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Der König der Miami

Franz Treller: Der König der Miami - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Treller
titleDer König der Miami
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
year1954
correctorreuters@abc.de
senderChristoph Götz
created20080210
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Lord Somerset

Unweit Stacket Harbour, an den Ufern des Black River, lagen die ausgedehnten, wohlbestellten Besitzungen Lord Somersets. Der alte Herr zählte bereits über siebzig Jahre. In früher Jugend ausgewandert, hatte er Dienst in den Kolonien genommen, sich mit der Tochter eines Kolonisten verheiratet und war schließlich selbst zum Kolonisten geworden. Er war schon fast sechzig Jahre alt, als er die Pairwürde erbte, zu der umfangreiche Besitzungen in England gehörten. Er hatte sich nicht entschließen können, in die Heimat zurückzukehren und seinen Sitz im Hause der Lords einzunehmen. Er hatte nun schon zu lange in den Kolonien gelebt, war hier heimisch geworden und mit vielen ihrer Bewohner durch Bande des Blutes und der Freundschaft verbunden. Dann und wann, wenn seine Anwesenheit in der Heimat unerläßlich schien, fuhr er hinüber, kehrte aber immer schon bald wieder nach New York zurück. Als junger Offizier hatte er sich wiederholt in den Kriegen mit Spaniern, Franzosen und Indianern ausgezeichnet. Er hatte auf diese Weise den Colonelsrang erworben, hatte dann den Dienst quittiert und sich ganz der Bewirtschaftung der Ländereien hingegeben, die ihm seine Frau zugebracht hatte.

Einige rasch aufeinanderfolgende Todesfälle innerhalb seiner Familie machten ihn dann plötzlich, gegen jede Voraussicht, von heut auf morgen zum Lord Somerset, dem Haupt einer der ältesten und begütertsten Familien Altenglands. Sein Vermögen wuchs durch diese unvorhergesehene Entwicklung beträchtlich, nicht aber seine innere Zufriedenheit; er hatte sich zeitlebens als Sir Henry Waltham sehr wohl gefühlt; die neue Würde und der neue Besitz brachten ihm mehr Sorge als Freude.

Die Ehe des Lords war kinderlos geblieben; jetzt, nachdem auch die Gattin, mit der er eine lange, glückliche Ehe geführt, das Zeitliche gesegnet hatte, fühlte der alte Herr sich sehr vereinsamt.

Da er keinen Sohn hatte, folgte ihm, dem geltenden Rechte nach, in der Würde des Pairs und als Erbe seiner Besitzungen in England sein Neffe Sir Richard Waltham, während er über seine amerikanischen Güter nach freiem Ermessen verfügen konnte. Richard war der Sohn seines jüngeren Bruders Edward, der gleich ihm in den Kolonien eine Heimat gefunden hatte. Nach Edwards Tode nahm er den Neffen in sein Haus und ließ ihn seiner künftigen hohen Stellung entsprechend erziehen. Er fand Gefallen an dem frischen, gut gewachsenen Jungen, der zudem freien und offenen Wesens war, und auch der elternlose Richard schloß sich eng an den Oheim an und mühte sich, ihm die Einsamkeit erträglicher zu machen.

Außer Richard war noch ein weiterer Schwestersohn vorhanden: Sir Edmund Hotham. Lord Somersets Schwester hatte einen Offizier geheiratet, der außer seinem Sold wenig besaß; nach dem Tode ihres Gatten lebte sie weitgehend von der Hilfe ihres Bruders. Zwischen dem Lord und seiner Schwester hatte nie ein sonderlich herzliches Verhältnis bestanden, dafür waren sie zu verschiedene Naturen. Ohnehin herben und verschlossenen Charakters, war das Gemüt der Frau durch den harten Daseinskampf mit den Jahren immer mehr verbittert worden; sie war zudem neidisch und abschreckend geizig, Eigenschaften, die dem immer großzügigen, lebensoffenen Lord wenig behagten.

Während Richard Waltham zu Ausbildungszwecken in England weilte und in Eton zur Schule ging, hatte der Lord auf Bitten seiner Schwester deren Sohn Edmund ins Haus genommen, und Edmund Hotham hatte keine Mühe gescheut, sich die Gunst des Oheims zu erwerben. Bis zu einem gewissen Grade war ihm das auch gelungen; ein wirkliches Vertrauensverhältnis entstand indessen nicht, denn der alte Lord war zu klug und zu welterfahren, um das Absichtliche in den Bemühungen des Neffen nicht zu erkennen. Gewisse Ähnlichkeiten im Charakter Edmunds mit dem seiner Mutter trugen weiter dazu bei, die Reserve des Lords zu verstärken. Nichtsdestoweniger tat er auch an diesem Neffen alles, was er für seine Pflicht hielt, er ermöglichte ihm eine gute Erziehung, stattete ihn mit reichlichen Mitteln aus und bedachte ihn in seinem Testament mit einem Teil seines Privatvermögens und einigen der in den amerikanischen Kolonien gelegenen Besitzungen. Mit dem größeren Teil dieser Liegenschaften glaubte er freilich ärmere Verwandte seiner verstorbenen Frau bedenken zu müssen.

Seit dem geheimnisvollen Verschwinden des DUKE OF RICHMOND im vergangenen Herbst war Lord Somerset ein innerlich gebrochener Mann. Sein Neffe und Haupterbe, Sir Richard Waltham, hatte auf diesem Schiff von Stacket Harbour nach Oswego reisen wollen. Das Schiff war während eines bösen Sturmwetters spurlos verschwunden, und weder der Lord noch sonst irgendwer zweifelte daran, daß es mit Mann und Maus untergegangen sei. Alle mit den beträchtlichsten Mitteln angestellten Nachforschungen nach dem Verbleib der Sloop waren ergebnislos. Der Lord war überzeugt, daß sein Neffe den Tod gefunden habe. Erbe der Pairswürde und aller damit verbundenen Besitzungen aber war nach Richard Waltham dessen Vetter Sir Edmund Hotham.

Und doch gab es einen Menschen in der Umgebung des Lords, der immer wieder seiner Überzeugung Ausdruck gab, der junge Waltham sei noch am Leben. Dieser Mann war seinem Stande nach ein ganz gewöhnlicher Diener, und er war ebenso alt wie der Lord selbst. Aber Allan Mac Gregor war eben kein gewöhnlicher Diener. Er hatte dem Lord schon als Ordonnanz gedient, als jener noch ein junger Offizier war. Mac Gregor war Schotte und stammte aus den Bergen; er war ein Hüne und hatte einmal über Riesenkräfte verfügt. Fünfzig Jahre gemeinsamen Erlebens hatten zwischen Herrn und Diener ein festes Band menschlicher Zusammengehörigkeit geknüpft, das nicht mehr zu erschüttern war. Allan war dem Lord auf Tod und Leben ergeben, und dieser sah in dem alten Bergschotten mehr den erprobten und verläßlichen Freund als den Diener.

Allan Mac Gregor nun vertrat immer wieder absolut unerschütterlich die Meinung, der junge Herr lebe noch. Er vermochte diese Behauptung freilich auf nichts anderes als Träume zu stützen, denen er freilich prophetische Kraft beimaß. Der alte Lord war an sich ein nüchterner Mann, doch hatte er in einem langen Leben die Beobachtung gemacht, daß die Propheterie des Bergschotten sich als zuverlässig erwies, und so war es denn nicht verwunderlich, daß sich jetzt seine letzte schwache Hoffnung auf die durch nichts zu erschütternde Sicherheit seines alten Dieners stützte.

Das am Ufer des Black River gelegene Herrenhaus Lord Somersets war in normannischem Stil erbaut, es lag, etwa eine Stunde von Stacket Harbour entfernt, in einem großen, gepflegten Park.

An einem schönen Morgen, es war noch früh am Tage, saß der Lord, bereits sorgfältig gekleidet und frisiert, in einer Laube des Parkes und hielt einen Brief in der Hand. Er machte, in eine Decke gehüllt, mit seinem bleichen Gesicht und seinen zitternden Händen einen stark verfallenen Eindruck. Der Diener Allan hielt sich, seines Winkes gewärtig, in der Nähe; der alte Bergschotte sah, im Gegensatz zu seinem Herrn, mit seinen kräftigen, völlig ungebeugten Gliedern und seinem frischen Gesicht noch ungewöhnlich rüstig aus. Es mochte immer noch nicht ratsam sein, sich mit diesem Mann auf einen handgreiflichen Streit einzulassen.

»Allan!« rief der Lord und legte den Brief, den er zu wiederholten Malen aufmerksam gelesen hatte, auf das vor ihm stehende Tischchen. Im Augenblick stand der Alte im Eingang der Laube; die respektvolle Haltung war ihm in einem langen Leben eingeboren.

»Böse Nachrichten, Alter«, sagte der Lord.

»Was gibt's, Colonel?« Allan redete seinen Herrn immer noch mit seinem letzten militärischen Dienstgrad an.

»Krieg gibt's.«

»Oh! Rühren sich die Franzosen?«

»Es sieht so aus.«

»Aber man hat bisher kein Wort in dieser Richtung gehört.«

»Nun«, sagte der Lord, »daß sich ein Zusammenstoß zwischen England und Frankreich vorbereitet, war schon lange klar; die Diplomaten hofften nur, ihn vermeiden zu können. Ich habe an diese Möglichkeit nie so recht geglaubt. Jetzt sieht es so aus, daß wir in ein paar Wochen wohl schon die Kanonen hören werden. Und das erste wird sein, daß die Franzosen über den Ontario kommen.«

»Der Krieg ist also erklärt?«

»Nein, das noch nicht. Dagegen ist das sicherste Anzeichen für den Ausbruch eines Kolonialkrieges inzwischen eingetreten.«

»Sie meinen die Roten, Colonel? Tut sich da etwas?«

»Mein lieber Allan, wir beide haben uns ja lange genug hier herumgetrieben, um die Zeichen deuten zu können. Wir wissen, was es heißt, wenn man die Indianer in Bewegung setzt. Hier schreibt mir eben Colonel Johnson, daß französische Agenten unter den Stämmen der Sechs Nationen umherreisen und ziemlich verschwenderisch mit Geschenken umgehen. Johnson ist nun von der Regierung beauftragt worden, seinen Einfluß vor allem auf die Mohawk und die Onondaga auszuüben, bei denen er sich ja ziemlich beliebt gemacht hat und die immerhin noch die verläßlichsten Irokesenstämme sind, im Gegensatz etwa zu den Seneca, die immer das Mäntelchen nach dem Winde gedreht haben. Johnson meint, er hoffe, Mohawk und Onondaga auf unserer Seite zu halten, sie möglicherweise sogar zum Kampf auf Seite der Kolonien zu bringen. Aber wie dem auch sei: die Tatsache, daß überhaupt Sendboten der europäischen Regierungen unter den Indianern herumreisen und werben, scheint mir das zuverlässigste Zeichen für einen unmittelbar bevorstehenden Krieg. Das haben wir ja immer wieder erfahren.«

»Stimmt, Colonel. Bei den Roten fängt's immer an. An sich eine greuliche Sitte, Mylord – halten zu Gnaden – hab' mich nie damit abfinden können, daß Weiße das rote Mordgesindel zum Kampf aufstacheln. Hab' oft genug erlebt, wie sich das dann auswirkt. Die unglücklichen Opfer sind immer wieder die armen Ansiedler an der Grenze.«

»Hast selbstverständlich recht, Allan«, versetzte der Lord. »Und ich weiß auch, daß unser Gouverneur grundsätzlich der gleichen Meinung ist. Aber was soll er tun? Wenn die Franzosen Indianerstämme gegen uns mobilmachen, muß er zum gleichen Mittel greifen.«

»Versteht sich, Colonel. Hätte auch gar nichts dagegen, wenn die Rothäute sich dabei nur gegenseitig auffräßen. Ich hab' die Wolfsrasse unter Frauen und Kindern wüten sehen. Von mir aus mögen sie alle zur Hölle gehen.«

»Gott schütze uns vor dem Indianerkrieg!« seufzte der Lord. »Nur, da wir jetzt gewarnt sind, müssen wir auch Entschlüsse fassen. Es wird uns nichts weiter übrig bleiben, als nach Albany überzusiedeln. Zweifellos wird der Ontario zum Schauplatz wilder Kämpfe werden. Ich bin zu alt, um mich in Oswego einzuschließen und die Schrecken einer Belagerung durchzumachen. Es geht mir nicht sehr gut, Allan, ich bin krank und schwach.«

»Nicht doch, Colonel«, entgegnete der Alte. »Eure Lordschaft sehen im Gegenteil heute recht frisch aus.« Er log, und er log ganz bewußt, der alte Schotte; er war innerlich über das verfallene Aussehen seines Herrn äußerst erschrocken.

»Ja, frisch«, der Lord lächelte schwach, »höhne auch noch, alter Kumpan. Weiß ganz genau, was mit mir los ist. Habe manchmal einen Blutandrang im Kopf, daß ich denke, es ist aus.«

»Nun«, versetzte der Diener, »ich denke, damit hat es noch Zeit. Wenn erst der junge Herr wieder hier ist – solange müssen Eure Lordschaft ohnehin den Platz halten. Sie wissen, Colonel: Ein Soldat auf dem Posten – –«

»Du hoffst also immer noch, Allan?« Der Lord lächelte müde.

»Ich hoffe nicht, ich weiß«, entgegnete der alte Schotte. »So wahr ich ein Mac Gregor bin, Sir Richard lebt, und er kommt auch wieder.«

In den Augen des alten Obersten war ein schwacher Glanz: »Möcht' ihn gern noch einmal sehen, bevor – es soweit ist«, flüsterte er.

Auf dem Kies der Parkwege wurde ein fester Schritt hörbar, der sich schnell näherte. Das Gesicht des alten Dieners verschloß sich.

»Edmund?« fragte der Lord, aufsehend.

»Ja, Colonel, Sir Edmund.«

Im gleichen Augenblick bog der Vermutete auch schon um eine Ecke des Parkweges und erschien gleich darauf vor der Laube. Der junge Baronet sah nicht unvorteilhaft aus. Seine schlanke, biegsame Gestalt steckte in einem eleganten Reitanzug; er hielt den dreieckigen Hut in der Hand und hatte ein höfliches Lächeln auf dem glatten Gesicht mit den schlaffen, etwas verwaschenen Zügen. Er verbeugte sich in tadelloser Haltung: »Ich freue mich, Oheim, Sie wohl und bei Kräften zu finden.«

»Guten Morgen, Edmund«, antwortete der Lord. »Du bist länger geblieben, als du vorhattest.«

»Ja, verzeih. Es ging mir nicht besonders; hatte ein bißchen Ausspannung nötig. Ich habe deshalb nach meinem Besuch bei Sir Walther Egon oben am See noch ein bißchen auf Enten gejagt und bin erst gestern abend ziemlich spät zurückgekommen.«

»Hast du etwas von einem bevorstehenden Krieg gehört?«

»Ja, zu meinem Erstaunen, Oheim. Die Stadt ist voll von Gerüchten; es herrscht ziemliche Aufregung unter den Leuten. Es tut mir jetzt fast leid, daß ich nicht Soldat bin. Nun, so werde ich also meine Pflicht in der Miliz erfüllen.«

»Also in Stacket Harbour weiß man es schon?«

»Es heißt, die Franzosen hätten in Montreal eine Flotte zusammengebracht und auch bereits starke Truppenmassen vorgeschoben. Ich kann mir nur nicht vorstellen, daß Maßnahmen dieser Art unserer Führung unbekannt geblieben sein sollen.«

Der Lord schüttelte den Kopf. »Oswego und die Forts am Champlain und am St. Georgs-See werden den ersten Stoß auszuhalten haben«, sagte er; »sind die Franzosen entschlossen, Krieg zu führen, dann werden sie uns zweifellos zuvorkommen, und ich fürchte, wir sind nicht genügend vorbereitet, um einem überraschenden Angriff standzuhalten.«

»Ich hoffe, Sie sehen zu schwarz, Oheim. Aber ich werde sofort zur Stadt reiten und Erkundigungen bei der Regierung einziehen, um Ihnen Genaueres berichten zu können.«

»Das wäre sehr nett von dir. Ich bitte dich darum.«

Der Baronet verbeugte sich ehrerbietig und begab sich schnellen Schrittes zum Tor, wo ein Reitknecht sein Pferd hielt.

Und hier traf er jäh und unvermittelt mit zwei Männern zusammen, die sich in dieser Umgebung wunderlich genug ausnahmen: mit dem Bootsmann Bob Green und dem jungen Burns. Bob hatte sich prächtig herausgeputzt. Er trug ein brennend rotes Tuch um den Hals, das er mit einer großen, von falschen Steinen glitzernden Busennadel geschlossen hatte. Im übrigen trug er Transtiefel und Schifferkleidung und einen schweren Wachstuchhut auf dem Kopf. Johns verblichenes Jagdhemd und seine Hosen aus derbem Stoff verrieten ohne weiteres den Hinterwäldler.

Beide hatten eben den Park betreten, indem sie Lord Somerset zu sprechen begehrten, aber der dort haltende Reitknecht hatte ihnen den Eintritt verweigert. Bob verhandelte noch mit ihm, als der junge Baronet den Hauptweg herunterkam. »Zurück, Burschen, dort kommt mein Herr«, sagte der Reitknecht. Der Schiffer unterdrückte mit Mühe einen Fluch.

Verwundert sah der elegante Baronet auf die Gruppe. »Was sind das für Leute, Fred?« sagte er. »Zu wem wollen sie?«

»Behaupten, zu Mylord persönlich zu wollen«, versetzte der Reitknecht, »hab' sie natürlich nicht passieren lassen. Handelt sich wahrscheinlich um irgendeine Bettelei.«

Bob und John hatten sich im Augenblick, da der Baronet den Mund auftat, angesehen; sie kannten die Stimme. Da Bob jetzt das von der Bettelei hörte, reichte es ihm. Er sagte, zu dem Reitknecht gewandt: »Hör zu, du schäbiger Lakai, wenn du noch einmal so eine Bemerkung machst, dann kriegst du einen Tritt vor den Magen, daß dir der Ontario wie eine Punschbowle vorkommen soll. Hast es mit Gentlemen zu tun, du galonierter Affe, du!«

Sir Edmund, der mittlerweile sein Pferd bestiegen hatte, sagte, die Reitgerte schwingend: »Genug nun. Macht euch fort, Burschen, oder ihr bekommt meine Peitsche zu spüren.«

»So?« grinste Bob, zwei Reihen Zähne zeigend, die einem Haifisch Ehre gemacht hätten; er stand wie eine lebende Mauer vor dem Pferd. »Die Peitsche soll ich spüren? Ihr möchtet wohl gerne mitsamt Eurer Mähre im Staube liegen?«

In einiger Entfernung wurde jetzt der alte Allan sichtbar, den der Lärm herbeigelockt haben mochte.

»Gib Raum, du Narr, oder ich reite dich über den Haufen«, schrie der Baronet. Aber er wagte angesichts der trotzigen Haltung des riesigen und zweifellos bärenstarken Mannes nicht, die Peitsche zu gebrauchen.

»Will Euch was sagen, Sir Edmund«, fuhr Bob fort, in die Zügel des Pferdes greifend, »wir wollen nicht betteln, und wir wollen überhaupt nichts für uns; wir haben nur eine Nachricht für Lord Somerset, die ihm Freude machen wird. Eine Nachricht vom Ontario, Sir, die auch Euch interessieren wird.« Ein höhnisches Grinsen verzog das Gesicht des Schiffers; er sah mit Befriedigung, wie der Baronet erbleichte.

In diesem Augenblick trat Allan heran und fragte, was es da gäbe.

»Kommen vom Ontario, Herr«, sagte Bob, »und bringen eine Botschaft für Seine Lordschaft.«

»Vom Ontario?« In den grauen Augen des alten Dieners blitzte es auf. »So kommt herein«, sagte er hastig. – »Sir Edmund, entschuldigt.«

»Ihr wollt das Gesindel doch nicht etwa zu Seiner Lordschaft führen, Allan?« stieß der Baronet heraus, »das ist doch Wahnsinn!«

»Wieso, Sir Edmund? Vielleicht bringen die Leute gute Nachrichten?«

»Könnte immerhin sein«, grinste Bob.

»So kommt herein.« Und der junge Herr auf dem Pferde mußte es geschehen lassen, daß die beiden wunderlichen Gäste, von dem alten Diener geleitet, den Park betraten.

»Wer seid Ihr?« fragte Allan, die beiden drinnen noch ein wenig zurückhaltend. »Muß ja schließlich wissen, wen ich zu melden habe.«

»Bin der Bootsmann Bob Green und am ganzen See bekannt. Der junge Mann da ist John Burns, Sohn eines Farmers vom Genesee.«

»Gut. Und was wollt Ihr bei Mylord?«

Bob zögerte und wand sich. »Seht«, sagte er, »kommen, wie gesagt, vom Ontario – haben da allerlei merkwürdige Dinge erlebt. Würden dem Herrn gerne selber berichten.« Er warf dabei einen mißtrauischen Blick zum Tor zurück, wo Sir Edmund noch immer auf dem Pferde hielt.

Allan, der diesen Blick bemerkt hatte und richtig zu deuten glaubte, fragte in steigender Erregung: »Nur eines, Mann: Betreffen Eure Nachrichten etwa den DUKE OF RICHMOND?«

»Ja«, antwortete Bob, »eben davon handeln sie.«

»So kommt schnell. Ich führe Euch zu Seiner Lordschaft. Nur eines, Mann: Mylord ist krank und schwächlich. Seid vorsichtig.«

»Will's bedenken, Sir«, sagte Bob.

Beide gingen nun, dem Alten folgend, durch den Park auf die Laube zu. Am Tor stieg Sir Edmund aus dem Sattel und folgte ihnen. In einigem Abstand von der Laube hieß Allan die beiden Männer warten, um sie zunächst seinem Herrn zu melden.

»Vom Ontario, sagst du?« Der Lord richtete sich auf, nachdem er die Meldung des Alten angehört hatte. »Bringen sie etwa Nachricht – Gewißheit?«

»Die Leute ließen durchblicken, daß sie gute Botschaft zu bringen hätten, Colonel.«

»Dann her mit ihnen, Allan. Ich will sie anhören.«

Auf einen Wink des Dieners betraten Bob und John die Laube und verbeugten sich mit linkischer Höflichkeit.

»Was bringt Ihr mir, Mann?« fragte der Lord den im Vordergrund stehenden Bob.

Bob räusperte sich und drehte etwas verlegen seinen Wachstuchhut in den Händen. »Ist nicht so einfach, Euer Gnaden«, begann er, »eine ziemlich wunderliche Geschichte. Nämlich die Halunken, die Seeräuber meine ich, haben da ein Blockhaus auf einer Insel, gibt tausend Inseln da oben, Herr, und wir waren doch mit der Molly gestrandet, haben sie ihnen aber abgejagt. War gar keine einfache Sache. Habe selber vier von den Kerlen über Bord geschafft –«; er räusperte sich wieder; es war wirklich gar keine einfache Sache, mit einem leibhaftigen Lord zu reden, der noch dazu ein kranker und hilfloser Greis war, den man schonen mußte.

Der Lord starrte die wunderliche Erscheinung des Schiffers an. Seeräuber? dachte er, Insel? Was will der Mann denn? Er brannte vor Begierde, Näheres zu erfahren. Sein Blick fiel auf den bescheiden im Hintergrund stehenden John. »Verzeiht«, sagte er, »wie ist's, junger Mann, könnt Ihr mir vielleicht eine etwas schnellere und deutlichere Erklärung geben, was euch zu mir führt?«

John trat vor und sagte, den alten Herrn ruhig anblickend: »Es ist so, Mylord: Unsere Sloop wurde unlängst bei einem heftigen Sturm zwischen die Tausend Inseln getrieben. Und eben dort machten wir eine Entdeckung, die Eure Lordschaft angeht.«

Lord Somerset starrte den jungen Mann an. Auch Allan lauschte mit brennender Aufmerksamkeit. Am Eingang der Laube erschien jetzt Sir Edmund.

»Sprecht! Was für eine Entdeckung?« keuchte der Lord.

»Wir fanden dort einen jungen Mann, der uns bat, zu Euch zu gehen«, fuhr John Burns fort.

»Einen jungen Mann?«

»Ja, Mylord. Er nannte sich Richard Waltham.«

»Laßt Euch nicht narren, Oheim!« ertönte vom Laubeneingang her jetzt eine schrille Stimme. »Das Gesindel hat von dem Unglück gehört und will Kapital daraus schlagen.«

»Das ›Gesindel‹ werd' ich dir noch eintränken, du geschniegelter Laffe!« brüllte Bob herumfahrend. Er schien nicht übel Lust zu haben, den Baronet beim Kragen zu nehmen.

»Ruhe!« rief der Lord, während heftige Erregung seine eingefallenen Züge belebte. »Sprecht weiter, junger Mann!«

Kurz und klar, jedes überflüssige Wort vermeidend, berichtete John Burns von seinen Erlebnissen mit den Seepiraten und von seiner Begegnung mit dem gefangenen Richard Waltham.

»Er lebt, Allan, er lebt!« rief der Lord, nachdem John geendet hatte; er bebte vor Freude.

»Ich habe nie daran gezweifelt«, versetzte Allan ruhig.

»Aber wie könnt Ihr nur so alberne Märchen glauben, Oheim!« rief der Baronet, der sich nur noch mühsam beherrschte.

»Schweig!« versetzte der Lord kalt und, sich Bob und John zuwendend: »Ihr konntet den Gefangenen nicht befreien?«

»Ging wahrhaftig nicht, Mylord«, schaltete Bob sich jetzt wieder ein. »Der Junge da hat sein Möglichstes versucht, zusammen mit einem rothäutigen Burschen, der sozusagen eine Ausnahme seiner Rasse darstellt, die – halten zu Gnaden – der Teufel holen möge. Ging wirklich nicht. Hatten das Gesindel auf dem Hals und Mühe und Not, unser Leben zu retten. Aber glaubt mir, Mylord, Master John hat die reine Wahrheit gesagt; seht Euch den Jungen an; ist kein Falsch an ihm.«

»Ich glaube Euch und auch ihm«, lächelte der Lord, »kenne Menschengesichter.« Und zu John gewandt: »Sprecht weiter, Mr. Burns, habt Ihr eine Vorstellung, wo mein Neffe jetzt weilt?«

John berichtete kurz von dem vergeblichen Rettungsversuch und erzählte, daß der Gefangene aus seinem bisherigen Gefängnis weggebracht worden sei.

»Natürlich!« höhnte Sir Edmund im Hintergrund, »da löst sich die Geschichte schon in Nichts auf. Freche Lügen, nichts weiter. Die Strolche möchten sich eine angemessene Belohnung verdienen. Eine ganz klare Sache! Was für Gründe sollten die angeblichen Seeräuber wohl haben, Richard verborgen zu halten, wo sie leicht ein erhebliches Lösegeld erpressen könnten?«

John legte dem wütenden Bob, der schon wieder herumfahren wollte, beruhigend die Hand auf die Schulter und sagte, während es gefährlich in seinen Augen aufblitzte: »Die Gründe kann ich Euch nennen, Sir. Ich habe nämlich Gelegenheit gehabt, einige höchst interessante Gespräche der Verbrecher zu belauschen. Es gibt da noch einen anderen Mann, einen Verwandten des Gefangenen, der ihn aus dem Wege zu räumen wünscht, um an seiner Statt Titel und Vermögen zu erben.«

»Schurke, was wagst du!« rief, aschfahl plötzlich und an allen Gliedern zitternd, der Baronet und machte Miene, auf John zuzuspringen. Dessen drohende Haltung und die massige Gestalt des Schiffers hielten ihn zurück.

John fuhr ruhig und sicher fort: »Ich habe diesen Vetter Sir Richards selbst im Gespräch mit dem Piratencaptain Hollins belauscht. Dieser saubere Herr hatte Hollins gedungen, Richard Waltham aus der Welt zu schaffen. Da Hollins es vorzog, den Gefangenen als Geisel zurückzuhalten, sandte er selbst einen Mörder aus. Das weiß ich aus dem eigenen Mund dieses Mannes, denn er starb in meinen Armen. Hollins hat den Gefangenen zweifellos aus dem bisherigen Versteck fortführen lassen, um ihn vor den Mordanschlägen des eigenen Vetters zu schützen, weil er hofft, mit der Geisel in der Hand ein höheres Lösegeld zu erlangen.«

Der alte Herr hatte diesen ruhigen und nüchternen Ausführungen mit weit aufgerissenen Augen zugehört. Er zitterte jetzt am ganzen Leibe, seine Augen glühten, und sein Gesicht war leichenhaft blaß. »Ihr habt diesen – Vetter selbst gesehen und – belauscht?« sagte er mit kaum noch vernehmbarer Stimme.

»Ja, Mylord.«

»Und?«

»Der Piratencaptain Hollins und sein eigener Bootsmann nannten ihn Sir Edmund.« Er trat etwas beiseite, hob die Hand und wies auf den Baronet: »Dort steht er.«

Drei Schreie antworteten dieser Erklärung nahezu gleichzeitig. Den ersten stieß der Baronet aus, den zweiten der Lord, der sich aufbäumte und dann in seinem Sessel zusammensank, den dritten der Diener Allan, als er die Wirkung der Nachricht auf seinen Herrn erkannte.

Allan kniete neben dem Sessel nieder und suchte den zusammengesunkenen Körper aufzurichten. Der Baronet stand mit haß- und wutverzerrtem Gesicht daneben, und Bob und John machten betroffene Gesichter. Allan schrie nach den Dienern, und zwei Lakaien kamen gleich darauf hereingestürzt und starrten erschrocken auf die Gruppe.

»Kommt, helft Seine Lordschaft hereintragen und ruft einen Arzt«, rief Allan ihnen zu.

Lord Somerset richtete sich noch einmal auf, seine Augen öffneten sich ein wenig und richteten sich mit einem Ausdruck furchtbaren Hasses auf den Baronet; aber dies war auch die letzte Lebensäußerung des alten Herrn; er stieß einen röchelnden Seufzer aus und streckte sich. »Colonel«, flüsterte der alte Schotte erschüttert, »geht doch nicht fort, Colonel, doch nicht jetzt!« Aber das Herz des alten Lords hatte bereits den letzten Schlag getan. Mehrere Diener waren, durch die anderen benachrichtigt, herbeigeeilt und umstanden trauernd die Leiche.

Der alte Schotte richtete sich auf. »Kommt«, sagte er leise mit gebrochener Stimme, »laßt uns den Herrn in sein Zimmer tragen; es ist vorbei.«

»Die Leiche kommt in den Saal und wird dort aufgebahrt«, erklang jetzt die kalte, schneidende Stimme des Baronets.

»Verzeiht, Sir Edmund –«, setzte Allan an, aber er konnte nicht ausreden; die schneidende Stimme unterbrach ihn: »Eure Lordschaft, wenn's beliebt, Mr. Allan. Jetzt bin ich hier der Herr!«

»Da sei Gott vor!« rief mit kaum unterdrücktem Zorn der Alte. »Der Erbe dieses Hauses, Lord Somerset, lebt. Ich werde nicht dulden, daß irgendwer die Hand an sein Eigentum legt.«

»So, Herr Kammerdiener. Euch hat das Märchengespinst der Kerle da also auch beeindruckt. Nun, ich werde Euch zeigen, wer hier Lord Somerset ist. Die Burschen da werden zunächst einmal Bekanntschaft mit dem Sheriff machen.« Und, zu den herumstehenden Dienern gewandt: »Ergreift die Strolche und bindet sie. Sie werden wegen Erpressung dem Richter überstellt. Vorwärts!« rief er erbost, als die Diener zögerten.

Bob Green spuckte eine Ladung Tabaksaft in die Ecke der Laube, hob zwei Fäuste von der Größe mittlerer Hammelkeulen und sagte: »So, du ehrenwerter Halunke, wir sollen die Bekanntschaft des Sheriffs machen, meinst du? Nun, du hast recht, das werden wir, Mann! Wir werden zum Richter gehen und ihm eine Story von zwei Vettern erzählen. Und jetzt gib Raum, sage ich dir, sonst –«; und er schob seinen gewaltigen Körper einen Schritt vor.

Die Diener wichen zurück, höchlichst verblüfft von Bobs Worten und eingeschüchtert durch das bedrohliche Äußere des Riesen und die finstere Entschlossenheit des neben ihm stehenden jungen Mannes, der die Hand am Griff eines in seinem Gürtel steckenden langen Jagdmessers hatte.

Der Baronet war mit aschfahlem Gesicht unwillkürlich einen Schritt zurückgetreten. Der Riese trat dicht vor ihn hin, maß ihn mit einem höhnischen Blick und sagte: »Schlüge dir verdammt gerne den Schädel ein, mein Junge, das kannst du mir glauben. Aber ich möchte dem Henker nicht gerne die Arbeit ersparen.« Er spuckte aus und wandte sich ab. »Kommt, John«, sagte er, »haben hier vorläufig nichts mehr verloren. Tut mir verdammt leid, daß der alte Herr daran glauben mußte, konnt's aber nicht ändern.«

Von dem schweigsamen John gefolgt, verließ er aufrechten Schrittes die Laube und den Park. Niemand wagte, den beiden zu folgen.

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