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Der König der Miami

Franz Treller: Der König der Miami - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Treller
titleDer König der Miami
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
year1954
correctorreuters@abc.de
senderChristoph Götz
created20080210
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Ni-kun-thas Kriegslist

Nach einer knappen Stunde schneller Fahrt erreichte das Kanu die Pirateninsel. Ni-kun-tha und John durchforschten aufmerksam den Uferbereich, vermochten aber nichts Verdächtiges zu bemerken. Sie landeten schließlich an einer Stelle, die für den Notfall eine schnelle Flucht ermöglichte. Durch das dichte Gebüsch schlichen sie sich alsdann an das Blockhaus heran, und zwar von der Rückseite aus, weil sie erst einmal den Gefangenen von ihrer Anwesenheit verständigen wollten. Danach hatte John die Absicht, den Wächter anzurufen und sich als Bote Hollins auszugeben. Sobald der Stelzfuß ihnen öffnete, wollten sie sich dann seiner bemächtigen.

Das Gebäude lag völlig erstorben vor ihnen, nirgendwo rührte sich ein Laut. Auch am Fenster zeigte sich niemand. John ließ den Ruf des Whippoorwill ertönen und gestikulierte mit den Armen, aber nach wie vor rührte und regte sich nichts.

Sie begaben sich nun im Schutz der Büsche auf die Vorderseite des Hauses. Nach kurzer Überlegung ging John auf das Palisadentor zu, nachdem er dem Indianer gedeutet hatte, in Deckung zu bleiben und die Büchse schußbereit zu halten. Wie gut, daß er sich den Namen des Stelzfußes gemerkt hatte. Er pochte mit den Fäusten gegen das Tor und rief laut mit verstellter Stimme: »Hallo! Skroop! Aufgemacht!«

Es kam keine Antwort.

»Hallo! Skroop!« brüllte John abermals, »Botschaft vom Chef!«

Nicht ein Laut drang aus dem Hause heraus.

Was war das? War das Haus etwa leer? Hatte man den Gefangenen getötet oder weggeschleppt? John lief um die Palisaden herum und rief zu dem vergitterten Fenster hinauf: »Hallo, Sir Richard! Hört Ihr mich?«

Ehernes Schweigen nach wie vor. Es war klar: In diesem Haus war gegenwärtig kein Mensch. John ging zu der verschlossenen Palisadentür zurück und rüttelte daran. Aber das Schloß hielt dicht.

Plötzlich hörte John eine Stimme in seinem Rücken: »Hallo, Boy, was macht Ihr denn da?«

Blitzschnell fuhr er herum. Vor ihm stand, die Büchse in der Hand, der Seemann, der Sir Edmund in der Jolle zur Insel gerudert hatte. Er war so erschrocken, daß er nicht gleich eine Antwort fand und den Piraten wie eine Erscheinung anstarrte.

Der nahm jetzt eine drohende Haltung an: »Wer, zum Teufel, hat Euch geheißen, hier nach Sir Richard zu rufen?« sagte er barsch. »Kriege ich bald Antwort?«

John riß in einer Art Reflexbewegung die Büchse hoch; der Pirat drang auf ihn ein. Fast im gleichen Augenblick krachte aus dem Gebüsch ein Schuß. Der Fremde stieß einen Schrei aus, warf die Arme in die Luft und brach zusammen.

Der Pulverdampf verzog sich, und der immer noch wie betäubte John erblickte zwischen den Büschen den Indianer, der ruhig und gelassen seine Büchse lud. John kniete neben dem Gefallenen nieder, der sich stöhnend umwandte. Sein Hemd zeigte große Blutflecke auf der Brust.

»Wasser!« keuchte der Mann, während John seinen Kopf in den Schoß nahm; auf seinen Lippen erschien Blut. John ließ den Kopf sacht zu Boden gleiten und ging zu einer nahen Quelle, die er bei seinem Rundgang um das Haus bemerkt hatte. Er füllte seine Mütze, ging zurück und ließ den Verwundeten trinken. Ni-kun-tha stand regungslos, die Büchse in der Hand, im Gebüsch.

Die Gesichtszüge des Verwundeten veränderten sich schnell; er verfiel zusehends. »Wer seid Ihr?« flüsterte er, während John sich mühte, das Blut seiner Brustwunde zu stillen. »Warum habt Ihr nach Sir Richard gerufen?«

»Ich wollte ihn befreien!«

»Er ist also – fort?«

»Das Haus ist leer.«

Der Mann keuchte und schluckte: »Dachte es mir.«

»Strengt Euch nicht an.«

»Laßt nur. Sowieso gleich aus. Verspielt! Wollt' dem jungen Baron in eine bessere Welt verhelfen – komme selber hin.« Er röchelte: »Wollte erst nicht, aber – hundert Pfund sind ein Stück Geld. Äh!« Er hustete; ein Blutstrom brach aus seinem Mund.

John glaubte, es sei schon zu Ende, aber der Verwundete erholte sich noch einmal; in seinen starren Augen war ein sonderbarer Glanz. Er stammelte: »Egal – Halunke: Sir Edmund! Betrügt alle! Der Baronet – rettet ihn nur – Gott vergib – Kanal Südost – sechste Insel – großer Stein – äh – Er – barmen!« Er reckte sich, röchelte, ein krampfhaftes Zucken schüttelte den Körper des Mannes, dann fiel er zurück und regte sich nicht mehr.

John war erschüttert, obgleich dieser Mann ein Verbrecher war; Erlebnisse dieser Art waren ihm noch neu. Der Indianer hatte dem Todeskampf des Piraten zugesehen, als handle es sich um ein Stück Wild, das verendete. Er kam jetzt aus den Büschen heraus und warf das Gewehr um. »Aus – gehen!« sagte er kurz.

»Mein Bruder möge helfen, die Leiche in die Büsche zu tragen; wir können sie nicht hier liegen lassen«, sagte John. Ni-kun-tha faßte zwar mit an, aber man sah ihm an, daß er es höchst widerwillig tat. Als sie den Toten dann unter den grünen Zweigen eines Baumes gebettet hatten, griff der Indianer in die Tasche des Mannes und holte einige blutbefleckte Papiere heraus. Er reichte sie John und sagte: »Das vielleicht sprechen. Nehmen!«

John nahm die Papiere und steckte sie in die eigene Tasche. Er deckte den Körper des Toten mit Zweigen zu und ging, von Ni-kun-tha gefolgt, zum Kanu zurück. Ni-kun-tha folgte ihm, nachdem er die dem Toten entfallene Büchse aufgenommen hatte. Sie erwies sich bei näherer Untersuchung als sorgfältig geladen.

Am Ufer angekommen, reichte John dem Indianer die Hand und schüttelte sie. »Vielleicht hat mein roter Bruder mir das Leben gerettet«, sagte er; »ich danke ihm, und ich werde es nicht vergessen.«

Über das bronzene Antlitz Ni-kun-thas flog ein hellerer Schein. Er antwortete in seinem gebrochenen Englisch: »Weißer Mann mein Leben – ich das seine retten. Gut!« Sie bestiegen den Einbaum und bedienten sich der Ruder, da der Wind einstweilen nicht in ihrer Richtung blies.

John war ernster als sonst. Er hatte jetzt an zwei Tagen hintereinander zwei Menschen fallen sehen, und es waren dies die einzigen Menschen, die er überhaupt sterben sah. Gewiß, er hatte nicht selbst geschossen, außerdem waren die Schüsse beide Male in klarer Selbstverteidigung abgegeben worden. Sehr wahrscheinlich verdankte er der kalten Entschlossenheit und der kriegerischen Erfahrung seines roten Bruders sogar, daß er noch atmete. Und der eben Gefallene war ein gedungener Mörder gewesen. Aber John sah immer noch das Gesicht des sterbenden Mannes vor sich; er glaubte es nie vergessen zu können.

Während sie schweigend durch die Inselwelt ruderten, glitten Johns Gedanken schließlich von dem grausigen Ereignis der jüngsten Vergangenheit ab und wandten sich dem Gefangenen zu, den er hatte befreien wollen. Da er am Vortage das Gespräch des Piratenkapitäns Hollins mit Sir Edmund und das folgende Selbstgespräch Hollins belauscht hatte, war es nicht schwer für ihn, sich die Zusammenhänge zu erklären. Hollins hatte den Gefangenen fortschaffen lassen, um ihn vor etwaigen direkten Mordabsichten des sauberen Baronets zu schützen, weil er ihn als Geisel in der Hand behalten wollte. Wie richtig er damit gehandelt hatte, hatte John gerade eben erlebt. Sir Edmund, der Grund haben mochte, dem Piraten nicht zu trauen, hatte seinen eigenen Bootsführer gedungen, den Mord an Waltham auszuführen. Unter diesen Umständen schien im Augenblick keine unmittelbare Gefahr für den Gefangenen zu bestehen. Aus den letzten Worten des von Ni-kun-tha Erschossenen ging unzweideutig hervor, daß die Seeräuber noch über einen weiteren Zufluchtsort im Inselbereich verfügten. John hatte die Einzelheiten, die der Sterbende in diesem Zusammenhang äußerte, seinem Gedächtnis fest eingeprägt.

Die Sache hatte doch mehr Zeit erfordert, als John ursprünglich angenommen hatte. Jetzt hatten sie den Wind gegen sich und mußten sich schwer in die Riemen legen, um so schnell wie möglich vorwärts zu kommen. Da sie außerdem sehr vorsichtig sein und die Augen offen halten mußten, war es bereits später Nachmittag, als sie wieder in dem Waldversteck eintrafen.

Elias Burns und Bob Green hörten sich Johns Bericht mit gefurchten Stirnen an. Aber sie hatten im Augenblick weit ernstere Sorgen: Ein Blick auf die vor Anker liegende Molly zeigte John, daß die Piraten es entgegen aller Erwartung inzwischen fertiggebracht hatten, die Sloop so zu takeln, daß sie bei ruhigem Wind sogar eine Fahrt über den See wagen konnte. Damit näherte sich der Augenblick, wo etwas geschehen mußte, um das Schiff den Räubern zu entreißen. Befand sich die Molly erst einmal außerhalb der Reichweite ihrer Gewehre, war sie unwiderruflich verloren, denn selbstverständlich wäre es Wahnsinn gewesen, zwölf von entschlossenen Männern geführten Büchsen gegenüber mit der Jolle anzugreifen. Ein Angriff zur Nachtzeit hätte vielleicht noch Erfolgschancen geboten, aber dazu mußte das Schiff erst einmal erreichbar sein. Wer weiß, wo es bei Einbruch der Dunkelheit war, wenn man die Banditen jetzt weiter gewähren ließ.

John durchschaute die Lage mit einem einzigen Blick. Es war auch ihm klar, daß sofort etwas geschehen mußte; zweifelhaft blieb nur das Wie.

Bobs Vorschlag ging dahin, sich auf der Landzunge, in welche die Insel auslief, bis in Schußweite an das Schiff heranzuschleichen, vier Piraten durch eine gut gezielte Salve außer Gefecht zu setzen und die Besatzung alsdann in einem weiteren Feuergefecht so empfindlich zu schwächen, daß der Rest sein Heil in der Flucht suchte. Er meinte, möglicherweise genügten überhaupt schon die ersten vier Schüsse, sie kopflos zu machen, konnten sie doch nicht wissen, ob sie nicht von erheblicher Übermacht angegriffen würden.

Elias Burns vermochte sich mit diesem Plan nicht zu befreunden. Er glaubte nicht, daß die Piraten nach der ersten Salve fliehen und das Schiff im Stich lassen würden. Sie würden sicherlich erst festzustellen suchen, mit wieviel Gegnern sie es zu tun hätten. Sie brauchten dann nur den Anker zu lichten; bei dem herrschenden Wind war die Molly in kurzer Zeit im Gewirr der Inselkanäle untergetaucht und außer Schußweite. Außerdem hatten die Piraten an Bord der Molly überhaupt wenig von den Kugeln der Angreifer zu fürchten.

Der Indianer hatte der Auseinandersetzung der Weißen sehr aufmerksam zugehört; er mochte aus Wortfetzen, die er verstand, und aus den Gebärden geschlossen haben, worum es sich handelte. Er berührte jetzt Burns' Arm leicht mit dem Finger und sagte, als der Alte sich ihm zuwandte: »Ni-kun-tha nehmen Kanu – fahren dort«; er wies auf den zwischen den Inseln dahinfließenden Kanal, »Feind ihn sehen – Ni-kun-tha gestern ihren Krieger getötet – ihn verfolgen: Dann: Schiff ganz leer. Ihr gehen auf Schiff – fahren weit fort – dahin!« Er wies in die Richtung des Sees.

»Teufel auch!« sagte Bob Green. »Hätte nie geglaubt, daß indianische Schlauheit auch einmal nützlich sein könnte. Ein großartiger Plan. Gelingt er, ist die Molly unser, auch wenn ein paar Mann auf dem Schiff zurückbleiben sollten.«

John und der alte Burns sahen den jungen Indianer bewundernd an. »Der Plan ist gut«, sagte der Alte schließlich. »Aber er setzt unseren roten Freund großer Gefahr aus. Was will der rote Mann machen, wenn man ihn ernsthaft verfolgt?«

Ein flüchtiges Lächeln überzog das Gesicht des Indianers. »Weiße Männer blind«, sagte er. »Ni-kun-tha gehen an Land – kriechen in Busch – schwimmen wie Otter in Wasser – kommen auf großes Kanu.«

»Laßt den Burschen gehen, Sir«, rief Bob Green. »Ist gerissen genug, wird sich nicht fangen lassen. Bin sicher, daß er heil wiederkommt.«

Da der Plan zweifellos gut und keine Zeit mehr zu verlieren war, stimmte Elias Burns schließlich zu. Es wurde beschlossen, zunächst einmal für alle Fälle die Jolle etwas näher heranzubringen;

alsdann wollte man die Vorgänge von dem bisherigen Lagerplatz aus beobachten und im gegebenen Augenblick eingreifen.

John und der Indianer entfernten sich gemeinsam. Ni-kun-tha bestieg das Irokesenkanu, und John setzte sich in die Jolle, um sie heranzuholen. Burns und der Bootsmann harrten in fieberhafter Erregung der Dinge, die kommen sollten. Der Plan brachte für die in ihrem Versteck lauernden Weißen zunächst keine Gefahr, selbst dann nicht, wenn die erwartete Wirkung ausblieb. Denn das Auftauchen eines indianischen Kanus ließ ja noch keine Schlüsse auf die Anwesenheit von Weißen zu. Indessen mußte es jetzt so oder so zu einer Entscheidung kommen.

John kehrte schon nach kurzer Zeit mit der Jolle zurück, befestigte sie im Ufergebüsch und begab sich zum Lagerplatz. Alle drei Männer prüften aufmerksam ihre Gewehre und richteten ihre Aufmerksamkeit dann auf das Schiff und auf den Kanal, wo der Indianer jeden Augenblick auftauchen mußte.

Plötzlich wurde drüben am Schiff das große Ruderboot bemannt, und zwar mit sämtlichen Männern. Offenbar sollte der Anker gehoben werden. Tatsächlich setzte sich das Boot auf die Ankerstelle zu in Bewegung. Es war eben dort angekommen, als in weiterer Entfernung das Indianerkanu sichtbar wurde. Ni-kun-tha saß darin; er schien leicht und völlig sorglos die Ruder zu handhaben.

Jetzt aber hatte der Piratenkapitän ihn bemerkt. »Hallo!« brüllte er. »Da ist einer der roten Hunde, die gestern die Insel ausspionierten und unserem guten Bill das Lebenslicht ausbliesen. Legt die Riemen ein. Mit dem Burschen wollen wir ein Wörtchen reden.«

Während die Männer im Boot nach den Rudern griffen, hob Hollins die Büchse, zielte nach dem Kanu und schoß; ohne Erfolg freilich, da sich das Kanu noch außer Schußweite befand. »Vorwärts, Boys! Gleichen Schlag!« rief Hollins und setzte sich ans Steuer.

Der Indianer hatte das Kanu gewendet und ruderte in großer Eile davon.

Hollins war, was die drei im Wald lauernden Männer nicht wissen konnten, durch das Erscheinen des Indianerkanus in besondere Erregung versetzt worden. Er war nämlich der Meinung, es sei auf seinen Gefangenen abgesehen. Völlig überzeugt davon, daß Sir Edmund nach Mitteln und Wegen suchen würde, den jungen Waltham selbst beseitigen zu lassen, da er ihm, Hollins, nicht traute, hatte er den jungen Mann von der Insel entfernen lassen. Nun waren schon am Vorabend zwei Indianer um die Insel herumgestrichen und hatten, als man sie stellen wollte, einen seiner Männer erschossen. Vielleicht, so argumentierte er, hatte der ehrenwerte Sir die beiden Roten gekauft, Waltham umbringen zu lassen. Der Piratenkapitän war jedenfalls sehr begierig, den in seinem Kanu geflüchteten Indianer in seine Gewalt zu bringen, um Klarheit über seine etwaigen Absichten zu erlangen.

Das Kanu schoß durch den Kanal, aber das Kielboot war schneller; John wurde unruhig, als er dies sah. Doch entschwanden beide Fahrzeuge sehr bald den Blicken der Beobachter.

»Höchste Zeit, Sir, alle Mann an Bord!« rief Bob Green, ergriff seine Büchse und dazu die von dem Indianer erbeutete, und eilte, von den beiden Burns gefolgt, nach der Jolle. Einsteigen, die Riemen ergreifen und zum Schiff hinüberrudern war das Werk eines Augenblicks. Kaum eine Minute war vergangen, als die drei sich schon hintereinander an Bord schwangen. Ein hastiger Rundblick vom Deck aus; von dem Kanu und dem Kielboot war weit und breit nichts zu sehen.

»Die Sprietsegel auf, John!« schrie Bob und kappte mit einem schnellen Axthieb das Ankertau. Gleich darauf warf er sich mit seiner riesigen Kraft an das erst unvollständig entfaltete Hauptsegel und brachte es an den Wind. Da der Luftzug vom See herüberkam, wurde die Molly auf diese Weise allerdings zurückgetrieben.

»Ans Steuer, John! Hart Backbord!« brüllte Bob; »kommen sonst nie hier heraus. Müssen leewärts der Insel segeln und dann durch den anderen Kanal in den Ontario.«

Bevor John aber noch mit den Segeln am Bugspriet fertig war und die Sloop das Steuer spürte, waren sie bereits eine so große Strecke zurückgetrieben worden, daß es schwierig wurde, noch den Kanal zu gewinnen, der sie leewärts der Insel führen sollte. Bob arbeitete für zehn. Endlich stand das Segel und er sprang an das Steuer. »Jetzt eine Mütze voll Wind, oder wir stranden«, keuchte er.

Die Molly trieb immer noch ab.

Ein gellender Ruf ließ die Männer aufblicken; sie sahen: Hinter ihnen im Kanal schwamm das Kielboot. Der Indianer mochte, als es ihm an der Zeit dünkte, aus dem Kanu in das Buschwerk geschlüpft sein, und die Verfolger mochten die Jagd als aussichtslos eingestellt haben. Nun sahen die zurückkommenden Piraten die Molly zu ihrem grenzenlosen Staunen in der Hand von Männern, von deren Anwesenheit sie nichts geahnt hatten. Sie stutzten einen Augenblick, hielten und berieten sich.

Nach einem Weilchen sahen die Männer auf der Sloop, daß die Piraten einige der Bootinsassen auf der Insel absetzten, auf welche sie zutrieben, während das Kielboot zurückfuhr.

»Die Teufel!« knirschte Bob Green. »Wollen uns am Kanal den Weg verlegen und uns vom Land aus abschießen lassen, bevor wir auch nur den Ausgang erreichen.«

Die Situation war gefährlich genug. Nach Lage der Dinge gab es für die Sloop nur eine Möglichkeit: vom Winde abhängig, der ihren Plänen schnurstracks entgegenwehte, mußten sie den Weg einschlagen, der ihnen eben von Land und Wasser zugleich verlegt worden war. Die drei spielten schon mit dem Gedanken, die Jolle zu besteigen und zu flüchten, als ein frischer Luftzug das Wasser zu kräuseln begann und die Segel sich füllten. Kaum spürte das leicht und schnittig gebaute Schiff den Wind, da begann es auch schon das Wasser zu zerteilen. Es gehorchte dem Steuer und kam langsam von der Insel an Steuerbord ab.

»Hurra!« brüllte Bob Green, »die alte Molly legt ihre Seebeine an. Legt euch lang, Leute, und achtet auf die Büsche. Gleich wird es da knallen. Ich kann das Steuer jetzt nicht aus der Hand lassen.«

Die Brise wurde frischer, am Bug schäumte bereits das Wasser. Der Wind hatte leicht gedreht, für die Fahrt im Kanal stand er jetzt gut; in den See zu kommen würde freilich noch seine Schwierigkeit haben.

Die beiden Burns durchforschten, flach im Anschlag liegend, den Ufersaum, während Bob in seiner ganzen Größe am Steuer stand. John verfügte über ein scharfes Auge und eine sichere Hand; auch hatte er sich durch die jüngsten Ereignisse so in das Kampfgeschehen hineingesteigert, daß jede Scheu und jede Hemmung gefallen war.

Auch Vater Burns war ein guter und dazu ein sehr kaltblütiger Schütze, und Bob Green vollends war im ganzen Seebereich seiner Schießkunst wegen berühmt. Während er jetzt das Steuer hielt, stand die gespannte Büchse in Griffnähe neben ihm; er teilte seine Aufmerksamkeit zwischen dem Lauf des Schiffes und dem Ufer, von dem aus sie jeden Augenblick Feuer bekommen konnten.

Donnernd entlud sich Johns Gewehr, gleich darauf das seines Vaters, und beide Male antwortete dem Schuß ein gellender Schrei.

»Gute Arbeit!« schrie Bob.

In den Büschen blitzte es auf; eine Kugel strich pfeifend an ihm vorbei. Blitzschnell riß der Riese die Waffe an die Wange; es krachte fast gleichzeitig, und auch diesmal antwortete ein jäher Schmerzensschrei dem Schuß fast unmittelbar. »Geht zum Teufel, Halunken!« knurrte Bob Green.

Die beiden Burns luden mit schnellen Griffen ihre Gewehre, der Bootsmann aber griff zu der Büchse, die Ni-kun-tha von der Räuberinsel mitgebracht hatte. »Kommt nur«, murmelte er, »sollt Bob Green kennenlernen!«

Das Fahrzeug steuerte schnell und leicht durch den Kanal. Reicht mir mal die Axt und ladet meine Büchse, John«, rief Bob, »gleich wird der Haupttanz losgehen.« John tat, wie ihm geheißen.

Die Inseln zur Linken und Rechten gingen zu Ende; quer vor dem Schiff erstreckte sich der Wasserlauf, der nach links in den Ontario mündete und nach rechts tiefer in die Inselwelt führte.

»Achtung! Aufgepaßt!« brüllte Bob.

Der Steuermann mußte jetzt, um einen ausreichenden Bogen für den Auslauf in den See zu gewinnen, hart an die rechts liegende Insel heranhalten. Man spürte bereits den frischen Luftzug vom See. Die Molly glitt schneller durch das Wasser. Jetzt erreichte sie das Ende der Insel zur Rechten. Bob riß das Ruder nach Backbord herum. Da plötzlich schoß, einem Hai gleich, das Kielboot unter den Büschen hervor, und ein Wurfanker, von einem in seinem Bug stehenden Mann geworfen, erfaßte das Schiff und haftete in seinem Heck.

Doch die Angreifer hatten es mit Leuten zu tun, die ihnen gewachsen waren. Bob hatte das Kielboot kaum erblickt, als er sich auch schon zu Boden warf. Diesem schnellen Entschluß und der Nähe der Feinde, die durch Ast- und Buschwerk in der Sicht behindert waren, verdankte er sein Leben. Die Banditen hatten die herkulische Gestalt des Schiffers erst im buchstäblich letzten Augenblick zu Gesicht bekommen. Die Molly schoß vorwärts, das Piratenboot im Schlepptau. Burns und John schossen zwar auf die Insassen, vermochten aber wegen der Schnelligkeit, mit der das Boot in das Kielwasser der Molly gerissen wurde, nicht sicher zu zielen und trafen demzufolge auch nicht.

»Hierher, Männer!« brüllte Bob, »jetzt geht es ums Leben!«

Tatsächlich tauchte bereits ein Kopf über dem Bollwerk auf. Bobs Büchse entlud sich, der Kopf verschwand und man hörte, wie der Körper ins Wasser fiel.

Aber schon tauchten weitere Köpfe auf. Bob schoß abermals, aber diesmal fehlte er; zwei, drei Männer sprangen an Bord.

John stürzte auf einen der ungebetenen Gäste zu, umschlang ihn, bevor er noch Fuß zu fassen vermochte, und riß ihn zu Boden. In wildem Ringen wälzten sich die beiden Männer am Deck.

Einem rasenden Tiger gleich sprang Bob, die Axt in der Faust, auf den nächsten Gegner zu; mit zerschmettertem Schädel brach der Mann zusammen. Bob hob den taumelnden Körper mit Riesenkräften auf und schleuderte ihn auf die beiden anderen, und zwar mit einer Wucht, daß die Kerle, die eben schießen wollten, zu Boden stürzten. Die beiden Büchsen entluden sich, ohne Schaden anzurichten. Der vor Wut schäumende Bob sprang auf einen der beiden los, hob ihn, bevor der noch zu sich gekommen war, gleich dem ersten empor und schleuderte ihn mit gewaltiger Kraftanstrengung in das Boot.

Dabei wäre es beinahe um sein Leben geschehen gewesen. Während John sich nämlich immer noch mit seinem Gegner auf dem Deck herumwälzte und Elias Burns sich dem zweiten durch den Leichnam zu Boden geschleuderten Piraten entgegenwarf, der sich wieder aufgerafft hatte, legte ein außen an der Bordwand stehender Mann auf den Schiffer an. Bevor er noch abdrücken konnte, löste sich vom jenseitigen Ufer ein Büchsenschuß, dem ein heller indianischer Kriegsruf folgte, und der Pirat stürzte, die Arme hochwerfend und das Gewehr fallen lassend, über Bord.

Jetzt führte Bob einen wuchtigen Axthieb gegen das Tau am Enterhaken und durchschnitt es. Das Boot blieb zurück. Der Steuermann fuhr herum und sah den alten Burns in schwerem Ringen mit einem Gegner, dem er an Körperkraft nicht gewachsen war. Ein Faustschlag des Riesen setzte den Piraten außer Gefecht. Bob ergriff ihn, hob ihn hoch empor und schleuderte ihn in großem Bogen über die Bordwand.

Die Molly, die das Steuer nicht mehr spürte, war während des hitzigen Gefechts hart an das jenseitige Ufer herangetrieben und berührte bereits die Büsche. Da löste sich dort eine schmale Gestalt und kletterte mit der Gewandtheit einer Pantherkatze an Bord. Es war Ni-kun-tha, dessen treffsicherer Schuß Bob Green vor wenigen Minuten das Leben gerettet hatte.

Das Seeräuberboot war weit zurückgeblieben. Seine Insassen mühten sich, die ins Wasser Geschleuderten aufzufischen. Auf dem Deck der Molly wälzte sich John noch immer mit seinem Gegner herum. Dies sehend, war der Indianer mit einem einzigen Satz neben den Kämpfenden; sein Messer blitzte auf und fuhr dem Piraten in die Kehle, daß das Blut im Bogen heraussprang und der Mann zusammensackte.

Schwer atmend erhob sich John, vom Blut seines Gegners überströmt, und sah sich mit wilden Blicken um.

Die Molly war mittlerweile an Land getrieben worden; die Segel hingen schlaff an den Rahen; das Seeräuberboot, in dem nur noch wenige Männer unverwundet sein mochten, entschwand eben in der Ferne.

»So«, keuchte Bob, »das hätten wir, ziemlich ruhmreich, glaube ich, geschafft. Die Burschen werden an uns denken!«

Der vom Kampf schwer erschöpfte Burns war dabei, seine ziemlich in Unordnung geratenen Kleider zu richten. »Euch und dem roten Mann danken wir's in erster Linie«, sagte er; »ich will's nicht vergessen.«

»Gut, gut, Sir«, wehrte der Bootsmann ab. »Und jetzt segeln wir zurück und holen unsere noch auf Strand liegende Fracht.«

Aber davon wollte Elias Burns durchaus nichts wissen. »Das hieße Gott versuchen«, meinte er, »wollen sehen, daß wir den See erreichen.«

Sie warfen zunächst die Leiche des von dem Indianer erstochenen Piraten über Bord, alsdann gelang es ihren vereinten Bemühungen, das Schiff in Fahrt zu bekommen. Der frische Wind unterstützte Bobs Bemühungen, und nach einiger Zeit schwamm die Molly mit mäßiger Geschwindigkeit auf dem Ontario und nahm Kurs auf Stacket Harbour.

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