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Der König von Rothenburg

Paul Schreckenbach: Der König von Rothenburg - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Schreckenbach
titleDer König von Rothenburg
publisherStaackmann
year1930
firstpub1930
senderwww.gaga.net
created20050712
projectid19fef3f3
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III.

Während Jakob Topler dem Burggrafen Red' und Antwort gestanden, hatte er im Herzen seinem Schutzpatron, dem heiligen Jakobus, zwei dicke Wachskerzen gelobt, wenn er aus dieser Gefahr glücklich davonkäme. Indem er nun dahinritt, erschien es ihm rätlich und löblich, diese Spende zu erhöhen, im Falle der Heilige noch ein Übriges tun und die wichtigen Briefe in seines Vaters Hände gelangen lassen werde. Dann wollte er nicht nur die beiden Kerzen stiften, sondern das Bild des Heiligen, das auf dem Altare des Kobolzellerkirchleins stand, sollte ein neues Sammetgewand erhalten. Denn diese kleine Kapelle im Taubertale war ihm von frühester Kindheit an besonders lieb und wert. Drunten im Taubergrunde lag seines Vaters Lustschlößlein, das Rosental, der kühne, taubenschlagähnliche Bau, der seinesgleichen nicht hatte in Franken und Schwaben. Wenn man dort am Nachmittage fröhlich gewesen war im frischen Grün und des Abends heimkehrte in die Mauern der Stadt, da war seine fromme Mutter mit ihm und seiner Schwester jedesmal in das Kirchlein eingetreten und hatte vor dem Altar ein Gebet verrichtet. Seitdem sah der Knabe in dem Heiligen seinen besonderen Schutzpatron, und Sankt Jakobus hatte seinem Namensvetter in großen und kleinen Gefahren gnädig beigestanden. So, als er mit anderen Buben die Äpfel des Fuchsmüllers entwendet hatte und strenge Strafe befürchten mußte. Da hatte der Heilige auf sein dringendes Gebet hin die Verfolger auf ganz falsche Fährte geleitet. Und als er seinen liebsten Spielkameraden und jetzigen Schwager Kaspar Wernitzer in die Tauber gestoßen hatte, da war nur durch Sankt Jakobi Macht der Bewußtlose ins Leben zurückgekehrt. Kurz, es bestand zwischen ihm und Sankt Jakobus zu Kobolzell ein altes und sehr inniges Verhältnis, und es deuchte ihm mit einem Male sehr verdienstlich zu sein, wenn er vor seinem Einritt in die Stadt dem Heiligen in der kleinen Kapelle seinen Dank darbringe.

Er bog deshalb eine halbe Stunde vor Rothenburg von der großen Heerstraße ab und schlug einen Feldweg ein, um ein gutes Teil der Stadt zu umreiten. Auf dem Hügelkamm ritt er dahin, der sich westlich vom Taubergrunde hinzieht. Dichtes Gehölz versperrte ihm die Aussicht, plötzlich aber senkte sich der steinige Weg ins Tal, und die Stadt lag vor seinen Blicken da.

Mit einem Ruck hielt er sein Pferd an, und Tränen traten ihm in die Augen. Was er als Knabe, als Jüngling nie beachtet hatte, das empfand er jetzt mit einem Male, nämlich wie wunderbar, unvergleichlich schön seine Heimat war. Er hatte draußen in der Fremde viel gesehen, die Königspracht des Hradschin und die übrigen Herrlichkeiten des goldenen Prag, aber das alles verblaßte vor dem Bilde der Vaterstadt, das jetzt vor seinen Augen stand.

Drunten im Tale blitzte die Tauber auf, der helle, lebendige Fluß, dessen silberne Wellen über weißes Steingeröll und zwischen mächtigen Felsblöcken munter dahinhüpften. Darüber wölbte sich die gewaltige steinerne Doppelbrücke, die mit zwei Reihen übereinandergestellter Rundbögen das Wasser überspannte. Sie war ein Wunderwerk der Baukunst, viel bestaunt von allen, die von fern her kamen. Neben ihr ragte ein breiter, trotziger Turm empor, von dessen Zinnen aus man jedermann zu Tode treffen konnte, der wider Willen der Stadtherren hier eindringen wollte. Dahinter schmiegte sich an den Berg das kleine Kirchlein, in dem er zu beten gedachte, Sankt Jakobi Zella, vom Volke Kobolzell genannt. Und über dem allen, hoch auf der Bergplatte reckte sich die große Stadt in den klaren Frühlingshimmel hinein, mit ihren Mauern und Befestigungen und dem Gewirr großer und kleiner Türme, einer einzigen, riesenhaften Burg vergleichbar. Ein Gebäude überragte die anderen alle, selbst das Rathaus mit seinem schlanken Turme, aber der ungeheuere Bau war noch von oben bis unten von Holzgerüsten eingehegt. Das war die Jakobskirche, an der man zu bauen angefangen in den Jahren, da Heinrich Topler mächtig ward in der Stadt, und die jetzt nach dreißig Jahren noch nicht vollendet war. Auf dem allen aber, den weißgrauen Kalksteinmauern und den hohen roten Ziegeldächern, lag der Glanz der sinkenden Sonne und übergoß das hehre Bild mit einem zauberhaften Purpurschimmer.

Wahrlich, nicht ohne Grund verglichen die aus dem heiligen Lande zurückgekehrten Pilger das hochgebaute Rothenburg mit Jerusalem, Juda's königlicher Stadt.

Jakob Topler neigte das Haupt, als wolle er die liebe Heimat in Ehrfurcht grüßen. Dann ritt er langsam ins Tal hinab.

Während er vor dem Altar des Kirchleins kniete, hielt sein Gefolge draußen, als wollte es den Andächtigen vor jeder Störung schirmen. Aber sein Gebet ward dennoch jäh unterbrochen, denn es klangen Pferdetritte draußen, dann ein Wortwechsel, den er nicht verstand, und endlich rief eine krächzende Stimme dicht vor der Tür: »Was? Da drinnen ist er? Will er denn ein Pfaff werden?«

Jakob Topler kannte die Stimme, und in diesem Augenblicke würde ihn kein Engelgesang mehr erfreut haben als sie. Er sprang hastig von seinen Knien auf und trat aus der Tür.

»Eppelein! Gott und alle Heiligen seien gelobt, daß ich dich sehe!« rief er und atmete auf, als wäre er von einer schweren Last befreit.

»Das haben noch wenige gesagt bei meinem Anblick!« versetzte der Ritter mit dumpfem Gelächter. »Aber du hast alle Ursache.« Leise setzte er hinzu: »Der Teufel mag wissen, was ich da eigentlich nach euerm Krämerneste getragen habe. Dein Vater war so hoch erfreut, daß er nicht nachließ, ehe ich das hier annahm.«

Er zog einen straffen Beutel aus der Tasche, und als er ein Lächeln über das Antlitz des jungen Mannes huschen sah, fuhr er achselzuckend fort: »Ich wollt's nicht annehmen. Aber wer kann deinem Vater widerstehen? Jaköble, du bist ein tüchtiger Kerl, aber dein Vater ist noch ein ganz anderer Kerl, ein Kerl wie ein Kaiser!«

In diesem Augenblicke begann droben in der Stadt eine Glocke zu klingen, eine zweite fiel ein, und dann mit einem Male dröhnte das Geläut sämtlicher Glocken Rothenburgs durch die Luft.

»Was ist das?« rief Jakob Topler auffahrend.

»Denkst wohl, das wäre zu deiner Ehr', weil du wieder heimkehrst?« sagte Eppelein spottend. »Nein, Jaköble, das gilt dir nicht. Es ist heute Mittag ein Kardinal eingezogen in die Stadt, dein Vater selber war ihm zwei Stunden Weges entgegengeritten. Um fünf Uhr sind alle Spießer auf den Markt befohlen, da soll eine Botschaft verlesen werden vom heiligen Vater in Rom.«

»Was Tausend!« rief Jakob und schwang sich auf's Pferd. »Da will ich eilen, daß ich dazu komme. Und du, Eppele, willst du dir das nicht anhören?«

»Pfui Teufel!« erwiderte der Ritter und spuckte verächtlich aus. »Von dem Pfaffenvolke kann ich nur die Kleinen leiden, die Käsjäger. Darunter ist manche ehrliche Haut. Aber muß ich einen Prälaten sehen, so würgt mich's im Halse, und ich kriege die Krämpfe. Ich hab hier Unterschlupf in der Nähe und herberge nicht in eurer Stadt. Grüß Gott, Jaköble. Mach's gut!«

Er winkte dem Rothenburger Stadtherrnsohne gönnerhaft zu und trieb seinen Gaul an.

Jakob Topler ritt, so schnell er es vermochte, den Berg hinan, wechselte mit dem Torwart einige freundliche Worte und strebte dann voller Hast dem Markte zu.

Dort fand er die ganze waffentragende Bürgerschaft Rothenburgs aufgestellt, Weiber und Kinder drängten sich im Hintergrunde, und die Volksmassen stauten sich bis weit in die in den Markt einmündenden Straßen hinein. In den vordersten Reihen, dem Rathause zunächst, standen die Mitglieder der ehrbaren Geschlechter, die zurzeit dem Rate nicht angehörten. Zu ihnen gesellte sich Jakob Topler, nachdem er vom Pferde gesprungen war. Er wurde durch manchen Zuruf begrüßt, und manche Hand streckte sich ihm entgegen, aber es war nicht viel Zeit, Rede und Gegenrede zu tauschen. Denn die Glocken verstummten, droben an den Fenstern erschienen die Häupter der gebietenden Ratsherren, und auf den mit Purpurteppichen geschmückten Altan traten drei Männer heraus. Der erste war der welsche Kardinal, ein kleiner, zierlicher Süditaliener, dessen schwarze Augen in dem gelben Antlitz eigentümlich leuchteten und funkelten. Hinter ihm tauchte die grobe, massive Bauerngestalt des Abtes von Heilsbronn auf, und endlich erschien, beide Kirchenfürsten weit überragend, der freien Reichsstadt Bürgermeister und Feldhauptmann, Heinrich Topler.

Er hielt ein Pergament in der Hand, und während der Kardinal und der Abt auf zwei Prunksesseln Platz nahmen, trat er dicht an das Geländer heran. Er winkte mit der Rechten, zum Zeichen, daß er reden wolle, und sogleich legte sich alles Gespräch und Geflüster, und lautlose Stille trat ein. Und nun hallte seine klare, kraftvolle Stimme über den weiten Marktplatz hin:

»Ehrbare Herren, Bürger und Männer von Rothenburg! Ihr wisset, wir verwahren in unserer Stadt ein Kleinod, um das uns deutsches und welsches Land beneiden. Das ist das Kristallglas mit dem heiligen und teuren Blute unseres Herrn und Seligmachers Jesu Christi. Viele Tausende frommer Pilger kommen jedes Jahr zu uns, um das große Heiligtum zu verehren. Aber ich dachte in meinem Gemüte: Sind's ihrer viele – es müssen noch mehr werden. Derhalben schickte ich heimlich zu unserem heiligen Vater in Rom, dem Herrn Papst Innocentius, dem Gott gnade. Und ich bat ihn in aller Demut, er wolle einen großen Ablaß spenden für alle, die nach Rothenburg zum heiligen Blute wallfahren. Da hat Gott das Gemüt unseres heiligen Vaters dahin bewegt, daß er der Bitte seines Knechtes Gehör gab. Und er hat unsere Stadt so hoch geehrt, daß er dem Herrn Kardinal, der nach Deutschland reiste, befohlen hat, uns seinen Segen und diesen Brief zu überbringen. Was in dem Briefe steht, das bitte ich den hochwürdigen Herrn Abt, euch verdeutschen zu wollen.«

Er wandte sich mit verbindlicher Gebärde an den Abt, und der entfaltete mit wichtiger Miene das Schreiben und las sehr langsam und oftmals stockend, aber mit schallender Stimme die lange Reihe der Ablässe und Indulgenzen, die Papst Innocenz allen denen verhieß, die nach der guten und getreuen Stadt Rothenburg pilgern, dort beten und opfern wollten.

Als er geendet hatte, hielt die tiefe Stille noch eine Sekunde an. Dann aber brach ein Freudengeschrei und Heilrufen aus, so tosend und brausend, wie es der alte Marktplatz wohl selten vernommen hatte. Denn jeder begriff, was das für Rothenburg bedeutete. Die Stadt war von altersher ein großer und berühmter Wallfahrtsort, ihr Reichtum beruhte zum guten Teil auf ihrem Zulaufe von Pilgern. Vor allen Dingen der riesige Weinbau, den die Bürgerschaft betrieb, wäre ohne die Scharen frommer Waller halb erträgnislos gewesen, sintemalen der Tauberwein zwar wohlschmeckend, aber wenig haltbar und versendbar war und an Ort und Stelle getrunken werden mußte. Nichts vermehrte demnach so sicher den Reichtum der Stadt, wie ein gesteigerter Zulauf von Pilgern, und wie mußten nun diese Ablässe wirken, bei denen zehn, zwanzig, ja hundert Jahre der Erlösung vom Fegefeuer gar keine Rolle spielten!

Jakob Topler hätte am liebsten die Nächststehenden vor Freude umarmt. Er erkannte ja klar, welch einen Meisterstreich sein Vater wieder einmal vollführt hatte. Das, was er hier getan, mußte ihm die Gunst des Volkes sichern auf lange Zeit. Mochten nun auch seine vornehmen Feinde gegen ihn hetzen und wühlen, mochte immerhin ein gehässiger Kampf entbrennen um den Bürgermeisterstuhl von Rothenburg, – wenn die Bürgerschaft hinter Heinrich Topler stand wie bisher, so konnten es die Geschlechter kaum wagen, den Liebling des Volkes seiner Würde zu entkleiden.

Daß auch in anderen Hirnen derartige Gedanken kreisten, ward ihm deutlich, als er den Blick zum Rathause erhob. Dort standen am offenen Fenster ihm gerade gegenüber die Geschlechterherrn Peter Creglinger und Hans Offner, beide, wie er wußte, Feinde seines Vaters. Er sah, daß sie bleich geworden waren und bemerkte wohl die bestürzten Blicke, die sie einander zuwarfen.

Während er noch die beiden voller Schadenfreude betrachtete, erhob sich droben der Legat des Papstes, streckte die Arme aus und sprach über die Menge im Namen des heiligen Vaters lateinisch den Segen. Alles sank auf die Knie, und es entstand augenblicklich dieselbe Stille wie vorher.

Darauf zogen sich die Herren droben zurück und erschienen wenige Minuten später, gefolgt vom Rate, unter dem Portal des Rathauses. Dort stand eine Sänfte bereit für den Kardinal, der im Deutschherrenhof die Abendmahlzeit einnehmen und dort nächtigen wollte. Barhäuptig half der Bürgermeister dem Prälaten, der neben ihm wie eine geputzte Puppe aussah, in seine Kissen hinein, und an der Spitze des gesamten Rates gab er ihm das Geleit nach seinem Quartier.

Jakob Topler wußte, daß er heute seinen Vater nicht mehr sehen werde. Der durfte heute nichts anderes sein als regierendes Stadthaupt und mußte ausdauern bei den fremden Gästen, bis sie zur Ruhe gehen wollten. Und wenn auch der Kardinal nicht so aussah, als ob er lange beim Becher sitzen werde, so war die Trunkfestigkeit des Heilsbronner Abtes um so unzweifelhafter.

So drängte sich Jakob an seinen Schwager Wernitzer heran, der als der jüngste unter den letzten im Zuge der Ratsherren schritt und ihn freudig begrüßte. »Sage meinem Vater, Kaspar, daß ich da bin!« raunte er ihm zu. Dann ergriff er sein Roß am Zügel und schritt nach dem nahegelegenen hochgiebligen Hause zum güldenen Greifen in der Schmiedegasse, das sein Vater bewohnte.

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