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Der König von Rothenburg

Paul Schreckenbach: Der König von Rothenburg - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Schreckenbach
titleDer König von Rothenburg
publisherStaackmann
year1930
firstpub1930
senderwww.gaga.net
created20050712
projectid19fef3f3
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V.

Seit dem Tage, an dem das Bluturteil an den beiden Übeltätern vollzogen worden war, steigerte der Bürgermeister noch seinen Eifer und seine Wachsamkeit, und die ihm Nahestehenden suchten es ihm darin gleich zu tun. Jeder neue Tag bestätigte ja die Richtigkeit seiner Meinung, daß Rothenburg nichts zu fürchten habe, als den Verrat. Gelang es, die Stadt dagegen zu schützen, so konnte ihr kein Feind etwas anhaben, und wäre er dreimal stärker gewesen, als das Heer, das jetzt vor ihren Mauern lag.

Denn der Burggraf hatte zwar nach der lächerlich schnellen Einnahme der Feste Nordenberg im Saale der eroberten Burg seinen Mitkämpfern zugetrunken und schnelle, siegreiche Beendigung der Fehde in Aussicht gestellt, aber sehr bald ward er in seinen Hoffnungen schwer enttäuscht. Das Beispiel feiger Verräterei, das die beiden hingerichteten Vögte gaben, wiederholte sich nirgends. Wohl gelang es den Verbündeten, noch einige andere Burgen der Stadt in ihre Gewalt zu bringen, aber die tapferen Männer darinnen ergaben sich erst, nachdem viel Blut geflossen war und ihre Festen an allen vier Ecken lichterloh brannten. So gewann der Burggraf nichts als rauchende Trümmerhaufen, und die beutegierigen Söldner seines Heeres klagten fluchend, daß in diesem Kriege nichts zu holen sei, als Hühner und Tauben in den verlassenen Dörfern, Und einiger Schlösser ward man trotz aller Anstrengungen nicht Herr. So widerstand das kleine, feste Selteneck ebenso den Kugeln der Donnerbüchsen wie dem mehrmaligen Versuch, es durch Sturm zu erobern. Wan mußte sich damit begnügen, es einzuschließen und von jedem Verkehr mit der Außenwelt abzuschneiden, aber das rot-weiße Stadtbanner auf dem Turme durch das schwarz-weiße des Burggrafen zu ersetzen, gelang nicht.

Ähnlich so erging es dem Heerhaufen der Bayernherzöge, der vom Süden heranzog. Er mußte lange Tage vor dem festen Schlosse Gailnau liegen, und als der Rothenburger Vogt den Platz nicht mehr halten konnte, zündete er die Burg in der Nacht an, machte mit seiner ganzen Mannschaft einen Ausfall und schlug sich glücklich nach der Stadt durch. Danach zog Herzog Stefan wutentbrannt gegen Gammesfeld heran, wo er reiche Beute erwartete, aber als er nur noch eine Meile von der Stadt entfernt war, zeigten aufsteigende Rauchwolken an, daß die Rothenburgrr mit dem wertvollsten Teil ihrer Habe abgerückt waren, das übrige den Flammen überlassen hatten. Topler selbst hatte dazu den Befehl gegeben, denn er sah ein, daß die sehr umfangreiche und mäßig stark bewehrte Burg einer ernsthaften Beschießung auf die Dauer nicht widerstehen konnte.

So trafen denn am zweiundzwanzigsten August die fürstlichen Verbündeten in ziemlich kleinlauter Stimmung bei dem Dörflein Bockenfeld einander wieder und mußten sich gestehen, daß sie außer Nordenberg bisher eben nicht viel gewonnen hatten. Aber ihre Zuversicht wuchs aufs neue, als sie auf den Wiesen an der Tauber eine Heerschau abhielten und die Tausende von Männern und Pferden an sich vorüberziehen ließen. Sie beschlossen also, am folgenden Morgen talaufwärts zu rücken, das feste Schloß Gebsattel zu umlagern und die feindliche Stadt, die bisher nur ihre Reiterscharen umschwärmt hatten, mit Nachdruck zu beschießen.

Der Burggraf wußte als kriegserfahrener Mann sehr genau, daß die großen Steinkugeln der Donnerbüchsen am meisten solches Mauerwerk schädigten, dessen Mörtel noch nicht verhärtet und zu Stein geworden war. Daher setzte er es durch, daß die Geschütze der Mauer gegenüber aufgestellt wurden, die sich vom Spitaltore nordwärts hinzog und erst unter Toplers Regiment aufgeführt war. Dort hoffte er am leichtesten eine Bresche schießen zu können, auch setzte das Gelände auf dieser Seite der Stadt einem Sturmangriffe nicht viel Hindernisse entgegen. Leider mußte er aber die Rohre mehrere hundert Ellen von der Stadtmauer entfernt aufstellen lassen, denn auch die Bürger verfügten über eine gute Anzahl von Wallbüchsen und Kartaunen, und die Nürnberger und Augsburger Büchsenmeister wußten sie so trefflich zu bedienen, baß man im Bereiche ihrer Kugeln keine Schanzen aufzuwerfen vermochte.

Trotzdem war es ein banger Augenblick für die Rothenburger, als zum ersten Male die größte der feindlichen Kanonen ihren ehernen Mund öffnete und mit furchtbarem Donnerkrachen ihren steinernen Gruß gegen die Mauer sandte. Aber als der Knall verhallte und der Rauch sich verzog, da erhoben die in der Stadt ein betäubendes Freudengeschrei, und wilde Hohnworte gellten zu den Belagerern herüber. Denn die Mauer stand heil und unversehrt, die riesige Steinkugel aber lag in mehrere Stücke zerborsten drunten im Wallgraben.

Jedoch der Burggraf verlor den Mut nicht. Er ließ die drei größten Geschütze, über die er verfügte, beharrlich auf eine Stelle richten. Lange schien das vergeblich zu sein, und die Bürger auf der Mauer hatten noch öfter Gelegenheit, ihren witzigen Spott zu erproben. Dann aber bröckelten doch einige Steine ab, und am Abend stürzte ein ganzer Haufe auf einmal in die Tiefe. Diesmal erhoben die drüben ein Triumphgebrüll, während die Belagerten schwiegen und erschrocken und bestürzt einander anblickten.

»Mut gefaßt!« sagte Topler, der unerschrocken herantrat und die Stelle besichtigte. »Der Kern der Mauer ist noch unversehrt und soll's, so Gott will, bleiben. Bringt dicke Wolldecken herbei und laßt sie übereinander an Stricken herunter. Das wird die Kraft der Kugeln schwächen.«

Der Befehl wurde in lebhafter Eile befolgt, und die Maßregel hatte den besten Erfolg. Die Geschosse prallten auf die dicken Decken und ausgestopften Säcke mit dumpfem Klange auf, vermochten aber auch nicht einen einzigen Stein mehr herunterzuschießen.

Der Burggraf ward bleich vor Zorn, denn er sah ein, daß durch dieses einfache Mittel die gewaltigen Maschinen, auf deren Zerstörungswerk er so große Hoffnungen gesetzt hatte, fast wirkungslos gemacht wurden. Er befahl, daß Schützen gegen die Mauer vorgehen und Brandpfeile schleudern sollten.

Das geschah, aber sowie es Topler bemerkte, ließ er von oben her Wasser herabgießen, so daß die Brandpfeile verzischten. Zugleich befahl er, die großen Standarmbrüste herbeizubringen und auf die Heranschwärmenden zu richten, und als die Bolzen schwirrten und rasch hintereinander zwei Schützen niederstreckten, zogen sich die anderen eiligst zurück.

Der Bischof von Würzburg, der zu Pferde neben dem Burggrafen ritt, stieß einen wilden Fluch aus und rief erbost: »Der Topler ist der schlaueste Schurke, den ich je gesehen, ein mit allen Hunden gehetzter alter Wolf! Hätt' ich den Burschen, ich ließ ihn am langsamen Feuer rösten!«

»Ein sehr christlicher Gedanke, Euer Liebden,« erwiderte der Burggraf spottend. »Ich zwänge ihn lieber, mir zu huldigen und mein Feldhauptmann zu werden, denn an einem gebratenen Topler läge mir nichts. Schade nur, daß wir ihn halt nicht haben, weder ihr noch ich!«

Dann gebot er, die Beschießung für heute einzustellen, da die hereinbrechende Dunkelheit jedes Zielen unmöglich machte.

Verdrossen und geärgert ritten die Fürsten nach ihrem Lager in Bockenfeld zurück. Dort setzten sie sich zum Essen nieder und hielten Kriegsrat. Dabei drang allmählich die Meinung des Bischofs von Bamberg durch, man müsse noch einmal versuchen, die Stadt durch Verhandlungen zur Übergabe zu bringen. »Stellen wir unser ganzes Heer«, so riet er, »in Schlachtordnung auf der Hochebene auf, die sich im Osten von Rothenburg hinzieht. Wenn das Krämervolk erst einmal mit Augen sieht, gegen welche Übermacht es streitet, so wird es klein werden. Dann schicken wir eine Gesandtschaft hinein und bieten ihnen den Frieden gegen billige Bedingungen.«

Der Burggraf hätte am liebsten ein lautes Hohngelächter ausgestoßen, aber er unterdrückte es, denn der hochwürdige Herr von Bamberg war sehr empfindlich von Natur und leicht zum Zorne gereizt. Ward er geärgert, so konnte es geschehen, daß er heimzog, und wer mochte wissen, ob nicht sein Beispiel Nachahmung gefunden hätte!

Daher fragte Friedrich nur etwas spitz, wie er sich denn die billigen Bedingungen denke, die man den Rothenburgern vorschlagen solle.

»Nun, die Krämer sind reich, wir können ihnen ein schönes Stück Geld abnehmen. Sie sollen uns die Kosten erstatten und noch hunderttausend Gulden drauflegen und die Burgen abtreten, die wir ohnehin schon haben.«

Der Burggraf biß sich auf die Lippen. »Ich will mich nicht von dem Topler verlachen lassen,« versetzte er kurz und wollte über die Sache hinweggehen. Aber zu seinem Erstaunen fand der Vorschlag des Bambergers Anklang bei den anderen Fürsten und Herren, und wenn auch die Geldforderung auf die Hälfte ermäßigt wurde, so wurde gegen die heftige Einrede des obersten Führers doch die Aufstellung vor der Stadt und die Gesandtschaft an den Rat beschlossen.

»Euer Liebden ist ein Mann des Schwertes, ich aber habe als Fürst der Kirche immer zunächst zum Frieden zu reden,« sagte der Bischof salbungsvoll zum Burggrafen.

»Glück zu!« versetzte der bissig und höchst verstimmt. »Aber fällt die Antwort Toplers ungut aus, so schreibt's Eurer Weisheit zu, hochwürdiger Seelenhirt, und vergönnet mir, daß ich lache.«

»Legt Euch keinen Zwang auf!« gab der Bischof ebenso gereizt zur Antwort. »Die Rothenburger werden sehen, daß wir genug Leute haben, die Stadt einzuschließen, und die Furcht vor dem Hunger hat oft schon die Frechsten zahm gemacht.«

»Den Topler zwänge kaum der Hunger selbst, wie sollte ihn die bloße Furcht davor zwingen? Doch seht selber zu, Ihr werdet es erfahren,« versetzte der Burggraf.

Er behielt Recht, und das Gesicht des Kirchenfürsten ward unendlich lang und verlegen, als die Antwort aus der Stadt eintraf. Topler schickte die Gesandten einfach zurück, ohne ein Wort zu erwidern. Vorauf ritten drei blasende Trompeter, und ihnen nach kamen drei schwere Wagen gefahren. Auf dem ersten lag ein Fuder Wein, der zweite war gefüllt mit Getreide, auf dem dritten grunzte ein halbes Dutzend fetter Schweine. Ein kleines Paket, das der Gesandte versiegelt abzugeben hatte, enthielt ein Kartenspiel, und der Bürgermeister hatte eigenhändig dabei bemerkt, es sei für die hochwürdigen Herren Bischöfe bestimmt, auf daß sie nicht im Feldlager aus der Übung kämen. Das war insbesondere eine Anspielung auf den Würzburger, dessen Leidenschaft für Karten und Würfel im ganzen Lande bekannt war.

Die drei geistlichen Herren machten denn auch ihrem Groll und Ärger in keineswegs gewählten Worten Luft, und ihr Zorn ward noch dadurch erhöht, daß sie bei den weltlichen Fürsten eine kaum verhohlene Schadenfreude wahrnehmen mußten. Mancherlei gehässige und spitze Worte flogen zwischen ihnen hin und her, bis endlich der Burggraf beschwichtigend sagte: «Lassen wir die Sache ruhen, ihr Herren, und reden wir nicht weiter davon! Lachen wollen wir über den Schwank und nicht uns ärgern. Ich wollt', mir wäre die Art und Natur des Topler gegeben, der in der größten Bedrängnis immer voller Scherz und guter Laune ist.« –

Hätte Friedrich in das Herz seines Gegners hineinblicken können, so wäre ihm dieses Urteil ganz gewiß nicht in den Sinn gekommen. Wohl war dem Bürgermeister ein grimmiger Humor geblieben, und ein Ausfluß davon war die spöttische Antwort auf den Einschüchternngsversuch der Fürsten. Aber von Scherz und guter Laune war wenig bei ihm zu finden, die Sorge fraß an ihm, daß Rothenburg durch Verrat in der Feinde Gewalt geraten könne, und das ließ ihn nicht rasten noch ruhen.

Dabei vergaß er jede Vorsicht. Trotz der dringenden Warnung seines Sohnes und seiner Freunde durchstreifte er bei Nacht die entlegensten Gassen, tauchte bald hier, bald da auf den Mauern, Türmen und Bastionen auf und verschwand wieder in der Dunkelheit, so schnell er gekommen war. Die Wachen blickten ihm dann scheu und erschrocken nach, sie begannen bereits zu flüstern und zu raunen, daß ein böser Geist ihn besessen habe und nicht ruhen lasse.

Sie hatten so unrecht nicht. Der böse Geist des Mißtrauens war über ihn gekommen und hielt ihn fest in seinen Krallen und ließ ihn nimmer los. Dabei dachte er nicht im geringsten an sich selbst; der Gedanke, daß ihm eine persönliche Gefahr drohen könne, mußte erst von anderen ihm nahegebracht werden und wurde von ihm mit einem geringschätzigen Lächeln abgetan. Wohl wußte er, daß neuerdings der leidlich wieder genesene Seehöfer und der alte Sebastian Häuptlein die innigsten Freunde geworden waren und allabendlich zusammenkamen im Hause des einen oder des anderen. Er ließ auch beide sorgfältig überwachen, aber nur, weil er ihnen zutraute, sie könnten in ihrem giftigen Hasse gegen ihn die Stadt verraten. Daß seine Feinde wagen könnten, ihm meuchlings nachzustellen, schien ihm wenig glaublich, denn vor Gift war er auf der Hut, und von einem tätlichen Angriffe, meinte er, würde sie die Furcht abhalten.

Da trat ein Ereignis ein, das ihn anders belehrte und ihn tiefer erschütterte als alles, was er bisher hatte erleben müssen.

In der Nacht, in der zum ersten Male das gesamte Heer der Feinde vor Rothenburg lag, hatte Jakob Topler eine merkwürdige Erscheinung. Er hatte die Stadtmauer abgeschritten vom Klingentor bis zum Frauenkloster und betrat nun den schmalen Gang, der sich damals zwischen der Stadtmauer und den Klostergebäuden hinzog. Da gewahrte er plötzlich durch eine Schießscharte, daß drüben auf den waldigen Höhen jenseits der Tauber ein grünes Licht aufblitzte und wieder verschwand. Das wiederholte sich mehrmals, dann erschien ein rotes und dann wieder ein grünes, und so wechselten die beiden Lichterscheinungen ab in ganz bestimmten Zwischenräumen.

Jakob starrte erschrocken hinüber, und das Herz begann ihm schneller zu klopfen. Was er da sah, war ohne Zweifel ein Signal nach der Stadt herüber, und höchst wahrscheinlich ward es von irgendeiner Stelle innerhalb der Stadtmauer erwidert. Er ging den Weg, den er gekommen, ein Stück zurück und bestieg ein vorspringendes Türmchen, von wo aus er einen Teil der Mauer und die nach dem Tale gerichteten kleinen Fenster des Klosters überblicken konnte. So scharf er aber auch auslugte, er konnte nichts Verdächtiges erspähen, und auch das Aufblitzen der Lichter wiederholte sich nicht wieder.

Nachdenklich und sehr beunruhigt verließ er kurz vor Mitternacht seinen Lauscherposten und schritt langsam seinem Hause zu, das am anderen Ende der Stadt, nahe dem Rödertore gelegen war. Ein Lichtschein hinter zwei Fenstern des Obergeschosses zeigte ihm, daß sein junges Weib noch nicht ihr Lager aufgesucht hatte. Er seufzte tief auf bei dieser Wahrnehmung, denn er wußte, was sie wach hielt. Nachdem sie bei seinem Vater gewesen war, um eine andere Wache für ihn zu erbitten, hatte es zwischen ihm und ihr eine gereizte Auseinandersetzung gegeben, die erste in ihrer jungen Ehe, denn bis dahin hatte er jeder ihrer Launen in seiner blinden Verliebtheit nachgegeben. Aber das ironische Zucken um den Mund seines Vaters, der ihm den kleinen Auftritt ergötzt berichtete und dabei zur Zähmung seines eifersüchtigen Weibchens geraten hatte, war ihm eine beschämende Mahnung gewesen, daß es so nicht weiter gehen könne. Er mußte die Zügel kräftig in die yand nehmen, sonst entglitten sie ihm vielleicht für immer. So hatte er sie denn mit heftigen Worten zur Rede gestellt und ihr streng untersagt, ihn mit Äußerungen ihrer lächerlichen Eifersucht fürderhin zu quälen und vor anderen bloßzustellen. Die Antwort war eine Flut von Tränen gewesen, und sie war, ohne etwas zu erwidern, aus dem Zimmer gegangen, um droben auf dem Söller den Zorn und Schmerz über die Grausamkeit ihres herzlosen Tyrannen auszuweinen. Gesagt hatte sie seit dem Tage nichts mehr über die Sache, denn sie fürchtete die Toplersche Heftigkeit in ihm zu erwecken, aber ihren Sinn hatte sie nicht geändert. Jeden Abend erwartete sie ihn, auch wenn er erst spät in der Nacht heimkam, und die forschenden und anklagenden Blicke, mit denen sie ihn empfing, sagten ihm mehr als alle Worte, daß sie noch ebenso dachte, wie vorher.

Auch heute also war sie noch nicht zur Ruhe gegangen, sondern da droben, wo das Licht schimmerte, saß sie, mit brennenden Augen vor sich hinstarrend, gefoltert von einer Eifersucht, die jeglicher Begründung entbehrte.

Jakob fühlte bei diesem Gedanken einen prickelnden Ärger in sich aufsteigen. Herrgott, waren nur wirklich die Weiber allesamt Gänse, wie sein Oheim, der Goldschmied Topler, zu ihm zu sagen pflegte, und machte auch seine angebetete Agnes keine Ausnahme? War sie so entsetzlich beschränkt, daß sie an einem Gedanken festhielt, dessen völlige Sinnlosigkeit jedem gesunden Menschen von selbst einleuchten mußte? Oder war sie vielleicht verhext? Man hatte Beispiele davon, daß junge Ehen durch bösen Zauber zerstört worden waren, daß Gatten, die sich zärtlich geliebt hatten, auf einmal eine rätselhafte Abneigung gegeneinander faßten und auch sonst mancherlei Anfechtung und Schabernack durch schwarze Kunst erlitten. Vielleicht war auch gegen sein Weib solch' ein Zauber verübt worden; dem alten Seehöfer zum Beispiel konnte man wohl zutrauen, daß er für schweres Geld einen gedungen hatte, der mit Hilfe des übeln Teufels den Menschen heimlich zu schaden verstand.

Es ward ihm siedend heiß bei dieser Vermutung, und er beschloß, am folgenden Tage mit seinem Vater ernstlich darüber zu reden. Aber er brauchte so lange gar nicht zu warten, denn während er noch dastand und nachsann, kam Heinrich Topler mit seinen beiden Hunden um die Ecke geschritten. Er hatte die Wachen des Rödertores nachgesehen.

»Ach Vater, du bist immer noch auf? Der Wächter hat schon zwölf abgerufen,« sagte Jakob.

«Bist du nicht auch noch wach?« erwiderte der Bürgermeister. »Und was ist das da droben? Da brennt Licht um diese Stunde – ist etwa deine Frau krank geworden?«

Flüsternd beichtete Jakob seinem Vater alles, was ihm soeben durch den Kopf gegangen war.

Der Bürgermeister lachte, »Höre, Jakob.« erwiderte er und faßte ihn vorn am Wams, »ohne Zweifel gibt es eine böse, sündhafte Kunst und Menschen, die sie ausüben. Aber zuvörderst muß man bei jedem Dinge fragen, ob es nicht eine natürliche Ursache hat. Da ich dein Weib gestern gesehen, glaub' ich, sie dir künden zu können, und du kannst dich ihrer nur freuen. Merke, mein Sohn: Wenn die Frauen sollen Mütter werden, so kommt ihnen zuweilen allerlei närrisches Zeug in den Sinn, darauf sie sich versteifen. Darob muß man dann lachen und ihnen nicht zürnen, denn es liegt so in ihrer Natur, die voller Wunderlichkeiten ist.«

Jakob faßte höchst erfreut nach seines Vaters Hand. »Ich danke dir, Vater,« sagte er, »du machst mir das Herz leicht, denn ich dachte, meine Frau wäre eine Närrin geworden. Du bist doch der Klügste von allen Menschen.«

»Man lernt vieles im Laufe eines langen Lebens,« versetzte der Bürgermeister im Weiterschreiten. »Schlafe wohl!«

»Du solltest auch ruhen, Vater.«

»Ich kann nicht Schlaf und Ruhe finden, so lange der Feind vor der Stadt liegt,« klang es zurück, dann war die hohe Gestalt im Dunkel des nächsten Seitengäßchens verschwunden.

Jakob fühlte sich wie von einer schweren Last befreit. Was sein Vater ihm angedeutet hatte, leuchtete ihm sehr ein und schwellte zugleich sein Herz in Freude und Stolz. Hätte er das früher erwogen, so hätte er gewiß die Torheit seiner Frau mit Sanftmut getragen. Warum wohl hatte sie ihm das verschwiegen? Hatte sie sich schon so in ihrem Zorn verhärtet, daß sie den Ungetreuen nicht mit der Kunde erfreuen wollte? Oder war sie sich selbst noch nicht im klaren? »Nun, dem sei, wie ihm wolle.« dachte Jakob, »auf jeden Fall ist sie von nun an mit jeder Rücksichtnahme und Geduld zu behandeln.«

So betrat er sein Haus voll der besten Vorsätze. Aber sogleich schwand seine gute Laune dahin, als sie mit steinernem Gesicht ihm entgegentrat, seinen Kuß nur ganz leicht erwidernd, und ihn dann unausgesetzt mit argwöhnischen Blicken von der Seite ansah. Er hätte sie am liebsten in seine Arme gerissen, aber er wagte es nicht, aus Furcht, eine schroffe Ablehnung seiner Zärtlichkeiten zu erleben. Verstimmt, im Innersten erkältet, wechselte er noch einige frostige Worte mit ihr und legte sich dann zum Schlafen nieder. Sie tat nach kurzem, unfreundlichem Gutenachtwunsche das gleiche, und daß sie noch lange leise in ihre Kissen weinte, vernahm er nicht mehr, da die Ermüdung ihn übermannte.

Am anderen Morgen legte er sich die Frage vor, ob er die nächtlichen Lichtsignale, die er gesehen hatte, seinem Vater melden wolle. Er beschloß aber nach längerer Überlegung, ihm vorläufig nichts davon zu sagen, damit er nicht in noch größere Unruhe versetzt werde. Dagegen stand es bei ihm fest, daß er selbst die nächste Nacht wieder auf dem Posten sein müsse, um die Erscheinung von neuem zu beobachten und womöglich zu ergründen, was sie zu bedeuten habe.

Seine Frau indessen sollte nichts davon merken. Er wollte ihre Schwäche schonen, so sehr sie ihn auch damit ärgerte und reizte, und deshalb ging er heute nach dem Abendessen nicht fort wie sonst jeden Abend in der letzten Zeit, sondern er setzte sich neben ihr Spinnrad und begann unbefangen mit ihr zu plaudern, als ob nichts zwischen ihnen läge. Anfangs bekam er nur einsilbige Antworten, aber allmählich gelang es ihm doch, sie zu erwärmen, und am Ende litt sie es sogar, daß er sie in seine Arme nahm und küßte, was lange nicht geschehen war.

Nachdem sie entschlummert war, erhob er sich leise und tastete sich nach der Kammer hinüber, wo sein Gewaffen hing. Während er sich noch kriegsmäßig ankleidete, belehrte ihn durchs Fenster hereinzuckender Lichtschein, daß irgendwo am Horizonte ein Gewitter im Anzuge sei. Das kam ihm sehr ungelegen, denn wenn etwa ein Donnerschlag sein Weib aus dem Schlafe weckte und sie den Platz an ihrer Seite leer fand, dann mochte sie wohl in ihrer Eifersucht auf die tollsten Gedanken kommen. Aber er entschied sich trotzdem, auf sein Glück zu bauen und nicht daheim zu bleiben, denn in einer finsteren Gewitternacht würden die Verräter, wenn solche in der Stadt waren, sich besonders unbeobachtet glauben.

So schlich er denn die Stiegen hinab, und es gelang,ihm auch, ungehört das Haus zu verlassen. Unverzüglich eilte er sodann auf dem kürzesten Wege dem Kloster zu. Er suchte dieselbe Stelle wieder auf, wo er gestern das Licht gesehen hatte und starrte unverwandt in das Dunkel hinein, aber es leuchteten drüben über Vorbach wohl hin und wieder Blitze auf und zwar mit jeder Minute greller und schärfer, aber sonst war nicht das geringste wahrzunehmen.

Endlich, nachdem er lange gewartet, fiel ihm ein, daß ja auch gestern das Licht viel später erschienen sei. So würde es auch heute nicht viel früher erscheinen, überlegte er sich, und da er noch eine gute Stunde Zeit hatte bis dahin, so wandelte er langsam an der Innenseite der Mauer entlang, kehrte wieder um und trat endlich, halb in Gedanken verloren, in die Klosterkirche ein, die Tag und Nacht offen stand.

Aber noch auf der Schwelle zog er den Fuß zurück. Die Schwester, die da drüben an einem Seitenaltare kniete, kannte er, und es war auch kein Wunder, daß er sie hier fand. Das nächtliche Wächteramt bei der ewigen Lampe war von wenigen im Kloster begehrt, und darum ward es mit Vorliebe den Novizen übertragen.

Er schloß leise die Tür und setzte seinen Weg fort. Er hatte an Armgard Seehöfer in der letzten Zeit fast mit Zorn gedacht, obwohl sie ja ebenso unschuldig war an der Torheit seines Weibes, wie er selbst. Jetzt aber, da er sie in ihrem Nonnenschleier wiedergesehen, kam dasselbe Erbarmen wieder über ihn, das er damals gefühlt, als er ihr Haus verlassen hatte. Warum mußte dieses kraftvolle Weib, das offenbar so heißer Liebe fähig war, hinter den Mauern eines Klosters verwelken? Warum mußte sie aus der Welt fliehen, wo ihr nach der Enttäuschung ihrer Jugendjahre doch immer noch ein reiches Glück hätte blühen können, wenn sie einem anderen ihr Herz später zugewandt hätte? Oder war ein rechtes Weib so beschaffen, daß sie nur einmal lieben konnte und wirklich niemals im Leben ein Glück zu finden vermochte, wenn sie dem, dem ihre Liebe galt, nicht zu eigen ward?

So grübelte er und stand in sich versunken da. Plötzlich hörte er neben sich kurze, schnelle Tritte, eine Gestalt stürzte aus dem Dunkel auf ihn zu und führte einen so furchtbaren Stoß gegen seine Brust, daß er taumelte. Er empfand einen stechenden Schmerz und hörte die zischend hervorgestoßenen Worte: »Nimm das, du Bluthund!«

Seine Hand fuhr nach dem Schwerts. In demselben Augenblick zuckte ein heller Blitz auf, und er sah ein fremdes, rotbärtiges Gesicht halb abgewendet, denn der Meuchelmörder hatte sich schon zur Flucht gewandt. Das war das letzte, was er wahrnahm. Dann begannen seine Knie zu zittern, seine Augen umflorten sich, und er sank lautlos zu Boden.

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