Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Paul Schreckenbach >

Der König von Rothenburg

Paul Schreckenbach: Der König von Rothenburg - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Schreckenbach
titleDer König von Rothenburg
publisherStaackmann
year1930
firstpub1930
senderwww.gaga.net
created20050712
projectid19fef3f3
Schließen

Navigation:

IV.

In dieser Nacht tat Heinrich Topler kein Auge zu. Er raste in seiner Schreibstube wie ein gefangener Löwe auf und ab, und Verwünschungen vor sich hinmurmelnd und mit Tränen des Zornes kämpfend, tobte er seinen Schmerz und Groll für sich allein aus.

Als das blasse Morgenlicht durchs Fenster ins Gemach fiel, war er ruhiger geworden. Aber daß die Feiglinge sterben mußten, die der Stadt schönste und stärkste Burg ohne Kampf dem Feinde überliefert hatten, das stand bei ihm fest. Wenn solch' eine Handlung nicht eine blutige Sühne fand, was sollte man dann überhaupt noch mit dem Tode strafen? Ein Beispiel mußte gegeben werden zur Abschreckung für jeden, der fähig gewesen wäre, mit verräterischer Feigheit zu handeln wie diese beiden Vögte. Und mit Furcht und Zittern sollten alle inne werden, daß weder die vornehme Abkunft aus einem der ältesten Stadtgeschlechter, noch der fürstliche Reichtum einen ungetreuen Bürger vor dem Henker schütze. Sie mochten das an Konrad Häuptleins Schicksal lernen, den beides auszeichnete, und dessen Haupt trotzdem auf offenem Markte unter dem Beile fallen sollte, noch ehe die eben emporsteigende Sonne ihren Tageslauf vollendet haben würde.

Nun lag in der Hand der drei Kriegsherren, solange die Fehde währte, die Gewalt über Leben und Tod, und erst nach Abschluß des Friedens hatten sie dem Rate über ihr Tun und Lassen Rechenschaft abzulegen. Er konnte also, wenn das in seinem Willen lag, im Einverständnis mit Northeimer und Spörlein die beiden Übeltäter kurzerhand zum Tode verurteilen. Aber um einen ganz besonders tiefen Eindruck aufs Volk hervorzubringen, beschloß er, den gesamten inneren Rat auf die Schöffenbank zu laden, natürlich mit Ausnahme des alten Sebastian Häuptlein, an dessen Stelle ein Glied des äußeren Rates hinzugezogen werden mußte. Dabei setzte er als selbstverständlich voraus, daß alle Bürger der Stadt ganz denselben Zorn und dieselbe Empörung über die schändliche Tat der beiden in der Brust trügen, die er selbst fühlte. Sollte etwa der eine oder der andere von einem unzeitigen Mitleid ergriffen werden, so würde, meinte er, der Anmarsch des Burggrafen diese Regung im Keime ersticken.

Indessen sollte er zu seiner Verwunderung inne werden, daß es auch Leute gab, die anders dachten.

Er hatte sich eben vor seine Morgensuppe gesetzt, als der greise Guardian des Franziskanerklosters, Eustachius Lammerzahl, in das Gemach trat. Er gehörte zu den nicht eben zahlreichen Geistlichen der Stadt, über deren Leben keine ärgerlichen Gerüchte im Umlauf waren, und abgesehen von einer kleinen Schwäche für den roten Tauberwein, die ihm jedermann verzieh, war er ein untadeliger Diener des Herrn. Deshalb hatte ihn auch der Bürgermeister zu seinem Beichtvater gewählt, denn durch ein besonderes päpstliches Privileg besaß er das Recht, sich einen solchen unter allen Priestern Frankens aussuchen zu dürfen. So begrüßte er denn auch den Eintretenden freundlich, obwohl er ihm ungelegen kam, und lud ihn ein, an seinem Frühstück teilzunehmen.

»Was würde mir wenig ziemen, im Herrn geliebter Sohn,« erwiderte der Alte feierlich. »Ich habe die heilige Messe noch nicht gelesen und darf deshalb vorher weder Speise noch Trank zu mir nehmen.«

»Dann setzt Euch, Ehrwürdiger, und sagt, was Euch in solcher Frühe zu mir führt.«

»Eine Sache, die keinen Aufschub leidet. Ich komme wegen des jungen Häuptlein.«

Topler richtete sich steif empor. »Wenn Ihr seine Beichte hören wollt, so steht dem nichts im Wege.«

»Nicht darum komme ich, geliebter Sohn. Ich möchte dich mahnen an das Wort der Heiligen Schrift, daß wir dem sündigen Bruder siebenmal siebzigmal vergeben sollen und an das andere Wort: Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut soll auch vergossen werden.«

Der Bürgermeister zog die Brauen unwillig zusammen und versetzte scharf: »Beide Worte passen nicht hierher, wie man denn Geistliches und Weltliches nicht vermengen soll. Vergebe ich denen, die wider die Stadt freveln, siebenmal siebenzigmal, so züchte ich ebenso viele Schurken und Eidbrüchige, dessen seid sicher. Die Welt wird durch die Furcht regieret. Denket einmal darüber nach, was werden würde, wenn auch nur eine Woche lang ein jeder tun könnte, was ihm beliebte, ohne daß er Strafe fürchten müßte. Ich meine, Ihr könntet dann Euere Habe in einem Sacke forttragen, wenn Euch der Sack nicht auch schon gestohlen wäre. Und was das Blut anbelangt: Nun, Ehrwürdigster, als Euch die Schafe geraubt waren aus dem Klosterstalle in Dettwang, da riefet Ihr nach dem Galgen und predigtet, daß die Obrigkeit das Schwert nicht umsonst von Gott empfangen habe. Mich dünket: Was Schafdieben recht ist, das ist meineidigen Verrätern billig.«

Der Guardian blickte ihn ziemlich hilflos an; er konnte gegen seine Worte nichts Namhaftes einwenden. »Vergiß auch nicht.« so stotterte er nach einer Weile, »daß ferner geschrieben steht: Haltet euch frei vom Zorn, denn der Mensch in seinem Zorn tut nicht, was recht ist vor Gott.«

»Wiederum irrt Ihr, wenn Ihr meint, ich handele im Zorn. Ja, wohl kochte die Wut in mir, als ich von dem schändlichen Verrat hörte, aber ich habe gelernt, mich zu zähmen. Im Zorne spreche ich keinem Menschen das Leben ab. Überdies werde ich nicht allein richten, der ganze innere Rat wird urteilen über die Verräter.«

»Ach, es geht ja doch alles nach deinem Willen!« entfuhr es dem Geistlichen.

»Dafür danket Gott, ehrwürdiger Herr!« sagte Jakob Topler von der Tür her, wo er die letzten Worte des Gespräches vernommen hatte. »Es zeigt sich, wie gut es ist für eine Stadt, wenn ein Mann ihr befiehlet anstatt eines Haufens alter Weiber. Denn es ist – doch ich bitte, verlaßt uns, Herr, ich habe mit meinem Vater geheim zu reden.«

Der Guardian erhob sich. »Ich will nicht stören,« versetzte er kalt. »Es ist mir leid, in Christo geliebter Sohn, daß du meine Bitte nicht erfüllen willst.«

»Ich dachte, Euch überzeugt zu haben, daß ich sie nicht erfüllen kann,« erwiderte der Bürgermeister ruhig und geleitete ihn höflich zur Tür. »Ich bin Euch gern zu Gefallen, aber der Stadt Wohl läßt nicht zu, daß ich nach Eurem Willen handele.«

Der Geistliche entfernte sich mit steifem Gruße. Jakob Topler blickte ihm spöttisch nach und sprach dann zornig: »Ich möchte hundert Gulden verwetten, daß dieser um des schmutzigen Häuptlein willen bei dir war.«

»Du würdest sie gewinnen. Er wollte mich mit seinen frommen Sprüchen mahnen, daß ich den Verräter sollte laufen lassen. Aber in: Vertrauen sag' ich dir: Ich glaube, der alte Sebastian hat ihm eine namhafte Spende für sein Kloster versprochen.«

»Ganz sicherlich, Vater. Der alte Häuptlein läuft seit dem frühesten Morgen von einem Hause zum anderen und heult und wälzt sich auf dem Boden und fleht alle Leute an, seinen Sohn vom Tode zu retten. Gewiß hat er auch manchen von den Ratsherren, oder auch anderen viel Geld geboten, so sie ihm beistehen wollten. Du wirst einen schweren Stand haben, wenn du die Sache vor den Rat bringst. Das wollt' ich dir sagen.«

»Ich glaub', doch nicht einen allzu schweren,« erwiderte Topler und riß das Fenster auf. »Hörst du das Glockenzeichen vom Turme? Es bedeutet, daß ein Dorf in Flammen steht, innerhalb der Landwehr. So sind die Reiter des Burggrafen kaum noch eine Stunde von der Stadt entfernt. In Kürze werden wir sie durch die Felder streifen sehen. Der Anblick wird manchen fest machen, der sonst durch Geld erkauft werden könnte, oder den eine unzeitige Schwäche ankäme.«

»Herrgott, dann muß ich auf die Mauer. Leb' wohl, Vater!« rief Jakob und eilte zur Tür hinaus. Heinrich Topler aber bewaffnete sich und schritt dann nach dem Rathause, wo alle, die er zum Richten berufen hatte, bereits versammelt waren und seiner harrten. Auch die beiden Verbrecher wurden auf seinen Wink hereingeführt. Johann Strauß stand mit zusammengebissenen Zähnen bleich und finster da, wie schon am Abend vorher und wagte nicht, die Augen aufzuschlagen. Aber auch Konrad Häuptlein hatte seine trotzige Haltung nicht mehr; auch er war blaß und zitternd, und seine Blicke irrten scheu im Saale umher.

Der Bürgermeister setzte sich mit bedecktem Haupte auf den Stuhl, der ihm in der Mitte des Schöffenhalbkreises bereitet war und sprach die Formel, wodurch er das peinliche Gericht eröffnete in des Königs Namen und Vollmacht, Schutz und Frieden, und jeden ermahnte, seinem Eide getreu, zu richten, ohne Gunst und ohne Furcht. Dann forderte er Hans Spörlein, der die beiden hereingebracht hatte, auf, zu reden, und mit lauter, schallender Stimme klagte der die Vögte des Eidbruches, der Feigheit und des Verrates an.

»Bekennt Ihr Euch schuldig, das feste Schloß Nordenberg, das Euch zur Hut vertraut war, verlassen zu haben?« fragte Topler die beiden, indem er sie mit unverhohlener Verachtung betrachtete. Er wartete vergebens auf eine Antwort. Die Angeklagten stierten vor sich hin und gaben keinen Laut von sich.

»Ihr könnt nichts in Abrede stellen, wie wir sehen.« fuhr Topler fort, die in ihm aufquellende Bitterkeit mühsam niederkämpfend. »Nun denn, in des Teufels Namen, so sagt aus, was Euch dazu bewogen. Wenn der Burggraf den roten Turm zerschoß, so wußtet Ihr wie wir, daß der Luginsland nichts war als ein alt Gerümpel, das wir in ruhigen Zeiten abtragen wollten. Auf die Mauer aber kam es an, und die war unversehrt. Wie konntet Ihr also Eures Eides vergessen? Faselt mir nicht von schwarzer Kunst. Hätte der Burggraf die Mauern niedergelegt, so ließe ich's gelten. So aber sind solche Reden unwertige Dinge.«

Er hielt inne und wartete. Eine beklemmende Stille trat ein. Plötzlich stürzte Häuptlein auf die Knie und schrie mit gellender Stimme: »Gnade! Gnade!«

Johann Strauß aber hob zum ersten Male das Antlitz empor, und mit einem Blicke der Verachtung den Knienden streifend, sprach er kurz und trocken: »Ich bin meineidig geworden, und so geschehe mir mein Recht. Warum ließ ich mich vom Teufel verblenden, daß ich dem da folgte!«

Da befahl der Bürgermeister, daß man sie hinausführe. Strauß schritt ruhig dem Ausgange zu, der andere dagegen schrie von neuem um Gnade und mußte, da er sich nicht von den Knien erhob, von den Stadtknechten hinausgetragen werden.

Als die Richter wieder allein waren, ließ Topler seinen Blick im Kreise herumgehen und sprach dann ernst und nachdrücklich: »Sie haben ihre Schandtat mit keinem Worte zu entschuldigen gewußt, und nicht einmal die Erklärung haben sie gegeben, warum sie ihres Eides vergaßen. So haben wir sie zu richten, und da nach unserem Brauche der Jüngste zuerst sein Urteil zu fällen hat, so sprich, Kunz Reichlein!«

Der Angeredete erhob sich. »Das Urteil ist hier leicht zu finden,« gab er zur Antwort. »Sie haben der Stadt ihren Eid gebrochen und ihr dadurch großen Schaden getan, sie auch in Spott und Schande gebracht. Somit sind sie schuldig, zu Tode gebracht zu werden, und da sie von Geburt ehrbar sind, so wollen wir sie mit dem Schwerte am Leben strafen.«

Topler nickte, und mehrere murmelten Beifall. Aber der folgende Redner, Seitz Eberhardt, war ganz anderer Meinung. »Daß sie schwer gefehlt haben, steht fest,« sagte er, »und harte Strafe verdienen sie auch. Aber des Todes halte ich sie nicht für schuldig, denn ich achte, sie sind in Wahrheit durch böse Zauberei geblendet gewesen. Hätten sie sich selbst für schuldig gehalten, warum wären sie nicht anderswohin geflohen? Item mein ich, wir lassen sie liegen im Faulturme über ein Jahr, dann mögen sie sich von dorten lösen. Der Strauß soll los sein, wenn seine Sippe dreitausend Gulden gibt, dem Häuptlein nehmen wir fünfzigtausend Gulden ab, denn er gehört zu den Reichsten in der Stadt. Das Geld verteilen wir dann an die, deren Hab und Gut am meisten während der Fehde geschädigt worden ist, und die beiden Feiglinge müssen sich für ewige Zeiten aus der Stadt schwören. So haben sie ihre Strafe, und wir haben alle einen Nutzen.«

Diese Rede fand wieder bei anderen Beifall, und so geschah es, daß sechs gegen sechs Stimmen standen, als alle zwölf Beisitzer geendet hatten. Die Stimme des Vorsitzenden gab demnach den Ausschlag, und somit hatte das Schicksal dem Bürgermeister die alleinige letzte Entscheidung in die Hand gelegt. Niemand wagte, ihm ins Angesicht zu blicken, als er aufstand um zu reden, denn jeder wußte, daß sein Wort sein werde wie ein niederzuckendes Schwert.

Da erhob sich ein Tumult im Vorzimmer, die Tür flog auf, und ein Mann im grauen Büßerhemd stürzte herein. Die langen grauen Haare hingen ihm wirr ums Antlitz, das verzerrt war von Angst und Schmerz. Er fiel auf den Estrich nieder, hob die Hände empor und rief, daß es jedem durch Mark und Vein drang: »Gnade, Ratsgesellen, Gnade für meinen einzigen Sohn! Nur den Hof zu Dettwang will ich zum Leben behalten, all meine andere Habe nehmt für die Stadt!«

Er ließ sein Haupt vornüber sinken, so daß die Stirne den Boden berührte. Tiefe Stille, dann erklang Seitz Eberhardts scharfe Stimme: »Nun, Heinz Topler? Rund achtzigtausend Gulden für die Stadt - ist's nicht genug?«

»Nein, Seitz Eberhardt, es ist nicht genug,« erwiderte Topler. »Und böte er zehnmal so viel, es wäre noch immer zu wenig. Der Richter, der aufs Geld sieht, wenn er Recht sprechen soll, gleicht der feilen Metze, die ihre Ehre verkauft. Ich nehme kein Blutgeld, auch für die Stadt nicht. Schaffet diesen hinaus, der mir von Herzen leid tut, dem ich aber um meines Eides und meiner Ehre willen nicht helfen kann.«

Der Greis sank mit einem Wehruf vollends in sich zusammen, denn eine Ohnmacht war über ihn gekommen. Seitz Eberhardt aber sprang vor, umfaßte ihn und suchte ihn vom Boden emporzuheben.

»Heinz Topler!« sprach er dabei, »diese Stunde wirst du bereuen. Es wird der Tag kommen, wo die Bürger dich fragen werden, woher du das Recht nahmst, der Stadt diesen Reichtum zu entziehen. Und der da war bis jetzt nicht dein Feind, aber von heute ab wird er kein anderes Ziel kennen, als sich an dir zu rächen.«

»Seitz Eberhardt,« versetzte der Bürgermeister, »mich kauft keiner, und mich schreckt keiner. Du weißt, daß ich einst einen Seinsheim hinrichten ließ, für den viele Fürsten reiches Lösegeld boten. Aber ich wollte nicht, daß man von den Rothenburgern sagen konnte: Am Geld ist bei ihnen alles zu erreichen. Nur das Gemeinwesen kann bestehen, von dem jeder weiß, es straft seine Feinde und Verräter. Und so müssen Johann Strauß und Konrad Häuptlein um ihres Meineides willen sterben, und ich rettete sie nicht, wenn sie meine Söhne oder meine Vettern wären, das weiß Gott. Ich trage Leid, daß ich das Blut von Bürgerssöhnen vergießen muß, aber beim heiligen Kreuz, um der Stadt willen gehe ich in das Blut hinein bis an die Senkel meiner Schuhe! Rufet sie herein, daß sie ihr Urteil empfangen!«

 << Kapitel 15  Kapitel 17 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.