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Der König von Rothenburg

Paul Schreckenbach: Der König von Rothenburg - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Schreckenbach
titleDer König von Rothenburg
publisherStaackmann
year1930
firstpub1930
senderwww.gaga.net
created20050712
projectid19fef3f3
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IV.

Die Mitternacht war längst vorüber, als Heinrich Topler heimwärts schritt. Dreißig bis vierzig Ratsherren und ehrbare Bürger folgten ihm vom Deutschherrenhofe bis an die Tür seines Hauses nach. Es war ein Ehrengeleit, das sie ihm gaben, einer Heimführung nach dem Trunke hätte er nimmer bedurft. Denn so mäßig er im gewöhnlichen Leben war, so gewaltig erwies er sich beim Becher, wenn es einmal galt. Dann trank er die Alltagszecher, die sich ihrer Stärke rühmten, allesamt kläglich unter den Tisch. Das hatte soeben der Abt von Heilsbronn zu seinem Schaden erfahren; er war nach einem Trinkturnier, zu dem er den Bürgermeister aufgefordert hatte, besinnungslos vom Stuhle gefallen und von zwei Chorherren wie ein Toter vom Platze getragen worden. Heinrich Topler aber ging aufrecht und stolz durch die hallenden Straßen der Stadt dahin, und während seine halbtrunkenen Begleiter mancherlei unweise Reden führten, dachte er schon wieder über ernste Dinge nach. Über dieses Mannes Hirn hatten die Geister des Weines keine Gewalt.

Vor der Tür verabschiedete er sich mit freundlichen Worten von seinem Gefolge, nahm aus des Knechtes Hand ein Licht und stieg die Treppe empor. Aber er lenkte seine Schritte nicht sogleich nach dem ehelichen Schlafgemache im ersten Stock des Hauses, wo seine Gattin Margarete wohl schon lange friedlich schlummerte, sondern er wandelte höher hinauf nach der Kammer seines Sohnes Jakob. Ihn noch wach zu finden, hoffte er nicht, denn der junge Mann mußte von dem starken Ritte des vergangenen Tages tief ermüdet gewesen sein. Er wollte nur einen Blick auf den Schlafenden werfen, der ihm anderthalb Jahre hindurch so sehr gefehlt, und über dessen Heimkehr er sich noch am Abende so heiß gefreut hatte.

Heinrich Topler liebte alle seine Kinder herzlich und ebenso sein blondes Weib Margarete, die er nach dem Tode seiner ersten Frau geheiratet hatte, weil der Vierzigjährige ohne Frauenliebe nicht sein konnte. Aber der Sohn, den ihm seine noch immer unvergessene Barbara geboren hatte, war ihm ans Herz gewachsen, wie sonst kein Mensch auf der Welt. Von dem Augenblicke an, da er den kräftigen Knaben aus den Händen der Wehemutter empfangen und ihn voller Vaterstolz in die Höhe gehalten, war er sein Herzblatt gewesen. Dieses Gefühl war in den Jahren immer mehr gewachsen und hatte besonders an Stärke zugenommen, seit seine Frau gestorben war. Denn während Jakobs beide Schwestern Barbara und Katharina die braunen Augen ihres Vaters geerbt hatten, leuchteten die blauen Augen der Mutter im Antlitze ihres Sohnes und erinnerten den Mann stets an die Verblichene, der die Liebe seiner Jugend gehört hatte. Im übrigen erlebte er die Freude, daß sein Sohn ganz und gar sein Ebenbild ward, nicht nur an Kraft des Leibes, an Wuchs und Haltung, sondern auch an Geist und Willen. Derselbe hochstrebende Sinn, dieselbe Entschlußkraft und Kühnheit, die ihn so groß gemacht hatten, lebten in dem Erben seines Namens und Besitzes fort.

Er blieb einen Moment auf der Treppe stehen, und ein Lächeln zuckte über sein Gesicht. Er dachte daran, wie heute der Ritter Eppelein von seinem Sohne als Bote benutzt worden war. War das nicht ein Stückchen ganz so, als hätte er, Heinrich Topler, es vollbracht? Auf's Haar so würde auch er den alten Wolf eingeschätzt haben, und genau in gleicher Weise würde er im Augenblick der Gefahr blitzschnell erkannt haben, daß hier die höchste Kühnheit die höchste Klugheit sei. Das war echte Toplerart, so war schon sein Vater gewesen, so war er selbst, und in den Adern dessen, der drinnen schlummerte, rann wieder ganz dasselbe Blut. Und plötzlich fiel ihn der Gedanke an, wie wunderbar es doch eingerichtet ist in der Welt, daß manche Menschen in ihren Kindern weiter leben, weiter wirken und wenn sie der Tod schon längst gefangen hält, noch mit ihrem Wesen in die Welt der Lebendigen hineinragen.

Er würde also zu diesen Begnadeten gehören. Er wandelte doppelt auf der Erde, seine Waffen nahm ein anderer auf, wenn er sie niederlegen mußte, seine Pläne würden nicht untergehen, wenn etwa einmal ein jäher Tod ihn hinwegreißen würde.

Ein Schauer rann ihm über den Leib. Da war das Todesahnen wieder, das ihm in der letzten Zeit so manchmal das Herz umkrallt hatte, gerade da, wo er am wenigsten Ursache hatte ans Sterben zu denken, bei rauschenden Festlichkeiten oder mitten in einer Sitzung des Rates. Da war es ihm, als schleiche einer hinter ihm drein, dessen Gestalt unsichtbar und dessen Tritt unhörbar war, und von dem doch ein eiskalter Hauch ausging, so daß ihn fröstelte bis ins Mark hinein.

So war's jetzt wieder, und er stand eine Weile wie erstarrt. Dann aber straffte er seine Gestalt und schüttelte mit einer wuchtigen Bewegung die Starrheit von sich ab. Was sollten ihm solche Träume und Gefühle? Die mochten Weiber und Greise über sich Herr werden lassen. Ihm, der sich noch in der Fülle der Kraft wußte, und dem erst wenige Silberfäden in Haar und Bart schimmerten, stand es schlecht an, sich mit Gedanken an das Sterben herumzuquälen.

Er schritt die letzten Stufen hinan und klinkte die Tür auf. Dann trat er leise, das Licht vorsichtig mit der Hand beschattend, dem Lager nahe, auf dem der Schlafende ruhte. Tiefe, regelmäßige Atemzüge zeigten an, daß die Natur ihr Recht gefordert und den Jüngling nach allen den Strapazen des Tages hinübergeführt hatte in das Land der Träume.

Lange stand Heinrich Topler regungslos und betrachtete bei dem trüben Lichte die Züge seines Sohnes. Sie schienen ihm fester und härter zu sein, als wie er sie im Gedächtnis trug. Kein Wunder, denn in diesem Lebensalter vermögen anderthalb Jahre viel, besonders wenn sie unter ernster Arbeit verbracht werden, und sein Sohn, das wußte er, hatte die Rechtswissenschaft mit Eifer in Prag betrieben.

Mit einem Male veränderte sich das Antlitz des Schlummernden. Ein Zug der Weichheit und Güte trat hinein, wie ihn der Vater noch niemals wahrgenommen. Dann warf er sich unruhig hin und her, stammelte unverständliche Worte, breitete endlich beide Arme aus, als wolle er jemanden umfassen und rief mit heller und lauter Stimme: »Agnes! Liebe Agnes!«

Den Lauschenden durchzuckte es wie ein Schlag, und scheu und hastig wie ein Dieb, der ertappt zu werden fürchtet, schlich er aus dem Gemache. Draußen blieb er hochaufatmend stehen. Was war das gewesen? Hatte er recht gehört? Es lebten mehrere Bürgerstöchter dieses Namens in Rothenburg, die dem Kreise der ratsfähigen Geschlechter, der »Ehrbaren«, wie man sie nannte, durch die Geburt angehörten. Aber nie hatte er bemerkt, daß sein Sohn einer von ihnen schön getan hätte. Überhaupt war Jakob dem gesamten weiblichen Geschlechte von jeher mit kühler Zurückhaltung begegnet, in diesem einen Punkte ganz unähnlich seinem Vater, der in der Jugend ein großer Frauenliebling und Herzensbrecher gewesen war. Er mußte also draußen in der Fremde eine Agnes kennen gelernt haben. Wer mochte sie sein?

Mit einer tiefen Falte zwischen den Brauen stieg der Bürgermeister die Treppe wieder hinab. Er kleidete sich aus und legte sich an der Seite der Gattin nieder, aber trotz des Weines und der Ermüdung des Tages floh der Schlaf noch lange seine Lider.– –

Am anderen Morgen saßen die beiden Topler beim ersten Imbiß einander gegenüber. Draußen im Hofe lärmten die jüngeren Geschwister mit dem Spielzeuge, das der Bruder ihnen mitgebracht hatte. Die erwachsene Schwester Katharina war in der Küche tätig, und auch Frau Margarete hatte das Zimmer verlassen. Sie hatte nie in einem innigen Verhältnis zu dem Stiefsohne gestanden, während sie seine Schwestern wie eine Mutter liebte. Denn als sie als Dreiundzwanzigjährige in die Ehe trat, war er schon fünfzehn Jahre alt gewesen, also kein Kind mehr, das sich leicht an die junge Mutter hätte anschließen können. Auch war sie vom ersten Tage an eiferfüchtig auf die schier überschwängliche Liebe, die ihr Mann dem Knaben entgegenbrachte. Sie witterte mit dem feinen Instinkte des Weibes, daß diese Liebe zum Teile einer Toten gelte, deren Bild doch in der Seele ihres Mannes nie ganz sterben konnte. Später, als Jakob heranwuchs, war noch ein anderes dazugekommen. Sie sah mit einer Art von Grauen, daß er seines Vaters Doppelgänger wurde, ihm ähnlich sogar in der Stimme, im Lachen, in jeder Bewegung. Es war ihr begegnet, daß in ihren Träumen die beiden in eins verschmolzen, und ohne sich das jemals mit klaren Gedanken zu gestehen, fürchtete sie sich vor ihrem Stiefsohne, eben dieser schrecklichen Ähnlichkeit halber, als ahne sie, daß sie ihn lieber gewinnen könne, als recht wäre. Und schon diese Ahnung war der ehrlichen und reinen Frau peinlich und schmerzhaft.

Merkwürdigerweise hatte ihr Mann auch nie verlangt, daß sie dem Sohne mütterliche Zärtlichkeit erweise. Es war, als lese er in ihrer Seele und wisse, was in ihr vorging. Auch heute hatte er kein Wort und keinen Blick der Verwunderung, als sie nur wenige freundliche Worte an Jakob richtete und dann bei tunlicher Gelegenheit hinausging und ihn mit seinem Sohne allein ließ.

Was er in der Nacht gehört hatte, schien dem Bürgermeister jetzt beim hellen Lichte des Tages nur ein Traum gewesen zu sein. Denn Jakob war so gar nicht zerstreut und geistesabwesend, wie Verliebte zu sein pflegen, sondern er redete mit dem allergrößten Eifer über die Händel und Verhältnisse seiner Vaterstadt, des Landes Franken und des römischen Reiches, sodaß der Vater seine helle Freude daran hatte. Vor allem sprach er mit der höchsten Bewunderung von dem meisterhaften Schachzuge, den sein Vater mit der Gewinnung neuer großer Ablässe ausgeführt habe, wodurch wieder gewaltige Goldströme nach der Reliquienstadt Rothenburg gelenkt werden würden.

»Wodurch, Vater, hast du das vollbracht?« fragte er.

Heinrich lachte. »Das fragst du noch? Ich hatte es mit Rom zu tun.« Und er machte die Geste des Geldzählens.

»Ganz allein dadurch? Nur dadurch?« rief Jakob mit einem Lächeln der Verachtung.

»Aber mein Sohn, weißt du noch nicht, daß nichts anderes gilt in Rom, als was gemünzt ist oder gemünzt werden kann? Glaub mir's immer, für gutes Geld täten sie dort den Judas, der unseren Herrn verriet, zum Heiligen machen.«

»Ein Gräuel ist es, wie es die Pfaffheit treibt!« rief Jakob heftig. »Du weißt nicht, Vater, was sie in Prag auf der hohen Schule alles reden und schreiben. Da ist einer aufgetreten, heißt Johannes Hus, der predigt frei öffentlich wider die Laster der Pfaffen und von den bösen Mißbräuchen der Kirche und ruft laut, die Kirche müsse reformiert werden. Der Erzbischof hat ihn gebannt, aber er hört nicht auf zu predigen und schweigt nicht.«

Heinrich Topler lachte spöttisch. »Wenn sie von Böhmen aus die Kirche reformieren wollen, dann wird's niemals nichts. Das dumme, schmutzige, viehische Volk der Czechen ist dessen nicht fähig. Da gibt's nichts als Rumor und Geschrei und Blutvergießen. Nein,« fuhr er mit ernstem Nachdrucke fort, »dies Werk muß von Deutschen getan werden, und es wird getan. Überall raunen und reden die besten unter den Laien und die besten unter den Pfaffen von einer Reformation der Kirche an Haupt und Gliedern. Ein allgemein Koncilium soll sie vollbringen. Kommt es auf deutschem Boden zustande, so kann es Frucht bringen, und vielleicht, so Gott und die Heiligen es wollen, erleben wir's noch.«

Er stand auf und trat langsam ans Fenster. Dann sagte er ruhig und bedächtig: »Ich achte, daß Papst Innocentius zu Rom der rechte Statthalter Christi ist, Benedictus in Avignon der falsche. Aber ein paar böse Pfaffen sind sie beide, denn daß sie für Geld die Sünden vergeben und die arme Christenheit auspressen, ist nicht recht. Mich hat schon oft gewundert, daß unser Herr Jesus der Pfaffheit solch große Macht gegeben, daß sie binden und lösen kann. Indessen, da ist nun einmal nichts zu machen, es ist, wie es ist, und wenn ich die Welt nicht ändern kann, so gräme ich mich nicht und gehe nicht ins Kloster, sondern ich nutze ihren Schaden aus zum Vorteil meiner Stadt. So hab' ich getan, als ich die Ablässe kaufte. Und ich habe sie gekauft um mein eigenes gutes Geld, denn so ich's hätte aus dem Stadtsäckel nehmen wollen, hätten die Ehrbaren in ihrer Dummheit geschrien: Der Topler will sich an der Stadt bereichern!«

Jakob war während dieser Rede in ein tiefes Sinnen verfallen. Als nun sein Vater schwieg, richtete er sich auf, sah den Gegenübersitzenden fest an und sprach mit voller Bestimmtheit: »Du hast den Herrn der Christenheit mit Geld vermocht, daß er tat, was du wolltest. Das ist ein Zeichen, was das Geld tut, und es ist mir kein Zweifel, daß du auch deinen schlimmsten Feind in der Stadt mit Geld zu deinem Freunde machen kannst.«

Heinrich Topler blickte seinen Sohn hocherstaunt an. »Wen meinst du?«

»Ich meine Herrn Walter Seehöfer.«

Der Bürgermeister fuhr zurück. »Seehöfer? Was weißt du– –?«

»Ich wußte schon früher, daß er dir gram ist und im Wege steht, wie das jeder weiß in Rothenburg. Jetzt aber, da ich in Nürnberg war, erfuhr ich mehr.« Und indem eine heiße Röte seine Stirn überflammte, setzte er mit leiser Stimme hinzu: »Ich muß dir etwas eingestehen, Vater, daß es klar sei zwischen uns beiden, wie es immer war.«

Heinrich war blaß geworden, er erriet alles. »Komme in meine Schreibstube hinüber, dort stört uns keiner,« erwiderte er, und es klang, als wäre er heiser.

Drüben lehnte er sich an die Wand und wies auf einen Stuhl. »Da setze dich und erzähle!«

Jakob Topler begann seinen Bericht. Er erzählte alles, wie er die Agnes Waldstromerin kennen gelernt, wie ihr Bild ihn begleitet gen Prag, wie er sie liebe, als hätte sie ihn verzaubert, und wie er nimmer von ihr lassen könne. Auch was Ulrich Haller gesagt, verschwieg er nicht und auch nicht das, was er von Andreas Haller und in des Nürnberger Rates Trinkstube gehört hatte, und er schloß seine Rede mit den Worten: »Was will der Seehöfer von uns? Du weißt es und ich auch: unser Geld. So wollen wir ihm Geld geben, und paß auf, Vater, er ist im Handumdrehen dein Freund und spricht für dich im Rate und in der ganzen Stadt.«

Er hatte, während er sprach, den Blick gesenkt gehalten. Als er ihn jetzt erhob, sah er mit Entsetzen, daß sein Vater bleich wie ein Toter dastand und die Augen geschlossen hielt, als ob eine plötzliche Ohnmacht ihn befallen hätte.

»Vater!« schrie er auf und faßte nach seinen Händen. »Was ist dir?«

Heinrich entzog dem Sohne seine Hände und sagte mit klangloser Stimme: »Geh', ich muß allein sein.«

»Vater!« rief Jakob noch einmal schmerzlich.

»Ja, ich bin dein Vater, und ich will dir's beweisen,« entgegnete Heinrich dumpf. »Aber jetzt geh'. Erwarte mich in deiner Kammer.«

Eine Stunde später stieg der Bürgermeister die Treppe wieder empor, die er in der vorigen Nacht betreten hatte, um seinen Sohn zu sehen. Seine Stirn war klar, und seine Züge trugen den gewöhnlichen stolzen und entschlossenen Ausdruck, und niemand hätte dem Manne angesehen, daß er eben in seinem Innern einen schweren Kampf durchkämpft hatte. Nur sein Schritt war etwas langsamer und schwerfälliger als sonst.

Droben angekommen, drückte er die Tür zu und warf den Riegel vor. Dann trat er dicht vor seinen Sohn hin und sprach scharf und bestimmt, wie es seine Art war: »Du hast mir einen Traum zerstört, aber ich zürne dir nicht. Auch kann ich dich nicht zwingen, denn du bist ein Mann, könntest jederzeit im Rate sitzen, hast deiner Mutter reiches Erbteil, brauchst nach deinem Vater wenig zu fragen – schweig!« herrschte er ihn an, als der Sohn ansetzte ihn zu unterbrechen, »Höre noch mehr!« Er faßte ihn mit seinen mächtigen Händen an beiden Schultern und sah ihm fest in die Augen. »Ich will dich auch nicht zwingen, Jakob, mein Sohn, mein Blut! Ich will dich nicht elend machen, und eine Ehe wider die Neigung und mit einer anderen Liebe im Herzen ist ein Elend. Und die Liebe einer geliebten Frau ist das Beste und Höchste, was ein Mann gewinnen kann in seinem Leben. Das habe ich mit deiner Mutter«– – die Stimme brach ihm, und er vermochte nicht weiter zu reden.

Mit einem Aufschrei warf der junge Mann seine Arme um den Hals des Vaters und preßte sein Haupt wider dessen Brust.

So standen sie eine ganze Weile, ohne zu sprechen. Dann löste sich Heinrich aus der Umarmung, trat einen Schritt beiseite und sagte halb abgewandt, als spräche er in weite Ferne hinaus: »Ich segne also deinen Bund mit der Waldstromerin. Sie ist von gutem Blut, ihr Vater war mir ein lieber Kumpan. Aber hüte dich ja, den Seehöfer mit Geld ködern zu wollen! Einem anderen gelänge das vielleicht, uns Toplern nimmermehr. Es steht etwas zwischen uns beiden aus alten Tagen, und ist darin eine Schuld, so liegt sie bei mir. Aber das ist meine Sache.«

»Und wie willst du deine Feinde zerbrechen, Vater?«

»Auch dazu gibt es einen Weg, der freilich schmal ist, und den ich, bei Gott, ungern gehe. Ich hatte gehofft, ich könnte dieser Stadt erster Bürger bleiben bis an mein Lebensende. Aber ich begreife: Wenn ich nicht elend verderben will, so muß ich ihr Herr werden. Ich muß, eine Wahl bleibt mir nicht; wer so hoch gestiegen ist, wie ich, muß vorwärts, immer höher hinauf, oder er stürzt in den Abgrund und fällt sich zu Tode. Und ich habe ein Recht, hier Herr zu sein, denn ich habe diese Stadt geschaffen. Ehedem ich in den Rat eintrat und zu Macht kam, war sie ein großes ummauertes Dorf, jetzt ist sie unter den herrlichsten des Reiches. Auch kann niemand Rothenburg regieren als ich und du. Peter Northeimer und Kaspar Wernitzer, die so weit sehen wie wir, sind nicht fähig, der eine ist schwach an Willen, der andere zu stürmisch und aufbrausend.«

»Was willst du tun, Vater?«

»Das will ich dir heute abend sagen. Jetzt muß ich zu dem welschen Legaten. Schirre und schmücke dein Roß, es wird sich ziemen, daß du ihm das Geleit mitgibst bis an die Grenze unseres Bannes.«

Er winkte dem Sohne grüßend zu und schritt eilend hinaus. Jakob blickte ihm mit glänzenden Augen nach und breitete unwillkürlich die Arme aus, als wolle er ihn noch einmal umfangen. Dann stand er eine Weile in tiefem Nachdenken, und sein Antlitz wurde ernst und düster. Es war ein gefährlicher Weg, den sein Vater gehen wollte, und er selbst drängte ihn mit dazu, diesen Weg zu beschreiten. Hätte sein Vater den einflußreichen Seehöfer für sich gehabt, so wäre es wohl wahrscheinlich gewesen, daß ihn die Ehrbaren, in deren Händen die Ratskürung ruhte, wieder zum Bürgermeister und Feldhauptmann erwählten. Nun aber konnte seine Wahl nur dadurch erreicht werden, daß die drohende Bürgerschaft die Geschlechterherren einschüchterte und sie ihrem Willen gefügig machte. Zu erlangen war das wohl, aber es war wider Gesetz und Verfassung der Stadt, und wer konnte wissen, welche Erschütterungen daraus entstehen würden!

»Ich werde den Seehöfer dennoch erkaufen!« murmelte Jakob trotzig. Dann begab er sich hinab in den Hof, um nach den Pferden zu sehen.

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