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Der König von Rothenburg

Paul Schreckenbach: Der König von Rothenburg - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Schreckenbach
titleDer König von Rothenburg
publisherStaackmann
year1930
firstpub1930
senderwww.gaga.net
created20050712
projectid19fef3f3
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XI.

Heinrich Topler hatte sich in seine Schreibstube eingeschlossen, erschien nicht zur Mittagsmahlzeit und ließ keinen Menschen zu sich herein. Er konnte mit niemandem reden, und kein Mensch konnte ihm einen Rat geben, auch der Vertrauteste nicht. Was jetzt zu tun sei, mußte er ganz allein entscheiden.

Soviel stand fest: Auf das Volk konnte er sich nicht mehr stützen, die Stimmführer der Bürgerschaft, die einflußreichsten Männer, denen die anderen zu folgen pflegten, waren zum größten Teil zu seinen Widersachern übergegangen. Wahrscheinlich hatten die Ehrbaren Geld zusammengeschossen, um sie dadurch für sich zu kaufen, und bei den meisten war ihnen das gelungen.

Einen Augenblick fuhr ihm der Gedanke durchs Hirn, seinen eigenen Reichtum ins Feld zu führen und sie zu überlisten, aber er ließ ihn sogleich wieder fallen. Er war doch schließlich nur einer gegen die vielen, und wenn er seine Kinder zu Bettlern machte, so half ihm das wahrscheinlich nicht das geringste.

Aber welcher Haß und welche Erbitterung gegen ihn mußte in den Seelen dieser Leute leben, wenn sie zu solchem Mittel griffen! Hätte er's nicht längst schon gewußt, so hätte ihm das deutlich zeigen müssen, was ihm von ihrer Rache bevorstand. Ein anderer konnte nach Niederlegung seiner Ämter ruhig und unangefochten in Rothenburg leben, er nimmermehr. Hatte er die Macht nicht mehr in der Hand, brauchten sie ihn nicht mehr zu fürchten, so würden sie ihn anklagen um all dessen willen, was er im Laufe der langen Jahre eigenmächtig für die Stadt getan hatte. Es war ja mancherlei darunter, was nicht zum Nutzen ausgeschlagen war. Daraus würden sie ihm einen Strick drehen, und der giftigste Haß würde über ihn das Urteil sprechen.

Wollte er also die Herrschaft und das Leben behalten, so blieb ihm nur noch der Burggraf.

Er sprang auf, und seine Augen sprühten. Ja, der blieb ihm noch. Er brauchte nur einen Vertrauten nach der Kadolzburg zu senden, so stand in einer der nächsten Nächte Friedrich von Nürnberg mit ein paar hundert Pferden vor dem Rödertore. Am Morgen wachten dann die Rothenburger als burggräfliche Untertanen auf, er leistete den Huldigungseid und war von der Stunde an zwar Vasall des Zollern, aber auch erblicher Herr der Stadt und ihres Gebietes. Dann wurden seine Feinde vertrieben, ihre Güter eingezogen, und der gemeine Mann ließ sich vielleicht für die neue Ordnung der Dinge gewinnen oder wurde durch die Furcht im Zaume gehalten. Dann konnte er endlich einmal reinen Tisch machen mit denen, die ihn seit Jahrzehnten befeindeten und alles, was er je getan hatte, mit ihrem Neide verfolgten und mit übler Nachrede begeiferten. Der Burggraf, das wußte er, würde ihm freie Hand lassen, er würde ihn nicht wie einen Vasallen halten, sondern wie einen vertrauten Freund, und kein Mensch würde im Rate des Fürsten auch nur annähernd so viel gelten wie Heinrich Topler von Rothenburg.

Freilich ein Vasall war und blieb er dann trotz alledem. Die Tage waren vorbei, da er sich in übermütigem Trotze einen König von Rothenburg hatte nennen dürfen. Aber sie waren ja auch dann vorüber, wenn er sich dem Burggrafen nicht unterwarf, ja dann wurde erst recht die Krone, die er getragen, herabgerissen von seinem Haupte, und sein Königsmantel ward unter dem Gespött des Pöbels von seinen Feinden zerfetzt und in den Kot getreten. So blieb er doch wenigstens hier der Herr und sein Sohn nach ihm, und hatten nicht schon wirkliche Könige ihre Krone von anderen, Mächtigeren zu Lehen genommen?

Nur ein paar Federzüge kostete es ihn, dann war die Rache an seinen Feinden und die Herrschaft über die Stadt in seine Hand gegeben. Und nach beiden schrie seine Seele.

Wie ein wilder Sturm brausten Zorn und Rachedurst und Machtbegier in seinem Innern auf, es war ihm, als lege sich ein blutroter Nebel über seine Augen, und mit einem harten, steinernen Ausdrucke in seinem Antlitz streckte er die Hand nach der Schreibfeder aus, die auf dem Tische lag.

Aber plötzlich sank sie schlaff zurück, und er starrte entsetzt nach der Tür hin. Er hatte offenbar in seinen überreizten Sinnen eine Vision, denn der da hereintrat, war kein Mensch von Fleisch und Blut, der schwere Eisenriegel lag ja vor der Pforte. Dennoch sah er mit einem Male seinen Freund Peter Northeimer vor sich stehen, den Treuesten seiner Treuen, den Wann ohne Falsch, den er werter hielt als irgendeinen anderen in der Stadt. Der blonde Riese trat vor ihn hin, und seine Augen ruhten auf ihm in qualvoller Trauer und zugleich mit einer furchtbaren Verachtung. Und es war ihm, als kämen Worte aus dem Munde der Erscheinung, die lauteten: »Heinz Topler, hast du auch an uns gedacht, an deine Freunde, deine Verwandten? Wir sind freie Bürger, willst du uns zu Knechten machen? Wir haben dir vertraut, wir haben dich hoch gehalten, du warst unser Führer und Hort und willst uns nun verraten? Und hast du derer gedacht, die nach uns kommen, unserer Kinder und Kindeskinder? Dein Blut und unser Blut – willst du es zu Herrenfrohn bestimmen? Und, Heinrich Topler, hast du deiner Eide gedacht? Hast du vergessen, was du der Stadt geschworen in Sankt Jakobi? Treu warst du dein Leben lang deinen Freunden und deiner Stadt, willst du nun treulos und meineidig werden?«

Der Bürgermeister starrte mit verglasten Augen die Erscheinung an, bis sie vor seinen Blicken in Luft verschwamm. Dann stieß er einen wilden Schrei aus und stürzte besinnungslos zu Boden.

Als er nach einigen Minuten wieder zu sich kam, erhob er sich schwerfällig und setzte sich auf seinen Stuhl. Von neuem begann er nun nachzudenken über seine Lage, aber was ihm eben noch wie ein gangbarer Ausweg erschienen war, das dünkte ihm jetzt mit einem Male völlig unmöglich zu sein. Ein Entsetzen befiel ihn über sich selbst, daß er sich bis zur Untreue und zum Verrate in seinen Gedanken hatte verwirren können. Nein, dazu war er, Heinrich Topler, doch nicht imstande, er konnte das stolze Werk seines Lebens nicht selbst wieder halb zertrümmern, indem er die freie Reichsstadt, die er so hoch erhöht hatte, zur Magd eines Fürsten machte. Noch weniger konnte er meineidig und untreu werden. Er hatte im Laufe seines Lebens manches getan, was schwer auf seiner Seele lag, aber jederzeit war das sein Stolz gewesen und seine Rechtfertigung vor sich selbst, daß er alles getan habe zu Ehr und Nutzen seiner Stadt. So sollte es bleiben, mit diesem Bewußtsein wollte er sterben, wenn gestorben sein mußte. Viel besser als ein durch Treulosigkeit geschändetes Leben war doch der Tod, und der war überdies wohl noch zu vermeiden. Es gab einen Ausweg, der allerdings den völligen Verzicht auf Rache wie auf Herrschaft bedingte: Er mußte stadtflüchtig werden. Und so hart es ihn ankam, er wollte auch dieses größte Opfer darbringen für seine Stadt.

Mit blitzenden Augen stand er auf. Er hatte sich selbst wiedergefunden, ja er wuchs über sich selbst hinaus in dieser Stunde. Alles, was groß und edel in ihm war, keimte empor, breitete sich aus, rankte höher und höher hinauf, trug Blüte und Frucht und überwucherte und erstickte alles Eigensüchtige und Kleine in seiner Seele. Nie hatte er sich so stolz und groß gefühlt wie in diesem Augenblicke, da er sich zu dem Entschlusse durchgerungen hatte, aller äußeren Größe zu entsagen.

Mit festen Schritten ging er zur Tür, rief den Knecht und befahl ihm, zu seinem Sohne und Schwiegersohns zu gehen und sie herbeizuholen.

»Sie warten schon lange unten,« ward ihm zur Antwort.

»So sage ihnen, sie sollten mit meiner Frau zu mir kommen,« befahl er.

Als die Gerufenen erschienen waren, gebot er ihnen, sich niederzusetzen und ihn anzuhören. Er lehnte sich an den großen Kachelofen ihnen gegenüber und begann zu sprechen, ruhig, als rede er über eine gleichgültige Angelegenheit. Er legte ihnen seine Lage dar, zeigte ihnen, wie er zurzeit von seinen Feinden bedrängt und bedroht werde, und wie er ohne blutigen Kampf, dessen Ausgang noch dazu wahrscheinlich ungünstig sein werde, die Herrschaft in der Stadt nicht behaupten könne. Nur vom Burggrafen erwähnte er kein Wort, damit nicht etwa sein Sohn iu ihn dringe, die Hilfe des Fürsten anzurufen, denn er kannte seinen Ehrgeiz und ebenso seine Liebe zu ihm. »Nach dem allen«, so schloß er seine Rede, »sehe ich ein, daß es das Beste ist, wenn ich aus der Stadt weich«. Ich könnte nach Ulm, nach Augsburg, nach Nördlingen gehen, ja, es würde mir wohl keine Gemeine die Aufnahme weigern. Aber Nürnberg liegt mir am nächsten und dort habe ich die festesten Freunde. So bin ich denn entschlossen, nach Nürnberg zu ziehen.«

Hier schrie sein Sohn laut auf, und seine Frau stürzte auf ihn zu und umschlang ihn mit heißen Tränen. »Fort von hier, wo wir so glücklich waren?« rief sie. »Das hältst du nicht aus, Mann, darüber gehst du zugrunde.«

»Ich bin von hartem Holze,« erwiderte er, »und gehe so leicht nicht zugrunde. Auch will ich euch sagen, daß ich nicht ohne Hoffnung gehe. Es ist noch nicht aller Tage Abend, und kommt Wenzel ins Reich, so wird vieles anders. Aber selbst wenn er nicht käme, hier, das weiß ich, gehen die Dinge nicht lange gut ohne mich. Bliebe auch der Friede erhalten, im Innern wird Unfriede sein, sobald ich fort bin. Da bricht der Streit los zwischen den Geschlechtern und denen von den Gemeinen, und wer weiß, ob sie mich nicht zurückholen. – Wenn das Geld verausgabt ist, um das sie mich jetzt verraten,« setzte er bitter hinzu.

Dann wandte er sich zu den beiden jungen Männern, die wie betäubt dasaßen und ergriff sie bei den Händen. »Tragt das Geschick, wie es tapferen Männern ziemt,« sagte er. »Du, Kaspar, bleibst ruhig hier in Rothenburg, es wird dich niemand anfechten. Dagegen du, Jakob, mußt freilich zunächst mit uns gehen, denn dir sind viele feindlich wie mir selbst. Aber sei getrost, es wird nicht allzu lange währen, dann kehrest du zurück.«

»Ohne dich, Vater, nimmermehr! Ach, gibt es wirklich kein Mittel, uns hier zu halten wider unsere Feinde?«

»Keins, das wir mit Ehre gebrauchen dürften,« erwiderte der Bürgermeister ernst. »Und nun lasse das Klagen, das doch nichts mehr nützt. Wir wollen beraten, was wir tun müssen.«

Bis in die Nacht saßen darauf die vier beisammen und besprachen sich darüber, was nun zu tun sei. Die Absicht, nach Nürnberg überzusiedeln, mußte strengstes Geheimnis bleiben, denn wenn die Feinde den Plan erfuhren, so war eine schnelle Gewalttat von ihnen zu befürchten. Sonst erschien es wenig wahrscheinlich, daß sie vor dem Termine der neuen Ratswahl die Sache auf die Spitze treiben würden, denn die Niederwerfung ihres Gegners war ohne Frage für sie viel leichter und ungefährlicher, wenn er nicht mehr Bürgermeister und Feldhauptmann war. So bestimmte Heinrich Topler den Montag nach Palmarum, den achten April, zum Tage der Flucht. Bis dahin sollten Geld, Schmucksachen, wichtige Dokumente, und was sonst des Mitnehmens wert war, in unauffälliger Weise aus der Stadt gebracht und in Nürnberg bei Freunden niedergelegt werden.

Sofort am anderen Tage begann der Bürgermeister, diesen Plan in die Tat umzusetzen. Er selbst ritt nach Nürnberg und besprach sich mit einigen Vertrauten und kehrte am anderen Tage mit der Zuversicht heim, daß man ihn in der mächtigen Bruderstadt mit der größten Freude aufnehmen und wohl bald ihm einen Sitz im Rate einräumen werde. Darauf ritten in den nächsten Wochen Jakob Topler und Kaspar Wernitzer hin und wieder mit gefüllten Satteltaschen aus der Stadt, schlugen den Weg nach Würzburg ein oder Dinkelsbühl, landeten aber jedesmal in Nürnberg und kehrten unangefochten von dort zurück. Die Feinde in der Stadt rührten sich nicht, sie schienen in Wahrheit nicht die Absicht zu haben, vor dem ersten Mai einen Schlag zu führen, und an ein Entweichen des Verhaßten dachten sie offenbar gar nicht.

So sah es aus, als sollte der in aller Stille vorbereitete Plan gelingen. Da, am Freitag vor Palmarum, trat Kaspar Wernitzer sehr aufgeregt in seines Schwiegervaters Wohngemach ein. Es dunkelte schon stark, und die Lichter waren eben augezündet worden, so daß dem Bürgermeister die Verstörtheit im Aussehen des jungen Mannes nicht entging.

Eine böse Ahnung durchzuckte sein Hirn. »Was ist geschehen?« fragte er hastig.

»Ich ging eben an des Seehöfers Hause vorüber, Vater, da stiegen zwei von ihren Pferden. Der eine war ein Knecht, der andere aber – ich müßte mich sehr getäuscht haben, wenn das nicht der Kämmerer war, der den König im Sommer hierher begleitete.«

»Der Weinsberg?« rief Topler und atmete auf. »Daran ist nicht zu denken, Kaspar. So mächtig ist dieser König nicht, daß sich sein Kämmerer ohne freies Geleit in unsere Stadt dürfte wagen. Und freies Geleit ist nicht nachgesucht und nicht gewährt worden. Ich danke dir, aber gehe ruhig heim.«

Noch eine andere Warnung flog den Toplern ins Haus.

Frau Agnes wollte um die Mittagsstunde des folgenden Tages eben in das kleine Ziergärtlein gehen, das hinter ihrem Hofe lag, um nach den Veilchen zu sehen und schritt deshalb die Treppe zur Toreinfahrt hinab. Da blieb sie plötzlich stehen und wurde blaß. Sie sah, wie eine hohe Frauengestalt durchs Hoftor verschwand, und sie hatte das weiße Gewand der Dominikanerinnen erkannt.

Es flirrte ihr vor den Augen, und ihre Hände krampften sich zusammen. Eine Schande war's, wie diese Nonnen leben durften, und daß es ihnen überhaupt erlaubt war, am Tage in der Stadt umherzulaufen! Und eine unerhörte Frechheit war's, daß dieses Weib es wagte, in das Gehöft einen Fuß zu setzen, in dem Jakob Topler mit seiner Ehefrau lebte! Natürlich hatte sie ihn gesucht, das ehrvergessene, schamlose Geschöpf, nun war sie davon geschlüpft, als sie sein Weib kommen sah.

Noch stand sie in solchen Gedanken, da trat der Knecht auf sie zu und hielt ihr ein Brieflein entgegen. »Das soll ich dem Herrn geben,« sagte er.

Sie riß ihm das Blatt aus der Hand. »Von wem?« herrschte sie ihn an.

»Von der frommen Schwester.«

»Du hast gesagt, daß der Herr in Nürnberg ist?«

»Und daß er des Abends erst wiederkommt,« versetzte der Knecht.

Agnes begab sich in ihr Gemach zurück und schleuderte den versiegelten Pergamentstreifen hohnlachend auf den Tisch. »Da mag er die Botschaft darin finden. Ich rühre sie nicht an, will sein schmutzig Geheimnis nicht wissen. Aber bei ihm bleiben will ich auch nicht!« Und wie irrsinnig wirtschaftete sie in ihren Gemächern umher, öffnete Kisten und Kasten und nahm allen möglichen Kram heraus, packte ihn zusammen und wickelte ihn dann wieder auseinander. So trieb sie's Stunde für Stunde und achtete es nicht, daß darüber der Tag hinging und das Abenddunkel herniedersank.

Plötzlich schrak sie auf. Der helle, scharfe Ton einer Glocke klang aus der Ferne an ihr Ohr. Das erinnerte sie an die Stunde, da sie zum ersten Male Kunde erhalten hatte von dieser Armgard, die nun ihr Leben vergiftet hatte. Es war ihr, als hörte sie wieder die Liebesbeteuerungen ihres Mannes, die falschen, gleißnerischen Worte, die sie betört hatten. Da lachte sie noch einmal gellend auf, warf sich auf ihr Bett und starrte mit brennenden Augen zur Decke empor.

Noch ein anderer war bei den Tönen dieses Glöckleins erschrocken aufgefahren, ihr Schwiegervater, der Bürgermeister. Die Ratsglocke – wer läutete die jetzt am Abend? Was sollte das bedeuten? Es mußte eine sehr gewichtige Ursache haben, wenn sie der Bürgermeister des äußeren Rates oder einer der Ratsherren anschlagen ließ zu so ungewöhnlicher Stunde. Nur wenn der Stadt eine schwere Gefahr drohte, war das erlaubt; wer ohne Not die Glocke läuten ließ, verfiel in schwere Geldstrafe.

So mußte denn sich etwas Großes, Folgenschweres ereignet haben, wovon er noch nichts wußte, und er vergaß, daß er übermorgen dieser Stadt den Rücken kehren wollte, er dachte nur daran, daß ihr wahrscheinlich eine Gefahr drohe, und daß er da auf seinem Posten sein müsse. Er kleidete sich hastig an, warf den Mantel über, stülpte sich die Mütze aufs Haupt und ohne den Seinen Lebewohl zu sagen, eilte er nach dem Rathause.

Als er den Hof betrat, der sich vor dem Eingange zum großen Saale ausdehnte, sah er zu seinem höchsten Erstaunen, daß der ganze Platz mit Menschen angefüllt war. Es wären lauter Ehrbare, meist jüngere Männer, Söhne und Brüder der Herren vom Rate, die da drinnen tagten.

Befremdet und entrüstet blickte er sich um, denn es war streng verboten, daß sich jemand bei währender Sitzung vor den Türen des Rathaussaales herumtrieb. Rauh und heftig fragte er daher einen, der ihm zunächst stand: »Was soll das, Ernst Offner? Was sucht ihr hier?«

Der lange, semmelblonde Lümmel grinste ihn höhnisch an und spuckte aus, gab aber keine Antwort, während ringsum ein lautes, dumpfes Murren erscholl.

Zornig faßte ihn der Bürgermeister an der Brust. »Willst du antworten, junger Laffe?« schrie er ihn an.

»Drauf! Packt ihn!« brüllte der Lange und umklammerte Toplers Hand. Ein anderer faßte ihn von hinten und riß ihn nieder, drei, vier warfen sich im Nu auf den Liegenden, hielten ihm Arme und Beine fest und banden ihm die Hände mit Stricken zusammen.

Das alles war blitzschnell geschehen, und der Bürgermeister hatte dabei nicht einen Laut ausgestoßen. Er war in die Falle gegangen, von Feinden rings umgeben – was sollte er schreien und um Hilfe rufen?

Sie zerrten ihn die Stufen empor, die Türen des Saales flogen auf, und man stieß ihn hinein. Sein erster Blick fiel auf Northeimer und Spörlein, die an Händen und Füßen gefesselt am Boden lagen. An seinem Platze aber stand Walter Seehöfer und neben ihm, ganz in Eisen gekleidet, der königliche Kämmerer von Weinsberg.

Man drängte den Bürgermeister vorwärts, bis er dicht vor Seehöfer stand. »Heinrich Topler,« rief der mit funkelnden Augen und schneidender Stimme, »du bist der Felonie angeklagt!« Er wies auf zwei Schriftstücke, die auf dem Tische lagen. »Briefe von dir an Wenzel, den Böhmen! Bekennst du, daß du sie geschrieben hast?«

Topler warf seinem Feinde einen Blick zu, unter dem dieser zusammenzuckte. Dann wandte er sich an den Ritter und sprach, noch keuchend von dem Kampfe, der vorausgegangen war: »Ob ich schuldig bin wegen meiner Schreiben an Wenzel, das zu urteilen, steht dem Könige zu, und ich bin bereit, dem Gerichte des Königs darauf zu antworten. Diesem Schurken hier antwort' ich nicht mit einer Silbe.«

»Toplerl« kreischte Seehöfer wütend. »Hüte dich! Es liegen auch andere Dinge gegen dich vor, die vor der Stadt Gericht gehören. Du hast die Stadt genug geschädigt dein Leben lang.«

Der Bürgermeister lachte grell auf. »Geschädigt? Ehrbare von Rothenburg, es sind viele unter Euch, die graue Haare tragen. Sie wissen, was diese Stadt war, bevor ich aufkam, und was sie jetzt ist. Und noch viel größer stände sie da, hätt' ich gekonnt, wie ich wollte. Aber Euer Haß, Euer Neid, Eure Feigheit–- –- –-« er kam nicht weiter, denn ein ungeheurer Tumult erhob sich. Geschrei, Flüche und Verwünschungen erschollen von allen Seiten, manche drangen sogar mit erhobenen Fäusten auf den Gefesselten ein.

»Ratsgesellenl« rief Seehöfer, als der Sturm sich etwas gelegt hatte. »Seid Ihr's zufrieden, daß wir diesen hier und seine Kumpanen in das Ratsgefängnis legen?«

»Jawohl. Fort mit den Verrätern!« schrie es von allen Seiten. Noch einmal richtete sich Topler auf und versuchte zu reden, aber er ward niedergebrüllt und vermochte sich nicht mehr verständlich zu machen. Da preßte er die Lippen fest aufeinander und ließ sich, ohne Widerstand zu leisten, hinab in den Kerker führen.

Als die Tür hinter ihm ins Schloß gefallen war, da wurde es still im Saale und immer stiller, bis zuletzt ein drückendes Schweigen über der ganzen Versammlung lag. Die Ehrbaren sahen sich gegenseitig verwirrt und verdutzt an, als käme ihnen die ungeheure, verhängnisvolle Tat, die sie eben vollbracht hatten, jetzt erst zum Bewußtsein.

Da erklang scharf und durchdringend die Stimme des Edeln von Weinsberg: »Diese Abführung, Ihr Herren, kann nur eine vorläufige sein, und hütet Euch ja, Euch an dem Manne zu vergreifen! Er gehört vor des Königs Gericht, denn gegen das Reich hat er gefrevelt.«

»Seid versichert,« erwiderte Seehöfer mit einem bösen Lächeln, »wir werden ihn dem Geschicke nicht entziehen, das er verdient. Aber nun auf, Offner und Eberhardt, zu des Goldschmieds Haus und zu Wernitzer! Heute werden alle Topler festgesetzt und die zu ihnen halten. Den letzten fangen wir in ein paar Stunden unterm Rödertore, wenn er von Nürnberg heimkehrt.«

Während das alles geschah, hatte Frau Agnes Topler in einem seltsamen Zustande auf ihrem Lager gelegen. Wachte sie oder träumte sie? Waren die wirren, schreckhaften Bilder, die an ihrem Geiste vorüberzogen, Wirklichkeit, oder waren sie Ausgeburten eines kranken Hirns? Sie war doch wohl krank, denn zum mindesten das Bild, das jetzt vor ihren Augen stand, konnte unmöglich Wirklichkeit sein. Es war ihr, als öffne sich die Tür und als erscheine in ihrem Rahmen die hohe Gestalt ihrer tödlich verhaßten Feindin, blickte sie finster und drohend an und schritt langsam ihrem Lager näher.

Mit einem Schrei fuhr sie empor, und gleich darauf stand sie auf den Füßen und streckte wie zur Abwehr beide Hände vor sich hin. Denn es war kein Traum, kein Spuk – Armgard Seehöfer stand vor ihr.

Die beiden Frauen blickten sich schweigend an, als fürchteten sie sich voreinander. Dann fragte die Nonne: »Habt Ihr Euren Mann gewarnt? Ihm mein Brieflein nachgesandt?«

»Gewarnt? Wovor? Was redet Ihr? Mein Mann ist in Nürnberg, kommt diese Nacht zurück!«

»Das wolle Gott nicht, daß er diese Nacht zurückkommt! Er würde dann in seiner Feinde Hände fallen.«

Frau Agnes schaute sie schreckenstarr an. Was um Gottes willen sollte das bedeuten? Ihre eifersüchtige Wut war mit einem Male einem großen Angstgefühl gewichen. »Ich verstehe Euch nicht,« stammelte sie.

»Ich schrieb doch auf den Brief, daß Ihr ihn müßtet sogleich nachsenden, denn ich wußte wohl, daß Jakob Topler verritten sei.«

»Ich habe Euren Brief nicht angesehen, drin liegt er auf dem Tische.«

Armgard trat einige Schritte zurück und ward noch bleicher, als sie schon war. »So ist er verloren,« murmelte sie. Dann schrie sie laut: »Unglückliche! O über Eure blöde Narrheit! Wisset, heute geht's zu Ende mit den Toplern in Rothenburg, Euer Schwiegervater ist gefangen und alle, die ihm versippt sind. Euren Mann wollen sie greifen, wenn er heimkehrt. O mein Gott! Meint Ihr, ich will etwas von Jakob Topler? Ich wollte nur, daß der einzige Mann, den ich jemals geliebt habe, nicht im Kerker verfault oder gerichtet wird.«

Agnes war in die Knie gesunken und blickte mit weitgeöffneten Augen zu ihr empor. Zu reden vermochte sie nicht.

»Die Stadt ist verwahrt,« sagte Armgard nach einer Weile. »Es kommt keiner mehr heraus. Aber es gibt noch einen Weg, ihn zu retten.« Damit wandte sie sich und eilte hinaus.

Agnes lag noch immer auf ihren Knien, zermalmt von Scham und Reue. Wie Schuppen fiel es von ihren Augen: Sie hatte klein, erbärmlich sich gezeigt, niedrig gedacht von ihrem Manne und diesem Mädchen, das höher stand als sie selbst, und nun kam die Strafe. Durch ihre wahnsinnige Eifersucht hatte sie es verschuldet, daß die Jungfrau, die ihre Kindespflicht verletzte, die Gesetze ihres Klosters übertrat und ihren tödlich verwundeten Stolz überwand, um den Mann ihrer Feindin zu retten, nun das alles vergebens getan hatte. Aber vielleicht war es doch noch nicht zu spät! Vielleicht hatte der Himmel Erbarmen und nahm die Schuld von ihr, mit der sie nicht leben konnte.

Sie stand auf und wollte ihr nachstürzen, aber sie kam nicht weiter als bis auf den Vorsaal, dort sank sie schreiend zusammen.

Ihre Dienerinnen kamen erschrocken herbeigelaufen. »Ursel,« sagte die alte, erfahrene Gertrud, »hilf mir die Frau aufs Bett tragen. Und du, Margarete, springst zur Wehmutterl«

Unterdessen war Armgard zum nahen Rödertore geeilt. Etwa dreißig Schritte abseits davon befand sich ein kleiner Mauerturm, der einem steinernen Bienenkorbe ähnlich sah. Sie wußte von ihren Kinderjahren her, wie man hinaufgelangte, und klomm die Stiegen empor. Droben kniete sie nieder und betete immer wieder vor sich hin: »Heilige Mutter Gottes, hilf mir, daß mich niemand findet!«

So saß sie wohl eine Stunde und länger. Die rohen Scherze der Knechte drangen zu ihr herauf, dann sah sie, wie Seitz Eberhardt und viele andere Ehrbare mit Windlichtern herbeikamen.

Kurz darauf erklang von draußen der Hufschlag mehrerer Pferde.

»Lasset ihn herein und dann über ihn!« gebot Eberhardt.

Drüben jenseits des Grabens hielten die Reiter. »Wer ist da?« rief eine verstellte Stimme vom Tore her.

Aber ehe der jenseits Haltende antworten konnte, erklang es laut und hell von der Mauer: »Jakob Topler, rette dich, dein Vater ist gefangen, du kannst ihm nicht helfen. Sie wollen dich greifen, rette dich!«

»Ha! Armgard, Dank!« rief Jakob, wandte auf der Stelle sein Roß und jagte mit seinen, beiden Knechten zurück in die Nacht hinein.

Ein furchtbarer Lärm erhob sich drunten. »Was ist das? Verräter?« schrie es durcheinander, und einer der Knechte warf mit wildem Gebrüll seinen Spieß dahin, von wo der Ruf erklungen war. Er fuhr durch eine Mauerluke und bohrte sich der Jungfrau mitten in die Brust. Mit einem dumpfen Wehelaut fiel sie rücklings nieder.

Nun kam der Ratsherr Eberhardt die Stufen empor mit einem Lichte in der Hand und entblößtem Schwerte. Er beugte sich über die Liegende, fuhr aber entsetzt zurück. »Armgard! Mein Patenkind!« schrie er auf.

»Seyfried Eberhardt,« sagte die Sterbende, »mein Vater soll mir verzeihen. Ich konnte nicht anders. Und übe Christenpflicht, und sage der Frau, daß ihr Mann gerettet ist.«

Voller Schrecken und Trauer gelobte ihr das der Ratsherr.

Aber zu Frau Agnes Topler konnte er nicht vordringen. Während Armgard starb, war sie eines Knäbleins genesen und lag nun erschöpft in tiefer Bewußtlosigkeit.

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