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Der König der Miami

Franz Treller: Der König der Miami - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Treller
titleDer König der Miami
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
year1954
correctorreuters@abc.de
senderChristoph Götz
created20080210
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Piraten an Bord

Die Sonne stand schon lange am Himmel, als die Gestrandeten sich vom Lager erhoben. Ihr erster Blick galt dem Schiff. Die Molly lag ruhig im Schein der Morgensonne; die Wälder schwiegen ringsum. Das unbewegte Wasser, in dem sich die Baumkronen spiegelten, der wolkenlose Himmel, der rötliche Schimmer, der die Spitzen der Bäume vergoldete – das alles vermittelte ein Bild des Friedens, wie es eindrucksvoller nicht gedacht werden konnte. Und doch lauerten hinter diesem freundlichen Bild finstere Leidenschaften; hinter dem Dunkel der Wälder gab es Menschen, die mit allen göttlichen und irdischen Gesetzen gebrochen hatten.

Elias Burns, der alte Puritaner, wich auch hier in der Wildnis nicht von dem Brauch, den beginnenden Tag mit einem Gebet zu eröffnen. Bob Green, der weniger vom Beten halten mochte, hörte gleichwohl andächtig zu, und auch der Indianer lauschte den ihm kaum verständlichen Lauten. Er mochte immerhin begreifen, daß der alte Mann mit dem Großen Geist der Weißen sprach.

Anschließend wurde mit gutem Appetit gefrühstückt. Der Indianer zeigte auch beim Essen eine würdige Zurückhaltung; obgleich er sich, insbesondere mit Johns Hilfe, recht gut verständlich machen konnte, sprach er kaum. Die Trauer um seine ertrunkenen Gefährten mochte ihm noch im Sinn stecken. Auch über seine Stammeszugehörigkeit hatte er sich noch nicht geäußert, klar war nur, daß er weder ein Hurone war, noch zu den sechs Nationen der Irokesen gehörte; im Gegenteil, er schien Huronen wie Irokesen mit unauslöschlichem Haß zu verfolgen.

Der Unbekümmertste und Sorgloseste von allen war nach wie vor Bob Green, der alte Seefahrer. Nach dem Essen steckte er sich seine Pfeife an und blies dicke blaue Ringe in die Luft. »Nun wissen wir also, daß die Sache mit dem DUKE OF RICHMOND stimmt«, sagte er. »Das Schiff ist nicht im Sturm untergegangen, sondern von Piraten gekapert worden, und zwar war es auf den Erben des Lords abgesehen.«

»Trauriges Los, das den jungen Herrn getroffen hat.« Der alte Burns schüttelte bekümmert den Kopf.

»Aber wir werden ihn befreien, Vater«, sagte John.

»Wenn es überhaupt möglich ist, wollen wir es gewiß versuchen«, versetzte der Alte.

»Ich habe es versprochen, und es ist klar, daß ich zu meinem Wort stehe«, stellte John mit Entschiedenheit fest.

Elias Burns blieb ruhig und bedächtig: »Wir werden alles versuchen, dein Wort einzulösen.«

»Wird einen Hauptspaß geben, Master«, lachte der Bootsmann. »Brenne direkt darauf, nähere Bekanntschaft mit den Halunken zu machen, die so manchen ehrlichen Seemann auf dem Gewissen haben.«

»Ich fürchte, Ihr stellt euch die Sache ein wenig gar zu leicht vor«, sagte der Alte. »Nach Johns Bericht besteht kein Zweifel daran, daß die Banditen Helfershelfer auf dem festen Land haben, und daß es sich um eine größere Bande mit mehreren Schlupfwinkeln handelt. Dieser sonderbare Sir Edmund scheint in diesem Zusammenhang ja auch eine bemerkenswerte Rolle zu spielen.«

»Diesen ehrenwerten Gentleman möchte ich besonders gern in der Hand des Sheriffs sehen«, knurrte Bob Green.

»Aber was sollen wir überhaupt tun, Bob? Wir sind ja selber in einer nicht eben erfreulichen Lage«, wandte Burns ein. »Jetzt liegen wir hier schon zwei Tage hilflos am Strand, und da wir wissen, daß sich das Seeräubergesindel in nächster Nähe aufhält, ist nicht abzusehen, wie wir aus dieser Situation herauskommen sollen.«

»Ich hatte mir das alles schon überlegt«, sagte Bob. »Eigentlich wollte ich euch heute morgen den Vorschlag machen, trotz allem nach Stacket Harbour zu segeln und eine tüchtige Mannschaft heranzuholen. Dann bekämen wir nicht nur das Schiff wieder flott, sondern könnten gleichzeitig auch mit dem Piratengesindel aufräumen. Und ob hier nun drei oder vier Mann sitzen und warten, läuft schließlich auf dasselbe hinaus. Ich hatte mir vorgenommen, unter Umständen sogar einen Regierungskutter mit Soldaten mitzubringen. Johns neueste Nachrichten haben mich nun aber bedenklich gemacht. Ich bin überzeugt, die Halunken haben hier am See ihre Aufpasser sitzen. Wittern sie erst Gefahr, werden sie sich samt dem Gefangenen in Sicherheit zu bringen wissen. Es scheint mir nach all meinen Erfahrungen aber unmöglich, sie, wenn sie erst einmal untergetaucht sind, im Gewirr der Tausend Inseln aufzuspüren; abgesehen davon, daß ihnen der Rückzug nach dem französischen Kanada immer offen ist. Es scheint mir deshalb leichtfertig, am hellen Tage mit der Jolle auf den See zu gehen; werde ich entdeckt und ist der Sechsruderer draußen, womit wir rechnen müssen, könnte ich den Banditen nicht entgehen. Damit aber wäre alles verloren.«

»Das alles ist unzweifelhaft richtig«, versetzte Elias Burns nach kurzem Schweigen. »Und da John überdies sein Wort gegeben hat, möchte ich also vorschlagen, daß wir heut abend nach Einbruch der Dunkelheit einen Versuch machen, den jungen Baronet zu befreien. Möglicherweise können wir damit rechnen, daß die Piraten auf Beutefang sind; dann könnte die Sache keine allzu großen Schwierigkeiten machen.«

John jubelte, und auch der Bootsmann stimmte dem Vorschlag höchst befriedigt zu.

»Spaßige Sache, daß die Banditen überzeugt waren, zwei Indianer vor sich zu haben«, lachte Bob Green, »könnte uns unter Umständen gut zupaß kommen; mindestens brauchen sie nichts von unserer Anwesenheit zu ahnen, selbst wenn sie die Molly entdecken sollten.«

Er hatte kaum ausgesprochen, als der Indianer, der schweigend an einen Baum gelehnt stand, den Arm ausstreckte und ein warnendes »Hugh!« ausstieß. Der Arm wies in die Richtung, wo die Molly lag.

Die drei Weißen sprangen erschrocken auf und gewahrten, durch die Büsche lugend, das stark bemannte Kielboot der Seeräuber, das eben aus dem Ausgang des Kanals kommend, langsam auf die gestrandete Sloop zusteuerte.

»Da sind sie. Nun schütze uns der Herrgott!« flüsterte Elias Burns.

»Nun also«, knurrte Bob; er schien eher befriedigt, daß die Spannung gebrochen war. »Wie ist's«, sagte er, »wollen wir ihnen eine volle Salve geben?«

»Still, Bob, wollen erst abwarten, was sie tun.«

John starrte mit glühenden Augen auf die Szene; man sah ihm an, daß er entschlossen war, den Kampf aufzunehmen. Der Indianer öffnete, unbewegt neben ihm stehend, die Pfanne seiner Büchse und sah nach dem Pulver; sein Gesicht war völlig ausdruckslos. Das Boot war mit zwölf schwer bewaffneten Männern besetzt, die mit unverhohlenem Staunen auf das wracke Schiff starrten.

Die Lauscher oben im Wald hätten etwas darum gegeben, hätten sie hören können, was unten im Kielboot gesprochen wurde, doch dafür war die Entfernung zu weit. John sah nur, daß der Banditenchef Hollins persönlich am Steuer saß. Auch sonst gab ihr günstig gewähltes Versteck ihnen die Möglichkeit, die Vorgänge unten in Einzelheiten zu verfolgen.

Hollins unten rief, während das Kielboot sich der Sloop näherte: »Beim Jupiter! Da hat der Sturm doch noch unseren Strand gesegnet. Ein verdammt erfreulicher Anblick, Boys. Sitzt auf dem Sand wie ein an die Küste geschleuderter Walfisch. Hoffentlich entspricht der Inhalt dem Äußeren.« Er gab den Ruderern das Zeichen zum Halten und betrachtete aufmerksam das Schiff und seine Lage. »Der Sturm hat die Sloop nicht in diesen Winkel geführt, soviel steht fest«, sagte er; »man hat sie dahin gesteuert und auf Strand laufen lassen. Wäre sie nur einfach gescheitert, läge sie dort.« Er deutete auf das nahe Ufer, nahm ein Teleskop aus der Tasche, richtete es auf die Molly und dann auf die nächste Umgebung. Die Männer oben in ihrem Versteck duckten sich tiefer hinter die Büsche.

»Die Sloop hat drei bis vier Mann Besatzung gehabt«, fuhr Hollins unten fort, »wo sind die Leute geblieben?« Er wandte sich einem rothaarigen, wüsten Gesellen zu: »Hast du dich nicht vielleicht geirrt, Dick?« fragte er, »waren es wirklich Indianer, die sich gestern abend an der Insel herumtrieben?«

»Will verdammt sein, Captain, wenn es nicht ein Irokesen-Einbaum mit zwei rothäutigen Schuften war«, entgegnete der Angeredete. »Konnte übrigens auch die Falkenfedern genau erkennen.«

Das Boot näherte sich langsam der Sloop. »Sloop ahoi!« schrie Hollins mit weithin schallender Stimme.

Er erhielt keine Antwort, nichts regte sich auf dem Schiff, und die Wälder schwiegen.

»Der Mast ist gebrochen, aber der Rumpf scheint noch fest in den Fugen zu halten«, stellte Hollins fest. »Wo aber mag die Mannschaft stecken?«

»Vermutlich an Land gegangen«, sagte einer der Männer.

»Sehe die Jolle nicht«, bemerkte der vorhin mit Dick Angeredete. »Werden sich in ihr davongemacht haben.«

»Hätten wir doch auf dem See bemerken müssen«, sagte Hollins.

»Nicht unbedingt, Captain. Können bei Nacht gesegelt sein. Bei dem glatten Wasser kommt man in einer Nußschale über den ganzen Ontario.«

»Hm, könntest recht haben. Konnten die Sloop allein nicht flott machen. Werden also weg sein, um Hilfe zu holen. Man läßt eine beladene Sloop nicht einfach liegen, wenn Hoffnung ist, das ganze Schiff, oder wenigstens die Ladung zu bergen. Werden also wohl bald mit Mannschaft und Leichterkähnen zurückkehren. Wollen uns also den Kasten jetzt schnell mal von innen besehen.«

Das Kielboot fuhr dicht an die Sloop heran und legte am Achterdeck bei. Hollins und zwei Männer kletterten mit leichter Mühe an Bord, warfen ein paar flüchtige Blicke umher und stiegen dann in das Schiffsinnere hinab. Unten untersuchte der Seeräubercaptain aufmerksam erst die Kajüte und dann den Laderaum. Er ließ ein befriedigtes Knurren vernehmen, als er die gestapelten Fässer, Ballen und Säcke erblickte. »Lohnende Sache, Fellows«, sagte er, »läßt sich in Detroit ohne Schwierigkeit in blankes Geld umsetzen.« Er untersuchte nun aufmerksam die Bordwände, und da er ein erfahrener Seemann war, kam er ebenso wie Bob Green zu der Überzeugung, daß der Schiffskörper im wesentlichen unbeschädigt sei und daß die Sloop flottgemacht werden könne. Er beschloß, unverzüglich einen Versuch zu unternehmen. Wieder an Deck steigend, rief er seine Leute zusammen. »Ein fetter Happen, Boys«, sagte er, »aber das Ausladen wäre ein schwieriges und zeitraubendes Stück Arbeit. Wollen deshalb versuchen, die Sloop abzubringen. Müßt euch aber dran halten; möchte sein, daß wir bei der Arbeit überrascht werden.«

Die Boys, reiche Beute witternd, gröhlten vor Begeisterung.

»Mast über Deck!« befahl Hollins. »Dann bringen wir einen Anker aus und gehen mit vereinten Kräften ans Werk.«

Es gab Äxte genug an Bord, die den Mast haltenden Taue waren bald gekappt.

Oben im Wald sagte Bob, der dem Treiben an Deck des Schiffes aufmerksam zusah: »Die Halunken wollen wahrhaftig versuchen, die Molly abzubringen.«

»Laß sie gewähren. Werden später sehen, was zu tun ist«, entgegnete Elias Burns, der, wie immer in gefährlichen Situationen, die verkörperte Ruhe und Kaltblütigkeit war. Gespannt verfolgten die vier Männer das Treiben der Seeräuber. Sie entfernten das große Hauptsegel von der Rahe und legten es auf Deck zusammen. Bald danach wälzten die Männer den schweren Mast mit vereinten Kräften über Bord, wo er im Sand liegenblieb. Neben dem schweren Anker lagen an Deck zusammengerollt einige schwere Trossen. Die Banditen richteten mit großer Geschicklichkeit eine der Rahen auf, befestigten den Flaschenzug, der das Segel getragen hatte, an deren Spitze, hoben auf diese Weise den inzwischen am Tau befestigten Anker und ließen ihn in das Boot hinab. Dann zogen sie das Ende des Taues durch das Gangspill.

»Sie verstehn ihre Sache«, brummte Bob, »sind ein paar richtige Seeleute darunter.«

Unten wurde das Kielboot jetzt bemannt.

»Laß zwanzig bis dreißig Faden Tau ablaufen, Dick«, rief Hollins dem Rothaarigen zu. Alsdann befahl er den Männern im Boot, den Anker bis zu einer am Ufer stehenden Fichte zu bringen und ihn dort in Ufernähe fallen zu lassen. Das Boot stieß ab und führte den Befehl aus. Nachdem der Anker Grund gefaßt hatte, kehrte es um, und die Männer stiegen wieder an Bord.

»Alle Hände ans Gangspill!« befahl Hollins.

Die Leute griffen in die Speichen und begannen, die schwere, an Deck befestigte Winde zu drehen. Das Tau straffte sich; der Anker schleifte noch einige Male und saß dann endgültig fest.

»Los, Boys, zeigt, was ihr könnt!« brüllte Hollins. »Munter! Munter!« Er ging nun selbst mit ans Gangspill und setzte seine herkulische Körperkraft ein. »Aho – hup!« rief er, »aho – hup!«

Die Männer setzten die letzte Kraft ein, aber die Molly bewegte sich nicht.

»Noch einmal, Boys! Aho – hup! Aho – hup!«

Es half alles nichts; die Molly rührte sich nicht, sie steckte zu fest im Ufersand.

»Hat keinen Zweck, Captain«, sagte der rothaarige Dick, »sind nicht Hände genug.«

»Hilft alles nichts«, knurrte Hollins, »die Sloop muß zu Wasser. Wir müssen das Vorderteil erleichtern. Macht die große Luke dort auf und richtet einen Kran her. Wir schaffen etwas von der Ladung heraus.«

Den Burschen schien selber viel daran zu liegen, das Schiff zu bergen; sie murrten nicht. Sie richteten mit Hilfe der Rahe und des Flaschenzuges einen Kran her, der denn auch bald darauf Fässer, Ballen und Säcke auf den Strand beförderte. Die durch den Fall des Mastes verursachte Zertrümmerung des Bollwerks leistete dabei gute Dienste.

Mit steigender Erregung sahen die Männer im Wald dem Treiben der Piraten zu. Bob hielt es bald nicht mehr aus. Er hatte schon mehrmals den Wunsch geäußert, dazwischen zu schießen, aber Burns wollte nicht. »Warum?« entgegnete er jedesmal; »die Burschen sollen uns die Sloop erst einmal flott machen. So billig und einfach kriegen wir's sonst nicht. Nachher werden wir weitersehen.«

Nachdem etwa fünfzig bis sechzig Stückgüter auf dem Ufersand lagerten, befahl Hollins, das Ausladen einzustellen und das Gangspill erneut zu bemannen. Auf sein aufmunterndes »Aho – hup!« setzten alle Mann wieder ihre äußerste Kraft ein. Das Tau war so straff gespannt, daß es zu reißen drohte. »Nochmals, Boys!« brüllte Hollins, »ich höre den Sand knirschen.«

Noch eine wilde, gemeinsame Anstrengung, und die Molly begann sich zu rühren. Die Piraten stießen ein Gebrüll des Triumphes aus.

»Sagte euch ja: kriegen den Kahn zum Schwimmen«, rief Hollins, »noch einmal alle Mann! Aho – hup!«

Und wieder bewegte sich der Schiffsrumpf, um nun in langsamer, stetiger Bewegung, unter dem letzten Krafteinsatz der das Gangspill bedienenden Männer, ins Wasser zu gleiten. Wenige Minuten später schwamm die Sloop frei. Die Piraten brüllten und tobten vor Freude, und das Schiff trieb auf den Anker zu.

»Gut gemacht, Boys!« lobte Hollins. »Legt das Schiff fest und braut einen steifen Grog. Rum und Zucker sind da.«

Die erschöpften Leute ließen sich das nicht zweimal sagen. Bald darauf brannte der Herd in der auf Deck befindlichen Kombüse, und während die Piraten sich an Schinken und Bärenpranken gütlich taten, die sie unter den Proviantvorräten der Molly gefunden hatten, siedete das Wasser für das geliebte Getränk.

Die Männer im Wald hatten dem Ablauf der Ereignisse mit gemischten Gefühlen zugesehen. In die Freude über das Abbringen des Schiffes mischte sich die Besorgnis, es könne in der Gewalt der Seeräuber endgültig verloren sein. Sie waren in starker Spannung Zeugen der ungeheuren, am Ende durch das Gelingen gekrönten Anstrengungen der Piraten gewesen.

»Was nun, Master?« fragte Bob Green, auf die Molly starrend, die leicht schaukelnd vor Anker lag. »Hättet meinem Rat folgen sollen. Eine einzige Salve hätte vier der Halunken kampfunfähig gemacht. Mit den anderen wären wir dann schon fertig geworden.«

»Und die Molly?« sagte Burns, »würde sie dann schwimmen?«

»Ist natürlich ganz schön, daß sie uns eine Arbeit abgenommen haben, die wir allein nicht leisten konnten, aber nun scheint mir auch die Stunde des Handelns gekommen. Tun wir jetzt nichts, dann sind wir die Molly los.«

»Es widerstrebt mir, Blut zu vergießen, wenn es nicht zur unmittelbaren Verteidigung des eigenen Lebens geschieht«, sagte der Puritaner.

»Nehmt's mir nicht übel, aber das sind närrische Bedenken«, schnaufte der Bootsmann. »Von den Burschen da unten ist jeder einzelne für den Galgen reif. Ihr nehmt die Sache verdammt kaltblütig, Sir, schließlich steht auch Euer Eigentum auf dem Spiel.«

Der Alte schüttelte störrisch den Kopf. »Vorläufig können die Kerle mit dem Schiff nicht weg«, sagte er. »Oder meint Ihr doch? Ihr seid Fachmann. Müssen sie nicht wenigstens einen Notmast setzen?«

»Irgend etwas dergleichen müssen sie natürlich tun. Würde wahrscheinlich schwer halten, das Schiff mit sechs Rudern ins Schlepptau zu nehmen. Aber paßt nur auf, sie werden schon eine Spiere setzen. Die Jungen verstehen ihr Handwerk, das hab' ich gesehen.«

Der Alte zögerte; er war offensichtlich unschlüssig. Abgesehen davon, daß es ihm zuwider war, Blut zu vergießen, wollte er auch das Leben des Sohnes der Schiffsladung wegen nicht in Gefahr bringen.

Auf dem Schiff unten kreiste mittlerweile der Grogbecher. Gesang und Gejohl zeigten an, daß die Piraten den Beutetag feierten.

John, der bisher geschwiegen hatte, sagte jetzt mit ironischem Lächeln: »Ich meine, die Burschen haben uns einen ganz hübschen Gefallen erwiesen. Sie sollen sich ruhig noch etwas mehr für uns anstrengen. Ich denke, wir lassen sie einen Notmast setzen und takeln – sie werden damit bestimmt schneller fertig als wir – wenn die Molly dann klar zum Auslaufen ist, holen wir sie uns.«

Bob Green sah den Jungen verdutzt an und hatte dann Mühe, ein Lachen zu unterdrücken. »Weiß Gott, Ihr habt recht, John«,, sagte er; »wir lassen die Kanaillen unsere Arbeit verrichten, und wenn sie damit fertig sind, gehen wir an Deck. Muß Euch sagen, ich brenne geradezu darauf, ihnen den Büchsenkolben um die Ohren zu schlagen.«

»Der Vorschlag ist grundsätzlich so übel nicht«, sagte Elias Burns mit gleichbleibender Ruhe. »Versuchten wir das Schiff jetzt zu nehmen, müßten wir sie alle hinschlachten. Selbst wenn wir vier Mann aus dem Hinterhalt abschössen, was mir gar nicht gefällt, blieben immer noch acht, mit denen wir kämpfen müßten. Und das scheint immerhin eine recht unsichere Sache.«

»Also gut«, versetzte Bob Green, »sollen die Halunken die alte Molly segelfertig machen. Und dann müßte ich nicht meines Vaters Sohn sein, wenn ich sie ihnen nicht abjagte.«

Der junge Indianer, der den Vorgängen auf dem Wasser aufmerksam gefolgt war und auch den Reden seiner drei weißen Gefährten gelauscht hatte, ohne selbst ein einziges Mal den Mund zu öffnen, sagte jetzt, auf das Schiff deutend: »Alle Feinde dort. Gehen, Gefangenen holen. Eine Büchse mehr.«

Zunächst erfolgte keine Antwort auf den unerwarteten Vorschlag, doch leuchteten die darin zum Ausdruck gebrachten Gesichtspunkte den anderen ohne weiteres ein. Es war sehr wahrscheinlich, daß sich im Augenblick außer dem Gefangenen nur der alte Stelzfuß in dem Insel-Blockhaus befand. Waren die rechtmäßigen Eigentümer des Schiffes erst einmal offen in Erscheinung getreten, bestand kaum noch eine Möglichkeit, dem Gefangenen Hilfe zu bringen, und die Seeräuber würden in solchem Fall sicherlich keinen Augenblick zögern, einen so gefährlichen Zeugen wie Richard Waltham zu beseitigen.

John, dem die Worte des Indianers aus der Seele gesprochen waren, sah seinen Vater an. Dessen Stirn war gefurcht. Er erwog wohl das Für und Wider des Vorschlages.

Als niemand antwortete, sagte Ni-kun-tha ruhig: »Roter Mann allein gehen – Gefangenen holen.«

Elias Burns sagte in seiner bedächtigen Weise, ohne auf die Worte des Indianers zu achten: »Wie lange Zeit werden die Leute brauchen, um einen Notmast zu setzen?«

»Nun«, antwortete Bob, »falls sie jetzt an die Arbeit gingen, möchten sie es vielleicht bis zum Abend geschafft haben, wenn sie die Molly einigermaßen segeltüchtig machen wollen. Begnügen sie sich damit, soviel Leinwand zu setzen, wie nötig ist, um die Sloop in irgendein Versteck zwischen den Inseln zu steuern, ist es auch in ein paar Stunden zu machen. Denke aber nicht, daß sie die ausgeladene Fracht zurücklassen wollen. Das Einladen würde ein paar weitere Stunden in Anspruch nehmen.«

»Ihr meint also, es sei in jedem Fall genug Zeit, um im Kanu nach der Pirateninsel zu fahren und wieder zurückzukommen?«

»Ganz gewiß, Sir, zumal die Kerle einstweilen stark mit dem Grog beschäftigt sind. Schätze auch nicht, daß sie sobald damit aufhören werden, sich vollaufen zu lassen.«

»Gut«, sagte Elias Burns. »Es liegt mir natürlich am Herzen, den jungen Waltham aus den Händen der Bande zu befreien, und es sieht aus, als könne das gerade jetzt ohne sonderliche Gefahr geschehen. Also mögen John und der Indianer sich in Gottes Namen aufmachen und ihr Heil versuchen.«

»Danke schön, Vater«, rief John freudig aus, »Ni-kun-tha und ich holen den jungen Waltham heraus.«

»Aber ihr müßt euch eilen und unter allen Umständen sofort zurückkommen; wir wissen nicht, wie die Dinge sich hier entwickeln«, mahnte der Alte.

»Selbstverständlich, wir verschwenden keine Minute. Aber – wie beseitigen wir die Gitter an dem Fenster des Gefängnisses?«

»Denke, das wird gar nicht nötig sein«, schaltete Bob sich jetzt ein. »Am liebsten ginge ich ja überhaupt mit; aber das geht nicht gut, kann Euern Vater nicht hier allein lassen, außerdem müssen wir ein Auge auf die Molly haben. Aber die Sache ist doch so: Entweder sind außer dem Stelzbein, von dem Ihr erzähltet, noch weitere Leute im Haus; dann ist am Tage sowieso nichts zu machen und ihr kehrt schleunigst um. Oder der Wächter ist allein, dann müßt ihr eben mit ihm fertig werden. Nehmt auf alle Fälle die Axt aus der Jolle mit, könnte euch unter Umständen gute Dienste tun.«

»Machen wir«, antwortete John. »Komm, Falke, wir gehen.« Er verabschiedete sich kurz und betrat gleich darauf, von Ni-kun-tha gefolgt, den Wald. Nicht lange danach glitt das Irokesenkanu mit seinen beiden Insassen, vom leichten Wind getrieben, in das Gewirr der Inseln hinein.

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