als des Kampf's Walkyr', als Furienschwester, als Unhold,
Tobte die Wüthige dort, mit dem rüstigen Knipperdolling
Und mit dem riesigen Tylan, erglühend in Lieb' wie in Mordlust.

Doch wie neben Giganten und ihrer dämonischen Urkraft
Ragte dereinst olympisch der Fernhintreffer, der Lichtgott,
Leuchtend: so ragte nun auch im gewaltigen Kampfe vor Münster
Neben den Schlachtdurchstürmern, dem mächtigen Knipperdolling,
Neben dem Riesen und neben der wilden Walkyre des Kampfes,
Tummelnd das Roß des Propheten, der hohe, der leuchtende Jüngling
Jan von Leyden empor, in der Linken das wehende Banner,
Und in der Rechten das Schwert: sieghaft durch's blutige Feld hin
Stürmend, bestaunt, mit Begeist'rung umjauchzt von den Wiedergetauften:
Denn wo er nahte, der Jüngling mit leuchtenden Zügen, inmitten
Drängender Schaaren, da pochten die Herzen, und Siegesgewißheit
Wehte wie Palmenhauch durch die brennende Schwüle des Kampfes.

Schauerlich-wonnig erfaßt, wie der Taumel der Lieb', auch der Kampflust
Taumel ein männliches Herz: und so stürmte mit klopfender Brust nun
Jan dahin: sein Streben und Hoffen und Sehnen und Trachten,
Alles was je durchflammt ihm die träumende, feurige Seele,
Fühlt er so ganz nun ergossen in seines geschwungenen Armes
Männliche Kraft, die im Streit sich erprobt, daß er feurig-bedachtlos
Hin wie zum Brautfest eilt. Da plötzlich erblickt er den tapfern
Wilcke von Stedinck, den einz'gen der Feldhauptleute des Bischofs,
Der in den vordersten Reih'n noch kämpft auf beflügeltem Renner.
Und so gewaltig erfaßt vor Jenem den feurigen Jüngling
Stürmische Glut, daß er stürmt wie berauscht in die feindlichen Reihen,
Um zu bestehen den Führer des Feinds im Kampf der Entscheidung.

Und schon sprengte heran der herkulische Wilcke von Stedinck,
Tummelnd das schnaubende Roß, und mit ragender Lanze den Jüngling
Faßt' er ins Aug': der aber vermied anrennend den Speerstoß,
Feurig-behend, mit dem Schwunge des jugendlich-schmiegsamen Leibes,
Und dann ließ er so kräftig den Stahl auf den ehernen Gegner
Wettern, der erst schwerfällig das Schlachtschwert gegen ihn aufhob,
Daß er ihm spaltet das Erz des Visiers hart unter den Brauen,
Und ihm umnachtet für immer das eine der Augen. Doch ringsum
Wogen die Landsknechthaufen heran, und es starren die Piken
Mörderisch-dräuend um Jan; auch hebt, nicht achtend der Wunde,
Wilcke von Neuem das Schwert, um, schnaubend nach Rache, dem kühnen
Gegner zu spalten das Haupt: aufschreien die Anabaptisten
Angstvoll: siehe, da plötzlich kommt der gewaltige Hammer
Tylans geflogen in sausendem Schwung, und es bäumt sich der Streithengst
Wilckes empor, schmerzwiehernd: ihm klafft die zertrümmerte Stirnwand,
Und vom stürzenden Roß in den Sand tief gleitet der Reiter.
Und nun nah'n sich, ermuthigt, mit Jauchzen die Anabaptisten,
Stürmend: es weichen die Söldner, aus feindlichen Händen nur mühsam
Rettend den Feldhauptmann, den betäubten, mit blutigem Antlitz.

Schreck und Verwirrung trug in die Reihen der feindlichen Söldner,
Die schon lange geschwankt und das Schlachtfeld schauten von tausend
Leichen der Ihren beblutet, die Kunde vom Sturze des tapfern
Feldhauptmanns, und nun wandten sie unaufhaltsam in Schaaren
Sich zur Flucht. Gen Telgte zurück, wo die Zelte des Bischofs
Standen, enteilten, mit Mühe sich sammelnd, die Fähnlein des Fußvolks,
Und auf den Rossen, besudelt von Staub und Blute, die müden
Reitergeschwader. Dazwischen auch rasselte über den Sandgrund
Vielfach gehemmt, was nicht von dem reisigen Zeug die beritt'nen
Anabaptisten erbeutet zuletzt noch in grimmer Verfolgung.
Und siegtrunken erschallt das Gejauchze der Wiedergetauften,
Als so geräumt sie das Blachfeld schau'n. Nun werfen die Schaaren
All' auf die Kniee sich hin, und unter dem leuchtenden, siegreich
Wehenden Banner erschallt zehntausendzüngig der hehre,
Feierlich-ernste Choral der sionischen Wiedergetauften,
Welcher erklungen zuerst in den waldigen Gründen der Davert.

Und der umjubelte Führer, der Jüngling von Leyden, er führt nun
Freudig die Schaaren der Sieger zurück durch die Thore von Münster.
Schmunzelnd zur Seit' ihm reitet der mächtige Knipperdolling,
Divara auch, sich drängend zu Jan, und in stolzer Gefallsucht
Tummelnd den Renner vor ihm, und der wilde, der riesige Tylan;
Krechting auch, der Verschmitzte, der schweigsam-düstere Rottmann,
Ziehen gesellt. Hell tönten die Pfeifen, die Zinken, die Trommeln,
Und wenn diese verstummten, erklang in den wogenden Reihen
Psalmengesang, lobsingend der Herrlichkeit Sions. Entgegen
Wallten den Siegern die Schaaren der Greise, der Kinder und Frauen,
Blumen zu streuen, und als die begeisterten Töchter von Sion
Schauten den herrlichen Jan, an der Spitze der Wiedergetauften,
Noch in der Rechten das Schwert, in der Linken das wehende Banner,
Hoch auf dem schimmernden Roß – da warfen sie sich wie Verzückte
Ihm in den Weg und leerten die sämmtlichen Körbe der Blumen
Jubelnd über ihn aus und behängten mit duftigen Kränzen
Ihn und den schnaubenden Renner . . .
                                                            Da plötzlich sprang aus des Volkes
Ringsher schwärmenden Schaaren hervor der verrückte, der greise
Dusentschur, und hinein in den freudigen Jubel des Zuges
Rief er: » Dem Könige Heil, dem stralenden König von Sion!«

Staunen erfaßte das Volk ringsher: es hatten den Stummen
Alle zu Münster gekannt – nun hatt' er die Sprache gewonnen,
Wie es voraus war verkündet. Da richtete jeglicher Augstern
Sich auf Jan; erst Stille noch herrscht – dann läuft ein Erbeben
Fieberisch hin durch's Volk. Dann ist's, als rausche der Fittig
Neuen Geschicks hin über die Häupter der Männer, und jauchzend
Springt vom Munde des Stummen das Wort aus jegliche Lippe:
Und durch Münster erschallt's, von einem zum anderen Ende:
»Heil dem Könige, Heil dem stralenden König von Sion!« –

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