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Der König von Rothenburg

Paul Schreckenbach: Der König von Rothenburg - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Schreckenbach
titleDer König von Rothenburg
publisherStaackmann
year1930
firstpub1930
senderwww.gaga.net
created20050712
projectid19fef3f3
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III.

Von zwei Seiten zugleich rückten die verbündeten Fürsten und Herren gegen das Rothenburger Gebiet heran. Der Burggraf selbst war mit einem stattlichen Aufgebote nach der kleinen festen Stadt Uffenheim gezogen, die aus Furcht vor dem mächtigen Nachbar der großen Schwesterstadt mit abgesagt hatte, und hier stieß der Bischof von Würzburg mit fünfhundert Spießen zu ihm. Zwei Tage später langte auch der starke Zuzug von Thüringen und Meißen an, den die beiden Landgrafen Friedrich und Wilhelm selbst führten.

Topler konnte nicht daran denken, diesem Heerhaufen im freien Felde entgegenzutreten, denn der war zahlreicher und kriegstüchtigsr als die gesamte Heeresmacht der Stadt. Dagegen schwankte er einen Tag lang, ob er sich nicht auf die Bayernherzöge stürzen sollte, die mit ihren viel geringeren Scharen bei Schillingsfürst standen und dort die Fähnlein an sich zogen, die von den Burgen Südfrankens und Schwabens herankamen.

»Falle über sie her!« riet Peter Northeimer. »Zersprenge sie, ehe sie zu stark werden! Wenn wir bei anbrechender Dunkelheit ausziehen, kann bis zum Morgenrot die ganze Arbeit getan sein. Sie werden unseres Kommens nicht gewärtig sein.«

Aber Topler wehrte ab. »Herzog Stefan, der sie führt, ist kein Kind; er wird auf seiner Hut sein. Und glückt der Überfall nicht, was dann? Müssen wir uns mit Verlust zurückziehen, so wird's sehr schlimm, werfen sie uns in die Flucht, wird's noch viel schlimmer. Denn wir müssen vor allem darauf sehen, daß unsere Leute den Mut behalten. Zudem«, setzte er nach einer Pause hinzu, »kann ich die Stadt nicht zu sehr von Streitern entblößen. Denn in derselben Nacht, in der wir ausziehen, kann der Burggraf vor die Mauern rücken.«

»Doch nur, wenn er unser Vornehmen in Erfahrung brächte,« wendete Northeimer ein.

»Er wird's bestimmt erfahren, mein guter Peter, dessen sei sicher. Wir haben manchen Judas in der Stadt,« versetzte Topler finster.

Northeimer faßte seine Hand. »Heinz, nicht diesen ungerechten Argwohn! Weil dich einer verriet, darfst du nicht allen mißtrauen!«

»Ach Peter, du bist nie eines Menschen Todfeind gewesen und hast keinen Todfeind in der Stadt. Ich aber weiß nicht nur einen hier, der jeden Tag mich vergiften würde, wenn ihn die Furcht nicht bändigte. Ein Glück, daß es Galgen und Rad gibt in der Welt, sonst wäre ich langst ein toter Mann.«

»Laß den Bader kommen, daß er dir eine Ader schlägt! Es ist das schwarze, schwere Geblüt, was aus dir spricht, Heinz.«

»Meinst du? Nein, Peter, ich sehe klar. Du aber kannst in deiner ehrlichen Seele den Verrat überhaupt nicht fassen. Es geht dir wider die Natur, einem Menschen zu mißtrauen.«

»Zum Glück«, erwiderte Northeimer, »müßte wer dich verraten wollte, die ganze Stadt mit verraten. Er wäre also nicht nur ein Schurke, sondern auch ein Narr.«

»Solche sind nicht so selten, wie du denkst. Der Haß verblendet oft die Menschen so, daß sie nur ein Ziel sehen und das Wahnwitzigste tun, es zu erreichen. Das Sicherste ist ohne Zweifel: Ich habe die Augen offen, traue keinem und halte die ganze Macht zusammen. Wir werden sie brauchen, wenn der Burggraf heranzieht, uns einzuschließen.«

»Du meinst doch nicht, Heinz, daß er uns hier in der Stadt belagern wird?«

»Das glaub' ich freilich ganz gewiß.«

»Sollte er sich nicht an unseren Festen die Zähne ausbrechen? Sie sind gut bewehrt.«

»Das sind sie, aber nicht alle gleich gut. Bei Entsee und Gammesfeld sind die Mauern noch zu neu, wenn sie die mit Donnerbüchsen beschießen, weiß ich nicht, ob sie nicht zerbröckeln. Unser Mörtel braucht Jahre, ehe er sich recht mit den Steinen verbindet, und nach Jahrzehnten ist er selbst wie Stein, ja, härter als Stein. Darum setze ich meine meiste Zuversicht auf Nordenberg, nachdem auf Habelsee. Die haben alte feste Mauern von acht Schuh Dicke. Aber des Burggrafen Heer ist so groß, daß er die beiden Schlösser einschließen und in seinem Rücken lassen kann. Er vermag dann immer noch sehr wohl die Stadt zu berennen, wenn er sie anch nicht von allen Seiten umzingeln kann.«

»Du würdest das tun, Heinz, denn du wagst gern viel. Der Zollern aber ist ein vorsichtiger Mann, ich glaube nicht, daß er die Schlösser hinter sich läßt.«

»Möge Gott ihn also verblenden, daß er sie bestürmt! Das wird ihm viel Zeit und Blut kosten, ohne daß er einen Nutzen davon hat. Denn Habelsee und noch mehr Nordenberg müssen sich gegen den türkischen Kaiser selbst halten. Noch ist es übrigens eine Frage, ob sie die großen Büchsen aus Meißen schon da haben. Mir ist das sehr zweifelhaft.«

Darüber gab ihm allerdings schon die nächste Stunde unwillkommene Gewißheit. Denn gerade, als man sich in Rothenburg zum Mittagessen niedergesetzt hatte, erdröhnte von Nordosten her ein dumpfer Knall wie ein gewaltiger Donnerschlag.

»Der erste Gruß des Burggrafen!« sagte Topler, sein Messer niederlegend und sich vom Stuhle erhebend. »Ich bin auf dem Würzburger Tore zu finden, wenn jemand nach mir fragen sollte.«

Er machte sich hastig zum Ausgange bereit und eilte fort. Als er eben den Torbogen des weißen Turmes passiert hatte und in die Würzburger Gasse eingebogen war, erscholl der Geschützdonner zum zweiten Male.

Topler blieb stehen und horchte. »Es ist ohne Zweifel Nordenberg, das sie beschießen. Von Habelsee her könnte man den Knall nicht so laut hören,« sprach er vor sich hin. »Da sind sie gerade an die rechten Mauern gekommen, und der Burggraf kann einen Vorschmack haben, wie es werden mag, wenn er vor unsere Mauern rückt.«

Auf der Würzburger Bastei traf er neben vielem müßigen Volke auch die beiden Kriegsherren, und Hans Spörlein meldete ihm, er habe soeben ein Fähnlein von fünf Reitern ausgesandt, die erkunden sollten, wo die feindlichen Heerhaufen ständen, und ob sie nur Nordenberg oder auch die dahinter liegenden Schlösser Entsee und Habelberg berennten. Topler lobte das sehr und befahl, ihm die Rückkehr der Kundschafter sogleich zu melden. Dann begab er sich nach dem Rathanse, denn hier auf dem Tore konnte er nichts weiter nützen, und es widerstrebte ihm, mit den Leuten dazustehen und Vermutungen und Befürchtungen zu tauschen, die doch keiner recht begründen konnte.

In seiner Schreibstube angekommen, warf er sich in seinen Stuhl und stützte das Haupt auf den Tisch. Ein ungewohntes Gefühl des Unbehagens und der Beklemmung hatte ihn befallen, gegen das er sich vergeblich wehrte. Einen Grund dafür hatte er sich selbst nicht anzugeben vermocht. Bis jetzt war eigentlich alles so gegangen, wie er sich's gedacht hatte, nur die Zahl der Feinde war bedeutend größer, als er erwartet hatte. Doch war das kein Unglück, es mochte im Gegenteil dem Burggrafen den Zug erschweren. Im freien Felde hätte ihm die Stadt ja ohnehin nicht zu widerstehen vermocht, und wenn es zur Belagerung kam, so war es leine leichte Aufgabe, die großen Menschenmassen zu ernähren und nun vollends das Futter für zwei- bis dreitausend Pferde herbeizuschaffen, die überdies vor den Mauern fast wertlos waren. Eine Zeitlang würde sich das Heer halten durch Ausnutzung und Plünderung der Dörfer im Stadtgebiet, aber sehr viel war da nicht zu holen, denn die Bauern waren mit ihrem Vieh und der wertvollsten Habe in die Stadt oder in die festen Plätze geflüchtet, zum Teil hatten sie sich auch in den Wäldern versteckt. Hielt sich Rothenburg auch nur vier Wochen, so mußten die Feinde abziehen, denn in der Stadt lagen riesige Vorräte, die Menschen und Vieh wohl ein Vierteljahr lang am Leben erhalten konnten.

Auch das Ausbleiben jeglicher Hilfe von außen her bereitete ihm keine Sorge und keine Enttäuschung. Keine Stadt war dazu zu bringen, einer anderen sofort, wenn sie angegriffen wurde, mit ihrer Macht zu Hilfe zu eilen. Erst wenn die Fehde eine Zeitlang gedauert hatte und die Kräfte der Kriegführenden sich erschöpften, traten die Vermittler auf den Plan und drängten zu Frieden und Vergleich.

Mehr und anderes hatte auch er nicht erwartet, nicht einmal von den Städten des Marbacher Bündnisses.

Das alles war wie bei jeder anderen Fehde und bedrückte sein Gemüt nicht, sondern was ihn ruhelos machte und sogar den Schlummer seiner Nächte störte, war die Furcht vor Verrat. Einige der Ehrbaren, die ihm am meisten feindlich waren, ließ er schon längst heimlich überwachen. Außerdem hatte er einen Ratsbeschluß durchgesetzt, daß jeder, der sich nur die geringste verräterische Handlung gegen die Stadt zuschulden kommen ließe, durch den Henker enthauptet werden solle, wohingegen dem Entdecker und Anzeiger eines Verrates eine hohe Belohnung bis zu tausend Gulden freiwillig zugesichert ward. Endlich hatte er sogar das Kloster der Dominikanerinnen mit einer ständigen Wache belegt, weil er vielen der frommen Schwestern das größte Mißtrauen entgegenbrachte, – wobei ihn der zeternde Protest der Priorin nicht im geringsten gestört hatte. Aber das alles genügte ihm noch nicht; er hätte sich am liebsten verzehnfacht, um überall selbst nach dem Rechten zu sehen, und fast jede Nacht verließ er, wenn der Schlaf ihn floh, sein Haus und erschien da und dort unvermutet, oder wandelte lauschend und spähend durch die Gassen der Stadt, gefolgt von seinen beiden riesigen Doqgen, die aus König Wenzels Zucht stammten.

In finstere, argwöhnische Gedanken verloren, saß er auch jetzt wieder vor seinem Schreibtisch, und es war ihm lieb, daß nach einiger Zeit Northeimer und Spörlein erschienen, um ihn zu einer Besichtigung der Vorräte abzuholen. Es hatte nämlich jeder Bürger angeben müssen, welche Lebensmittel, welche Waffen und wieviel Vieh er in seinem Hause hatte, und nun sahen die drei Kriegsherren selber nach, ob die Angaben auch stimmten. Jedes Haus, jedes Gemach, jeder Stall, jeder Stadel mußte ihnen dabei geöffnet werden, und wer den Rat in irgendeiner Weise belogen und irgend etwas verheimlicht hatte, verfiel in schwere Geldbuße.

Das war eine anstrengende Arbeit, und wie am vorhergehenden Tage, so nahm sie auch heute den ganzen Nachmittag in Anspruch, so daß die drei erst beim Einbruch der Dunkelheit heimkamen in ihre Häuser. Wenn man bei Licht hätte weiterarbeiten können, so wäre das dem Bürgermeister gerade recht gewesen, damit er sich dadurch betäubte und ablenkte, denn in ganz wunderlicher Weise wuchs die Unruhe und Besorgnis immer höher empor in seinem Innern, so daß er sich kaum noch zu lassen wußte. Er hatte das deutliche Gefühl, daß etwas Schreckliches geschehen sei, oder in Kürze geschehen werde, obwohl er auch nicht den geringsten Grund für seine quälende Sorge hätte angeben können. Finster und verstimmt, beinahe verstört, saß er vor seinem Abendimbiß und rührte ihn kaum an.

»Was hast du, Mann?« fragte endlich Frau Margarete, nachdem sie ihn lange von der Seite angesehen hatte. »Du hast dich wieder einmal angestrengt über Maß und Gebühr. Soll ich dir eine Kanne Würzwein machen, damit du einmal schlafen kannst und nicht die halbe Nacht wach sein mußt?«

»Ja, tue das, liebes Weib!« erwiderte er. »Ich fühl's, die Unrast reibt mich auf, ich muß endlich einmal ein paar Stunden ruhen.«

Frau Margarete brachte eilend das Getränk herbei. Topler goß es hinab, als wäre er verdurstet und suchte sogleich sein Lager auf, und wirklich war er eine halbe Stunde später, wie seine Gattin mit Freude wahrnahm, in einen tiefen Schlaf verfallen. Mit der größten Behutsamkeit, um ihn nicht zu wecken, legte auch sie sich zum Schlummer nieder.

Aber als das Horn des Nachtwächters ertönte und seine schnarrende Stimme von der Marktecke aus die zweite Stunde der Nacht abrief, fuhr der Bürgermeister aus wirren Träumen jäh empor. Er war auf der Stelle ganz wach und munter, und das Angstgefühl, das ihn den ganzen Tag über heimlich gepeinigt hatte, stellte sich sofort in verstärktem Maße wieder ein. Er suchte sich zur Ruhe zu zwingen, aber es gelang ihm nicht, und nachdem er eine Zeitlang den regelmäßigen Atemzügen seines Weibes gelauscht und festgestellt hatte, daß sie in tiefem Schlummer liege, stand er entschlossen auf und ging hinüber in seine Kammer. Dort legte er seine volle Eisenrüstung an, als ginge es zum Streite.

Er wandte seine Schritte dem Rathause zu, und als er dicht vor der hohen eisernen Tür des Hofes stand, sah er zu seinem Erstaunen eine Gestalt die Herrengasse heraufkommen. Beim trüben Schein des Mondes, der eben im Untergehen begriffen war, bemerkte er, daß sie ebenso gerüstet war, wie er selbst, und die Größe und Breite des Näherkommenden verrieten ihm, daß es kein anderer sein konnte als sein Freund Peter Northeimer.

»Beim heiligen Kreuz, was tust du hier, Peter?« rief er ihn an.

»Du hast mich mit deiner Sorge angesteckt, Heinz,« erwiderte der Riese fast grollend. »Wahrlich, ich finde keine Ruhe in meinem Bette und wollte eben nach den Toren, um nachzusehen, ob alles in Ordnung wäre. Dein Sohn, Heinz, schleicht ums Kloster herum, wie ein Schäferhund um die Hürde, und Hans Spörlein bin ich auch schon begegnet, er machte eine Runde um die Stadt und wollte mich am Würzburger Tore wieder treffen. Es ist eine verfluchte Nacht. Du hast uns alle toll gemacht.«

»Gut, wenn viele wachen!« versetzte Topler. »Komm, wir wollen auf den Turm und sehen, ob sich irgend etwas regt!«

Die beiden klommen die engen Wendeltreppen des Rathausturmes hinan, und oben angekommen, blickten sie scharf nach allen Seiten hin über die schlafende Stadt. Aber nichts Absonderliches war zu bemerken, überall tiefes Schweigen und fast vollkommene Dunkelheit, da nur noch ein kleines Stück des Mondes hinter den Vorbacher Höhen hervorblickte. Nur in ganz wenigen Häusern glänzte ein Lichtlein, dort mochte wohl ein Kranker liegen oder ein Weib, das seiner schweren Stunde entgegenbangte. Auch war nirgend woher ein Laut zu hören, außer dem eintönigen Rufen der Wachen und der Stimme des Wächters, der jetzt in der fernen Hirtengasse seinen Ruf und Sang ertönen ließ.

Fern am Horizonte zeigte sich hie und da ein fahler Schimmer. Das waren die schwelenden Flammen der Dörfer, die am Tage von den Reisigen der Feinde niedergebrannt worden waren. Topler zählte ihrer fünf. »Die armen Leut'!« stieß er durch die Zähne hervor. »Sie müssen stets die böse Zeche zahlen, wenn die Großen sich packen. Dabei ist es Torheit, die Dörfer zu verbrennen, wenn man vor einer Stadt lange liegen will. In einer Wüste kann man nicht weilen. Komm, Peter, wir wollen hinab. Da ist nichts, was meinen Argwohn weckt.«

Er wandte sich dem Ausgange zu, aber plötzlich faßte ihn Northeimer fest am Arme. »Was ist das. Heinz? Siehe dorthin!«

Topler fuhr herum. Fern im Nordosten stand ein großer, glühendroter Punkt am Himmel, der wuchs und wuchs und in wenigen Minuten so hoch anschwoll, daß es aussah, als ob eine Riesenfackel emporlohe.

Beide starrten, ohne sich zu regen, nach der Gegend hin. Endlich sagte Topler leise: »Es ist Entsee.« Dabei hob ein tiefer Atemzug seine Brust, als ob er sich von einer schweren Last befreit fühle.

Northeimer schlug mit der Hand auf die Fensterbrüstung. »Ja, es ist Entsee,« wiederholte er, und seine Stimme bebte. »Du sagst das so ruhig, Heinz, als wäre es nichts.«

»Ich ahnte den ganzen Tag über, daß etwas kommen werde und trug viel schwerere Sorge,« gab Topler zur Antwort. »Nun bin ich froh, daß ich so leichten Kaufs davonkomme. Entsee, so leid mir's tut, können wir verschmerzen, wenn nur Nordenberg nicht fällt. Sollte das fallen – Gott wolle es verhüten – so steht den Tag darauf der Burggraf vor der Stadt. Aber was ist das, Peter? Klingt's nicht wie Rufen und Schreien von einem der Tore da drüben her?«

Northeimer steckte den Kopf durchs enge Fenster und horchte hinaus. »Es ist am Würzburger Tore, Heinz. Die Wachen werden auch des Brandes gewahr werden und wundern sich wahrscheinlich, daß der Türmer nicht das Glockenzeichen gibt und die rote Laterne aushängt. Aber Meister Deuterich hat uns hier den Platz geräumt und schläft wahrscheinlich einen Stock tiefer.«

»So wollen wir ihn aufrütteln im Vorübergehen, und dann schnell zum Würzburger Tore! Siehst du, wie dort die Fackeln aufblitzen, und hörst du die Stimmen? Wir müssen hin, komm!« Hastig eilten die beiden Männer, so rasch es ihnen in der schweren Rüstung möglich war, die Stiegen hinab, über den Markt die Herrengasse entlang.

Das Tor des weißen Turmes, der die Herrengasse von der Würzburgergasse trennte und den Rest der uralten innern Stadtbefestigung bildete, war verschlossen. Northeimer riet, auf dem Umwege durch die Judengasse in die Würzburger Gasse vorzudringen, aber Topler sagte: »Nein, hörst du nicht, daß sie näherkommen? Das ist Hans Spörleins Stimme, er tobt und flucht. Wahrscheinlich haben sie einen Halunken gefaßt. Gleich werden sie da sein.«

Als die Tür aufging, blickten sie in das zorngerötete Antlitz Spörleins, hinter dem zwei gefesselte Männer hergeführt wurden. Viel reisiges Volk drängte nach.

»Da sieh, Heinz!« schrie Spörlein und wies auf die beiden Gefangenen. Er konnte vor Erbitterung nicht weiterreden.

Topler starrte die beiden an, ohne einen Laut von sich zu geben. Sein Antlitz ward weiß, und seine Knie zitterten. Äffte ihn ein Spuk? Zauberte ihm seine überreizte Einbildungskraft Gestalten vor die Augen, die er doch hier im Tore des weißen Turmes gar nicht sehen konnte? Denn diese beiden hatten erst vor wenigen Tagen den Eid abgelegt, daß sie Nordenberg halten wollten bis zum letzten Blutstropfen.

»Johann Strauß und Konrad Häuptlein, wo kommt Ihr her?« fragte er endlich mit seltsam veränderter heiserer Stimme.

Strauß gab keine Antwort, aber Häuptlein rief trotzig: »Gegen die Hölle kann niemand fechten! Der Burggraf wendet Teufelskünste an, er hat in einem Nachmittage den roten Turm zu Falle gebracht. Da haben wir in der Nacht auf geheimen Wegen die Burg verlassen, wollten der Stadt die Leute retten.«

»Und Euch selbst. Ihr Schurken!« knirschte Topler, dessen Erstarrung einer rasenden Wut gewichen war. »Steht die Mauer noch?« brüllte er. Die beiden erwiderten nichts. Aber aus dem Haufen kam eine Stimme: »Sie steht noch fest.«

»Sie steht noch, und ihr lebt noch, aber bei Gottes Wunden, nicht lange mehr! Spörlein, du bist mein Freund, doch dein Kopf fliegt wie der ihre, wenn du sie entweichen läßt. In den Faulturm mit den Verrätern und morgen zum Blutgericht!«

Da fühlte er plötzlich seine Knie umklammert. Ein Greis lag vor ihm am Boden, der nichts auf dem Leibe trug als ein Hemd. Es war der alte reiche Ratsherr Sebastian Häuptlein, der aus seinem neben dem weißen Turme gelegenen Hause herbeigeeilt war.

»Gnade!« wimmerte er. »Gnade, Heinz Topler, für meinen Sohn! All mein Geld, mein ganzes Gut für meinen Sohn!«

Aber Topler stieß ihn mit den Füßen von sich und brach in ein wildes Hohngelächter aus. »Kaufen willst du mich, Häuptlein? Packe dich fort, schwachsinniger Narr, und in den Turm mit den Hunden!«

Damit wandte er sich und schritt schwer atmend seinem Hause zu.

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