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Der König der Miami

Franz Treller: Der König der Miami - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Treller
titleDer König der Miami
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
year1954
correctorreuters@abc.de
senderChristoph Götz
created20080210
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Der Sohn Tana-ca-ris-sons

Als Bob Green und John Burns etwa eine Stunde später in Stacket Harbour eintrafen, fanden sie die Stadt zu ihrem Erstaunen in wildem Aufruhr. Weiber und Kinder befanden sich auf der Straße, Gruppen von Männern eilten, mit Büchsen und Schaufeln ausgerüstet, zum Hafen. Kleinere Gruppen kriegsmäßig ausgerüsteter Soldaten marschierten in der gleichen Richtung. Überall schien ein wildes Durcheinander zu herrschen.

Eben im Begriff, einen bewaffneten Bürger nach der Ursache des Lärms zu fragen, sahen sie Elias Burns auf sich zukommen. Er schien sehr erregt. »Gut, daß ihr da seid!« rief er ihnen schon von weitem entgegen.

»Um Gottes willen, was gibt es denn, Master?« fragte Bob.

»Der Franzose ist auf dem See. Der Krieg ist da.«

»Segne meine Seele! Kriegsschiffe etwa?«

»Ja. Drei schwer bewaffnete Schaluppen wurden gesichtet.«

»Alle Wetter! Was fällt den Musjöhs ein? Wollen sie Dresche haben?«

»Es ist nichts vorbereitet. Jetzt sind sie dabei, in aller Eile ein paar Batterien aufzustellen.«

»Wo halten die Schiffe?«

»Keine Ahnung. Sollen ganz plötzlich aufgetaucht sein und die französische Kriegsflagge gehißt haben.«

»Na, dann werden wir wohl bald die Kanonen hören. Hätte das, offen gesagt, nicht für möglich gehalten.«

»Eine verteufelte Situation, Bob, auch für uns. Beherrschen die Franzosen den See, liegen wir mit der Molly hier fest.«

»Begreife überhaupt nichts mehr. Noch vor einem Monat hatten die Musjöhs weder in Frontenac noch in Montreal auch nur ein einziges Kriegsschiff. Weiß das ganz bestimmt; hätte Euch sonst gewarnt, über den See zu fahren. Na, ich denke, unsere Bulldoggen werden den Herrschaften die Geschichte versalzen. Selbst hätte ich übrigens keine Angst, mit der Molly auszulaufen, auch wenn die Frenchers auf dem See sind. Die Molly hat gute Seebeine; die fangen sie nicht so leicht.«

»Zu Land marschieren können wir ohnehin nicht«, versetzte Burns, »ist zu weit und auch zu beschwerlich. Ein verteufelter Weg.«

»Den vermutlich sowieso schon die Roten unsicher machen. Ist der Franzose auf dem See, sind die roten Spießgesellen in den Wäldern. Eine klare Sache. Verdammt, es hieß doch, die Kolonien hätten sich mit den Franzosen geeinigt. Da muß etwas vorgefallen sein, was die Musjöhs wild gemacht hat. Na, wir werden ja hören. Laßt uns zum See gehen.«

»Ich bin in schrecklicher Unruhe Marys wegen, wie Ihr Euch denken könnt«, sagte Burns. »Wenn ich mir vorstelle, daß die roten Halunken in die Ansiedlungen fallen – es ist nicht auszudenken!«

Auch John, erst an diese Möglichkeit denkend, schrie unwillkürlich auf, aber Bob beruhigte: »Da scheint einstweilen keine Gefahr. Die haben vorläufig anderes zu tun, als den Genesee aufzusuchen; man wird sie aufs Ohiotal loslassen. Kaum anzunehmen, daß sie bis zu Euch heraufkommen.«

»Gott gebe es! Aber ruhig werde ich erst wieder sein, wenn ich Mary heil und gesund vor mir sehe.« Sie gingen zwischen aufgeregt schreienden und gestikulierenden Menschen zum Hafen.

Auf dem Weg berichteten Bob und John von ihren Erlebnissen in Somersethouse. Der alte Burns nahm die Mitteilungen mit großer Betroffenheit auf. »Eine höchst unangenehme Sache«, sagte er, »ganz gut, daß im Augenblick niemand Zeit hat, sich für solche Dinge zu interessieren, der saubere Vetter möchte uns sonst allerlei Unannehmlichkeiten bereiten. Ich fürchte, er hat die Macht und die Möglichkeit dazu.«

»Wo ist der Indianer?« fragte John.

»Auf der Molly. In der Stadt behagt es ihm nicht.«

»Prachtvoller Junge, dieser Miami«, sagte Bob. »Könnte mich wahrhaftig fast mit seiner Rasse aussöhnen.«

Die drei Gefährten wußten seit ihrer Ankunft in Stacket Harbour, daß Ni-kun-tha ein Miami, und zwar der Letzte eines alten, berühmten indianischen Geschlechtes war. Elias Burns hatte bald nach der Landung der Molly den Kommandanten der Stadt aufgesucht und ihm Mitteilung von seinem Zusammentreffen mit den Seeräubern gemacht. Nur Sir Richard Waltham hatte er nicht erwähnt, weil er der Meinung war, die erste Nachricht über den Vermißten gebühre Lord Somerset, der dann von sich aus die erforderlichen Schritte einleiten mochte.

Der Kommandant, Major Dunwiddie, ein alter, erfahrener Soldat, hatte sich den Bericht des Farmers interessiert angehört, aber sogleich erklärt, daß bei der gegenwärtigen Lage wenig gegen die Seeräuber zu tun sei. Nach den jüngsten, verspätet eingetroffenen Nachrichten stehe die Kriegserklärung Englands an Frankreich unmittelbar bevor, möglicherweise sei sie sogar in diesem Augenblick schon ergangen. Unter diesen Umständen könne man sich nicht gut auch noch mit Piraten befassen.

Im Verlauf seines Berichtes hatte der wegen der Kriegsgefahr einigermaßen beunruhigte Burns auch des jungen Indianers Erwähnung getan, der ihm und seinen Gefährten gute Dienste geleistet habe. Als der Name Ni-kun-tha – Schneller Falke – fiel, horchte der Major auf. »Ni-kun-tha?« sagte er, »ein Miami etwa?«

Der Indianer habe sich über seine Stammesherkunft nicht geäußert, versetzte Burns und gab dann eine Beschreibung des jungen Mannes. »Es ist kaum ein Zweifel«, sagte der Offizier nachdenklich, »es muß sich um den Sohn des Häuptlings Tana-ca-ris-son handeln. Ihr müßt wissen, das ist ein bedeutender Mann, unter Indianern eine einmalige Erscheinung. Der Miamibund ist eine nicht zu unterschätzende Macht, eine Art Stammeskonföderation. Der augenblicklich ›regierende‹ – laßt mich diesen Ausdruck einmal gebrauchen – oberste Sagamore des ganzen Bundes, den man seiner Stellung und seiner Würde nach bald als König bezeichnen könnte, ist eben dieser Tana-ca-ris-son. Ich kenne ihn seit Jahren und habe nie einen Indianer wie ihn schätzen gelernt. Die Miami haben beträchtlichen Einfluß auf alle übrigen Völker der Algonkin-Familie, und auch dies ist vor allem der Persönlichkeit Tana-ca-ris-sons zu danken. Eurer Beschreibung nach muß jener Ni-kun-tha sein Sohn sein. Davon möchte ich mich überzeugen. Ich frage mich, wie der junge Mann auf den Ontario kommt. Jetzt, wo Krieg droht, ist mir an der Haltung der Miami außerordentlich viel gelegen.«

Die Angelegenheit schien Dunwiddie so wichtig, daß er sich mit Burns an Bord der Molly begab, wo er in dem Indianer dann tatsächlich den Sohn des von ihm so hochgeschätzten Sagamoren erkannte, der sich als Kriegshäuptling innerhalb seiner Stammesgemeinschaft bereits einen Namen gemacht hatte. Da ihm nahezu alle indianischen Sprachen geläufig waren, redete er den jungen Mann im Miami-Dialekt an: »Welche Freude, Häuptling! Wie kommt mein junger Bruder hierher?«

In dem bronzenen Antlitz des jungen Indianers leuchtete es auf. »Hugh!« sagte er, »die Grade Zunge! Ni-kun-tha ist glücklich.«

»Wie kommt der Häuptling in die Kolonie? Noch dazu allein? Was macht Tana-ca-ris-son, mein weiser Freund?«

In Ni-kun-thas Augen blitzte es düster auf; ein Schatten flog über sein junges Gesicht. »Tana-ca-ris-son ist in die ewigen Jagdgründe seines Volkes gegangen«, sagte er leise.

Der Major zuckte unwillkürlich zusammen. »Oh!« sagte er, »Tana-ca-ris-son tot? Welches Unglück!« Der erfahrene Grenzoffizier kannte die indianische Seele gut; er wußte, daß sie ihre Gefühle nicht zu offenbaren pflegte, daß es auch keinen Sinn hatte, ihr mit Worten des Beileids und der Teilnahme zu nahen. »Schlimme Botschaft bringt mir mein junger Freund«, sagte er, »ich beklage den Tod eines großen, weisen Mannes. Aber ich bin sicher, Ni-kun-tha wird in den Spuren seines Vaters wandeln.«

Das Antlitz des Indianers blieb unverändert düster. »Ni-kun-tha ist heimatlos«, sagte er, »Piqua, die Miamistadt, wurde zu Asche. Die Flammen verzehrten auch die Gebeine des großen Häuptlings.«

Jetzt wurde der Major erst recht aufmerksam. Was war da vorgegangen? Piqua, die Bundeshauptstadt der Miami-Konföderation, war eine für indianische Verhältnisse bedeutende Ansiedlung, seit mehr denn hundert Jahren weithin bekannt. Sie war gut befestigt und mit indianischen Mitteln kaum einzunehmen. Selbst weißen Grenzern wäre ein etwaiger Angriff vermutlich teuer zu stehen gekommen.

»Mein Bruder erzähle!« stieß Dunwiddie heraus. »Was ist im Ohiotal geschehen, ohne daß wir etwas erfuhren? Wie kam Tana-ca-ris-son ums Leben?«

Der Indianer begann nun in der etwas weitschweifigen Art des roten Mannes zu berichten. Französische Agenten hatten seit längerem unter den einzelnen ziemlich weit auseinander siedelnden Stämmen des Miamibundes gewirkt, hatten nicht mit Geschenken und Versprechungen gegeizt und es durch geschickte Überredungskunst fertig gebracht, den größten Teil der Stämme für die französische Sache zu gewinnen. Die Folge war eine völlige Zersplitterung gewesen, derer Tana-ca-ris-son nicht mehr Herr zu werden vermochte. Schließlich waren vor wenigen Wochen französische Truppen in Begleitung von zweihundertfünfzig Senecakriegern vor Piqua erschienen und hatten die Auslieferung dort weilender englischer Händler verlangt. Tana-ca-ris-son hatte das verweigert; er hätte das auch getan, wenn er nicht treu zu seinem Bündnis mit den Kolonien gestanden hätte – der Gast ist unter jedem indianischen Dach unverletzlich – Franzosen und Irokesen hatten die auf einen Überfall nicht vorbereitete Stadt daraufhin überfallen und die Verteidiger nach kurzer, heftiger Gegenwehr überwältigt. Tana-ca-ris-son war an der Spitze seiner Getreuen gefallen, und die Irokesen hatten die Stadt unter dem Beifall der zusehenden Franzosen eingeäschert.

Der Indianer, die dunklen, brennenden Augen unverwandt auf den Offizier gerichtet, fuhr fort: »Ni-kun-tha weilte an jenem Tage auf der Jagd. Als er am Abend zurückkehrte, stand Piqua nicht mehr; Tana-ca-ris-son, die in Piqua weilenden Häuptlinge und die meisten Krieger waren tot, Frauen und Kinder, soweit sie nicht in die Wälder gelaufen waren, in der Hand der Seneca, die noch zwischen den Trümmern tanzten. Die älteren Krieger, die bei Ni-kun-tha waren, hielten ihn zurück, sonst hätte er sich zwischen die Feinde gestürzt und den Tod in der Schlacht gesucht. Sie sagten, der Sohn Tana-ca-ris-sons müsse leben, um den Vater zu rächen.« Der Jüngling reckte sich, und eine Flamme ungezügelter Wildheit brach aus seinen Augen: »Ni-kun-tha lebt, und er wird Tana-ca-ris-son rächen!«

»Entsetzlich«, flüsterte Dunwiddie. »Soweit sind die Franzosen also schon!« Auch seine Gestalt straffte sich. »Nun«, knirschte er, »wenn jetzt nicht die Kolonien aufstehen und die Franzosen samt ihren blutdürstigen irokesischen Bundesgenossen züchtigen, dann verdienen sie ihr Los. Und die Miami, Falke?« wandte er sich an den Indianer; »sie sind abgefallen, sagst du? Alle Stämme?«

»Die zu Tana-ca-ris-son und zu den Verträgen stehen, sind zu den Shawano gegangen«, berichtete Ni-kun-tha. »Einzelne Stämme haben sich den Franzosen verbündet, andere haben den Friedenswampun untereinander getauscht und gelobt, sich am Krieg nicht zu beteiligen.« Düsterer Ernst lag über dem Antlitz des jungen Mannes. »Der Miamibund ist zerbrochen«, sagte er, »Macht und Größe sind dahin.«

»Schlimm, Falke, schlimm!« sagte der Major, der über den Ausführungen des Indianers immer ernster geworden war. »Gerade auf die Miami hatten wir große Hoffnungen gesetzt. Aber berichte erst einmal weiter, wie es dir erging.«

»Ni-kun-tha ging zu den Tuscarora«, fuhr der Häuptling fort; »aber sie wollten von den Yengeese nichts wissen. Er ging zu den Lenni-Lenape; auch sie weigerten sich, das Kriegsbeil gegen die Franzosen auszugraben. Nur die Shawano halten an ihren Verträgen mit dem großen weißen Vater im Land der Yengeese fest. Ni-kun-tha ließ seine wenigen Krieger dort. Mit zwei Männern schlich er sich durch die Linien der Mehti-kosche und der Irokesen und kam bis zum großen See. Er wollte die Hilfe der englischen Väter in Oswego erbitten und von dem Unglück am großen Miami berichten. Auch die Grade Zunge wollte er aufsuchen. Er war auf dem Wege nach Oswego, als der Zorn des bösen Geistes ihn und seine Krieger erreichte. Die Krieger ertranken; Ni-kun-tha wurde durch die Hilfe weißer Männer gerettet. Nun hat er die Grade Zunge gefunden und hat ihr gesagt, was geschehen ist.«

Der Indianer schwieg, und der Offizier sah düsteren Gesichts vor sich hin. »Ja«, sagte er nach einer Weile, »was geschehen ist, weiß ich nun. Wüßte ich nur auch, was ich tun kann. Ich kann nach Albany und nach New York berichten und Hilfe erbitten. Ob ich sie bekomme, ist eine andere Frage. Ganz gewiß kann ich jetzt nicht ins Ohiotal. Ich brauche selbst Hilfe, bin abgeschnitten von aller Welt und habe kaum eine kriegsstarke Kompanie Soldaten. Ein Glück, daß wenigstens nicht alle irokesischen Nationen abgefallen sind. Die Onondaga scheinen ziemlich verläßlich. Von Oswego aus kann dir auch keine Hilfe zuteil werden. Die sind ebenso abgeschnitten wie wir. Wenn die Regierung nicht ein paar Regimenter schickt und die Kolonien nicht mindestens zehntausend Milizen zusammenbringen, sehe ich schwarz für die englische Sache hier. Diese elende Wirtschaft in den Kolonien hier! Setzt der Franzose alle verfügbaren Kräfte ein, sind Stacket Harbour und Oswego verloren, und der Ontario ist ein französischer See. Die Meldung von dem Handstreich auf Piqua gebe ich sofort nach Albany weiter; vielleicht weckt sie die Leute dort aus dem Schlaf. Ich freue mich, Häuptling, dich zu sehen, so traurig und entmutigend der Anlaß deiner Reise auch ist. Meiner Hilfe, soweit ich welche zu vergeben habe, bist du sicher.«

»Ni-kun-tha braucht nur Waffen«, entgegnete der Häuptling, »die seinen liegen im See.«

»Der Falke soll haben, was er braucht. Aber was gedenkt er zu tun?«

»Er wird wieder zu den Shawano gehen, um an der Seite seiner Krieger zu kämpfen.«

»Gut, Häuptling, geh! Dort bist du nötig. Die Miami werden sich besinnen und erkennen, daß sie auf der falschen Fährte wandeln. Ni-kun-tha wird sie im Geiste seines großen Vaters wieder einigen und den Bund der Stämme neu begründen. Er wird ein großer Häuptling und eines Tages der oberste Sagamore seines Volkes sein.«

Den Inhalt dieses bemerkenswerten Gespräches hatte Major Dunwiddie Elias Burns, der ihm nicht hatte folgen können, später ausführlich wiedergegeben. Dem jungen Häuptling sandte er noch am gleichen Tag ein schön verziertes Jagdhemd, eine wertvolle Büchse, einen Tomahawk mit kostbar verziertem Griff, Messer, Pulverhorn, Kugelbeutel und Jagdtasche; außerdem verlieh er ihm für sein tapferes und umsichtiges Verhalten bei den Tausend Inseln eine silberne Medaille, die den für solche Dinge gleich allen seinen Artgenossen sehr empfänglichen Indianer außerordentlich beglückte.

Auch Bob Green und John waren nicht wenig erstaunt, als ihnen Vater Burns von den Geschehnissen in der Miamistadt und von der Abkunft ihres indianischen Gefährten berichtete, wenn sie auch, mit der Geschichte der indianischen Völkerschaften wenig vertraut, von Tana-ca-ris-son und der Bedeutung der Miami-Konföderation noch nichts vernommen hatten. Die Burns hatten in ihrer abgelegenen Ansiedlung am Genesee ja überhaupt wenig Gelegenheit, etwas von den Vorgängen im Lande und in der Welt zu erfahren. Die Verbindung mit Albany war schwierig und umständlich, vor allem im Winter und Frühjahr. Daß im Ohiotal schon seit längerer Zeit des öfteren blutige Zusammenstöße stattfanden, war durchgesickert, doch hatte es bisher immer so ausgesehen, als beschränkten sich die Auseinandersetzungen auf die französischen Grenzposten, ihre indianischen Verbündeten und die Kolonie Virginia und hätten keinen bedeutsamen Einfluß auf die große Politik Englands und Frankreichs.

Es war zwischen den beiden Großmächten endgültig zum Bruch gekommen, nachdem die Engländer vor der Mündung des St. Lorenz-Stromes zwei französische Kriegsschiffe nach blutigem Kampf genommen hatten. Für die Anwohner des Ontario-Ufers war der Krieg Tatsache, als dann französische Kriegsschiffe auf dem See erschienen, die bereits einige Handelsfahrzeuge gekapert hatten. Das gemeldete Näherkommen dieser Schiffe hatte die Hafenstadt Stacket Harbour nun in heftige Aufregung versetzt, und John und Bob waren bei ihrer Ankunft in der Stadt mitten in den Wirrwarr hineingeraten.

Major Dunwiddie hatte sofort die erforderlichen Maßnahmen getroffen, um den Hafen und die darin liegenden Handelsschiffe zu schützen. Er bot, da er selbst nur über geringe Mannschaft verfügte, die waffenfähigen Bürger der Stadt auf, ließ Verschanzungen aufwerfen und ein paar alte Kanonen an das Seeufer schaffen.

Ein Blick auf den See zeigte auch bereits drei langsam heransegelnde Brigantinen, die Frankreichs Kriegsflagge mit den Lilien am Besanmast führten.

Aller Augen waren gespannt auf die feindlichen Schiffe gerichtet, deren eines eine englische Handelssloop im Schlepptau führte. Daß die Schiffe einen Landungsversuch unternehmen würden, war nicht zu erwarten, da ihre Besatzung nicht ausgereicht hätte, der aus Linientruppen, Milizen und bewaffneten Bürgern bestehenden Verteidigung erfolgreich entgegenzutreten; wohl aber mußte damit gerechnet werden, daß die weittragenden Schiffsgeschütze die Stadt und die im Hafen ankernden Fahrzeuge unter Feuer nahmen.

Als das dritte Geschütz stand und verankert war, wandte der Major sich dem See zu und beobachtete durch das Glas die französischen Schiffe. Das Glas absetzend, sah er sich um. Die Kanonen standen, wer aber sollte sie bedienen? Seine Infanteristen verstanden nichts von artilleristischen Dingen. »Ist jemand hier, der ein Geschütz zu bedienen versteht?« fragte er, sich unter der Menge umblickend, unter der sich mehrere Schiffer und Bootsleute befanden.

»Hier!« sagte Bob Green, der noch immer seinen Festtagsstaat trug. Gleichzeitig mit ihm meldeten sich drei andere Bootsleute. Es stellte sich nach einigen Fragen heraus, daß alle vier mehrere Jahre auf englischen Kriegsbooten gedient hatten und auch als Kanoniere ausgebildet waren.

»Ausgezeichnet!« sagte der Major. »Dann macht mir die Brummer mal schußfertig!«

Der Befehl war schnell ausgeführt. Es zeigte sich, daß alle vier Schiffer sich auf die Sache verstanden. Bob stampfte eine stattliche Vollkugel in den Achtzehnpfünder, goß Pulver in das Zündloch und setzte die Lunte in Brand. »Bereit zum Schuß, Herr Major!« meldete er.

»Wer von euch ist der beste Richtkanonier?« fragte Dunwiddie.

»Bob Green, Sir!« riefen die drei anderen nahezu einstimmig.

»So, Bob Green. Das seid Ihr also?« Der Major, der hier am See erst wenige Monate kommandierte, kannte den stattlichen Riesen nicht, der sich in den englischen Häfen am See einer gewissen Volkstümlichkeit erfreute.

»Jawohl, Euer Gnaden«, sagte Bob Green.

»Nun, was meint Ihr, Bob: Sind die Kästen da in Schußweite Eures langen Rohres?«

Bob maß die Entfernung sehr kritisch und antwortete: »Zu Befehl, Herr Major, für die erste Brigantine dürfte es reichen.«

»Alsdann richtet einmal Euren Feuerspeier. Wir wollen den Kampf nicht beginnen, sondern nur einen Warnschuß abfeuern. Ihr schießt also erst, wenn es drüben knallt.« Er gab darauf dem dritten Geschütz Feuerbefehl, mit der Weisung, nicht auf die Schiffe zu halten, und ließ gleichzeitig an dem dafür vorgesehenen Mast die englische Flagge hochgehen.

Der Schuß fiel, und die Kugel schlug in einiger Entfernung von den Brigantinen ins Wasser, Fontänen aufwerfend, die in langen Sprüngen über den See hüpften.

Fast unmittelbar darauf nahm die vorderste Brigantine eine schnelle Wendung vor und zeigte die Breitseite. Eine Dampfwolke verhüllte für einen Augenblick das Schiff; ein großer Eisenball kam herangesaust und grub sich am Uferrand ein; dann erst dröhnte der nachfolgende Donner den Leuten am Strand in die Ohren.

Bob, sein Ziel noch einmal genau ins Auge fassend, legte die Lunte an. Lärmend brach der Feuerstrahl aus dem Rohr; die ganze Umgebung war in Dampf gehüllt. Kaum hatte die Nebelwand sich verzogen, als aller Augen sich auf die Brigantine richteten. Es war zunächst kein Erfolg festzustellen.

»Wartet's nur ab«, brummte Bob, als er die Enttäuschung in den Mienen der Umstehenden gewahrte.

Und siehe da, wenige Sekunden später wankte der Besanmast der Brigantine und stürzte, im Fallen noch die große Rahe des Fockmastes mit sich reißend.

Brausendes Jubelgeschrei erhob sich ringsum.

»Gut gemacht, Bob!« lobte der Major. »Wollen den Burschen die Zähne zeigen. Gebt's ihnen nochmal!«

Die Franzosen schienen indessen ob des unfreundlichen Empfanges stutzig geworden; die beiden hinteren Brigantinen kürzten die Segel und legten sich hinter das entmastete Schiff. Die am Lande verfolgten das Treiben mit gespannter Aufmerksamkeit. Doch zeigte es sich bald, daß die unbeschädigten Schiffe das dritte in Schlepptau genommen hatten und den Rückzug antraten. Das Rohr des Achtzehnpfünders war mittlerweile erkaltet; Bob lud es von neuem, während die Brigantinen schon seewärts abzogen. Und abermals entlud sich krachend das Geschütz. Diesmal holte die Kugel die große Rahe des zweiten französischen Schiffes herab. Der darauf einsetzende Jubel war unbeschreiblich. Ehe der Achtzehnpfünder aber zum dritten Mal schußfertig war, befanden die Brigantinen sich bereits außer Reichweite und entfernten sich von Minute zu Minute mehr von der Küste.

Nachdem die Ruhe einigermaßen wieder hergestellt war, wandte Elias Burns sich mit ernster Miene an Bob Green. »Was machen wir?« sagte er. »Es zieht mich mit allen Fasern nach Hause. Der Krieg hat begonnen, und ich sorge mich um mein Kind. Aber der Landweg dürfte kaum passierbar sein, ist wahrscheinlich längst von den Roten beherrscht, und den See blockieren französische Kriegsschiffe.«

»Und doch müssen wir, wenn Ihr heimwollt, über den See, Sir«, entgegnete Bob. »In den Wäldern sind die Roten bestimmt in Bewegung; dürfte kaum anzuraten sein, jetzt auf den ohnehin kaum passierbaren Wegen über Land zu marschieren. Außerdem: den See und seine Gefahren kenne ich, die Wälder nicht.«

»Aber die Franzosen?« wandte der Alte ein.

»Will Euch was sagen, Sir: Die Molly ist ein Schiff, das es mit jedem Kriegsschiff aufnimmt, mindestens was die Schnelligkeit und Manövrierfähigkeit angeht. Steckt ja mein bißchen Hab und Gut in dem Kasten, will's aber trotzdem wagen. Denke übrigens auch, daß die Bulldoggen in Oswego die Flagge zeigen und die Musjöhs bald nach Montreal heimschicken werden.«

»Nun«, seufzte Burns, »wir werden sehen. Ihr wißt, Bob, ich vertraue Euch. Ich kenne Eure Unerschrockenheit und Eure Geschicklichkeit als Schiffsführer. Trotzdem möchte ich meinen: es wäre Tollkühnheit, sich im Augenblick auf den See zu wagen.«

»Weiß ich nicht mal«, versetzte der Bootsmann. »Wenn wir bei Nacht segeln, sind wir im Morgengrauen schon weit von der Küste. Kenne genug Schlupfwinkel, an unserem Ufer so gut wie drüben im Kanadischen, Schlupfwinkel, in denen uns sechs Brigantinen nicht aufspüren sollen.«

Sie gingen, so miteinander beratend, langsam zum Hafen zurück und betraten das Deck der Molly, wo Ni-kun-tha ihnen entgegenkam.

»Was hat der Häuptling über seine nächste Zukunft beschlossen?« fragte Burns. Und da ihm einfiel, daß der Indianer des Englischen doch nur in geringem Umfang mächtig war, verdeutlichte er noch einmal: »Ni-kun-tha – wohin gehen?«

»Gehen zu den Shawano«, antwortete der Häuptling. »Grade Zunge sagen: Gut!«

»Grade Zunge – Major Dunwiddie – gut zu dir. Kannte deinen Vater.«

»Grade Zunge sehr gut! Lieben Tana-ca-ris-son. Lieben Ni-kun-tha. Sehr gut Freund!«

»Will mein junger Freund durch die Wälder gehen?«

Der Indianer schüttelte den Kopf: »Dort viel Sumpf – dicker Wald. Fahren Kanu – dann in Wald zu Shawano.«

»Ich sagte es Euch ja, Sir, es ist unmöglich, jetzt durch die Wälder zu gehen«, schaltete Bob sich ein.

»Ich weiß nur, daß ich fort muß«, versetzte Burns. »Die Sorge um meine Tochter bringt mich um.«

»Überlegt's gut, Master. Bob Green ist der Mann, Euch heil über den Ontario zu bringen; kein aufgeputzter Musjöh soll ihn daran hindern.«

Sie standen, in ihr Gespräch vertieft, auf dem Achterdeck und sahen nicht, daß ein elegant gekleideter Herr mit zwei Männern am Uferbollwerk entlangging und aufmerksam die ankernden Schiffe musterte. Daß er stehenblieb, auf die Molly und die kleine Gruppe auf ihrem hinteren Deck wies und sich gleich darauf zurückzog. Sie sahen erst auf, als plötzlich zwei fremde Männer vor ihnen auftauchten, die unbemerkt das Schiff betreten haben mußten. Die Männer tippten Bob Green und John Burns leicht auf den Arm und zwar vermittels eines kleinen Stabes, der an der Spitze eine silberne Krone trug.

Bob und John fuhren herum und starrten die Männer, nichts begreifend an. »Was heißt das? Was wollt ihr?« fragte der Bootsmann schließlich, während hitzige Röte seine Wangen färbte.

»Konstabler des Königs«, sagte einer der Männer. »Mitkommen ohne weitere Umstände! Vorwärts, vorwärts, sonst laß ich euch schließen.«

Burns, Bob und John sahen einander erstaunt an, aber dann begriff der Bootsmann auch schon. »Das ist die Klaue des sauberen Vetters, John«, sagte er und stieß ein grollendes Lachen aus. Er wandte sich dem Konstabler zu, der ihn mit seinem Stäbchen berührt hatte. Sein Gesicht verzog sich zu einem breiten Grinsen.

»Wollt mich verhaften, wie?« sagte er, »im Namen des Königs?«

»Allerdings wollen wir das. Nun aber voran!«

Bob grinste unentwegt weiter. »So. Da habt Ihr denn ja wohl ein Papierchen, vom Richter unterschrieben, nicht wahr? Zeigt das Ding doch einmal her. Ich kann nämlich lesen.«

Jetzt trat Elias Burns heran. »Wo ist der Befehl, der Euch ermächtigt, in amtlicher Eigenschaft mein Schiff zu betreten?« sagte er scharf, »ich bin Bürger der Kolonien. Mein Schiff ist mein Haus.«

Die Beamten warfen sich einen Blick zu, dann sagte der eine: »Kommt mit, wenn Ihr nichts zu verbergen habt. Wird sich alles herausstellen. Macht jetzt weiter keine Umstände.«

Bob Green schob seine massige Gestalt vor. »Also so sieht das aus«, grollte er, seine Arme mit den Schmiedefäusten reckend, »habt gar kein Papier vom Richter? Habt vielleicht eins von Sir Edmund Hotham, wie?« Er wandte sich Burns zu: »Wollt Ihr erlauben, Sir, daß ich diese beiden Gesellen eben mal kurz ins Wasser werfe?« Und er tat abermals einen Schritt auf die Männer zu. Die wichen, ihre Stäbchen hebend, zurück. »Das wird Euch teuer zu stehen kommen, Mann!« drohte der eine.

»Nicht im geringsten, meine Ehrenwertesten«, knurrte Bob, »Kenne die Gesetze auch ziemlich gut. Geht nur zurück zu eurem sauberen Auftraggeber, dem Räuber und Mörder, und sagt ihm, daß der wahre Lord Somerset lebt und daß ich hoffe, ihn noch einmal zwischen meine Fäuste zu bekommen.«

Da der Riese unter diesen Worten unentwegt weiter auf die Zurückweichenden eindrang, machten die schließlich kehrt und verließen eiligen Schrittes das Schiff.

»Genug, das reicht mir«, sagte Elias Burns, nachdem die Männer von Bord waren. »Ähnlichen Dingen möchte ich Euch und mich nicht mehr aussetzen. In der gegenwärtigen Verwirrung ist dieser zweifellos einflußreiche Baronet möglicherweise imstande, auch wirksamere Schläge zu führen. Da für ihn alles auf dem Spiel steht, wird er auch alles daransetzen, uns zu vernichten. Wir segeln noch in der Nacht.«

Am Abend erschien Major Dunwiddie noch einmal an Bord der Molly und hatte eine lange und eingehende Unterredung mit Ni-kun-tha, dem Miamihäuptling. Anschließend sah Elias Burns die Zeit für gekommen an, dem Kommandanten alles Wissenswerte über den DUKE OF RICHMOND, den entführten jungen Lord und die Anschläge Sir Edmund Hothams mitzuteilen. Der Offizier war nahezu fassungslos. »Nun, bei meiner Seele!« sagte er schließlich, »den Burschen will ich im Auge behalten. Das ist ja ein auserlesener Schurke.« Er billigte Burns' Entschluß, abzusegeln; auch er hielt die Gefahr, die Molly möchte von den Franzosen aufgebracht werden, für nicht sonderlich groß. Nachdem er den Männern eine gute Fahrt gewünscht hatte, verabschiedete er sich mit besonderer Herzlichkeit von dem jungen Häuptling, der erklärt hatte, mit der Molly segeln und von ihrem Landungsplatz aus den Weg durch die Wälder nehmen zu wollen.

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