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Der König von Rothenburg

Paul Schreckenbach: Der König von Rothenburg - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Schreckenbach
titleDer König von Rothenburg
publisherStaackmann
year1930
firstpub1930
senderwww.gaga.net
created20050712
projectid19fef3f3
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IX.

Im Taubergrunde wurden die Mühlen wieder aufgebaut, die das feindliche Heer verbrannt hatte. Man wagte allerdings vorderhand nur Notbauten auszuführen, in denen die notwendigsten Arbeiten des Mahlens und Schrotens von der Kraft des Wassers verrichtet werden konnten. Die Müller und ihre Familien mußten immer noch droben in der Stadt wohnen, wo sie eine Zuflucht gefunden hatten. Denn so schnell dem Abzuge des Burggrafen der Waffenstillstand gefolgt war, so lange ließ der endgültige Friedensschluß auf sich warten. Es wurden Tagungen über Tagungen angesetzt, es wurden ungeheure Mengen von Tinte verbraucht, die Gesandten der befreundeten Fürsten und Städte ritten unablässig zwischen Rothenburg und der Kadolzburg, wo der Burggraf Hof hielt, hin und her und machten ihre Vorschläge, baten, drohten und mahnten. Vergebens – der Friede wollte nicht zustande kommen.

»Nur der Burggraf ist schuld daran,« sagten die Freunde Heinrich Toplers. »Er hat von der Stadt abziehen müssen und das Spiel verloren. Aber er will die Leute glauben machen, er sei dennoch der Sieger geblieben, und darum besteht er darauf, daß die Festen in seiner Hand bleiben sollen, die er erobert hat. Da hat er nun freilich die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Die Rothenburger wären schön dumm, wenn sie ihm die Schlösser lassen wollten, denn wir wissen ganz genau, daß er keinen Krieg mehr führen kann, sintemalen sein Geld und Kredit zu Ende ist.«

Kurz nach dem Abzuge des Feindes, als die Bürgerschaft im Hochgefühl des Triumphes schwelgte, erklang diese Weise fast in der ganzen Stadt, und wer anders dachte, der tat am klügsten, den Mund zu halten. Allein schon nach einigen Wochen schlug die Stimmung jählings um. Wan hatte eine Kommission gebildet, die aus sieben Ratsherren bestand und den Schaden abschätzen sollte, den die Stadt erlitten hatte. Die Herren ritten acht Tage lang umher und rechneten und notierten, und als sie zurückkamen, legten sie dem äußeren und dem inneren Rat ein Verzeichnis alles dessen vor, was der Stadt und den einzelnen Bürgern verbrannt und verwüstet war. Die Liste war noch nicht einmal vollständig, denn in die Nähe der vom Feinde besetzten Burgen hatten sie sich nicht gewagt, trotz des Waffenstillstandes. Aber schon stand fest, daß die Fehde der Stadt und der Bürgerschaft über Zweimalhunderttausend Gulden gekostet hatte.

Die Ratssitzung war geheim, in der das verhandelt ward, aber schon einige Stunden darauf wußte jedermann in Rothenburg, wie die Sache stand. Und nun hieß es mit einem Male: »Hätten wir dem Burggrafen die Schlösser geöffnet, die wir doch nicht halten konnten, so wären wir klug gewesen. Kriegen wir sie aber wieder, was haben wir dann? Steinhaufen und Trümmerhaufen, die wir mit schwerem Gelde wieder aufbauen müssen. Darum gebt sie ihm, auf daß Friede wird und der Krieg nicht etwa von neuem beginnt.«

So redeten die Bürger schon ganz laut in den Wirtshäusern, Herbergen und Trinkstuben. Daneben aber ging noch eine andere Rede, die man sich einstweilen nur scheu und verstohlen in die Ohren zu flüstern wagte. Die lautete: »Hätten wir den Topler nicht, so hätten wir niemals die Fehde gehabt, und daß noch kein Friede ist, daran ist niemand schuld, als der Bürgermeister ganz allein.« Offen zu sagen, wagten das vorläufig nur Walter Seehöfer und einige seiner Getreuen, aber derer, die ihnen das im geheimen nachsprachen, wurden mit jedem Tage mehr, und sie fanden sich nicht nur unter den Ehrbaren, sondern auch unter den Bürgern von der Gemeine. Ohne Frage hatten sie auch ganz recht mit ihrer Behauptung, denn der Rat wäre um des Friedens willen sogar zu einer größeren Gebietsabtretung bereit gewesen, wenn nicht der gewaltige Wille des einen Mannes jede Nachgiebigkeit immer wieder verhindert hätte.

Topler wußte ganz gut, daß die von seinen Feinden geschürte Mißstimmung gegen ihn immer weiter um sich griff, aber er war entschlossen, auszuhalten. Den Haß der Ehrbaren war er gewohnt, seit Jahren war ihm die Mehrzahl der Geschlechter feind, und wenn die Minderheit, die mit ihm ging, auch etwas mehr zusammen schmolz – was lag daran? An dem Tage, an dem ihre Feindschaft ihm unerträglich ward, rief er das Volk auf, und wenn er früher nur einen Teil der Zunftmeister in den äußeren Rat hatte bringen wollen, so erwog er jetzt, ob es nicht besser sei, die Hälfte oder Zwei Drittel der Ratsherren aus den Bürgern der Gemeine zu nehmen. Dieser Lockung, meinte er, würden sie auf keinen Fall widerstehen, und wenn also auch jetzt der gemeine Mann über die Steuern schimpfte, die nun kommen mußten, so schadete das nicht viel. Im Augenblicke der Gefahr hatte er die Bürgerschaft ja doch wieder in seiner Hand.

Auf keinen Fall wollte er nachgeben. Sein trotziger Stolz bäumte sich gegen diesen Gedanken ebenso auf wie sein scharfer Verstand, der ihm sagte, daß die Bedrängnis des Gegners noch größer sein müsse, als die der Stadt. Einen Krieg konnte nach seiner Berechnung der Burggraf in den nächsten Jahren nicht mehr führen, nahm er die Waffen wieder auf, so vermochte er nur noch kleine Raubzüge und Streifereien in das feindliche Gebiet zu unternehmen. Solch einen Kleinkrieg traute sich Topler lange auszuhalten und ihn schließlich siegreich zu beendigen. Doch bei solcher Unsicherheit vor einem erneuten Überfalle durch die burggräflichen Reiter gebot die Klugheit, nur das Allernotwendigste außerhalb der schützenden Mauern einstweilen wieder aufzurichten. Darum sah man zunächst davon ab, die verbrannten Hofstätten an der Tauber wieder aufzubauen. Die Mühlen dagegen brauchte man allzu nötig, als daß man mit ihrer Wiedererrichtung hätte warten können, bis Friede im Lande war, denn die eine Mühle in der Stadt genügte den Bedürfnissen der vielen Menschen in keiner Weise.

So hatte der Rat Holz und alle Gerätschaften ins Tal hinabschaffen lassen, und der regierende Bürgermeister verschmähte es nicht, die wichtigsten Arbeiten hin und wieder selbst zu besichtigen. Das tat er auch am Tage des heiligen Wenzeslaus, an dem man sonst in Rothenburg die Weinlese feierlich zu eröffnen pflegte, da die Trauben des roten Tauberweins in den letzten Septembertagen schon reif waren und des Gepflücktwerdens harrten. Ein trüber Schatten flog über Toplers Gesicht, als er beim Hinabsteigen ins Tal an den Jubel gedachte, der in den anderen Jahren heute herrschte, wie da fröhliche Rufe und helles Jauchzen von allen Bergwänden widerhallten und Buben und Mädchen schon das Reisig schichteten zu den Freudenfeuern, die nach Einbruch der Dunkelheit auf allen Höhen emporlodern sollten. Dieses Jahr gab's keine Freude, denn es gab keine Ernte. Die Weinberge waren von den Söldnern der Feinde zerhackt und verwüstet worden mit Ausnahme derer, die im Schutze der Stadtmauern lagen, und da wuchs nur saurer Wein.

Auch die beiden Bewaffneten, die dem Bürgermeister in einiger Entfernung folgten, schienen an die Bedeutung des Tages zu denken, denn mit finsteren Mienen machten sie sich hier und da auf besondere Zeichen der Verwüstung in den Rebgärten aufmerksam. Es waren die beiden alten und erprobten Diener Oler und Breitschwert, die ihn begleiteten, denn seit dem Mordversuche, dem sein Sohn um ein Haar erlegen war, ging Heinrich Topler nicht mehr allein aus.

Er begab sich zunächst zu der Stätte, wo die Fuchsmühle in Trümmern lag und sah zu, wie man die fast schon vollendete Mühlkammer mit Schindeln bedachte. Sein Schlößchen betrat er nicht, sondern wanderte dann weiter flußaufwärts, wo unter dem Herzacker unterhalb der Doppelbrücke gearbeitet wurde. Die Fortschritte, die er wahrnahm, erfreuten ihn, ohne freilich sein Gemüt wesentlich froher zu stimmen. Er fühlte sich vielmehr tief niedergedrückt, und als die Vesperglocke erklang und die Zimmerleute ihre Kappen abnahmen, da beschloß er, in das nahegelegene Kobolzeller Kirchlein einzutreten und sich im Gebet an den Heiligen zu wenden, den er vor allen anderen wert hielt.

»Ihr wartet draußen auf mich, und so mich einer sucht, meldet ihr mir's gleich!« gebot er seinen Knechten.

Als er in den heiligen Raum eintrat, sah er, daß schon ein anderer vor dem Altare kniete. Er vermochte zunächst den Betenden nicht zu erkennen, aber als er sein Auge an das rötliche Dämmerlicht gewöhnt hatte und schärfer hinblickte, ward er inne, daß es sein Sohn Jakob war. Geräuschlos setzte er sich auf eine Bank in der Nähe der Tür und wartete geduldig, bis der Kniende sein Gebet beendet hatte. Es dauerte lange, ehe Jakob sich erhob und auf seinen Stock gestützt, dem Ausgange zuschritt. Es war ihm heute von dem alten Medikus erlaubt worden, einen größeren Ausgang zu machen, fiel dem Vater ein, und diese Erlaubnis hatte er also benutzt, um hier seinem Schutzheiligen zu danken. Er ging schon wieder stramm aufrecht, und auf den Wangen schimmerte das Rot der Gesundung, aber seine Augen blickten düster, und um den Mund trug er einen Zug des Grames, den sein Vater vormals nie an ihm wahrgenommen.

In großer Bewegung stand er auf und eilte ihm entgegen. Der Anblick seines Sohnes schnitt ihm ins Herz, so daß er mit einem Male die eigenen Sorgen und Kümmernisse ganz vergessen hatte. »Jakob!« rief er mit gedämpfter Stimme, »was ist dir? Warum siehst du so traurig aus? Komm, setze dich hier zu mir! Wir sind ganz allein, und es wird uns schwerlich einer stören. So sage mir, mein Sohn, was dich so bedrückt!«

Er faßte ihn bei der Hand und zog ihn neben sich nieder, und als der junge Mann nicht gleich etwas erwiderte, fuhr er fort: »Es hat mich längst gedrängt, Jakob, mit dir etwas zu besprechen, woran ich, Gott weiß es, nicht gern rühre. Aber ich bin dein Vater und bester Freund. So hoff' ich, du wirst mir's nicht übel nehmen und offen gegen mich sein.«

»Frage nur, Vater,« gab Jakob müden Tones zur Antwort. »Ich bin gerade in der Laune, dir alles zu beichten, was du wissen willst.«

»So will ich dich kurz und bündig fragen: Wie stehst du jetzt mit deinem Weibe?«

Jakob heftete die düsteren Augen fest auf seinen Vater und erwiderte nach einer Weile: »Wenn ich das selber wüßte!«

»Was soll das heißen?'–

»Das soll heißen, sie ist mir ein Rätsel. Ach Vater, du hattest ja recht, wir haben auf einen Erben zu hoffen. Aber ich hatte wohl auch recht, wenn ich sagte: sie ist verhext. Denn ihr Zustand erklärt ihr wunderlich Wesen nimmer.«

»Und was tut sie? Wie ist ihr Wesen?«

»Veränderlicher, Vater, als das Wetter im April. Einmal weiß sie sich gar nicht zu lassen vor Liebe und Zärtlichkeit, dann sitzt sie wieder tagelang und schmollt und redet kaum ein Wort. Sie hat Verstand genug, daß sie sich sagen kann, wie närrisch sie ist, aber ihre Eifersucht ist stärker als ihr Verstand. Ich kann mir's nicht anders erklären, als daß Zauberei dahinter steckt. Sie wäre ja auch die erste nicht, der das geschähe.«

Es ward, während Jakob so redete, dem Bürgermeister immer weher ums Herz, und als sein Sohn nun schwieg, faßte er wieder nach seiner Hand. »Wie du mir leid tust, Jakob!« rief er schmerzlich. »Ach, es wäre mir jetzt ein abscheulicher Gedanke, mit dem alten Schuft, dem Seehöfer, verschwägert zu sein, aber ich glaube, du wärest mit der Armgard glücklicher geworden.«

»Nein, Vater, das glaube ich nicht. Die Armgard ist ein gutes, edles Mädchen und wird vielleicht einmal eine Heilige werden, aber danach fragt die Liebe nicht. Sie fällt, auf wen sie eben fällt. Und ob ich schon wüßt', daß eine andere besser wäre als mein Weib, ich könnte doch immer nur die eine lieben.«

Heinrich Topler erwiderte nichts. Er hielt nur mit beiden Händen seines Sohnes Rechte umfaßt und schaute bekümmert vor sich nieder. Nach einer Weile begann Jakob von neuem: »Es ist nicht allein ihre Eifersucht, mit der sie sich selber unglücklich macht und mich quält. In jüngster Zeit ist noch etwas anderes hinzugekommen, womit sie mir das Herz bedrückt.«

Der Bürgermeister blickte auf. »Was kann das sein?«

»Ich möchte dir's nicht sagen, Vater, denn es wird dir weh tun, wie mir's weh tut.« Er suchte nach Worten, ehe er, seinen Vater scheu von der Seite anblickend, fortfuhr: »Sie weint und seufzt oft viele Stunden lang, sie wolle fort von Rothenburg.«

Topler fuhr empor. »Wie? Fort von Rothenburg?« wiederholte er. »Wohin will sie denn?«

»Zurück nach Nürnberg möchte sie, und wenn ich sie wirklich lieb hätte, so müßte ich mit ihr ziehen, ist ihre Rede.«

»Natürlich! Der Mann zieht dem Weibe nach!« sagte Heinrich Topler grimmig. »Das wärs eine neue Mode. Und überdies, mein Junge, zeigt dies Verlangen, daß sie nicht die kleinste Ahnung davon hat, wie wir Topler zu Rothenburg stehen. Wenn die Wernitzer oder Haller oder wie sie sonst alle heißen, zwischen Nürnberg und Rothenburg hin und her ziehen, so ist das nicht weiter verwunderlich, sie könnten ja ebensogut nach Ulm oder Nördlingen oder Reutlingen gehen. Ein Topler aber hängt mit Rothenburg so fest zusammen, daß er sich von dieser Stadt nur lösen könnte, wenn die größte Gefahr und Todesnot ihn dazu zwänge. Und auch dann würde sein Herz hier bleiben, und er würde immer wieder hierher zurückstreben.«

»So ist es, Vater. Aber vielleicht geht's anderen Leuten auch so mit Nürnberg.«

Der Bürgermeister machte eine wegwerfende Gebärde. »Ich habe noch nichts davon bei anderen gesehen. Insbesondere die jungen Weiber, die hierher geheiratet haben, sind alle sehr schnell gute Rothenburgerinnen geworden. Warum sie nicht, die doch keine Eltern mehr daheim hatte?«

»Sie sagt, sie könne hier keine Freundin gewinnen, wo sie doch deren so viele gehabt habe in Nürnberg.«

»Warum schließt sie sich nicht mehr an Barbara an? Die ist ihr doch freundlich genug entgegengekommen?« fragte der Bürgermeister herbe.

»Sie sind wohl zu verschiedene Naturen, Vater.«

»Dann muß sie sich eine andere suchen. Es gibt ja junge Frauen genug in Rothenburg.«

»Sie sagt, sie habe es daran nicht fehlen lassen. Manche wären auch im Anfange liebreich zu ihr gewesen, aber seit einiger Zeit zögen sie sich fast alle von ihr zurück. Sie zu besuchen käme kaum eine noch, und käme sie zu einer, so wäre die so scheu und verlegen, daß sie am liebsten gleich wieder von dannen ginge. Manche wendeten schon auf der Straße den Kopf von ihr ab, auf daß sie des Grüßens enthoben seien.«

Während Jakob sprach, hatte ihn sein Vater unverwandt angesehen, und der Ausdruck seines Antlitzes war immer ernster und gespannter geworden. Er entgegnete eine lange Weile nichts, dann sagte er: »Ich würde das für Einbildungen einer Törin halten, aber gestern erzählte mir Kaspar, daß es seiner Frau, deiner Schwester, ähnlich ergehe. Sogar die Mutter, die so wenig aus dem Hause kommt, verwunderte sich, daß sie Kälte und Unfreundlichkeit gefunden, wo sie anderes gewohnt gewesen sei. Da nun unsere Frauen keinen Makel tragen auf ihrem Ruf, so muß dieses ganze Unwesen eine andere Ursache haben.«

»Die Ursache liegt am Tage, Vater,« versetzte Jakob bitter. »Unsere Partei unter den Ehrbaren wird immer kleiner. Ja, sie ist schon so klein geworden, daß ich die an den Fingern meiner Hände herzählen kann, die noch sicher zu uns halten. Wir sind von Feinden umgeben.«

»Ich denke, wir werden das ertragen, mein Sohn, und auch die Frauen müssen es ertragen bis zum Tage der Abrechnung.«

»Mich wundert nur, Vater, daß du diesen Tag so lange hinausschiebst, wo doch deiner Feinde immer mehr werden.«

»Doch nur unter den Ehrbaren, Jakob. Von denen weiß ich, daß sie im geheimen zusammenkommen in Seehöfers Hause und beim alten Häuptlein und neuerdings auch bei Seitz Eberhardt und Hans Offner. Aber laß sie! Wenn ich nur die Bürger für mich habe, und die habe ich.«

»Noch hast du sie, aber wer weiß, ob du sie behältst. Der Seehöfer ist neulich gesehen worden, wie er aus Veit Schmidts Hause kam, der Offner besucht häufig die Trinkstube der Sattler und steckt mit dem Otto Kräftlin zusammen.«

Topler lachte. »Veit Schmidt und Otto Kräftlin? Gerade die beiden wollen in den Rat, sie werden den Teufel tun und sich gegen mich kehren, der sie in den Rat bringen kann. Und das werde ich auch tun, denn ich habe meine Meinung und meine Pläne geändert. Ich wollte nur einige von den Gemeinen ins Rathans lassen, jetzt aber ruf' ich aus: Die Wahl ist frei, es kann jeder Ratsmann werden, der ein unbescholtener Bürger ist, und es gibt nur einen Rat, der aus dreißig Männern besteht, und den wählt die ganze Gemeine. Es ist doch gleich, wer im Rate sitzt. Die Ehrbaren haben gezeigt, daß sie eine feige Bande sind, die Gemeinen sind vermutlich nicht besser, es kommt nur darauf an, daß ich im Regimente bleibe, sonst wird Rothenburg wieder klein und hat nichts mehr zu bedeuten.«

Jakob war mit glänzenden Augen aufgestanden. »Das ist wahr!« rief er lebhaft. »Die Geschlechter müssen ganz und gar herunter, ihre Macht ist nur eine Kette an deinen Füßen. Aber mich dünkt, ohne Rumor wird das nicht abgehen, und es wird manch' einer aus der Stadt springen müssen!«

»Das denk' ich auch, und eben drum kann ich die Sache nicht anfangen bei währender Fehde. Aber dessen sei versichert: Wenn der Friede unterzeichnet ist, vergehen nicht drei Tage, bis daß ich die Zunftmeister zusammenrufe. Doch nun komm! Ich wollte hier beten, aber die Lust dazu ist mir vergangen.«

Die beiden verließen die Kapelle, und Topler begleitete seinen Sohn bis an die Tür seines Hauses. Dann begab er sich heim, denn die Dunkelheit brach an, und hie und da wurde schon Licht angesteckt hinter den Fenstern.

In der Tür seines Hauses stieß er mit einem zusammen. Es war ein Pilger, denn er trug ein braunes, härnes Gewand und einen Muschelhut, der das Antlitz gänzlich beschattete.

»Was suchst du hier, guter Freund?« redete ihn Topler an.

»Euch, Herr!« erwiderte der Pilger laut, und flüsternd setzte er hinzu: »Führe mich ins Haus, Heinz, ich bringe dir, was dir Freude machen wird.«

Topler faßte ihn, ohne ein Wort zu sprechen, an der Hand und zog ihn die Treppe empor. Er hatte ihn sofort erkannt. Es war der Ritter Johann von Rammberg, der zu den Vertrauten König Wenzels gehörte.

Droben in seiner Schreibstube ließ er ihn los. Der Ritter warf seinen Hut in eine Ecke und streckte dem Bürgermeister beide Hände entgegen. »Ich hoffe, Heinz, du wirst mich willkommen heißen!« rief er.

»Du bist mir immer willkommen, Hans, mein alter Freund. Aber wo kommst du her, und was bringst du mir?«

»Briefe von unserem Herrn, dem Könige. Er hat sich mit seinem Bruder Jobst versöhnt, die Bahn ist ihm frei, er kommt nach Deutschland.«

In Toplers Augen leuchtete es hell auf. »Freund!« rief er laut. »Ist das wahr? Der König kommt zu uns?«

»Er hat's gelobt, und die Briefe trage ich bei mir, die es seinen Getreuen künden.«

»Dann wird Rothenburg all seiner Bedränger ledig, und es kommt eine bessere Zeit. Gesegnet, Hans von Rammberg, sei deine Botschaft!«

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