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Der König von Rothenburg

Paul Schreckenbach: Der König von Rothenburg - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Schreckenbach
titleDer König von Rothenburg
publisherStaackmann
year1930
firstpub1930
senderwww.gaga.net
created20050712
projectid19fef3f3
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II.

Als das Morgenrot des folgenden Tages am Himmel erschien, ritt Jakob Topler mit vierzehn Pferden aus Nürnbergs Toren. Der junge Haller und ein Pirkheimer gaben ihm außerdem das Geleite eine Stunde weit, dann riefen sie ihm noch ein »Heil« auf den Weg zu und kehrten um.

Unfrohen Gemütes zog er die Straße dahin. Zwar leuchtete das goldene Tagesgestirn in voller Pracht, und die ersten Lerchen stiegen trillernd empor aus dem Wiesengrunde, der sich schon hier und da mit leichtem Grün zu überkleiden begann. Er aber achtete nicht auf die Schönheit der Natur, denn seine Gedanken ließen ihn nicht aus ihrem Banne, und sie waren keineswegs fröhlicher Natur. Wohl trat ein heller Glanz in seine Augen, wenn er des Mädchens gedachte, die sich noch vorhin, unbekümmert um des gestrengen Vormundes Gegenwart, an seine Brust geworfen hatte, und deren Küsse noch auf seinen Lippen brannten, aber es war ihm, als sähe er jetzt erst die hohen Berge, die sich auftürmten zwischen ihm und seinem Glück. Wenn man in Rothenburg Andreas Haller nicht falsch berichtet hatte, so mußte es einen schweren Kampf mit seinem Vater geben. Es war sehr wohl möglich, daß zwischen ihm und dem vielmögenden Ratsherrn Walter Seehöfer in jüngster Zeit Verabredungen getroffen worden waren, ihre Kinder miteinander zu verheiraten, obwohl die beiden Väter bisher stets Gegner gewesen waren. Unzählige Bündnisse und Freundschaften wurden ja auf diese Weise versiegelt und festgemacht, die Ehe galt den meisten als ein Rechengeschäft, bei dem das Gefühl des Herzens keine Rolle spielte. Auch er würde, wenn er nicht die Agnes Waldstromerin vor anderthalb Jahren gesehen hätte, kaum Einspruch erhoben haben gegen eine Vermählung mit der Armgard Seehöferin, obwohl das herbe, ernste Mädchen sein Blut, so lange er sie kannte, noch nie in Wallung gebracht hatte.

Jetzt aber sträubte sich sein ganzes Empfinden gegen solch ein Verbündnis, an dem die Liebe keinen Anteil haben sollte. Denn er hatte nun die Macht kennen lernen, von deren unwiderstehlicher Gewalt in den alten Mären und Liedern so viel gesagt und gesungen ward, und von der er trotz seiner achtundzwanzig Jahre noch recht wenig Ahnung bisher gehabt hatte. Er hatte in Prag kein Weib angesehen, nicht die züchtigen Bürgerstöchter und nicht die üppigen Fräuleins am Hofe Wenzels, der den Sohn seines Freundes und Vertrauten oft zu Trunk und Jagd und Spiel geladen hatte. Die heftige Neigung, die beim ersten Anblick der jungen Nürnberger Patrizierstochter in ihm aufgelodert war, hatte sich zu einer ernsten Leidenschaft entwickelt in den Monaten seines Fortseins, und den Treuschwur, den er der Jungfrau gegeben, wollte er halten, was auch kommen mochte. Er kannte des alten Seehöfers schwache Seite, sie bestand in einer fast ans Lächerliche grenzenden Habsucht, verbunden mit dem schnödesten Geize. Vielleicht war der beleidigte Vater der zurückgewiesenen Tochter mit Geld abzufinden.

Bei dem allen brannte eine leise Scham in seiner Brust, daß er von diesen Gedanken sich nicht freimachen konnte. Ach, es gab jetzt für ihn doch eigentlich ganz andere Dinge, an die er hätte denken müssen, als Mädchenaugen und Frauenliebe! Es lag ein Gewitter in der Luft, dessen niederfahrende Blitze seinen Vater, ihn selbst und seines Hauses Ehre zerschmettern konnten. Ohne Zweifel waren die vielen Feinde des großen Mannes jetzt besonders emsig an der Arbeit, ihn zu stürzen und zu verderben. Er wußte, wie gut man in Rothenburg über die Verhältnisse Nürnbergs unterrichtet war, also mochte es umgekehrt nicht anders sein, und deshalb hatte des alten Hallers düstere Meinung etwas ungemein Warnendes und Bedrückendes für ihn. –

Ein greller Pfiff aus nächster Nähe schreckte ihn aus seiner Versunkenheit empor. Die Straße war in den Wald eingebogen, man war an einem Kreuzwege angekommen, und dort hielt unter einem Muttergottesbilde eine Gestalt zu Pferde, bei deren Anblick über Jakobs Antlitz ein schmunzelndes Lächeln flog. Denn der hagere Geselle, der auf dem großen, mageren, aber sehnigen Klepper saß, war der Mann, mit dessen Namen man in ganz Franken und Schwaben die unartigen Kinder schreckte, und über dessen tolle Streiche man doch im ganzen Lande lachte. Es war der Stegreifritter Apel von Gailingen, den das Volk kurzweg Eppele oder Eppelein zu nennen pflegte.

Abenteuerlich, wie des Ritters Erscheinung, war seine Ausrüstung. Zwar das Gewaffen war trefflich in Ordnung, aber aus den langen Reiterstiefeln schauten vorn die Zehen fürwitzig heraus, und der zerschlissene Mantel legte durch seine Stickereien die Vermutung nahe, daß er früher als Meßgewand oder gar als Altardecke gedient hatte.

Eppelein hielt unbeweglich auf seinem Gaul und musterte die Heranreitenden mit dem Blicke eines wohlgelaunten Raubvogels, der ganz gesättigt ist und keine Beute begehrt. Ja, er rief ihn sogar mit seiner knarrenden Stimme an: »Grüß Gott, Toplerssohn! Bist du wieder da aus der Fremde?«

»Wie du siehst, Eppelein, grüß Gott auch! Aber plagt dich der Teufel, daß du dich so nahe heranmachst an Nürnberg?«

»Ich bin mit der Stadt vertragen und fürcht' mich nicht. Auch kennst du meine Rede: Die Nürnberger hängen keinen, sie hätten ihn denn. Aber du, Jakob, könntest dich wohl fürchten. Ein Geier ist über dir.«

Jakob Topler zügelte sein Roß. »Was soll das? Was willst du mir sagen?«

»Ich will dir sagen: Ein Gewaltiger paßt auf deinen Weg. Der Burggraf ist hinter dir her.«

»Der Burggraf? Wir leben mit ihm im besten Frieden.«

»Da ist nicht von Frieden oder Unfrieden die Rede. Der Burggraf kommt über dich als des Königs Richter auf des Königs Heerstraße. Er will dir etwas nehmen in König Ruprechts Gewalt und Namen, was du aus Prag mitbringst.«

Jakob Topler war jäh erblaßt und saß auf seinem Rosse wie erstarrt. Was der adlige Buschklepper erzählte, konnte er sich unmöglich selbst zusammengereimt haben, und verhielt es sich so, dann war er in großer Gefahr. Er wußte zwar im einzelnen nicht, was König Wenzel seinem Vater geschrieben, aber daß er eine wichtige und sehr gefährliche Botschaft trug, das war ihm natürlich ganz genau bekannt. Die Partei König Ruprechts mußte schon den Verkehr mit dem abgesetzten König in Prag für Hochverrat ansehen, und nun gar das Festhalten an ihm mußte ihr wie todeswürdige Felonie erscheinen.

»Woher weißt du das alles?« fragte er auffahrend.

»Danach frage nicht. Wer wie ich mit Pfaffen und Laien säuft, hört gar viel. Aber wundert's dich nicht, daß ich dir's künde?«

Ehe Jakob antworten konnte, jagte der Reiter heran, der einige hundert Schritt vorauf ritt, um etwaige Gefahr zu erspähen. »Herr!« rief er. »Vor uns auf der Waldblöße hält eine große Schar!«

»Siehst du!« sagte Eppele. »Du kannst auch nicht zurück – der Wald ist umstellt. Es ist, wie ich dir's kündete.« Und hastig sprechend fuhr er fort: »Vor acht Monden war ich in deines Vaters Hand. Er konnte mir den Kopf vor die Füße legen, aber er tat's nicht, ließ mich laufen. Da schwur ich mit aufgereckter Hand, ich wollte es ihm vergelten. Und nun sag ich dir, gib mir die Briefe, ich bringe sie sicher nach Rothenburg, denn jeder weiß, daß ich den Pfeffersäcken feind bin, also sucht sie keiner bei mir.« Und wieder hob er die Arme in die Höhe und schwur: »Gott soll mich ewig in die Hölle verdammen, wenn ich dich verrate! Ich gebe dir mein ritterlich Wort.«

Jakob Topler schaute ihn durchbohrend an. Der Kerl war ein Landschade, aber er hatte eine Art ritterlichen Gewissens, und sein Wort hatte er noch keinem gebrochen. So riß er mit einem Ruck sein Wams auf und zog eine Ledertasche hervor. »Hier, Eppele, ich will dir vertrauen.«

»Wirst's nimmer bereuen, Jaköble!« rief der Ritter, und ein stolzes Lächeln fuhr über sein braunes, narbiges Gesicht.

In diesem Augenblicke war es Jakob Topler, als hörte er neben sich die klare, feine Stimme des alten Ratsherrn Ulrich Haller sagen: »Spieler seid Ihr, Ihr Herren Toplert« und es durchzuckte ihn einen Augenblick schreckhaft der Gedanke, welch' ein Wagnis er beging. Darum flüsterte er dem Ritter zu, um ihn noch fester an sich zu ketten: »Mein Vater wird es dir fürstlich lohnen.«

»Diesmal tu' ich's nicht um Lohn,« versetzte Eppelein fast unwillig.

»So nimm wenigstens eine Verehrung an, neues Gewand und ein Roß.«

»Mein Gaul ist gut genug, einen besseren habt ihr nicht in Rothenburg. Und der Mantel hier hält warm, er hat einem Gesalbten des Herrn gehört. Wir haben jetzt, gelobt sei Sankt Georg, zwei heilige Väter in der Christenheit. Maust man den Pfaffen des einen was, so kriegt man von den Pfaffen des anderen leicht Absolution. Es ist eine Lust zu leben! Gehab dich wohl, Jaköble. Die Briefe sind eher in Rothenburg als du!« Damit trieb er sein Pferd an und ritt langsam seitwärts in den Wald hinein.

Es war hohe Zeit gewesen, denn wenige Minuten später nahte der Zug des Burggrafen, und auch von der anderen Seite sprengte ein Reitertrupp heran.

Jakob Topler war mit seiner Schar auf dem Platze halten geblieben, wo ihn der Ritter verlassen hatte. Er war vom Pferde gestiegen und hatte auch den Seinen Befehl dazu gegeben, damit es den Anschein gewinne, man habe hier eine Rast gehalten.

Von dem Reiterhaufen des Burggrafen, der gemächlich näher zog, löste sich ein einzelner Reiter und jagte auf die Rothenburger zu. »Ihr seid Jakob Topler, des Bürgermeisters Sohn?« rief er mit schallender Stimme.

»Wozu die Frage, Kurt von Seinsheim? Ihr kennt mich ja gut, tragt auch ein Merkzeichen von mir am Schädel, daß Ihr mich nimmer vergeßt.« erwiderte Jakob Topler.

Der Ritter knurrte einen wütenden Fluch, und seine Hand fuhr ans Schwert, aber eine helle, gebieterische Stimme rief: »Laß dein Messer stecken, Seinsheim! Und Ihr, junger Mann aus Rothenburg, spart Euch die stachlichen Reden und gebt höflich Antwort, wie sich's geziemt!«

Der Sprecher war gleichfalls vorgeritten und hielt nur wenige Schritte vor der Schar. Er war ein hochgewachsener, noch jüngerer Mann in einfachem grünen Mantel, aber von einer Haltung, die sofort den geborenen Fürsten verriet.

Jakob Topler verneigte sich. »Euch, Herr Burggraf, weigre ich die Antwort nicht.«

»So frage ich Euch: Tragt Ihr Briefe bei Euch, die Wenzel, der Böhmenkönig, an Euern Vater schrieb? Es ward uns das glaublich hinterbracht.«

»Herr Burggraf, mit welchem Rechte fragt Ihr mich das? Wir stehen mit Euch in Frieden.«

Der Zollern warf ihm einen blitzenden Blick zu aus seinen scharfen blauen Augen, und sein Antlitz rötete sich leicht. Dann erwiderte er hoheitsvoll: »Ich stehe hier als Diener meines und Euers Herrn, des Königs Ruprecht. In seinem Namen frage ich. Oder wollt Ihr Euch wider den König setzen?«

»Ihr habt die Gewalt, Herr,« gab Jakob Topler vorsichtig zur Antwort. »Ich wäre ein Tor, wenn ich Euch widerstände. So entgegne ich denn Eurer Rede: Was Ihr sucht, das trage ich nicht bei mir.«

Der Burggraf blickte ihn durchdringend an. »Ich möchte Euch die Schmach ersparen, daß Ihr durchsucht werdet wie ein gemeiner Dieb. Könnt Ihr einen Eid leisten für Euch und alle, die mit Euch reiten, daß Ihr nichts bei Euch traget, was von Wenzel, dem Böhmen, stammt?«

»Erlaubt doch, Herr, daß wir sie durchsuchen!« flüsterte Seinsheim und drängte sich an den Burggrafen heran. Aber Friedrich gebot ihm mit einer Handbewegung Schweigen und erwiderte: »Heinrich Toplers Art und Blut ist scharf wie Gift, aber ihr Eid ist ihnen heilig wie dem besten Ritter des Reiches.«

»Habt Dank, Herr, für dieses Wort!« rief Jakob Topler, und seine Augen leuchteten freudig auf.

»Und könnet und wollt Ihr schwören?« fuhr der Burggraf fort.

Jakob Topler hob die rechte Hand empor, und indem er dem Burggrafen dabei unverwandt ins Auge sah, leistete er den Eid.

»So waren wir auf falscher Fährte,« sagte Friedrich. »Ich glaube Euch. Aber ehe Ihr fürbaß reitet, noch eins. Euer Vater hat zu mir geschickt, er wollte sich mit mir unterreden. Sagt ihm: wenn das heilige Osterfest vorbei ist, so reite ich nach Ansbach und verbleibe daselbst bis zum Tage der Himmelfahrt unseres Herrn. Er mag mir sagen, wann er kommen will. Ich sende ihm dann einen Brief mit freiem Geleit.«

Er neigte das Haupt ein wenig gegen den Bürgerssohn von Rothenburg, wandte sein Roß und sprengte von dannen. Bevor Jakob sich wieder in den Sattel geschwungen hatte, war die ganze Schar um die Waldecke herum seinem Blick entschwunden.

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