Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Paul Schreckenbach >

Der König von Rothenburg

Paul Schreckenbach: Der König von Rothenburg - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Schreckenbach
titleDer König von Rothenburg
publisherStaackmann
year1930
firstpub1930
senderwww.gaga.net
created20050712
projectid19fef3f3
Schließen

Navigation:

X.

In keiner Stadt, Rothenburg selbst nicht ausgenommen, hatte Heinrich Topler so viele Freunde unter den Ehrbaren, wie in Nürnberg. Denn, wie der alte Ratsherr Stefan Schuler zu sagen pflegte: »Es gehet dem Bürgermeister von Rothenburg wie einem hohen Turme. Nicht die schätzen seine Größe richtig und gerecht, die in seinem Schatten wohnen. Wie gewaltig er gen Himmel raget, wird am besten von denen erkannt, die ein gut Stück abseits stehen. Darum wissen die von Nürnberg besser, was jener Mann allen Städten wert ist, als selbst seine eigenen Stadtgenossen.«

Damit hatte der kluge Greis ohne Zweifel recht. Viele von den Rothenburger Ehrbaren waren nicht imstande, ihn unbefangen zu würdigen, da ihr Dünkel und ihr Selbstgefühl von seiner eigenmächtigen, herrischen Art beständig verletzt und gereizt wurden. In den Herzen der Nürnberger dagegen lebte er als der glorreiche Führer im Städtekriege, als der Zerstörer zahlreicher Raubnester, der die Landfriedensbrecher, wenn es nötig war, bis an den Rhein verfolgte, endlich als der Vertreter und Sprecher der Städte auf vielen Reichstagen, wo er stets zu ihrem höchsten Nutzen und Vorteil die gemeinsame Sache verfochten hatte. Zog wieder einmal eine große Gefahr herauf, so war dieser Mann der gegebene Führer der Städte, das stand hier jedermann fest.

Darum hatte man nirgend wo anders mit solchem Unmut und mit so tiefer Besorgnis gehört, daß seine Stellung unterwühlt sei und seine Feinde ihm an Leib und Leben wollten, und nirgend wo anders war die Freude größer über seinen Sieg. Unter den Alten zwar gab es manchen, der bedenklich den Kopf schüttelte über die Art und Weise, wie er seiner Feinde Herr geworden war und seine Stellung behauptet hatte. Was vom uralten Herkommen abwich, war ihnen unerfreulich, so etwas sollte nirgendwo stattfinden. Aber ihrer waren wenige, und auch bei ihnen ging die Verstimmung nicht tief. Schließlich mochten die Rothenburger ihre inneren Verhältnisse ordnen, wie sie wollten, wenn nur in Nürnberg alles beim alten blieb, und die Hauptsache war doch, daß der Mann, von dem man noch so viel erwartete, wieder einmal am Ruder geblieben war.

So ward ihm denn bei seinem Einritt in die Stadt ein glänzender Empfang bereitet. Hundert und mehr Patriziersöhne harrten des Rothenburger Hochzeitszuges in ihren reichsten Gewändern und auf prunkvoll geschirrten Rossen vor dem Tore. Spielleute zogen in hellen Haufen fiedelnd und blasend voraus durch die Gassen, durch die der Troß sich wand. Das Volk lief von allen Seiten zusammen und staute sich, die ehrsamen Meister und ihre Gesellen stürzten in ihren Schurzfellen und mit dem Handwerkszeuge, das sie gerade in den Händen hatten, aus ihren Werkstätten vor die Tür, um die Pracht mit offenen Mäulern anzustarren. Es fehlte nur noch, daß mit den Glocken geläutet wurde – sonst hätten der Glanz, der Lärm und das Getümmel nicht größer sein können, wenn selbst des römischen Königs Hoheit Einzug gehalten hätte in Nürnbergs Mauern.

Heinrich Topler hatte sich in Ulrich Hallers Hause zu Gaste geladen. Der Alte war von Grund aus verwandelt, alle seine Befürchtungen waren zerstoben wie der Nebel vor der Sonne. »Ihr habt das Spiel gewonnen, Gevatter,« sagte er, »und mich dünkt, gewonnen für Euere Lebzeit. So wollet vergessen, was ich zu Euerm Sohne Jakob geredet, ich habe es in meines Herzens Einfalt und Unverstand gesagt.«

»Mit nichten, Gevatter. Ihr habt als ein kluger Mann gesprochen, und viele hier und in anderen Städten mögen so gedacht haben wie Ihr,« erwiderte der Bürgermeister. »Niemand schaut in des anderen Kartenspiel. Wer konnt's ahnen, daß ich noch etliche Trümpfe in der Hand hatte?«

»Ich hätt's bedenken sollen, denn ich konnte wissen, daß es einen Mann wie Euch nicht zweimal gibt zwischen Main und Donau. Also nichts für ungut, Herr Gevatter!«

»Ich trag' Euch nichts nach, sonst war' ich nicht bei Euch. Ihr habt für Euern Sohn gefreit um meine Tochter Katharina und habt den Konsensus gegeben als Vormund, daß mein Sohn Euer Mündel ehelicht. Das zeiget mir sattsam an, wie Ihr mir gesinnet seid.«

»Mit Freuden habe ich es verwilligt, liebwertester Herr Gevatter, und der Waldstromerin Hochzeit mit Euerem Sohne soll in meinem Hause gefeiert werden, so wie es sich gebühret nach dem Vermögen, das ihr seliger Vater ihr nachgelassen hat.«

Aber Heinrich Topler beredete ihn, daß er die Braut mit solle nach Rothenburg ziehen lassen. »Sehet,« sagte er, »in einem Hause, wo man einmal eine Hochzeit rüstet, da verschlägt es nichts, wenn auch eine Doppelhochzeit gehalten wird. Das geht so in einem hin. Euch aber würde der gewaltige Rumor viel Arbeit und Verdruß schaffen, zumal Euer Eheweib zurzeit siech und bettlägrig ist und wir sie müssen in einer Sänfte tragen lassen, wenn sie will mit ansehen, wie meine Tochter Eurem Sohne wird angelobt. Zudem lade ich alle ein, die mir in Nürnberg gefreundet sind und alle Verwandten, Versippten und Verschwägerten der Agnes Waldstromerin, daß sie eine Woche lang meine Gäste seien in Rothenburg.«

Hatte sich Herr Ulrich Haller zunächst etwas gegen den Vorschlag gesträubt, so gab das den Ausschlag. Es war ihm herzlich lieb, daß der ganze Tumult seinem stillen Hause fernbleiben sollte, und daß er seiner leibesschwachen Ehehälfte die Arbeit und Unruhe nicht zumuten mußte. Nur etwaige üble Nachreden hatte er gefürchtet, denn die reiche und vornehme Jugend Nürnbergs war sehr auf Lustbarkeiten erpicht und hätte sich gewißlich gewaltig erbost, wenn ihr ein Fest entzogen worden wäre. Aber ein Auszug nach Rothenburg und dort leben und fröhlich sein, tanzen und essen und zechen auf des reichen Bürgermeisters Kosten, das war so recht etwas nach dem Sinne dieser jungen Männer und Jungfrauen, die nicht wußten, wie sie ihre Lebensfreude und Lebenskraft genugsam austoben sollten. So kam es, daß der Toplersche Zug bei seiner Ausfahrt noch glänzender war als bei seiner Einfahrt, denn eine Menge von Nürnberger Geschlechterherren mit ihren Frauen, erwachsenen Söhnen und Töchtern zog zu Roß oder zu Wagen mit gen Rothenburg. Eine ganze Reihe von Karren, beladen mit Kleidern und mancherlei Schmuck, ward unter der Obhut bewaffneter Knechte nachgefahren, denn unmöglich konnten die Schönen in ihren Reisegewändern zur Kirche und zum Tanze schreiten.

Auch des Volkes Gedränge ward noch gewaltiger, nicht nur durch die gesteigerte Neugier und Schaulust, sondern weil Heinrich Topler silberne Münzen unter die Menge auswerfen ließ. »Wäre die Hochzeit hier gehalten worden, so wäre das nach altem Brauche auch geschehen. So soll das Volk nicht um seine Freude kommen, und es soll den Nürnbergern alles werden, was den Nürnbergern gebühret,« hatte er gesagt.

In Rothenburg wiederholte sich natürlich der Jubel des Volkes in fast noch gesteigertem Maße, und noch lange durchwogte die festlich gestimmte Menge die Straßen und Plätze, nachdem die Nürnberger Gäste schon in den Häusern der Freunde und Verwandten des Bürgermeisters Unterkunft und Losament gefunden.

Die Hallers wohnten bei Peter Kesselweiß in der unteren Schmiedegasse, Agnes Waldstromerin ward von ihres Bräutigams verheirateter Schwester, Barbara Wernitzer, mit großer Freundlichkeit in ihr Haus aufgenommen, das in der Herrengasse lag und eines der prächtigsten der Stadt war. Auf den übernächsten Tag war die eheliche Verlobung beider Paare festgesetzt worden. Darauf sollte an dem folgenden Tage Jakob Topler sein junges Weib vom Wernitzerschen Hause aus nach seinem eigenen Hause heimholen. Denn der Bürgermeister hatte ihm das große Gehöft abgetreten, das der Bauernhof genannt wurde, damit er dort mit seiner Frau wohnen möge, bis er dereinst an seines Vaters statt im Hause zum güldenen Greifen der Herr sein würde.

Die Heimholung seiner Schwester Katharina nach Nürnberg sollte erst einige Tage später stattfinden.

Jakob schickte sich in der Frühe des folgenden Tages an, seiner Braut einen Morgenbesuch abzustatten. Das tat er nicht nur, weil es die Sitte so vorschrieb, sondern weil er es vor Sehnsucht nach ihr kaum auszuhalten vermochte. Er kam sich wie verzaubert vor durch ihre Schönheit und schalt sich selber hin und wieder einen Narren, weil er kaum noch an anderes zu denken vermochte, als an ihr holdes Angesicht und ihre liebreizende Gestalt. »Hoffentlich wird das in der Ehe anders,« dachte er, »denn sonst stehe ich in großer Gefahr, ein Pantoffelheld und Weiberknecht zu werden.«

Noch war er damit beschäftigt, ein neues, besonders prächtiges Gewand anzulegen, als sein Vater bei ihm eintrat.

»Du willst zu deiner Braut?« fragte er. »Siehe hier, das bringe ihr mit. Es ist zwar in Nürnberg schon in den Ehepakten genau festgesetzt worden, welche Geschmeide sie haben soll, das aber übergib ihr von mir als besondere Verehrung.«

Er legte ein kleines Krönlein, das aus blitzenden Steinen bestand, in die Hand seines Sohnes. »Sie mag es im Haare tragen, wenn sie mit dir im Ringe stehet und hernach zur Kirche schreitet.«

»Vater! Das ist ja eine kostbare Gabe!« rief Jakob. »Das wird sie hoch erfreuen.«

Der Bürgermeister nickte. »Ja, dafür haben die jungen Weiber allesamt eine sonderbare Liebe, und gerade die am schönsten sind und es am wenigsten bedürfen, die putzen sich am allerliebsten. Die jungen Frauen von achtzehn Jahren sind auch noch die halben Kindsköpfe. Ging's nach meinem Willen, so dürfte keine Jungfrau unter dem zwanzigsten Jahre zur Ehe schreiten. Aber da tu einer was gegen den Lauf der Welt!«

Jakob lobte im stillen Gott, daß in diesem Punkte der Wille seines Vaters machtlos war, bedankte sich schön für die fürstliche Brautgabe und machte sich eilends zu seiner Agnes auf den Weg. Als er in die Herrengasse einbog, sah er sie schon im Wernitzerschen Hause im Fenster liegen und die Straße hinaufspähen. Er winkte ihr zu, und sie erwiderte mit hellem Aufleuchten der Augen seinen Gruß, und da er nun die Treppe emporstürmte, erwartete sie ihn bereits auf dem Vorsaal und warf sich in seine Arme.

Er zog sie ins Zimmer. »Sieh hier, Herzliebste, das schickt dir mein Vater. Du sollst es morgen tragen an deinem und meinem hohen Festtage.«

Agnes jubelte laut auf, als sie das funkelnde Kleinod erblickte, befestigte es sogleich in ihrem Haare und trat vor ihn hin. »Gefalle ich dir drin?«

Jakob riß sie an sich. »Du bedarfst keiner Edelsteine, um mir zu gefallen. Und ständest du im härenen Gewände da, du wärest schöner als eine Königin.«

»Das höre ich gern,« sagte sie, mit glänzenden Augen zu ihm aufblickend. Dann nahm sie das Geschmeide aus seiner Hand und betrachtete es bewundernd. »Es ist überaus herrlich und kostbar. Dein Vater ist in Wahrheit ein guter Mann. Ich hatte mir den Bürgermeister von Rothenburg, von dem die Leute so viel sagen, ganz anders gedacht, meinte, er sei ein strenger und finsterer Mann, dem man nur mit Scheu nahen könne. Statt dessen ist er voll Scherz und guter Laune und so gütig, daß einem das Herz aufgeht, wenn er hereintritt.«

Jakob lachte. »Es sind ihrer genug, die meinem Vater nur mit Scheu nahen. Im Regimente der Stadt ist er zuweilen streng und hart, wie das nicht anders gehen kann. Zu Hause aber ist er zumeist fröhlichen Gemütes, und wir Kinder haben immer einen lieben Vater an ihm gehabt. Insbesondere ich, und ich meine, wenn er mich als Buben einmal strafen mußte, so hat ihm das jedesmal weher getan, denn mir.«

»Dafür will ich ihn um so lieber haben,« erwiderte Agnes, und indem sie sich von neuem das Krönlein ins Haar steckte, tänzelte sie im Gemache auf und nieder, verfolgt von seinen bewundernden und heiß verlangenden Blicken.

Plötzlich hielt sie inne. Durch's offene Fenster herein klang hell und scharf der Ton eines Glöckleins.

Sie schauerte zusammen. »Um Gottes willen, es wird doch nicht gerade heute einer gerichtet in Rothenburg?«

»Nein,« sagte Barbara Wernitzer, die eben eingetreten war, »aber droben bei den frommen Schwestern läßt sich heute eine schleiern.« Ein langer, eigentümlicher Blick traf dabei den Bruder.

Der ward blaß und wandte sich ab. »Armgard?« fragte er leise.

Agnes hatte Barbaras Blick und auch den seltsamen Eindruck wohl bemerkt, den die Kunde auf ihren Bräutigam hervorbrachte, und mit einem Male fühlte Jakob seinen Arm fest umklammert. »Was ist das? Wer ist diese Armgard, die sich heute schleiern läßt? Und warum seht ihr euch so an?« rief Agnes leidenschaftlich.

»Ach, laß das sein! Es geht uns nichts an!« wehrte er ab.

»Nein, das will ich wissen. Sage mir's! Hast du sie lieb gehabt?«

»Niemals!«

»Aber du wurdest doch so blaß, ich habe es gesehn.«

»Ich will dir das erzählen, Agnes, es ist ja wohl besser, wenn du es weißt,« gab er zurück, und indem er den Arm um sie legte, berichtete er ihr alles, was zwischen ihm und Armgard Seehöfer geschehen war, ohne das Geringste zu verschweigen.

Als er geendet hatte, sah ihm seine Braut starr in die Augen. »Und du hast sie niemals geliebt? Niemals, Jakob? Schwöre mir das!«

»Bei meinem Eide!«

Da schlug sie plötzlich beide Arme um seinen Nacken, und indem ihr Antlitz vor Erregung erblich, stieß sie hervor: »Und merke, Jakob, du darfst nie ein Weib lieb haben, ohn' mich ganz alleine. Nicht ein Geringes nur von deiner Liebe will ich teilen mit einer anderen, und so ich sehen müßt', du hättest eine andere gern, so wäre das, bei Gott, mein letzter Tag!«

Mit Küssen und Schwüren und tausend geflüsterten Liebesworten suchte Jakob das leidenschaftliche Mädchen, das an seinem Halse hing, zu beruhigen. Frau Barbara Wernitzer aber ging aus der Tür, die Augenbrauen bedenklich hochziehend. Sie liebte ja ihren Ehemann herzlich und war ihm eine getreue, hin und wieder auch zärtliche Gattin, aber sie war von Natur kühl und verständig, und solche Ausbrüche des Gefühls vermochte sie nicht recht zu verstehen, sie versetzten sie sogar in unbehagliches Staunen. »Ei, mein guter Bruder,« dachte sie, während sie die Treppe langsam hinabschritt, »das wird manch' schönen Strauß in deiner Ehe geben! Jetzt steigt dir das wohl zu Haupte wie ein süßer Rausch, aber wenn du dann jeden Blick mußt bewachen, damit der Eifersuchtsteufel nicht losfährt in deinem Weibchen, da wirst du manchmal schimpfen und stöhnen. Tut aber nichts, es darf den Männern nicht zu wohl werden auf Erden. Und wenn du sie nicht mehr anbetest, und das wird nicht lange dauern, so wirst du wohl auch noch mit ihr fertig werden. Jetzt freilich dürft' dir das keiner sagen, ohne großen Zorn zu wecken.«

Mit diesem letzten Gedanken hatte Frau Barbara den Nagel auf den Kopf getroffen. Jakob war aufs höchste entzückt, daß das schöne Geschöpf in seinen Armen so überschwängliche Liebe für ihn empfand und wußte nicht, was er ihr alles an Schönem und Liebem sagen sollte. Er hatte den ganzen Tag über nur Augen für sie, und selbst das große, glänzende Turnierspiel, das die Rothenburger und Nürnberger Geschlechterssöhne am Nachmittag auf dem Marktplatze abhielten, konnte ihn nicht fesseln und vermochte seine Gedanken nicht abzulenken. Und als er sie nach dem Abendtanze heimgeleitet hatte in das Haus seines Schwagers, begab er sich sogleich nach Hause und suchte sein Lager auf, denn er mochte nicht mehr in des Rates Trinkstube sitzen und mit anderen Leuten reden.

Am nächsten Vormittage versammelten sich die näheren Angehörigen der Topler und Haller in der großen Halle des Hauses zum güldenen Greifen. Männer und Frauen bildeten einen Ring, in dessen Mitte die beiden Paare standen. Heinrich Topler und Ulrich Haller verlasen die Eheurkunden, und dann richtete der Bürgermeister an die zwei Brautpaare nacheinander die Frage, ob sie gewillt seien, hiermit eine rechte Ehe einzugehen. Als das Ja verklungen war, steckten die Verlobten einander die Eheringe an die Finger, tauschten Kuß und Handschlag, und der Bräutigam trat der Braut auf den Fuß, als Symbol, daß er der Herr sein wolle in dem neuen Hause.

Damit war nach altem deutschen Rechte die Ehe geschlossen, und von dem Augenblicke an waren die beiden Mann und Frau. Sie empfingen nun als Neuvermählte die Glückwünsche und Geschenke, die ihre Anverwandten ihnen darbrachten, und dann fanden sich die zur Hochzeit geladenen Gäste ein, um gleichfalls ihre Brautgaben zu überreichen. Endlich ging's im prunkvollen Zuge zu Sankt Jakobi,wo ein Priester des Deutschherrenordens die beiden Paare einsegnete und zwar nach altem kirchlichen Brauche im Portale des Gotteshauses.

Inzwischen war die Mittagszeit herbeigekommen, und deshalb begab man sich unmittelbar von der Kirche aus zum Festmahle in das Rathaus. Der Rat hatte seinen großen Saal hergegeben, denn auch das geräumigste Bürgerhaus hätte die Zahl der Gäste nicht zu fassen vermocht, die geladen waren. An langen Tafeln nahmen die ehrbaren Bürger mit ihren Ehehälften Platz, genau nach Alter und Würde gereiht, und ließen sichs wohl sein bei den leckern Speisen, die in einer Unzahl Schüsseln und in schier unermeßlicher Fülle aufgetragen wurden. Dazu trank man den feurigen Frankenwein und Malvaster aus langen, spitzen Gläsern, und eine besondere Mäßigkeit dabei zu beachten, kam nur denen in den Sinn, die kranken oder bresthaften Leibes waren. So war es denn kein Wunder, daß die Wogen der Fröhlichkeit bald sehr hoch gingen.

Heinrich Topler, der doppelte Brautvater, war dabei einer der Heitersten und Aufgeräumtesten. Den Ernst und die würdevolle Gemessenheit, die er sonst außerhalb seines Hauses meist zur Schau trug, hatte er heute beiseite gelegt, man hörte oft sein kräftiges Lachen durch den ganzen Saal erschallen. Er hatte am frühesten Morgen einer Seelenmesse beigewohnt, zum Gedächtnisse seiner verstorbenen Frau und hatte dabei mit Tränen ihrer gedacht, die den Freuden- und Ehrentag ihrer beiden Kinder nicht mit erleben durfte. Aber dann hatte er alle Wehmut mit eisernem Willen in sich niedergezwungen. Dieser Tag gehörte den Lebenden, wie heilig er auch das Gedächtnis an die Tote hielt; es sollte kein Wermuttropfen hineinfallen in den Becher der Freude. Und es gelang ihm im Hinblick auf das Glück seines Sohnes und seiner Tochter, von ganzem Herzen fröhlich zu sein.

Eben war auf sein Geheiß das Säcklein mit Silbermünzen gefüllt worden, das nachher bei einem Umzuge der Hochzeitsgesellschaft um den Markt durch Auswerfen des Geldes unter das Volk geleert werden sollte. Der alte Peter Kesselweiß, der in seiner Nähe saß, vermochte kaum, es vom Erdboden auf den Tisch zu heben.

»Ist's nicht genug, Heinz,« sagte er, »daß heute in allen Trinkstuben freie Zeche ist für alle Leute auf deine Kosten, und daß jeder Arme Speise und Trank erhält und einen Gulden? Willst du auch noch das viele Geld unter die Bürger werfen? Sie danken dir's doch nicht, wie dir's gebühret.«

»Ach, mein alter Gevatter, wer rechnet auf Dank? Aber heute heißts: Leben und leben lassen! Die jetzt Kinder sind, sollen sich noch, wenn sie einstens alt sind wie du, mit Lust des Tages erinnern, da Jakob und Katharina Topler Hochzeit machten.«

»Erlaubet, Herr, daß ich Euch störe!« sagte da eine dünne, scharfe Stimme neben ihm. Sie gehörte Henrich, dem Stadtschreiber an, der in seiner unhörbaren, fast schleichenden Weise näher getreten war.

»Was gibts?«

»Es ist draußen einer, nennt sich der Wintersteiner, saget, er habe ein Pergament des Burggrafen an Euch abzugeben.«

»Führe ihn in des Rates Schreibstube und sage, ich würde sogleich zur Stelle sein.«

»Der Burggraf schreibt dir, Heinz? Was mag das sein? Doch nicht schon die Absage?« fragte Peter Northeimer, der des Stadtschreibers Worte gehört hatte.

Topler zuckte die Achseln.

»Das ist nicht unmöglich. Komme mit mir!«

Beide begaben sich hinauf in das Obergeschoß, wo der Ritter von Winterstein dem Bürgermeister das Schreiben seines Herrn mit höflichen Worten überreichte.

Topler erbrach es und las es bedächtig durch, ohne dabei eine Miene zu verziehen. Dann sprach er: »Herr Ritter von Winterstein, auf der Stelle kann ich Seiner fürstlichen Gnaden keinen Bescheid geben, denn er hat heute seinen Boten in ein Hochzeitshaus gesandt. Morgen will ich ihm antworten. Und Euch, Herr, lade ich ein, an dem Feste, zu dem Ihr zufällig gekommen, mit teilzunehmen. Euer gnädiger Herr wird Euch sicher nicht darob schelten, denn er ist nur in Sachen der Stadt mein Feind, sonst mir wohlgeneigt. Henrich wird Euch einstweilen hinabgeleiten und darauf sehen, daß Ihr einen Platz in meiner Nähe erhaltet. Ich folge sogleich.«

Der hagere Wintersteiner, der die wohlwollende Gesinnung seines Herrn gegen Heinrich Topler kannte und zudem ein außerordentlicher Freund guten Essens und Trinkens war, sah nicht ein, warum er die gute Gelegenheit sollte vorübergehen lassen. Er nahm mit dankenden Worten die Einladung an und ward von dem Schreiber hinunter in den Saal geleitet.

»Nun?« fragte Peter Northeimer, als sie allein waren, »was stehet in dem Briefe?«

»Noch nicht die Absage. Der Burggraf ladet uns vor sein kaiserliches Landgericht nach Nürnberg, wo wir uns sollen verantworten wegen siebzehn Punkten, die er aufgesetzt hat.«

»Das wird ein übel Ding für uns, Heinz, wenn wir der Ladung folgen. Die Schöppen sind alle des Burggrafen Freunde.«

»Darum folgen wir halt der Ladung nicht! Und mehr noch: Wir haben hier auch ein kaiserliches Landgericht in Rothenburg. Davor lasse ich ihn laden, und hat er siebzehn Punkte aufgesetzt, so setze ich ihm achtzehn dagegen auf.«

Northeimer lachte dröhnend auf. »Du bist ein toller Christ, Heinz, und weißt jeden Streich zu parieren.« Er schüttelte sich vor Lachen. »Den Burggrafen vor unser Landgericht! Wer denkt an so etwas? Nur du allein.«

Topler legte ihm die Hand auf die Schulter. »Und du, Peter,« sagte er, »du wärest der Mann, ihm die Ladung zu überbringen. Sehen sie in Ansbach solche Riesen wie dich, so werden sie es sich sonderlich überlegen, mit uns anzubinden.«

»Ach Heinz, ich weiß nicht wohl, wie man mit dem hohen Herrn redet. Such dir einen feinern Gesellen.«

»Nimm den Henrich mit, den Stadtschreiber. Der weiß die Worte wohl zu drechseln. Aber nun komm, auf daß wir das Konfekt und den Claret nicht versäumen!«

 << Kapitel 9  Kapitel 11 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.