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Der König von Rothenburg

Paul Schreckenbach: Der König von Rothenburg - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Schreckenbach
titleDer König von Rothenburg
publisherStaackmann
year1930
firstpub1930
senderwww.gaga.net
created20050712
projectid19fef3f3
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VII.

Es kam ein Gerücht auf in Rothenburg und flog mit Windeseile durch's ganze Tauberland. Überall ward darüber diskutiert, in allen Trinkstuben und in allen Gassen, und wo zwei Bürger zusammen saßen oder standen, mochte man sicher sein, sie redeten zusammen über nichts anderes.

Dieses Gerücht lautete: Der Heinz Topler will, daß die Handwerker mit in den Rat kommen.

Das Wort fuhr in die Seelen hinein, wie ein zündender Blitzstrahl, bei den einen wilden Groll, bei den anderen heiße Freude entfachend. Ward es zur Wahrheit, dann brach eine neue Zeit an für Rothenburg. Denn was in vielen Reichsstädten längst erreicht war, die Teilnahme der Bürgerschaft am Regiment und an der Verwaltung, das gab's noch nicht in der mächtigen Tauberstadt. Die Geschlechter herrschten da ganz und gar, etwa hundert und zwanzig Familien, die von alters her ein adlig Wappen führten und im Ritterharnisch und hoch zu Roß zu Felde zogen. Wer diesen Geschlechtern durch die Geburt angehörte, der war ratsfähig, und wenn er zu seinen Jahren kam und ein Haus gründete, dann konnte er in den äußeren Rat kommen. Wem es gelang, eine reiche Erbtochter aus ihren Reihen heimzuführen, den durfte der innere Rat der Zwölfe in die Zahl der Ratsfähigen aufnehmen. Er durfte aber dann nicht Handel und Gewerbe treiben und noch viel weniger ein ehrsames Handwerk. Das erachteten die Geschlechter für unwürdig eines Ehrbaren; ein solcher durfte nur von den Erträgnissen seiner Güter und Weinberge leben und von den Zinsen der Kapitalien, die er auslieh. Aber eine solche Aufnahme unter die Zahl der Stadtherren geschah sehr selten.

Somit war nicht nur das kleine, niedere Volk, sondern auch die wohlhabende Kaufmannschaft und das gesamte, gerade hier so blühende Handwerk von jeder Teilnahme am Regimente ausgeschlossen. Die Bürger von der Gemeine, wie man sie im Gegensatz zu den Ehrbaren nannte, trugen alle Lasten und Pflichten mit auf ihren Schultern, aber zu sagen hatten sie gar nichts. Der innere Rat mußte zwar alljährlich Rechenschaft ablegen von seinem Tun und Treiben, aber nicht ihnen legte er sie ab, sondern dem äußeren Rate. So blieben die regierenden Herren immer hübsch unter sich. Nur in den Fällen der dringendsten Not und der alleräußersten Gefahr rief der innere Rat einmal die ganze Gemeinde zusammen, um ihren Rat und Willen zu hören. Es stand aber auch dann noch ganz in seiner Hand, ob er diesem Rate und Willen auch wirklich nachleben wollte. Denn niemand konnte ihn dazu zwingen. Überdies war solch eine Zusammenrufung noch seltener wie eine Ratsaufnahme, denn man durfte um Gottes willen dem gemeinen Manne nicht gewähren, in Dinge dreinzureden, über die nur den Ehrbaren Urteil und Entscheidung zustand.

Schon vor einem Menschenalter hatte dieses Wesen viele gewurmt in der Bürgerschaft, und es hatte damals mancherlei Rumor, Widersetzlichkeit und Aufruhr in der Stadt deshalb gegeben. Je mehr aber Heinrich Toplers Stern in die Höhe gestiegen war, um so stiller war's geworden unter den Bürgern von der Gemeine. Nicht die Ehrbaren regierten ja jetzt in Rothenburg, der eine Mann hielt das Regiment in der Hand, und er herrschte mit furchtloser und furchtbarer Gerechtigkeit. Er kannte nur ein Ziel, das Wohl der Stadt, wer dawider frevelte, verfiel dem grausamen Gesetz, mochte er ein Ehrbarer sein oder ein Gemeiner. Als er im großen Städtekriege aller Reichsstädte oberster Feldhauptmann gewesen war, hatte er einen edelgeborenen Verräter blenden, einen andern enthaupten lassen. Auch im Frieden hielt er jederzeit strenge auf's Recht, duldete nirgends einen Übergriff, hatte sogar die Juden in Schutz genommen, als Anno dreizehnhundertunddreiundneunzig die Franziskanerpfäfflein wieder einmal gegen sie predigten und ihre Plünderung und Vertreibung zur höheren Ehre Gottes empfahlen. Damals war er allein ins Kloster geschritten, hatte die Mönche zu einem Konvent versammeln lassen und sie angeredet: »Ich höre mit sonderbarem Unwillen, ehrwürdige Patres, daß ihr wider die Juden eifert, so in unserer Stadt leben. Diese sind nützliche Leute, bringen viel Geld zu uns. Es ist mein Wille nicht, daß man sie verfolge und vergewaltige, wie es gestern versucht ist an Esther, des alten Manasse Tochter und nur verhindert ward, weil der ehrbare Peter Kesselweiß dazwischensprang. Die Schelme liegen im Turme, die sich dessen unterstanden und werden schwere Buße zahlen, die von rechts wegen die zahlen müßten, die sie zur Schandtat aufgehetzt. So lasset das Fluchen und Zetern sein, ehrwürdige Patres, denn ich leide keinen Tumult in Rothenburg. Warum auch die armen Leute quälen und torquieren? Weil sie Geld ausleihen auf Pfand und Handschrift? Tun wir nicht auch also, obwohl wir verstehen, der Sach' ein buntes Mäntlein umzuhängen? Und zwingen wir sie nicht dazu, sintemalen wir ihnen jede ehrbare Hantierung verbieten? Oder sollen wir sie schlagen, weil ihre Väter den Heiland gekreuziget haben? Ach, unter uns kreuzigen ihn täglich viele durch ihr sündhaft und lästerlich Leben! Lasset sie gehen, sag' ich, es ist schon genug Strafe von Gott, als Jüd geboren zu sein. Sollt aber einer weiterhin hetzen und schüren – – bei Gottes Wunden und Sankt Jakobi Blut! so laß ich ihn in seiner Kutten über die Stadtmauer hängen, bis daß er blau wird. Dies mein Wille und ernst Gebot. Gehabt euch wohl!«

Damit war's zu Ende mit der Judenhetze in Rothenburg. denn der Heinz Topler hielt sein Wort, das wußte jeder. Und der Abt blieb trotzdem sein Freund, wozu er gewichtige Ursache hatte. Denn unter seinem Schutz waren Sankt Franzisci Güter und Liegenschaften so sicher, wie sie vordem nimmer gewesen, und so riesige Spenden, wie aus dem Hause zum güldenen Greifen, flossen aus keinem anderen Hause der Stadt in den Säckel des Klosters.

Unter einem solchen Herrn fand jeder Recht, und keiner brauchte ein Unrecht zu erleiden. Aber die Klügeren unter den gemeinen Bürgern erwogen doch oftmals beim Becher, was dann werden sollte, wenn Heinrich Topler stürbe, oder es dem Hasse seiner Feinde gelänge, ihn zu Fall zu bringen. Dann könnte es geschehen, meinten sie, daß es drunter und drüber ginge in Rothenburg, weil man dann die alleinige Herrschaft der Geschlechter nimmer dulden würde. Stieg doch die Erbitterung gegen sie mit jedem Tage höher, nicht weil sie Frevel und Gewalttat verübten – das vermochten sie nicht – sondern weil sie sich von der Bürgerschaft hochmütig absonderten und die Berührung mit den gemeinen Leuten vermieden, als wären diese unrein und sie selbst aus anderem, feinerem Stoffe gemacht. Zur Schau getragene Hoffart reizt ja zumeist die Gemüter der Menschen mehr, als selbst ein erlittenes Unrecht.

Nun hörte man, der Bürgermeister wolle die Gemeinen in den Rat bringen. Noch war's nur ein Gerücht, es wußte eigentlich niemand, wie es aufgekommen. Hatte er selbst es geäußert? War es nur eine Ausstreuung seiner Feinde, die den Groll der Geschlechter schüren wollten, damit diese ihm um so aufsässiger wurden? Niemand vermochte etwas Genaues zu erfahren. Denn Heinrich Topler schwieg darüber und sprach sich in keiner Weise aus. Wer ihn fragte, erhielt eine kurze, abweisende Antwort. Aber das Gerücht erhielt sich trotz alledem.

So kam im April das heilige Osterfest heran. Das war für Rothenburg von alters her ein Tag reicher Ernte, weil sich da große Pilgermengen einzufinden pflegten, um vor dem Altare des heiligen Blutes zu beten. Ein solcher Zustrom aber wie in diesem Jahre, war noch niemals dagewesen. Große Züge von Wallfahrern zogen durch die Tore der Stadt, singend und betend, mit vorausgetragenen Fahnen und Kruzifixen, mit Flöten und Posaunen. Und eine gewaltige Summe Geldes floß dadurch den Bürgern zu, denn das fromme und heilige Wesen hörte bei den meisten Pilgern auf, wenn sie ihre Andacht verrichtet, die vorgeschriebenen Gebete abgeleistet hatten. Dann ging's ans Essen und Trinken und andere Lustbarkeiten, und die Bürger konnten ihren Wein für gutes Geld loswerden, wo man doch schon gefürchtet hatte, man werde ihn unterm Preise verkaufen müssen, da die letzten Weinjahre allzu gut waren.

So bewährten die Ablässe, die Heinrich Topler seiner Stadt verschafft hatte, zum ersten Male ihre Zugkraft, auch der Dümmste mußte einsehen, wie klug und zum Vorteile Rothenburgs sein Bürgermeister gehandelt. Drum war wieder einmal sein Name in aller Munde, selbst viele unter den Ehrbaren, die sonst seinen Gegnern zuneigten, priesen seine weise Umsicht und dachten freundlicher von ihm, ja manche bekehrten sich und gingen zu seiner Partei über.

Denen, die ihn haßten und auf seinen baldigen Sturz hinarbeiteten, war das natürlich sehr unlieb, und sie suchten seine Verdienste nach Möglichkeit zu verkleinern. »Sehet,« sagte der Ratsherr Peter Creglinger in der Trinkstube zum roten Ochsen höhnisch zu seinen Parteigängern, die um ihn herumsaßen, »sehet, der Topler ist hier, was er immer war, ein ganz schlauer Fuchs. Und unsere Bürger zeigen sich so, wie sie sich immer gezeigt haben: als einfältige Gimpel, die dem Vogelsteller auf die Leimrute fliegen. Was mag ihm der Handel in Rom gekostet haben? Sagen wir drei-, auch viertausend Gulden, und mögen's vier- oder fünftausend gewesen sein. Nun hat er vierzehn Häuser hier in der Stadt, auf sechsen ruht die Schankgerechtigkeit. Setzen wir, er habe in den itzigen Tagen um hundert und mehr Gulden Wein verkauft. Dann kommt das Pfingstfest, der Tag Sankt Jakobi und noch mehrere andere, da es nicht leerer sein wird in unserer Stadt. Ein schöner Zins, ihr Herren, den er einstreicht! Nicht wahr?«

Die Ehrbaren blickten einander verdutzt an und lachten. Von der Seite hatten sie die Sache noch gar nicht angesehen. »Ist ein Teufelskerl, der Topler!« rief Hans Fürbringer in unwillkürlicher Bewunderung aus, obwohl er dem Bürgermeister spinnefeind war.

»Nein, ein Teufelskerl ist unser Creglinger, daß er alle solche feinen Praktiken durch sein kluges Hirn ans Tageslicht bringt!« schrie der vierschrötige Hans Offner und schwenkte seinen Krug. »Heil dir, Gevatter, ich trink's zu deinem Wohle.«

Creglinger tat ihm Bescheid und blickte stolz im Kreise umher, wie ein Hahn, der das größte Korn dem Miste entscharrt hat.

»Man breite das Wort Creglingers recht fleißig aus,« näselte der lange Fürbringer mit seiner hohen Fistelstimme. »Es ist Goldes wert und wird dazu verhelfen, daß dem gemeinen Volke die Augen aufgetan werden über seinen Götzen.«

Als Heinrich Topler erfuhr, was seine Feinde über ihn aussprengten, lachte er kräftig und sagte zu seinem Sohne: »Da siehst du, wie das Gewürm sich müht, die Wurzeln meiner Kraft abzunagen. Dabei haben sie ganz recht, der Stadt gemeiner Vorteil ist auch der meine.«

»Sie werden doch den einen oder den andern abwendig machen von dir,« meinte Jakob besorgt.

»In Gottes Namen. Ich habe gewählt. Von nun an stütze ich mich ganz auf die Gemeinen, und du, mein Sohn, gehst nachher zu den verschiedenen Meistern der Zünfte und ladest sie auf Glock sieben in unser Haus. Mit ihnen will ich reden.«

»Ohne Wissen und Willen des Rates, Vater?« fragte Jakob, über diese Kühnheit doch einigermaßen erstaunt.

»Ohne desselben Wissen und Willen,« gab der Bürgermeister ruhig zur Antwort.

Am anderen Morgen flog die Kunde von Haus zu Haus durch die ganze Stadt, daß der Topler die Zunftmeister bei sich gehabt habe zu einer vertraulichen Beredung. Solche Versammlungen waren streng verboten, soweit sie nicht mit Genehmigung des ehrbaren Rates stattfanden, auch mußten auf jeden Fall mehrere Ratsmitglieder hinzugezogen werden, damit keine Festsetzung stattfinden könne wider der Stadt Recht und Gewohnheit.

Ohne Frage war auch der regierende Bürgermeister an dieses Verbot gebunden, denn die Statuten und Willküren Rothenburgs machten darin keiner Person gegenüber eine Ausnahme. So hatte sich denn Heinrich Topler mit der eigenmächtigen Zusammenrufung der Meister außerhalb des Gesetzes gestellt. Es war klar, daß er nun weitergehen wollte und mußte.

Bei seinen Feinden erregte diese Nachricht den größten Ingrimm und die höchste Erbitterung.

»Wäre ich nicht siech und krank,« knirschte Walter Seehöfer, als ihm die Kunde von seinen Getreuen zugetragen wurde, »weiß Gott, ich ließe die Ratsglocke läuten und die Ehrbaren zusammenrufen und den Topler festnehmen und richten als einen Verräter an der Stadt. Tut Ihr's, Creglinger, ich bitt' Euch!«

»Den Teufel will ich tun!« erwiderte der und kraute sich in seinem dünnen roten Haarschopfe.

»Was meint Ihr? Seid Ihr von Sinnen? In einer Stunde hätten sein Sohn und sein Eidam die ganze Stadt bewegt, und die Rebellen ständen in Wehr und Waffen vor dem Rathause, um ihren Heiligen zu befreien.«

»So hebt das ganze Nest aus! Es ist ein gemein Sprichwort im Lande: Das Kalb muß folgen der Kuh,« ächzte Seehöfer, »Hans Offner, Gevatter, tue mir die Lieb' und sei ein Mann!«

»Hab' Weib und Kind daheim, werter Gevatter. Auch juckt mich nicht der Hals,« antwortete der.

»Memmen seid Ihr allesamt, alte Weiber, Schlafkappen!« schimpfte Seehöfer und suchte sich aufzurichten, fiel aber gleich wieder stöhnend zurück.

»Gehabt Euch wohl, Seehöfer, und pflegt Euern Leib, daß Ihr in Bälde gesundet!« sagte Creglinger. »Es lässet sich itzo nichts tun, er hat das Spiel in den Händen. Aber der Tag kommt noch, da wir ihn fassen. Dann soll er die Suppe fressen, die er uns eingebrockt.«

So dachten Heinz Toplers Feinde unter den Ehrbaren. Aber auch seine Getreuen wurden zum Teil stutzig. Nur Peter Northeimer und Kaspar Wernitzer blickten weit und sahen scharf genug, um zu begreifen, daß ein Teilnehmen der gemeinen Bürger am Regimente der Stadt bei dem wachsenden Reichtume der nicht edelgeborenen Kaufleute und Handwerker auf die Dauer nicht zu verhindern war. Die anderen zuckten die Achseln und machten bedenkliche Mienen. Manchem war schon der Gedanke peinlich, mit jemandem teilen zu sollen, was man bisher ganz allein besessen. Andere meinten, die Aufnahme von Metzgern oder Sattlern oder Schmieden in den Rat werde die Quelle zahlloser Störungen und Unruhen werden, denn derartige Leute würden dann, vom Hochmutsteufel besessen, ihre Nase in alles stecken, auch in das, wovon sie nichts verständen. Ja, es gab sogar solche, die kurzab erklärten, es sei Gottesordnung, daß sie selbst herrschten, das niedere Volk die Lasten trüge und das Maul hielte.

Unter den letztgenannten waren drei, die sonst zu den besten der Stadt gehörten, der alte Konrad Bermeter, der noch ältere Peter Kesselweiß und der gleichfalls hochbejahrte Ulrich Berlein. Die drei bildeten ein Kleeblatt, das fest und treu zusammenhielt und jede Woche zweimal zusammenkam, um bei einem guten Becher Roten das Wohl der Stadt und sonstige Geschehnisse in feierlich ernster Rede zu beraten. Ihres ehrwürdigen Aussehens wegen wurden die drei weißbärtigen Greise scherzweise die Heiligen drei Könige genannt. Sie pflegten sonst mit Heinrich Topler durch dick und dünn zu gehen und gehörten zu den festen Stützen seiner Partei, aber über das, was sie jetzt von ihm vernahmen, schüttelten sie die schneeigen Häupter. Neuerungen waren ihnen überhaupt nicht lieb, und solch eine durchgreifende Neuerung dünkte sie hochgefährlich. Zum ersten Male begriffen sie den Bürgermeister nicht, und bekümmert und sorgenvoll saßen sie beieinander und wußten nicht recht, was sie sagen sollten. Die Kunde erschien ihnen gar zu ungeheuerlich.

Endlich sprach der alte Bermeter mit der Bedächtigkeit und Gemessenheit, die ihn von jeher ausgezeichnet hatte: »Liebe Gesellen, ich acht', wir streiten um des Kaisers Bart. Weiß denn jemand, was der Heinz Topler will?«

»Er sagt's auch keinem und die Zunftmeister auch nicht. Ich meine, er hat ihnen ein Gelöbnis abgenommen!« rief der lebhafte Kesselweiß dazwischen.

»Uns wird er's sagen, wenn wir ihn fragen,« fuhr Bermeter fort. »Wir sind dreißig Jahre seine Freunde gewesen, und er hat manchen guten Rat von uns genommen, da er noch jung war. So wollen wir uns denn an ihn selbst wenden. Morgen am Sonntag, wenn das Hochamt aus ist, wollen wir ihm folgen in sein Haus, und er wird uns die Antwort nicht weigern.«

So geschah's. Am anderen Vormittage wanderten die Heiligen drei Könige in ihren Festgewändern einträchtiglich zur Jakobikirche hin. Denn dort wurde bereits der Gottesdienst abgehalten, das Innere des riesigen Baues war fertig, während man draußen an den Türmen, Pfeilern und Verzierungen noch jahrelang zu arbeiten hatte.

Nachdem das letzte Amen verklungen war, folgten die drei dem Bürgermeister nach seinem Hause. Sie taten das nicht allein, sondern eine ganze Menge von Bürgern gab ihm das Geleit, um ihm zu zeigen, wie sie ihn ehrten.

Berlein zog die Augenbrauen hoch. »Da sehet, liebe Gesellen, wie sie dem Heinz tun,« flüsterte er. »Wie ein Fürst zieht er dahin, dem seine Hofleute nachlaufen. Er muß ja hoffärtig werden in seinem Gemüte.«

»Der Heinz Topler nimmer!« versetzte der alte Bermeter kurz. »Der hat einen zu klaren Kopf, der Weihrauch umnebelt ihn nicht.«

Die Greise warteten an der Ecke, bis sich das Volk verlaufen hatte. Dann schritten sie eilend nach dem Hause zum güldenen Greifen und betraten des Bürgermeisters Gemach, eben als er sich ermüdet in seinen Sorgenstuhl geworfen hatte. Aber er stand sogleich auf und begrüßte die drei in seiner gewinnenden Weise.

»Was steht zu Euern Diensten, liebe Freunde und Gevattern? Was führt Euch zu mir? Ich bitt' Euch, nehmt Platz!«

»Lieber Heinz,« sagte Bermeter, indem er sich würdevoll niederließ. »Wir sind gekommen, dich um etwas zu befragen und meinen, uns wirst du Rede stehen und die Frage nicht verübeln.«

»So sprich, Gevatter Bermeter. Dir und Euch beiden weigere ich keinen Bescheid!«

»Es gehet ein Geschrei in der Stadt, Heinz, du wolltest den alten Rat stürzen und die Bürger von der Gemeine zu Ratsherren machen.«

Topler stand auf, schritt nach der Tür und verriegelte sie. Dann trat er vor die drei sitzenden Alten hin und begann: »Wenn ich Euch jetzt Rede und Antwort stehe, so fordere ich, daß alles unter uns bleibet und nicht ein Wörtlein hinausgetragen wird. Auf Euern Eid!?«

»Auf unseren Eid!« murmelten die drei.

»So wisset, lieben Freunde: Saget jemand, der Topler wolle den alten Rat stürzen, so lügt er. Ich will nur, daß die Bürger von den Gemeinen sollen die Hälfte bilden vom äußeren Rat, auf daß die der Stadt Lasten tragen, auch Teil haben am Regiment.«

Nach diesen Worten schienen Bermeter und Kesselweiß erleichtert aufzuatmen. Ulrich Berlein dagegen lief rot an, erhob sich, die Hand auf die Lehne stützend, halb von seinem Sitze und rief: »Und warum willst du das, Heinz? Was soll das? Haben die Ehrbaren nicht allezeit in Treue auf der Stadt Ehre und Bestes gesehn? Warum willst du die Leute erhöhen, die nach Recht und Herkommen uns zu Dienst verpflichtet sind?«

»Warum? Blick auf andere Städte hin, sieh Köln an, Ulm, Soest, und wie sie alle heißen. Da sind die Zünfte im Rat, aber wie sind sie hineingekommen? Durch Streit und Aufruhr, mit Mord, Totschlag und aller Gewalttat. An manchen Orten haben sie den alten Rat abgeschafft, die Geschlechter ins Elend gebracht, und ein neuer Rat ist geworden. So wird's auch werden in Rothenburg, wenn ich nimmer bin. Drum will ich, weil ich bin, der Stadt eine Ordnung geben, bei der Friede sein kann zwischen den Ehrbaren und denen von der Gemeine. Sie sollen nicht herrschen in der Stadt, die Zünfte und Gilden, dazu haben sie kein Recht. Sie haben auch dazu keine Zeit, sie können nimmer in den Rat, denn ein Ratsherr soll der Stadt dienen ohne Ermüden, ohne Lohn Tag und Nacht. Das kann kein Meister vom Handwerk, der hat das Seine wohl wahrzunehmen. Aber das ist ihr Recht, daß sie wissen und mitreden, wie der Stadt Säckel verwaltet wird, und daß sie die Männer mit küren helfen, denen sie Leib und Leben in die Hand befehlen. Und dies Recht soll ihnen werden, daß sie sich's nicht brauchen zu nehmen mit gewaffneter Hand und der Stadt ein großer Schade geschieht.«

Es ward nach diesen Worten stille. Dann schlug sich der alte Kesselweiß auf's Knie und rief: »Nit übel gedacht! Etwas geben, auf daß man nicht alles verliert! Und dahin könnt's kommen, da hast du recht. Mich däucht, Heinz, du bist wieder einmal der Klügste unter uns vieren!«

Bermeter nickte Beifall, aber Ulrich Berlein stand auf, noch röter im Gesicht als vorher und mit steifem Nacken. »Und wann, Heinz Topler, willst du das vor Rat und Gemeine bringen?«

«Nicht eher als über Jahr und Tag!«

Erstaunt blickten ihn alle an. »Und warum hast du dann jetzt schon die Meister aufgeregt?« rief Berlein.

»Ich hatte meine Ursache.«

»Welcher Gestalt?«

»Es kommen schwere Zeitläufte, Gevatter. Da däuchte mir's gut, den Meistern den Stachel aus dem Gemüte zu nehmen.«

»Nein, Heinz Topler,« versetzte Berlein und trat vor ihn hin, »das ist nicht so. Ich, der dein Vater sein könnte den Jahren nach, sage, es ist nicht so. Ich will dir die wahre Ursache künden. Du meinest, die Ehrbaren könnten dir deine Ämter nehmen, und darum gewinnst du die Bürger für dich, auf daß dich der Rat aus Furcht und Angst muß küren, er mag wollen oder nicht!«

»Darin redest du recht, Ohm Berlein,« erwiderte Topler mit der größten Gelassenheit. »Du weißt, was nächstens heranzieht wider Rothenburg, du weißt es so gut wie ich. 0b wir uns zu Ruprecht halten oder unserem alten König, das ist ganz gleich. Der Burggraf will die Fehde, so wird sie statthaben. Und da muß ich Bürgermeister und Feldhauptmann sein, und ich werd's.«

»Auch wenn der Rat dich nimmer will?«

»Auch dann!«

»Und zum Henker!« rief Kesselweiß aufspringend, »da hast du recht! Im Sturm gehört ans Steuer, wer's Steuern versteht!« und Bermeter nickte wiederum Beifall.

»Nein!« schrie Berlein mit heller Stimme. »Er hat nicht recht. In Rothenburg gebietet der ehrbare Rat und kein einzelner Mann. Heinz Topler, du maßest dir ein Dominat an! Du willst kein Bürger mehr sein in Rothenburg, ein Fürst willst du sein! Bin ich dir seither gefolgt, hier folg' ich dir nicht mehr. Ein böses Ende seh' ich kommen, Heinz Topler! Gehab dich wohl, gehab dich wohl!«

Damit eilte er, so schnell er konnte, zur Tür hinaus.

»Wir bringen ihn zurück, Heinz,« rief Kesselweiß und zog auch Bermeter so rasch wie möglich an der Hand hinter sich drein, um den Flüchtling einzufangen.

Aber sie vermochten ihren alten Kumpan nicht mehr zu erreichen, und als sie vor sein Haus kamen, war die Tür zugeschlagen.

So warf der große Stadtkrieg, der entbrennen mußte, einen Schatten auf das friedliche Dreiblatt vorauf, und zum ersten Male, seit sie sich kannten, waren die Heiligen drei Könige in hellem Zorne voneinander geschieden.

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