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Der König von Rothenburg

Paul Schreckenbach: Der König von Rothenburg - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Schreckenbach
titleDer König von Rothenburg
publisherStaackmann
year1930
firstpub1930
senderwww.gaga.net
created20050712
projectid19fef3f3
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II.

Heinrich Topler wußte längst, daß der Burggraf einen mächtigen Bund von Fürsten und Herren gegen die Stadt zusammengebracht hatte, aber als nun in den nächsten Tagen die Fehdebriefe einliefen, da war er über die Menge und Bedeutung der Absagenden doch erstaunt, ja betroffen. Daß die Herzöge in Bayern, des Burggrafen Verwandte und Gefreundete, der Stadt Feinde sein wollten, war in der Ordnung und konnte nicht überraschen, auch daß der hochwürdige Herr von Würzburg zugleich mit dem Zollern seine Kriegserklärung übersandte, mußte erwartet werden. Aber da waren zum Beispiel die Landgrafen von Thüringen und Hessen, Herren, denen die Rothenburger nie ein Wässerlein getrübt und mit denen sie nie zu tun gehabt hatten, weder im Guten noch im Bösen. Was die zur Absage trieb, war eigentlich unerfindlich, wenn es nicht persönliche Freundschaft mit dem Burggrafen oder der allgemeine Fürstenhaß gegen die Städte war. Auch die frommen Väter von Bamberg und Regensburg wollten den Krummstab mit dem Schwerte vertauschen, vermutlich, damit der Würzburger sich nicht als einziger geistlicher Herr unter den vielen Weltleuten allzu vereinsamt fühlte. Und die von der Ritterschaft absagten, bildeten ein ganzes Heer; fast in jeder Stunde des Tages und der Nacht kamen reitende Boten an die Tore, die ihre mit einem Sperrholze an die Speerspitze befestigten Brieflein dem Hauptmann der Torwache auf die Brüstung hinaufreichten. Denn Topler hatte den Eintritt dieser Gesellen in die Gassen streng verboten, damit sie nicht irgendeine Kundschaft einziehen könnten zum Nachteile und Schaden der Stadt.

Als er am Morgen des dritten Tages nach der Achtserklärung in die Schreibstube des Rates eintrat, fand er seinen Schwiegersohn Kaspar Wernitzer vor einem Haufen derartiger Schreiben sitzen, die er sich sorgfältig in eine Liste eintrug. Der junge Patrizier war als gewandter und schneller Schreiber in ganz Rothenburg berühmt und wurde von seinem Schwiegervater gern zur Abfassung solcher Schriftstücke verwendet, die einen klugen Kopf und einen sicheren Mann verlangten.

»Da sehet, Vater,« sagte er, »es sind diese letzte Nacht achtundachtzig Absagebriefe eingelaufen!«

»Donner und Hagel!« rief Topler. »Geht das so fort, so wird morgen sogar vom Teufel ein Schreiben einlaufen, daß er unser Feind sein will und will seine Ehre an uns bewahret haben. Sind gewichtige Leute dabei?«

»Nicht sonderlich, aber wäre es nicht vielleicht wohlgetan, Vater, man ließe auf Tafeln die Namen aller aufzeichnen, die unsere Feinde geworden sind, und hängte solche Tafeln aus, daß jeder ihre Namen wisse?«

»Das ist ein guter Einfall. Freilich müßte man eher die aufschreiben, die nicht der Stadt Feinde sind.«

»Ich habe hier schon ein solch' Verzeichnis aufgestellt. Vater!«

»So gehe hinunter zum Stadtschreiber und berede mit ihm das Nähere. Ich billige es.«

Wernitzer entfernte sich. Der Bürgermeister ließ sich am Tische nieder und sah die Namen der Fehder durch. Sie waren ihm zu einem guten Teil unbekannt, und eben begann er sich zu wundern, daß auch die Grafen von Schwarzburg und die von Orlamünde die Rothenburger mit bekriegen wollten, obwohl wenige in der Stadt wissen mochten, wo die Grafschaften der beiden Herren lagen – da öffnete sich die Tür, und seine Schwiegertochter Agnes trat ein.

»Herrgott!« dachte er. »Halten wir hier einen Familientag ab? Auf den Schwiegersohn die Schwiegertochter! Das ist ja wunderlich. Was mag das junge Frauenzimmer auf dem Rathause wollen?« Aber er ging ihr freundlich entgegen, denn er war ihr wohlgeneigt, und es lag in seiner Art, den Frauen mit Höflichkeit und Zuvorkommenheit zu begegnen.

»Ich möcht' mit Euch reden, Vater,« sagte sie, mit niedergeschlagenen Augen nähertretend.

»Potztausend, liebes Kind, das paßt jetzt schlecht,« entgegnete er. »Meine Zeit ist sehr kurz, wie du dir denken kannst.« Und mit Laune fuhr er fort: »Ich sehe Tränen in deinen schönen Äuglein? Gewiß habt ihr euch einmal bei den Köpfen gehabt, du und der Jakob. Ja, liebes Kind, das geschieht hin und wieder in den besten Ehen, und da sind die Eltern machtlos. Das müssen die jungen Leute allein miteinander durchmachen, und meist folgt ja sehr bald auf das Gewitter um so schönerer Sonnenschein.«

»Darum hätt' ich Euch nimmer bemüht, Vater,« versetzte sie etwas gekränkt und fast schnippisch.

»Nun, dann sage, wo es fehlt. Aber ich bitte, ohne Umschweife. In einer Viertelstunde tritt der Rat zusammen.«

»So möcht' ich Euch bitten, Vater, gebet dem Jakob eine andere Wache!«

Topler zog die Brauen hoch. »Eine andere Wache?« wiederholte er erstaunt. »Warum? Fürchtest du Gefahr für deinen Mann?«

»Ja, eine große, eine absonderliche Gefahr!« erwiderte sie bedeutungsvoll.

»Das begreife ich nicht. Er hat die zehn Hauptleute unter sich, die vom Klingentor bis zum Kobolzeller Tor mit ihren Fähnlein stehen. Das ist die Seite der Stadt, die am leichtesten zu verteidigen ist, denn der Berg fällt dort überall steil zur Tauber hinab, und die Feinde wären Narren, wenn sie gerade dort den Ansturm versuchten.«

»Ach, das meine ich nicht!« seufzte sie. Topler ward ungeduldig. »So sage deutlich, was du willst!«

Sie zögerte ein Weilchen mit der Antwort, dann begann sie, ihn scheu von der Seite anblickend: »In dieser Wache Bereich liegt das Frauenkloster« Sie hielt inne und ward glühend rot.

Topler, der gar nicht verstand, wo sie hinaus wollte, stampfte jetzt leicht mit dem Fuße auf. »So sprich doch weiter!« rief er. »Was willst du eigentlich? Ja, das Kloster liegt dort, und just deshalb habe ich meinem Sohne diesen Posten zugeteilt.«

Agnes blickte fast entsetzt zu ihm auf. »Deshalb? Und in dem Kloster ist eine – eine –!« Sie schlug die Hände vors Gesicht und brach in Tränen aus.

»Ach!« sagte Topler und bog sich vor Lachen rückwärts. Jetzt begriff er das wunderliche Verhalten seiner Schwiegertochter mit einem Male. Das junge Frauchen war eifersüchtig, und zwar schien sie die Eifersucht nicht wenig gepackt zu haben. Mit einer halb ärgerlichen, halb belustigten Miene blickte er auf die Weinende nieder, dann zog er ihr die eine Hand vom Antlitz und drückte sie auf den nächsten Stuhl nieder.

»Komm, setze dich, meine Tochter! Zwar ist dein Gebaren närrisch, und es wundert mich sehr, daß du deinen Mann mit Eifersucht plagest, aber da die Frauen von Natur schnurrige Wesen sind, so muß man ihnen mancherlei nachsehen. Drum will ich dir erklären, warum ich dem Jakob die Wache gegeben habe, obwohl ich sonst gebiete und nicht erkläre. Die Nonnen im Kloster sind zur Hälfte Töchter unserer Ehrbaren, zur anderen Hälfte Töchter des Adels in Franken. Es sind also viele dort, die Vettern und Oheime, sogar Brüder in dem Heere haben, das gegen uns heranziehet. So war es schon in dem großen Städtekriege vor dreißig Jahren, da wäre um ein Haar die Stadt durch die Nonnen verraten worden, denn zum Unglück liegt das Kloster dicht an der Stadtmauer. Verstehst du nun, warum dort der Mann die Wache haben muß, dem ich nächst mir am meisten traue in der Stadt? Rothenburg hat nur eins zu fürchten, nur eins: den Verrat.«

Agnes hatte die Arme auf den Tisch gelegt und den Kopf darüber gesenkt. Sie weinte noch immer. »Konnte die Wache nicht Kaspar nehmen oder Northeimer?«

»Nein!« entgegnete Topler nicht ohne Schärfe. »Es gehört nicht nur Treue zu diesem Posten, sondern auch die höchste Klugheit. Du müßtest es eigentlich als eine Ehre empfinden, daß niemand in Rothenburg geschickter ist, diese Wache zu übernehmen, als dein Mann.«

Aber er erhielt zunächst keine Antwort. Endlich erhob sie das Antlitz und fragte mit einem schweren Seufzer: »Also soll der Jakob dort bleiben?«

»Zum Henker!« hätte Topler beinahe gerufen, aber er unterdrückte den zornigen Ausruf und schlug sich leicht gegen die Stirne. Ja so, das hatte er nicht bedacht, daß eine eifersüchtige Frau durch vernünftige Gründe niemals zu überzeugen ist. Einer solchen mußte man anders kommen, und er war gewandt genug, das zu vermögen. Darum sagte er: »Liebes Kind, du bist, wie ich sehe, eifersüchtig auf das arme Wesen, das dort den Schleier trägt. Bei meinem Eide sage ich dir, du bist es mit Unrecht. Ich habe eine Zeitlang gedacht, meinen Sohn mit ihr zu vermählen, aber er hat nicht gewollt. Warum soll er nun etwas von ihr wissen wollen, da sie in der Kutte steckt?« Mit einem listigen Lächeln setzte er hinzu: »Überdies – sie kann niemals mit dir in die Schranken treten. Die Armgard Seehöferin ist ein starkes, großes Mädchen, aber schön war sie nimmer und wird im Kloster erst recht nicht zur Frau Venus geworden sein. Du jedoch ähnelst der Burggräfin Else, die ich neulich in Ansbach sah. Das sage ich dir zur Steuer der Wahrheit, denn es stünd' mir als einem alten Manne und deinem Schwiegervater übel an, dir zu schmeicheln.«

Dieses Wort wirkte Wunder. Sie hörte auf zu seufzen und erhob sich. »Es ist gewißlich wahr, daß sie nicht schön ist?« fragte sie mit abgewandtem Gesichte.

»Gewißlich. Meinst du, ich würde dir eine Lüge sagen?«

»So lebet wohl, Vater, und nehmet meine Bitte nicht für ungut. Lieber wäre es mir ja, Ihr hättet meinen Wunsch erfüllt, denn ich möchte nicht gerne, daß Jakob in die Nähe des Klosters käme, doch will ich versuchen, mich drein zu finden.« Sie bot ihm immer noch mit niedergeschlagenen Augen die Hand und ging langsam aus der Tür.

Topler blickte ihr sinnend nach. »Wunderlich«, dachte er, »ist der Weiber Sinn und Gemüt; ohne sich vorher zu erfragen, verfallen sie leicht auf das Wirrste und Absonderlichste. Und ich sah ihr's an: Überzeugt war sie nicht, nur für den Augenblick zum Schweigen gebracht. Der Jakob mag sich vorsehen. Eine war anders, eine! Gott habe sie selig!« –

Indes ertönte das Ratsglöcklein, und drunten vor dem Rathause zogen die gewaffneten Leute auf, die nach den Schlössern der Stadt entsandt werden sollten, da man übermorgen den Einbruch des Burggrafen ins Rothenburger Gebiet mit Sicherheit erwarten konnte. Drei Tage mußten vergehen von der Stunde an, da der Fehdebrief überreicht worden war, dann durften die Feindseligleiten ihren Anfang nehmen. So war es ritterliche Sitte und ehrlicher Brauch, und Friedrich von Nürnberg wäre der letzte gewesen, der sie irgendwie hätte verletzen mögen. Aber ebenso gewiß war anzunehmen, daß er auch nicht eine Stunde länger, als nötig war, mit dem Vormarsche gegen die Stadt säumen würde.

Drunten im Saale hatte sich der ganze innere und äußere Rat versammelt, und vor ihm standen die zwölf Männer, die als Vögte der sechs Stadtburgen ausgelost waren. Denn die Rothenburger hatten die Gewohnheit, sofort nach Ausbruch einer Fehde die Befehlshaberstellen ihrer festen Plätze neu zu besetzen, damit die Vögte nicht vorher von den Feinden durch Geld oder Versprechungen gekauft werden konnten. Das mochte seinen guten Sinn haben, als einen übeln und törichten Brauch aber hatte Topler von jeher empfunden, daß man die neuen Schloßvögte durch das Los bestimmte. Jeder Ehrbare, der schon einmal eine Hauptmannstelle bekleidet hatte und jünger war als fünfzig Jahre, mußte die Vogtei annehmen, er mochte wollen oder nicht, wenn das Los auf ihn fiel. Doch war der Bürgermeister um so weniger imstande gewesen, das uralte Herkommen umzustoßen, als man eigentlich noch nie eine üble Erfahrung damit gemacht hatte. Die adeligen Bürger, die in den Waffen von Kindheit an geübt waren, hatten sich immer wacker gehalten und ihre Pflicht getan.

Auch unter denen, die heute hier standen, war keiner, den Topler einer Verräterei für fähig gehalten hätte. Das stellte er zu seiner eigenen Befriedigung fest, als sein Auge sie scharf musternd überflog. Es schien, als habe der Zufall wieder einmal verständig gewaltet.

Alle Ratsherren erhoben sich beim Eintritt des obersten Feldhauptmanns von ihren Sitzen. Peter Northeimer und Hans Spörlein traten vor, denn sie bildeten mit Topler zusammen einen vom Rate gewählten Ausschuß, den man die Kriegsherren nannte. Sie hatten, so lange die Fehde währte, mit ihm zusammen die höchste Gewalt in der Stadt und dem ganzen Gebiet, und jeder, selbst der Bürgermeister des äußeren Rats, war ihnen zum Gehorsam verpflichtet.

Diese beiden stellten sich vor Topler hin und faßten das breite Schwert, das er gezogen hatte und am Griffe hielt, am unteren Ende an. Dann legte jeder der zwölf Burgvögte die linke Hand auf die entblößte Klinge, hob die Rechte zum Schwur empor und sprach die kurze Eidesformel nach, die Topler ihnen vorsprach.

Als sie alle geschworen hatten, wandte sich der Bürgermeister noch mit einer Ansprache an sie alle zusammen. Er schloß mit den Worten: »Eure Mauern und Türme sind fest, mögen Eure Herzen noch fester sein! Ihr wisset, nach unserem Recht stirbt der Verräter oder Feigling durch des Henkers Hand. Aber ich traue fest darauf, daß kein solcher unter Euch ist, sondern daß Ihr alle der Stadt Euern hohen Eid haltet, wie es adeligen Männern geziemt. Unter Gottes und Sankt Jakobi Schutz ziehet also hinaus, liebe Kriegsgesellen!«

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