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Der König von Rothenburg

Paul Schreckenbach: Der König von Rothenburg - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Schreckenbach
titleDer König von Rothenburg
publisherStaackmann
year1930
firstpub1930
senderwww.gaga.net
created20050712
projectid19fef3f3
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VI.

In der Herrengasse zu Rothenburg, schräg gegenüber vom Rathause, stand das Haus, das der reiche Geschlechterherr Walter Seehöfer bewohnte. Führte Toplers Haus einen güldnen Greifen als Zeichen über der Tür, so bildete das Wappen des Seehöferschen ein roter Lindwurm in weißem Felde.

Die beiden so nahe verwandten Fabeltiere hatten sich seit einem Menschenalter weidlich gezaust und angefeindet, aber in den letzten Monden munkelte man in der ganzen Stadt, es werde bald guter Friede werden zwischen ihnen. Es hieß, wenn der Jakob Topler, der Bürgermeisterssohn, von Prag werde zurückkehren, so werde er die schwarze Armgard freien, des Seehöfers vierundzwanzigjährige Tochter und einziges Kind, der bis daher noch keiner gut genug gewesen.

Die Einsichtigen unter den Bürgern freuten sich, daß auf diese Weise Friede werden solle zwischen zwei verfeindeten Männern, deren einer das anerkannte Haupt der Stadt war, während der andere als der Zweitreichste galt und großen Einfluß besaß. Die aber dem Heinrich Topler feind waren, wußten sich vor Ärger kaum zu lassen. War doch eben der Seehöfer der gewesen, den sie zum Bürgermeister hatten küren wollen an Toplers statt. Die Gegnerschaft der beiden hatten sie so sicher in ihre Rechnung eingestellt, daß ihnen ein Zweifel gar nicht gekommen war. Nun ging ihr Erkorener selbst in das feindliche Lager über und mußte der Toplerpartei unter den Ehrbaren zum Übergewicht verhelfen. Wenigstens schien es so, denn ob das Gerücht auf Wahrheit beruhe, wußte niemand zu ergründen. Der zähe, ledergelbe Greis in der Herrengasse verstand es meisterlich, etwaige fürwitzige Frager durch spitzige Redensarten zu verwirren und zu verblüffen, und an den Bürgermeister wagte sich überhaupt niemand mit einer Frage heran.

Trotzdem erhielt sich das Gerücht mit großer Hartnäckigkeit, und es erfuhr eine gewisse Bestätigung dadurch, daß der Seehöfer seinem bisherigen Feinde im Rate nicht mehr widersprach und die Trinkstube nicht mehr besuchte, in der sich die Feinde des bestehenden Regimentes zu versammeln pflegten.

Was aber sollte den Alten bewogen haben, den Groll, den er Jahrzehnte hindurch in der Brust getragen, nun plötzlich fahren zu lassen? Darüber zerbrachen sich die klügsten Männer vergebens die Köpfe. Die Toplers waren ja reich, so unermeßlich reich, daß jedes, auch des Seehöfers Vermögen, daneben wenig bedeutend erschien, und der alte Ratsherr war geizig, sehr geizig. Aber am Ende hatte er doch nichts von den Goldgulden, die seiner Tochter durch ihre Heirat zufließen mußten. Gott oder der Teufel mochte wissen, was ihn zur Umkehr getrieben, denn ohne Ehrgeiz war er auch nicht, und man hatte angenommen, er giere heimlich nach der ersten Stelle in der Stadt.

Wie sie aber auch nachsannen, die guten Bürger und ihre Ehehälften, die Lösung des Rätsels fand keiner. Um so begieriger waren sie nun nach Jakob Toplers Heimkehr, zu sehen, wie sich die Dinge entwickeln würden. Aber es entwickelte sich zunächst gar nichts. Der Bürgermeisterssohn stürzte nicht etwa gleich am andern Tage nach des Seehöfers Hause hin, er schien sogar dessen Schwelle geflissentlich zu meiden, denn man sah ihn überhaupt nicht in der Herrengasse auftauchen. Und da das Tag für Tag so blieb, so neigten sich schließlich die Leute der Meinung zu, es sei wohl doch an der Sache nichts gewesen.

Aber eines Tages erschien Jakob Topler dennoch.

Es war schon die Dämmerung hereingebrochen, und Armgard Seehofer hatte zu spinnen aufgehört. Sie war ans Fenster getreten und die Arme über dem Kopfe verschränkend, blickte sie auf die Straße hinaus. Eine Schönheit war sie just nicht, das große, starkgebaute Mädchen, aber ihre Züge waren regelmäßig und nicht unfein, und das üppige blauschwarze Haar, das ihr den Beinamen der schwarzen Armgard eingetragen, gab zu dem blassen Antlitz eine eigenartige Umrahmung. Etwas ganz Besonderes waren ihre breiten dunkeln Brauen, die in der Mitte fast wie zusammengewachsen erschienen. Wer solche Brauen habe, hatte sie einmal flüstern hören, der sei vom Schicksal zu einem leidvollen Leben bestimmt. Ach, sie hatte schon oftmals denken müssen, der Mund jener alten Base habe die Wahrheit gesprochen, denn seit dem frühen Tode ihrer Mutter hatte sie wenig Freude gehabt im Leben. Ihr Vater, der außer seinem Gelde nur noch seine Tochter auf Erden liebte, hatte ihr zwar von jeher jeden Wunsch erfüllt, und sie war von ihrem siebzehnten Jahre an die Leiterin und Herrin des Hauses gewesen. Aber es war ein trübseliges Leben neben dem stark alternden Manne, der mit jedem Jahre mürrischer ward und nur seine eigenen und des Rats Geschäfte im Kopfe hatte. Freundinnen hatte sie nie besessen, denn was die anderen Mädchen schwatzten, und was ihnen das Herz erfüllte, das erschien ihr alles so fremd und gleichgültig, daß sie am liebsten gar nichts davon hörte.

Auch in der Liebe schien ihr kein günstiger Stern aufzugehen. Die patzigen reichen Geschlechtersöhne, die es auf des Seehöfers Geld abgesehen hatten, wußte sie kühl abzufertigen, daß selten einer zum zweiten Male anklopfte. Ihre Neigung war auf einen gefallen, dem sie nach menschlichem Ermessen nie angehören durfte, denn sein Vater und ihr Vater waren Feinde, so lange sie denken konnte.

Schon zu der Zeit, als sie bei den frommen Schwestern im Frauenkloster die Gebete und die schwere Kunst des Lesens und Schreibens erlernte, war ihr der stattliche Bürgermeisterssohn, der um vier Jahre älter war als sie, als das Urbild männlicher Schönheit erschienen. Diese Kinderliebe war in ihrem Herzen fest sitzen geblieben, denn sie kam ja überhaupt schwer wieder los von dem, was sie einmal ergriffen hatte, und dann hatte sich Jakob Topler in der Tat zum ansehnlichsten Jünglinge der Stadt entwickelt. Wenn bei einer festlichen Gelegenheit die Reihe an sie kam, mit ihm zum Reigen anzutreten, und wenn er dann in seiner höflich kühlen Art ein Gespräch mit ihr führte, so klopfte ihr das Herz zum Zerspringen, und sie gab oft verwirrte und verkehrte Antworten. Ritt er an ihrem Hause vorbei, so stand sie gewiß am Fenster, freilich so weit im Zimmer, daß sie von außen nicht gesehen werden konnte, und verfolgte mit glänzenden Augen seine Gestalt, bis sie um eine Ecke der Straße verschwand. Für andere Männer hatte sie überhaupt keinen Blick.

An ihrem dreiundzwanzigsten Geburtstage hatte sie ihr Vater gefragt, ob sie denn Nonne werden wolle, da sie schon sechs Anträge abgewiesen habe. Da halte sie mit ruhiger Stimme erwidert:

»Ins Kloster ginge ich am liebsten, denn den Einzigen, den ich möcht', den kann ich nicht kriegen.«

»Was? Wer ist's, der des Seehöfers Tochter nicht mag?« war der Alte aufgefahren.

»Ob er mich wollen mag, weiß ich nicht, Vater, er wird es wohl auch nicht dürfen, wie ich es nicht dürfte,« hatte sie erwidert.

Da war dem Vater alles Blut aus dem Gesichte gewichen, und er hatte sie wie im Krampf am Arme gepackt. »Das – das schlag' dir aus dem Sinn! Das kann nicht sein. Das nimmermehr! Sprich's nicht aus. Red' nicht drüber.« Damit war er keuchend aus dem Gemache geschritten.

Sie waren auch nie darauf zurückgekommen. Aber als sie mit der Zeit immer blasser und stiller wurde, hatte er sie oft scheu und kopfschüttelnd von der Seite angesehen, und es war ihr manchmal gewesen, als wolle er sich mit ihr über die Sache aussprechen, wozu es aber doch niemals kam.

So mußte es ihr denn geradezu wie ein Wunder des Himmels erscheinen, als mit einem Male von der Toplerschen Seite Anstrengungen gemacht wurden, ihren Vater zu gewinnen. Der alte Peter Kesselweiß kam als Friedensvermittler ins Haus. Peter Northeimer ließ sich sehen, endlich traten sogar Kaspar Wernitzer und des Bürgermeisters Vetter und geschworener Freund, der Goldschmied Topler, gemeinsam über die Schwelle. Als diese gegangen waren und ihr Vater kurz darauf zur Ratssitzung das Haus verließ, hatte er ihr im Vorbeigehen in seiner kurzen Art gesagt: »Kann sein, daß du doch noch deinen Willen kriegst.«

Da wäre sie ihm am liebsten aufjauchzend um den Hals gefallen, aber er hatte abgewehrt. »Laß nur! Erst schauen, wie der Hase läuft.«

Seitdem hatte sie wie eine sehnsüchtige Braut gewartet auf Jakob Toplers Wiederkehr. Nun war er gekommen, aber zu ihr kam er nicht. Erst hatte sie selbst allerlei Entschuldigungen und Gründe dafür ersonnen, aber sie war zu ehrlich, um sich selbst betrügen zu können. Sein Fernbleiben konnte nur den einen Grund haben: Er mochte sie nicht, er verschmähte sie. Sie fühlte sich grenzenlos gedemütigt, ja, sie kam sich wie entehrt vor. Sie floh aller Menschen Anblick und vergrub sich ganz in die Einsamkeit ihres Hauses. Hätte sie nun vollends gewußt, daß ihre Herzenssache die ganze Stadt beschäftige, so wäre sie nicht einmal zu den notwendigsten Ausgängen zu bewegen gewesen. Aber das wagte dem stolzen und abweisenden Mädchen niemand zu sagen.

An diesem Abende nun war ihr das Herz besonders schwer, denn heute vor sieben Jahren war ihre selige Mutter heimgegangen. Armgard hatte am Morgen ihr Grab mit Blumen geschmückt und der Totenmesse beigewohnt, die für die Seele der Abgeschiedenen in der Franziskanerkirche gelesen wurde. Nun, als sie in der Abenddämmerung am Fenster stand, kam mit einem Male das Gefühl der völligen Einsamkeit über sie, stärker als es sie in den letzten Jahren jemals überfallen hatte. Sie ward sich mit einer Art von Grausen dessen bewußt, daß sie kein Herz besaß, an das sie sich flüchten konnte mit ihren geheimsten Schmerzen, denn ihr Vater hätte sie nicht verstanden. Sie ließ die Arme schlaff an der Seite herabgleiten, ihre Augen füllten sich mit Tränen, und um den Mund zuckte es wie verhaltenes Weinen.

Da plötzlich richtete sie sich hoch empor und trat unwillkürlich einen Schritt vorwärts. Alles Blut drängte sich ihr zum Herzen, und sie preßte beide Hände gegen die Brust. Vom Rathause her quer über die Straße kam der geschritten, auf dessen Kommen sie Tag für Tag mit immer größerer Sehnsucht geharrt hatte. So düster es draußen war, seine hohe Gestalt war nicht zu verkennen, sie war nur noch wenige Schritte von ihrem Hause entfernt.

Eine Flut von Gedanken wirbelte ihr mit einem Male durch das Gehirn, vor allem die Frage: Warum schritten die Brautwerber nicht vor ihm her, wie es Brauch und Sitte war in Rothenburg? Aber ehe sie sich noch eine Antwort selbst zurechtlegen konnte, stand er schon vor ihr. Die Türen in den Häusern der Reichsstadt führten direkt von der Straße her in das große Gemach, das zu ebener Erde lag, und wo der Herd des Hauses stand.

»Grüß Gott, Armgard Seehöferin!« sagte er und streckte ihr die Hand hin.

Ihre Rechte zitterte so, daß sie kaum die Kraft fand, sie in die seine zu legen. Sie vermochte auch kein Wort hervorzubringen, aber der Blick, den sie ihm zuwarf, mußte jedem sagen, wie es um sie stand. Und dieser Blick schien den jungen Mann ebenso zu verwirren, wie zu erschrecken, denn er zuckte zusammen, ließ ihre Hand fahren und fragte mit einer Beklommenheit, die ihm sonst nicht eigen war: »Zu deinem Vater will ich, Armgard.«

»Nun ja, zu meinem Vater, aber doch auch zu mir!« antwortete sie mit einem holdseligen Lächeln, während ihre Augen leuchteten und ihre Wangen sich allmählich mit lieblichem Rot übergossen.

Jakob stand da, als hätte der Blitz vor ihm eingeschlagen. Er war kein Frauenkenner, aber ihr Aussehen, ihr ganzes Wesen ließ nur eine Deutung zu: Dieses Mädchen liebte ihn und war selig, daß er den Weg zu ihr gefunden. Sie erwartete, daß er sie in dem nächsten Augenblicke in seine Arme nehme und sie frage, ob sie sein Weib werden wolle, und er sah es in ihren Augen, daß sie sich beim ersten Worte jauchzend an seine Brust schmiegen werde. Nun mußte er sie aufs grausamste enttäuschen, und ein tiefes, herzliches Erbarmen stieg in seinem Innern empor. Ja, er kam sich fast wie ein Nichtswürdiger vor dieser Jungfrau gegenüber, die zitternd und erschauernd vor ihm stand und ein Glück von ihm begehrte, das er ihr doch nimmer zu geben vermochte.

Er atmete daher auf, als die Tür der Hinterstube sich öffnete und Armgards Vater eintrat. Der Ratsherr war bereits sehr übler Laune, weil er zurzeit an der Fußgicht litt und nur schwer, auf einen Stock gestützt, einherschreiten konnte. Seine Miene war deshalb schon gallig und finster, als er die Tür aufstieß, aber wie in Nacht getaucht ward sein Antlitz, da er den Sohn seines Feindes vor seiner Tochter stehen sah.

Indessen beherrschte er sich und sprach in eisigem Tone:

»Ei, sieh da, der junge Topler! Viel Ehr für mein schlechtes Dach, wenn der Sohn des Vaters der Stadt darunter Einkehr hält! Was willst du bei mir, Jakob Topler? Glaubte nimmer, daß du noch kämest, da mich deine Gesippten, solange du da bist in Rothenburg, mit Achselzucken an der Nase herumgeführt haben, wenn ich nach dir fragte.«

»Mit Euch reden will ich, Herr Ratsherr!« erwiderte Jakob Topler fest.

»Mit mir reden? So komme!«

Er schritt voran in das Nebengemach und warf sich ächzend in einen Sessel. Jakob folgte und schloß hinter sich die Tür. Der Ratsherr lud ihn nicht zum Sitzen ein, sprach auch zunächst kein Wort.

Armgard Seehöfer war zurückgeblieben mit zitternden Knien und weit geöffneten, schreckensstarren Augen. Was, um aller Heiligen willen, sollte das bedeuten? Kam so ein Freier, und ward so einer empfangen?

Sie hatte in ihrem Leben noch nie gelauscht, aber jetzt konnte sie nicht anders. Mit wildpochendem Herzen schlich sie an die Tür heran, die sie von den beiden Männern trennte.

Sie vernahm zunächst gar nichts. Dann erklang die Stimme ihres Vaters hart und scharf: »Noch einmal: Was willst du von mir, Toplers Sohn?«

»Ich will mit Euch reden um meines Vaters willen!«

»Um deines Vaters willen? Weiß das dein Vater?«

»Er weiß es nicht!«

»Glaub's wohl! Nun. was willst du?«

»Ich will, daß Ihr aus seinem Feinde zu seinem Freunde werdet.«

Ein heiseres Gelächter kam aus des Alten Brust. »Da habt ihr den rechten Weg gefunden, ihr Topler!«

»Herr,« sagte Jakob, »höret mich an. Ihr habt, als ich ein Bube war, einen Handel gehabt mit meinem Vater um den Hof zu Vorbach, der mein ist, da er erkauft ist von meiner Mutter Geld und Gut und mir zugeschrieben. Ihr habt den Handel verloren, das Gericht hat Euern Antrag abgewiesen. Nun ist der Hof wohl an die zwölfhundert Gulden wert einem jeden, der ihn besitzt, für Euch aber noch viel mehr, denn er schneidet in Euer Gebiet. Den Hof will ich Euch zueignen mit Brief und Siegel ohne jedes Entgelt, wenn Ihr aufhöret, meinem Vater feind zu sein und Euch hinfort jeglicher Feindschaft und Handlung gegen ihn enthaltet.«

Eine Weile blieb es still. Dann ein gurgelnder Laut, ein erstickter Schrei. »Kaufen willst du mich, Hund? Kaufen meinen Haß und meine Rache? Haha! Der Vater stahl mir die Braut, der Sohn macht mir die Tochter elend – – und nun Geld für mich! Bube! Das für dich!« Wie ein Panther sprang Seehöfer, seiner Schmerzen nicht achtend, aus dem Sessel empor und riß das Messer aus der Scheide, das er an der Hüfte trug.

Da flog die Tür auf. Blaß wie eine Tote warf Armgard sich zwischen die beiden, schlug des Vaters Arm beiseite und drängte ihn mit übermenschlicher Kraft auf seinen Sessel zurück. Das Messer fiel polternd zur Erde.

»Vater!« lief sie außer sich. »Um Gottes willen, komme zu dir! Willst du ein Mörder heißen?«

Der alte Seehöfer war auf seinen Stuhl zurückgesunken und rührte sich nicht, sondern blickte nur seine Tochter mit starren Augen an. Entweder hatte ihm der Zorn die Glieder gelähmt, oder es dämmerte ihm das Bewußtsein, daß sie ihn vor einem furchtbaren Geschicke bewahrt hatte. Denn auf dem Bruche des Stadtfriedens durch blutige Gewalttat stand das Rad, und nichts hätte ihn retten können nach der in jäher Wut vollbrachten Tat, als sofortige Flucht ohne Hoffnung auf Wiederkehr.

Ein paar Augenblicke blieb es stille. Dann sagte Armgard: »Ich will, Vater, daß du hier bleibst. Und mit dem da werde ich reden!«

Der Alte erwiderte nichts. Es war etwas in den Augen seiner Tochter, was ihn bezwang. Er bedeckte das Antlitz mit beiden Händen und blieb sitzen, als sie mit Jakob in den Vorderraum trat und die Tür hinter sich ins Schloß warf.

Mit flammendem Gesichte trat sie drüben auf den Mann zu, und ihre Blicke in die seinen bohrend, fragte sie: »Warum hast du so an mir gehandelt, Jakob Topler? Warum dies freventliche Spiel mit mir?«

»Ich habe kein Spiel mit dir getrieben, Armgard!« erwiderte er traurig. »Während ich ferne war, haben meine Gefreundeten gemeint, sie wollten den Zwist unserer Väter aus der Welt bringen, indem sie uns zu einem Paar machten. Sie hatten mich vorher nimmer gefragt.«

»Und warum verschmähst du mich?«

Er zögerte mit der Antwort. «Sag' mir's ehrlich, bin ich dir nicht gut genug? Oder kannst du den Toplerhaß nicht überwinden gegen meinen Vater?« rief sie, und ein zorniger Schmerz klang aus ihren Worten. Sie war jetzt nicht das verschlossene, stolze Mädchen, als das alle Welt sie kannte. Sie war nur noch das Weib, das um das höchste Glück des Lebens kämpfte.

Jakob blickte sie fast scheu an, er hatte noch nie ein Mädchen so gesehen. Dann sagte er leise: »Weil ich eine andere lieb habe.«

Da breitete sich Totenblässe aus über Armgard Seehöfers Antlitz, und sie sank mit einem Wehlaute auf die Bank, die neben ihr stand. Dann glitt sie auf den Boden nieder, auf die Knie und legte ihre Stirn auf das harte Holz der Bank. So lag sie lange. Aber kein Schluchzen erschütterte ihre Gestalt, und kein Laut kam aus ihrem Munde.

Jakob sah tief ergriffen auf sie hernieder, und es ward ihm unaussprechlich wehe ums Herz. »Lebe wohl, Armgard,« sagte er. »Gott gebe, daß du mich vergißt. Ich kann nicht anders.«

Bei diesen Worten richtete sie den Kopf auf und sagte mit harter Stimme: »Gehe, Jakob! Und da du nun weißt, wie sehr ich dich lieb habe und da du mich verschmäht hast, so ist kein Platz mehr für mich in der Welt. Das wisse!«

»Armgard!« rief er entsetzt. »Suchst du den Tod?« Aber sie schnitt ihm das Wort ab.

»Ich fürcht' mich vor der Sünde, das tu' ich nimmer. Aber ich gehe zu den frommen Frauen und lasse mich schleiern. Und nun geh', ach geh'!«

Am andern Morgen entbot Heinrich Topler seinen Sohn zu sich. »Du bist bei Walter Seehöfer gewesen?« fragte er ihn beim Eintritt, statt des Morgengrußes.

»Ja. Vater.«

»Trotzdem ich dir's widerriet?«

»Ich wollte dein Bestes, Vater.«

Heinrich Topler antwortete nicht sogleich. Er ging mit großen Schritten in dem Gemache auf und ab, eine tiefe Falte stand ihm zwischen den Brauen, und er fuhr wieder und wieder mit der Rechten über den dunkeln Bart, wie er immer tat, wenn er in Erregung war.

Endlich blieb er vor seinem Sohne stehen und sprach düster: »Ich hätt' dir's sollen sagen, was zwischen mir und dem Seehöfer steht. Dann wärest du gar nicht erst auf die Narrheit verfallen, hier etwas tun zu wollen mit Geld. So wisse: Vor mehr denn dreißig Jahren freieten wir um dieselbe Jungfrau, deine Mutter, Barbara Wernitzer. Die Alten hatten sie dem Seehöfer zugesagt, sie wollt' mich. Sie setzte auch endlich ihren Willen durch, und sie hat's Gottlob nicht zu bereuen brauchen. Seitdem behauptet er, ich hätt' ihm die Braut gestohlen. Einmal ist er vom Rat in schwere Buße genommen, weil er es öffentlich sagte. Da ließ er's, aber mein Feind war er immerdar und ein unredlicher Feind dazu. Denn etliche sind mir gram, weil sie meinen, daß ich durch ein waghalsig Spiel die Stadt verderben werde. Das sind Esel, aber ehrliche Feinde, denn sie sind wider mich um der Stadt willen. Er jedoch weiß ganz wohl, daß ich gut regiere und würde genau so handeln, wenn er die Kraft hätte. Deshalb nenne ich ihn einen unredlichen Feind. – Wie war der Auftritt zwischen euch?« fügte er hinzu.

Jakob erzählte, und sein Vater unterbrach ihn mit keinem Worte. Als er geendet hatte, rief Heinrich Topler erregt: »Der törichte Greis mit seinem Jähzorne und seinem sinnlosen Hasse! So war er immer schon, und wie ein Wunder schien mir's, daß er doch endlich wollte Frieden machen. Er hat's also tun wollen um des Glückes seiner Tochter willen. Und nun ward er doppelt voller Gift und Haß. Er hat seine Strafe, denn es heißt in der Stadt, die Gicht sei ihm in den Leib getreten, und er müsse sterben!«

Jakob machte eine Gebärde des Schreckens. »Und die Armgard?« fragte er.

»Sie wird ihn pflegen. Was soll sie sonst tun?«

»Sie hat mir gesagt, sie wolle ins Kloster gehen.«

Überrascht und erschrocken blickte der Bürgermeister seinen Sohn an. »Und die tut's auch!« rief er. »Die redet nicht nur so, die tut, was sie sagt. Ach, wir Topler! Worüber hinweg führt unser Weg!«

»Ich acht', Vater, er dürfte vielleicht noch über manchen Toten führen,« versetzte Jakob hart.

Da erwiderte Heinrich langsam und mit schwerer Betonung: »Ach, mein Sohn, eines Weibes zerbrochenes Herz ist manchmal eine schwerere Last auf der Seele, als ein erschlagener Mann.«

Dann erschien Henrich, der Stadtschreiber, um ihn zum Rate abzuholen.

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