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Der König von Rothenburg

Paul Schreckenbach: Der König von Rothenburg - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Schreckenbach
titleDer König von Rothenburg
publisherStaackmann
year1930
firstpub1930
senderwww.gaga.net
created20050712
projectid19fef3f3
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XI.

»Sollte das einer für möglich achten!« sagte einige Tage später der Burggraf Friedrich, in das Gemach tretend, wo seine Gemahlin am Stickrahmen saß. »Der Topler ist's, scheint's fast, toll geworden!«

»Was ist geschehen?« fragte die Fürstin sich erhebend.

»Da sieh und lies! Ich hatt' ihn und seine Stadt vor mein Landgericht geladen, wie du weißt, nun drehet er den Spieß um und lädt mich vor seines.«

Frau Else sah den Gemahl erst höchlichst erstaunt an, dann lachte sie. »Das ist ein grober Scherz. Er muß doch wissen, daß du als ein Reichsfürst gefreit bist.«

»Das weiß er so gut wie ich und du. Aber es ist soviel Laune und Übermut in diesem Manne, daß er dergleichen selbst mit dem Könige wagen würde. Er fühlts nicht mehr, daß sich solches nicht geziemt, denn er dünket sich jedem gleich.«

»Du zürnest ihm darum?«

»Ich müßt' ihm zürnen, aber ich kanns nicht. Ich muß über seinen ungebührlichen Scherz lachen.«

»Er muß sich wohl sehr täuschen über seine Lage,« versetzte die Fürstin nach einer kleinen Pause.

»Wie meinst du das?«

»Nun, ich könnte nimmer begreifen, daß ein Mann könnte aufgelegt sein zum Scherzen, wenn er wüßt', wer alles gegen ihn ins Feld rücken will, eine solche Menge von Fürsten und Rittern, die du zum Verbündnis wider Rothenburg zusammengebracht hast.«

»Du meinst, das wüßt' er nicht?« rief Friedrich. »Da bist du ganz auf dem Holzwege. Viele von den Rittern und kleineren Herren mag er nicht wissen. Aber daß Bayern und Würzburg und Hessen und Thüringen mir zuziehen wollen, das ist ihm gewißlich genau bekannt. Der Topler hat seine Leute überall, die ihm Kundschaften zutragen, und er lohnt sie fürstlich. Ich acht', daß es auch in Ansbach solche gibt, Gott und Topler wissen alleine, ob nicht unter meinen Knechten auf der Cadolzburg oder in Nürnberg welche sind.«

»Das wäre ja schrecklich!« rief Frau Else.

»Wir haben unsere Kundschafter auch in Rothenburg und nicht nur niederes Volk. Und so hat sie jedermann überall.«

»Pfui! Welche Tücke und Untreue ist doch in der Welt!« rief Frau Else.

»Ja, auf Untreue muß ein Fürst jederzeit am meisten gefaßt sein,« erwiderte Friedrich. »Aber, Gott sei gedankt, es gibt ein fast untrüglich Zeichen, an dem die ungetreuen Leute kenntlich sind. Schmeichelt mir einer und heißet alles wohl, was ich rede und handle, der trägt den Giftzahn sicherlich bei sich, wie schön auch die Haut glänze und schillere. Wer aber seinem Herrn die Wahrheit sagt, auch so sie ihm nicht süß ist, in dessen Schoß will ich ruhig mein Haupt zum Schlummer legen.«

Er schwieg, und die Fürstin sah nachdenklich vor sich nieder. Nach einer Weile begann sie: »Wenn aber der Topler weiß, was gegen seine Stadt heraufziehet, wahrlich, dann däucht er mir nicht ein Held zu sein, sondern fast ein Narr. Er gleicht dem Manne, der unter dem Galgen noch seinen Witz übt. Denn dann müßt' er auch wissen, daß die Tage gezählt sind, da er sich einen König von Rothenbürg nennen darf. Bei Eurer Übermacht ist doch die eine Stadt Rothenburg ohne Rettung verloren.«

»Ha, meinst du das? Darin irrst du dich leider gar sehr. Ja, wenn die Fürsten und Herren alle kämen mit ihrer ganzen Macht, da tat er am besten, sogleich zu Kreuze zu kriechen. Aber da schickt einer zweihundert Knechte, der andere hundert, der dritte gar nur fünfzig. Und kann er uns nicht im freien Felde widerstehen, – das kann er gewißlich nicht, – so können sich seine Burgen lange halten und die feste Stadt erst recht. Und wenn sich dann erst die anderen Städte dreinmischen, die den Bund zu Marbach geschlossen haben, dann stehet seine Sache gar nicht verzweifelt. – Jeder Krieg«, fuhr er nach einem Augenblicke fort, »bleibt halt ein Wagnis, auch für den, der mit großer Übermacht auszieht. Das weiß er und denkt: Steht's auch hochgefährlich, so kommts wohl manchmal anders in der Welt, als jeder meint, und ich habe schon manch verzweifelt Spiel gewonnen.«

»Wieviel Mühe macht dir doch dieser eine Mann, Friedrich!« bemerkte die Fürstin.

»Und doch kann ich ihm nicht gram sein. Es ist kein unedler Tropfen Blutes in ihm, er ist ein fürstlicher Mann.«

»Er sieht ja auch aus wie ein Fürst,« versetzte Frau Else. »Wunderlich, wie er im Wesen deinem Vater ähnelt!«

»Und mir selber und meinem Bruder Johann nicht minder. Seltsam, so sah auch schon sein Vater aus, des ich mich wohl erinnere aus meiner Kinderzeit. Vielleicht ist's nur ein Spiel der Natur, vielleicht ist Abenberger Blut in ihm, von dem wir auch viel haben, oder, Gott mag's wissen, ob nicht vor hundert oder zweihundert oder mehr Jahren sich einmal ein Geschlecht von uns abgezweigt hat. Dergleichen ist immer vorgekommen. Es laufen hunderte im Lande herum, die Fürstenblut in den Adern haben, und wissen's nicht. Und den da, wär's der Fall und wüßt' er's, den würd' es, bei Gott, nicht stolzer machen, als er schon ist.«

»Was willst du, Winterstein?« wandte er sich an den Ritter, der eben mit einer Verneigung eintrat.

»Herr, der eine der Abgesandten von Rothenburg ist noch einmal in der Burg erschienen. Er begehrt, mit Euer fürstlichen Gnaden zu sprechen. Er hat Euch auch ein Besonderes zu sagen.«

Befremdet blickte ihn der Burggraf an. »Welcher ist's? Der Schlagetot?«

»Nein, der dünne, Herr.«

»So führe ihn herein zu mir.«

»Er saget aber, fürstliche Gnaden, er habe ganz etwas Geheimes,« versetzte Winterstein mit einem Blicke auf die Fürstin.

»Nun, in des Teufels Namen, dann mag er drüben auf mich warten!«

Winterstein ging ab. »Was mag der Mensch von mir wollen?«, sagte Friedrich.

»Vielleicht ist's einer von denen, die du vorhin schildertest,« erwiderte Frau Else zögernd.

»Der Stadtschreiber? Das wäre wunderlich, indessen nicht unmöglich. Der Mensch hat etwas Schleichendes und eine Demut in seinem Wesen, die an das Tier gemahnt, das auf dem Bauche kriecht und in die Ferse sticht. Ich werde dir Bericht geben.«

Der Stadtschreiber war an der Tür des Gemaches stehen geblieben, in das Winterstein ihn gewiesen. Beim Eintritt des Burggrafen neigte er sich tief zur Erde und erwartete dann die Anrede des Fürsten, ohne den Blick vom Boden zu erheben.

Friedrich musterte kühlen Blickes die zierliche, geschmeidige Gestalt des vor ihm Stehenden und sein blasses, glattes, sehr scharf geschnittenes Gesicht. »Was begehrst du noch von mir?« fragte er kalt und setzte, als jener seine Rede mit noch immer gesenktem Antlitz beginnen wollte, scharf hinzu: »Sieh mich an, wenn du zu mir sprichst! Ich mag mit niemand reden, der mir nicht frei ins Auge schaut!«

Der Stadtschreiber hob die schweren, breiten Lider auf, und der Burggraf erschrak fast vor dem harten, bleiernen Ausdrucke des Blickes, der auf ihn fiel. Der Mensch war ihm unangenehm. »Er muß sehr klug und brauchbar sein,« dachte er, »sonst würde Heinrich Topler ihn schwerlich in seiner Nähe dulden.« Laut gebot er: »Rede!«

»Allergnädigster Herr,« begann der Stadtschreiber mit einer erneuten tiefen Verneignng, »vergönnet Euerm Knechte eine Anfrage, die Euch vielleicht zuvörderst unbillig und unbescheiden däucht. Wollet Ihr mir deshalb nicht zürnen und mich weiterhin anhören?«

»So sprich ungescheut.«

Ohne eine Miene zu verziehen und dem Fürsten unbeweglich ins Antlitz starrend, sprach der Stadtschreiber darauf langsam und jedes Wort betonend: »Was meint Ihr, Herr, wird Euch die Fehde wider Rothenburg kosten?«

Verdutzt sah ihn der Burggraf an und brach dann los: »Bist du wahnsinnig, Mensch? Meinst du, ich werde dem Stadtschreiber von Rothenburg solches auf die Nase binden? Schere dich zum Henker!«

Aber Henrich wich nicht vom Platze, hielt auch den zornigen Blick des Fürsten aus, ohne mit der Wimper zu zucken.

»Ich kann machen, erlauchter Herr, daß sie Euch nicht den zwanzigsten Teil kostet von dem, was Ihr sonst zahlen müßtet. Ja, nehmt Ihr meine Dienste an, so braucht Ihr gar nicht wider die von Rothenburg ins Feld zu ziehen!«

Der Burggraf horchte auf. Also seine Gemahlin hatte richtig vermutet, hier stand ein Verräter vor ihm, und er mußte sich sagen, daß dieser Mensch, der seines Gegners vertrauter Diener war, ihm unschätzbare Dienste leisten könne. Darum bezwang er den in ihm aufsteigenden Widerwillen und entgegnete ruhig: »Wie meinst du das?«

Der Stadtschreiber räusperte sich. »Ohne Zweifel, gnädigster Herr, wisset Ihr, daß die von Rothenburg Euch alles verwilligen würden nach Euerm Willen und Begehr, so nicht einer dem widerstrebte.«

Der Burggraf nickte. »Das weiß ich, wie es jeder weiß. Rede weiter!«

»Wenn also Heinz Topler nicht mehr lebte, dann wäre das Spiel zu Ende,« fuhr Henrich fort.

Dem Burggrafen schoß das Blut ins Gesicht, und der Atem stockte ihm. Eine Verräterei hatte er erwartet, die zu benutzen im Kriege der Feind nicht nur das Recht hatte, sondern um seiner Leute willen sogar die Pflicht. Aber auf das Anerbieten eines Meuchelmordes war er nicht gefaßt gewesen. Er wandte sich unwillkürlich ab, und der Stadtschreiber sah deshalb nicht den furchtbaren Blick, der in den Augen des Fürsten aufflammte. Drum sprach er eintönig weiter: »Setzen wir den Fall, er würde nach einem Frühtrunk tot aufgefunden – wer wollt' etwas sagen? – Er ist ein starker Mann schweren Geblüts, wie leicht kann solchen ein Schlagfluß – – –«

Friedrich fuhr jäh herum. »Schuft!« schrie er, und seine Stimme erstickte fast vor Zorn. »Das sagst du mir, mir, einem Zollern?« Er riß sein Schwert halb aus der Scheide, stieß es aber sogleich zurück. »Nein, nicht eines Hundes Blut an meine Klinge!«

Der von Winterstein, der im Vorzimmer gewartet, kam erschrocken herdeigestürzt, zwei Pagen, hinter ihm. »Nehmet diesen Halunken fest!« gebot der Fürst. »Fasset ihn, er ist ein Meuchelmörder.«

»Um Gottes willen, hat er Euere fürstliche Gnaden verletzt?« rief der Ritter und faßte den Stadtschreiber mit eisernem Griffe am Kragen.

»Nein, mich nicht, den Topler will er ermorden.«

Henrich zog, da er sich verloren sah, mit Blitzesschnelle ein kleines Dolchmesser aus seinem Wams und suchte sich die Kehle zu durchschneiden. Aber er stieß fehl, und ehe er den Stoß zu wiederholen vermochte, hatte ihn Winterstein am Handgelenk gepackt, und die haarscharfe Waffe fiel klirrend auf den Estrich.

»Schnürt dem Burschen Hände und Füße und bringet ihn einstweilen ins Turmgemach! Thüna und Uttenhoven, ihr bewacht ihn! Du, Winterstein, holest den anderen Rothenburger aus seiner Herberge und bringest ihn her.«

»Soll ich ihn auch binden lassen, gnädiger Herr?«

»Gott bewahre,« erwiderte Friedrich. »Der weiß von der Schandtat seines Reisegefährten nichts, deß möcht' ich wetten. Leute von solcher Länge und Breite sind wohl Raufbolde und Grobiane, aber Verräter und Meuchler sind sie nicht. Er soll die Schlange dem Topler heimbringen. Du reitest mit, Winterstein. Und eh' du den Rothenburger aufsuchst in der Stadt, geh' und rufe mir den Seckendorff! Ich will eine Botschaft aufsetzen mit ihm, die du dem Topler bringen sollst.«

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