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Der König der Miami

Franz Treller: Der König der Miami - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Treller
titleDer König der Miami
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
year1954
correctorreuters@abc.de
senderChristoph Götz
created20080210
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Der Gefangene

Nachdem John Bericht erstattet und von dem Fund des Irokesenkanus berichtet hatte, brachte er die Sprache wieder auf den Gefangenen der Pirateninsel. Er gedenke, dem Blockhaus auf alle Fälle einen Besuch abzustatten, sagte er; Ni-kun-tha werde er mitnehmen, und außerdem gedenke er, das gefundene Indianerkanu zu benützen, um die anderen nicht der Jolle zu berauben und dadurch möglicherweise in Gefahr zu bringen.

Elias Burns schüttelte bedenklich den Kopf; er hielt es wohl für richtiger, daß sie angesichts der ungeklärten Lage zusammenblieben. »Es dient schließlich unserer eigenen Sicherheit, daß wir den Feind beobachten«, sagte John, der entschlossen war, seinen Kopf durchzusetzen.

»Euer Sohn hat recht«, schaltete Bob sich jetzt ein, »und wenn die Jolle hierbleibt, die Euch und mich beweglich hält, bin ich dafür, daß er geht und den roten Burschen mitnimmt. Es ist immer gut zu wissen, was der Gegner tut. Am liebsten ginge ich ja mit, aber ich will Euch nicht allein lassen, und es ist schon das Richtige, wir teilen uns. Euer John ist ein tapferer Bursche und auch umsichtig genug, und ein Indianer ist bei so einem Unternehmen nicht mit Gold zu bezahlen. Recht muß Recht bleiben, wenn ich die ganze Rasse auch nicht ausstehen kann.«

»Nun gut«, sagte Burns, »mag es also sein. Geht, sobald die Sonne sinkt, und holt euch das Kanu. Wirst du die Räuberinsel wiederfinden, John?«

»O gewiß; ich habe mir die Lage genau gemerkt.«

Der Tag, ein herrlicher Maitag, verlief ohne Zwischenfälle. Die Stunden schienen zu schleichen. Die Männer versuchten abwechselnd ein bißchen zu schlafen. Feuer wagten sie nicht anzuzünden; sie begnügten sich damit, ihr Fleisch kalt zu verzehren.

Als die Sonne zu sinken begann, machte John dem Indianer klar, was er von ihm wünschte. Er bediente sich dabei des Englischen und mühte sich, wo Ni-kun-tha offensichtlich nicht verstand, passende indianische Ausdrücke zu finden. Da er seine Worte bildkräftig durch Zeichen unterstützte und der Indianer keineswegs dumm war, kam eine ganz gute Verständigung zustande. Im Augenblick, da Ni-kun-tha begriffen hatte, worum es sich handelte, erhob er sich und sagte: »Gut. Gehen!« Beide griffen zu den Büchsen, John nahm noch eine Decke über den Arm und verabschiedete sich von dem Vater und dem Bootsmann. Gleich darauf tauchte er neben Ni-kun-tha im Dunkel des Waldes unter.

Sie hoben das ziemlich schwere Kanu aus dem Reisigversteck und brachten es mit einiger Mühe zu Wasser. Da ein frischer Wind wehte, kam John auf den Gedanken, die mitgenommene Wolldecke als Segel zu benützen. Zusammen mit Ni-kun-tha fällte er zwei schlanke, junge Fichtenstämme und entästete sie. Mit Hilfe einiger Schnüre, die er noch vom Schiff her in der Tasche hatte, brachte er es zuwege, einen Mast und eine schräg liegende Rahe herzustellen, woran er nun die Decke befestigte.

Der Indianer hatte der Tätigkeit des Weißen zunächst schweigend zugesehen; endlich begriff er, welchem Zweck sie dienen sollte und lächelte. Bevor sie in das Boot stiegen, nahm er ein paar Federn auf, die irgendwelchen Raubvögeln entfallen sein mochten, und befestigte sie an Johns Kopfbedeckung.

»Was soll das?« fragte John verblüfft.

»Injin«, antwortete Ni-kun-tha. Er deutete auf sich: »Injin!« dann auf John, und wiederholte: »Alles Injin!«

»Oh, ich verstehe«, lachte John. »Sie sollen uns in der Dämmerung beide für Indianer halten. Nun, das mag möglicherweise seinen Nutzen haben. Mein roter Bruder ist klug. Ich danke ihm.« Ni-kun-tha grinste und befestigte eine besonders große Feder aufrechtstehend in seinem Haar.

Sie legten nun den Mast mit dem seltsamen Segel in das Boot, stiegen nach und griffen nach den Rudern. Der irokesische Einbaum war zwar längst nicht so beweglich wie ein Rindenkanu, aber leichter als die Jolle zu handhaben. Sie fuhren an der Küste entlang bis zum Eingang in den nördlichen Kanal. Hier zog John das Ruder ein und veranlaßte den Indianer, ein Gleiches zu tun. Er richtete den Mast auf und befestigte ihn mit Hilfe seines schnell begreifenden Gefährten an dem im Kanu befindlichen Querholz. Kaum entfaltete sich, durch John straff gezogen, die Decke, da fing sich auch schon der Wind darin, das Notsegel blähte sich, und das Kanu glitt mit großer Geschwindigkeit dahin.

»Das tut's!« lachte John, mit der Rechten die Segelleine haltend und mit der Linken steuernd. Der Indianer sah staunend und offensichtlich verblüfft, wie das Boot vor dem Winde dahin flog.

»Mein Bruder verstehe: Ruder machen Geräusch, Feinde hören«, sagte John; »Segel außerdem schneller.«

Ni-kun-tha nickte. Er begriff vollkommen, er bewunderte nur den Einfall, der ihm nie gekommen wäre.

John hatte sich die Windungen, denen er folgen mußte, genau eingeprägt; nach etwa einer Stunde schneller Fahrt erreichten sie den Ort, wo sie am Vorabend gelandet waren. Während der ganzen Zeit hatten er und der Indianer Ufer und Wasserläufe aufmerksam beobachtet und mit gespannten Ohren nach verdächtigen Geräuschen gelauscht, ohne das geringste gewahr zu werden, was geeignet gewesen wäre, Besorgnis zu erwecken.

Nun segelten sie lautlos am Ufer der Pirateninsel entlang. Die Dämmerung war mittlerweile eingebrochen, das schmale Boot und das dunkle Segel waren auf einige Entfernung gewiß nicht mehr wahrzunehmen. John lenkte das Boot an der schmalen Landzunge vorbei in dieselbe Bucht, in die sie am Abend zuvor eingelaufen waren. Hier legten sie den behelfsmäßigen Mast um, befestigten das Boot am Ufer, nahmen ihre Büchsen zur Hand und begannen den Abhang hinaufzuklettern.

Sie warfen zunächst einen Blick auf den kleinen Seeräuberhafen. Es lagen einige Boote darin, aber der Sechsruderer vom Vorabend war nicht darunter. John folgerte daraus, daß die Freibeuter sich auswärts befänden. Schweigend forderte er Ni-kun-tha auf, ihm zu folgen. Sie waren erst wenige Schritte gegangen, als sie sich nähernde Stimmen vernahmen. Geräuschlos ließen sie sich zu Boden gleiten. Hinter Zweigen gedeckt gewahrten sie zwei Männer, die offenbar im Begriff waren, zum Hafen zu gehen. John erkannte in dem einen der Männer den Anführer vom Vorabend. Sein Begleiter war der Mann mit dem Kapottmantel und dem dreieckigen Hut, der in der Jolle an ihnen vorübergefahren war. Als der Mann jetzt zu reden begann, erkannte John ihn auch an der Stimme wieder.

»Ich verstehe Euer ganzes Verhalten nicht. Hollins«, sagte der Mann, »es war ausgemacht, daß Waltham den Tod in den Wellen finden sollte; dann mußte ich zu meinem größten Erstaunen hören, daß er hier als Euer Gefangener lebt. Wie kamt Ihr dazu, unserem klaren Übereinkommen entgegenzuhandeln?«

»Je nun, Sir Edmund«, entgegnete der Angeredete ziemlich mürrisch; »muß gestehen, daß der Bursche mir leid tat. Hatte nicht die Courage, ihn fertig zu machen wie die anderen.«

»Daß ich nicht lache: Leid tat er Euch? Ausgerechnet Euch?« sagte der im Kapottmantel, »haltet mich nicht zum Narren, James Hollins. Ich will's kurz machen; habe zu langen Verhandlungen keine Zeit. Also: Ich zahle sofort fünfhundert Pfund, wenn Waltham verschwindet. Spurlos verschwindet, Ihr versteht?«

»Tut mir leid, Sir Edmund, es geht gegen mein Gewissen«, versetzte der Bandit.

»Ein Halunke seid Ihr!« schnaufte der andere.

»Na, laßt mich das Geld einmal sehen«, sagte Hollins, »vielleicht ändert der Anblick der Banknoten meine Gesinnung.«

Der mit Sir Edmund Angeredete stieß ein kurzes, heiseres Lachen aus. »Ihr müßt mich wahrhaftig für einen Narren halten«, sagte er, »daß Ihr Euch einbildet, ich würde mit fünfhundert Pfund in der Tasche auf Eure Insel kommen. Dafür kenne ich Euch denn doch zu gut. Nein, um Klarheit zu schaffen: In dem Augenblick, wo ich die absolute Gewißheit vom Tode Walthams erlange, erhält Euer Vertrauensmann in Stacket Harbour das Geld.«

»Nichts zu machen, Sir Edmund.«

»Mein Lieber, Ihr scheint vergessen zu haben, daß ich Euch in der Hand habe. Daß ich Euch jederzeit vernichten kann.«

Ein rauhes Lachen war die Antwort. »Ihr solltet in einem etwas anderen Ton mit mir reden, Sir«, knirschte der Bandit; »möchte sonst sein, daß Ihr unliebsame Bekanntschaft mit den Fischen hier macht. Weiß verdammt nicht, wofür Ihr mich haltet. Nur eins weiß ich ziemlich sicher: Ich brauche nur Euren Herzenswunsch zu erfüllen, damit Ihr mir die Rotröcke auf den Hals hetzt, um einen lästigen Zeugen aus der Welt zu schaffen.« Er lachte abermals kurz auf: »Aber versucht's nur. Könnte sein, daß die Rotberockten außer mir auch noch ein paar Blauröcken aus Montreal begegnen.«

»Schau, schau«, grinste Sir Edmund. »Mit den Franzosen haltet Ihr's auch.«

»Wär' Euch auch recht, wenn die mir die Kehle abschnitten, was?«

»Ihr seid ein Narr, Hollins! Wahrhaftig, ein verdammter Narr seid Ihr! Ich brauch Euch noch öfter.«

»Schön«, sagte Hollins kalt. »Tausend Pfund also, und Waltham verschwindet.«

»Ich hab' sie nicht. Hört zu, Hollins. Ich gebe Euch vorab fünfhundert Pfund und eine Sicherheit, daß ich weitere fünfhundert zahle, im Augenblick, wo ich die Herrschaft antrete. Aber ich zahle keinen Pfennig, solange ich nicht die Gewißheit habe, daß der Bursche tot ist.«

Hollins schien einen Augenblick zu überlegen, dann sagte er: »Gut. Zahlt die fünfhundert Pfund. Damit fängt's an. Brauche das Geld. Habe schlechte Geschäfte gemacht seit der Geschichte mit dem DUKE OF RICHMOND. Habe ich die fünfhundert und eine Verschreibung über die gleiche Summe, beseitige ich den Erben. Falls Ihr mich etwa zu betrügen beabsichtigt – ich hab' ein paar Briefe von Eurer Hand im Besitz, die den Richter verdammt stutzig machen würden, bekäme er sie zu sehen. Seid Euch darüber klar, daß man mit mir nicht spaßt.«

Der andere stieß einen gotteslästerlichen Fluch aus. »Also«, knirschte er schließlich, »ich zahl' die fünfhundert, aber dann –«

»Dann verlaßt Euch darauf.«

»Gut. Ich muß fort. Es wird dunkel.«

»Bleibt die Nacht hier.«

»Nein. Raggle hat draußen am See ein Shanty; da will ich bleiben.« Er pfiff, und der Seemann, der ihn am Vortage gefahren hatte, trat aus dem Walde heraus. Auf einen Wink seines Herrn kletterte er in eines der im Hafen liegenden Boote. »Gute Nacht, Hollins«, sagte Sir Edmund und kletterte ihm nach.

Hollins ließ das Boot abfahren, sah ihm noch einen Augenblick nach und ging dann durch den Wald zurück. John hörte ihn lachen: »Daß ich ein Narr wäre, eine Geisel zu beseitigen, mit der ich dir Daumenschrauben anlegen kann, solange du lebst. Warte nur! Das soll Eurer Lordschaft noch manches Pfund kosten!« Die Gestalt des Banditen tauchte im Wald unter.

John war von dem Gehörten völlig betäubt. Er vermochte nicht zu fassen, daß es Menschen gab, die über den Tod eines anderen wie über ein beliebiges Geschäft verhandelten. Es schauderte ihn. Das kurze Selbstgespräch des Piratenkapitäns beruhigte ihn zwar über das allernächste Schicksal des Gefangenen, aber es dauerte gleichwohl ein Weilchen, bis er sein seelisches Gleichgewicht wiederfand. Aber er durfte sich dem Entsetzen nicht überlassen; es mußte etwas geschehen, und zwar unverzüglich. Sich vorsichtig erhebend, winkte er seinem roten Begleiter, ihm zu folgen.

Mit unendlicher Vorsicht schlichen die beiden Männer durch die Büsche auf das Blockhaus zu. Das von starken Palisaden umgebene Gebäude lag in vollkommener Stille inmitten des dunklen Waldes. Nur schwacher Lichtschein, der hier und da durch die Ritzen der Schießscharten drang, wies darauf hin, daß das Anwesen bewohnt sei. Mit immer gleicher Vorsicht, ohne sich vom Saum des Buschwerks zu lösen, umschlichen sie den Komplex. Auf der Rückseite gewahrten sie ein erleuchtetes Fenster, das sich einige Fuß über den Palisaden befand. Es war mit starken Eisenstäben vergittert.

Schweigend standen sie eine Zeitlang nebeneinander in den Büschen, zu den erhellten Scheiben hinaufstarrend. Saß hinter diesem hochgelegenen und wohlverwahrten Fenster der Gefangene? Der Gedanke lag immerhin nahe. Wie aber, wenn dem so war, sollte man eine Verbindung zu ihm herstellen? Hollins und der Stelzfuß, den John am Vorabend gesehen hatte, weilten zweifellos in den unteren Räumen des Hauses, und sie waren sicher noch munter. Die hohen und glatten Palisaden ohne Hilfsmittel zu erklettern, schien kaum möglich, auch nicht ratsam. Das geringste Geräusch konnte übrigens die Bewohner aufmerksam machen. Und man wußte nicht einmal, wieviele Leute im Haus waren.

Während John noch so stand und nachsann, was in dieser Lage zu tun sei, berührte der Indianer leicht seinen Arm. Er sah auf; der Indianer wies schweigend nach oben. Der weisenden Hand folgend, gewahrte John hinter der erleuchteten Scheibe den Kopf eines jungen Mannes, der von langem, lockigen Haar umgeben war. Der Mann hielt die Stirn gegen die Scheibe gepreßt.

Im Augenblick beschloß John, auf jede Gefahr den Schutz des Buschwerks zu verlassen. Er forderte den Indianer auf, sich schußfertig zu machen, um ihm erforderlichenfalls den Rückzug decken zu können.

Ni-kun-tha begriff und spannte den Hahn seiner Büchse. John trat ein paar Schritte vor und winkte der Gestalt am Fenster mit beiden Händen zu. Doch die schien nichts wahrzunehmen; Johns Gestalt hob sich wohl zu wenig von dem dunklen Hintergrund des Waldes ab. Der junge Mann ließ sich zur Erde niedergleiten und kroch, die Stümpfe der gefällten Bäume zur Deckung ausnützend, bis auf zwanzig Schritt an die Palisadenwand heran; er konnte jetzt eben noch den Kopf des Gefangenen hinter dem Fenster erkennen. Schnell richtete er sich auf und winkte abermals mit beiden Armen.

Und jetzt wurde der Mann am Fenster aufmerksam. Aus den unteren Räumen drang rauher Gesang. Eine betrunkene Stimme gröhlte ein bekanntes Seemannslied. Oben öffnete sich das Fenster; eine gedämpfte Stimme fragte: »Wer ist da?«

»Freund!« raunte John, beide Hände trichterförmig an den Mund legend.

»Dem Himmel sei Dank! Bringt Ihr Hilfe?«

»Wenn ich kann: ja.«

»Wißt Ihr, wer ich bin?«

»Ja. Sir Richard Waltham.«

»Oh, dann ist alles gut.«

»Könnt Ihr Euer Zimmer verlassen?«

»Nein. Unmöglich.«

»Dann holen wir Euch morgen oder übermorgen nach Mitternacht.«

»Ihr werdet eine Leiter und eine Feile brauchen.«

»Beides wird zur Stelle sein.«

Die Unterredung wurde in hastigem Flüsterton geführt, lag die Gefahr einer plötzlichen Überraschung doch nahe.

»Habt Dank, unbekannter Freund, und meldet Lord Somerset, wo Ihr Richard Waltham gefunden habt«, rief der Gefangene noch.

»Wird besorgt werden«, sagte John. Im gleichen Augenblick glitt er zu Boden, hatte er doch Schritte hinter den Palisaden vernommen. Der Gesang im Haus war verstummt. Der junge Mann oben trat vom Fenster zurück.

»Skroop, versoffene Wasserratte, wo liegt das Holz?« brüllte es hinter den Palisaden. »Wir müssen einen steifen Toddy brauen; die Boys müssen jeden Augenblick kommen.« John erkannte die Stimme Hollins'.

»Da drüben in der Ecke«, kam die Antwort einer lallender Stimme.

»Mein lieber Junge, ich werde dich knapp halten müssen«, schimpfte Hollins, »einen betrunkenen Wächter kann ich hier nicht brauchen.«

»Hab' meine fünf Sinne so gut beisammen wie Ihr, Hollins«, tönte es als Antwort zurück; der Sprechende war offenbar schwer betrunken; »weiß aber verdammt nicht, wielange noch, wenn ich noch lange hier bleiben muß, ohne Rum und ohne Tabak. Sag Euch im Guten: Ich mach' das nicht mehr mit.«

»Wart's ab und leg' dich schlafen, alte Saufgurgel. Hast für heute genug«, brummte Hollins. John hörte ihn noch einen Fluch ausstoßen, dann verloren sich Schritte und Stimmen. Er erhob sich und eilte in gebückter Haltung zum Waldrand zurück. Oben am Fenster zeichnete sich die Silhouette des Gefangenen ab. Der Indianer, der gegen einen Baumstamm gelehnt, den Vorgängen gefolgt war, deutete hinauf. »Gefangener«, flüsterte er; »ihn retten? – Gut!«

»Wollen sehen. Morgen. Für heute ist nichts mehr zu tun.« Sie gingen zum Ufer zurück, glitten in ihr Kanu, ließen es in den Kanal treiben und waren eben im Begriff, den Mast aufzurichten, als eine Stimme über das Wasser zu ihnen drang: »Was gibt's da? Ahoi, Kanu!«

Sie wandten blitzschnell den Kopf und gewahrten hinter sich das stark bemannte Boot, das John am Vorabend gesehen hatte. Rasch ließen sie den Mast fallen, ergriffen die Ruder und tauchten sie zu eiliger Flucht in das Wasser.

Das große Kielboot war, langsam von der Strömung getrieben, nahezu lautlos um die Insel herumgekommen und hatte John und Ni-kun-tha überrascht. Da das Kanu jetzt nach dem Anruf mit so verdächtiger Eile davonglitt, rief die Stimme, die eben gerufen hatte, in scharfem Ton: »Halt! Oder ich schieße!«

John und Ni-kun-tha ruderten mit aller Kraft; Schaumblasen aufwerfend, schoß das Kanu durch die Flut. Ein Schuß krachte; die Flüchtenden hörten das Pfeifen der Kugel.

»Bist du wahnsinnig? Wart', bis ich Feuerbefehl gebe!« brüllte der Rufer von vorhin. »Es sind Indianer. Willst du uns einen ganzen Stamm auf den Hals hetzen? Woll'n uns die Burschen aber wenigstens ansehen. Riemen eingelegt! Los!« Die Männer im Einbaum hörten die dröhnende Stimme die Stille der Nacht durchdringen; jetzt vernahmen sie auch den taktmäßigen Ruderschlag. Ihr Kanu mußte auf dem den Himmel spiegelnden Wasser genau zu erkennen sein.

John wie Ni-kun-tha verstanden, ein Kanu zu lenken; sie setzten ihre ganze Kraft und Geschicklichkeit ein, doch waren sie sich beide darüber klar, daß sie der stärkeren Ruderkraft des großen Kielbootes auf die Dauer nicht zu begegnen vermochten. Sie mußten versuchen, sich durch geschicktes Manövrieren, durch schnelle Wendungen und durch rechtzeitiges Untertauchen in irgendeinem dichten Ufergebüsch zu retten.

»Links jetzt«, zischte John, als sich dort ein Kanal öffnete. Sie bogen ein und fuhren mit großer Geschwindigkeit in Ufernähe dahin, aber immer noch klangen die taktmäßigen Ruderschläge dicht genug hinter ihnen.

Sie mochten ein paar Minuten mit äußerster Kraft gerudert haben, als von rechts her ein Boot in ihren Weg trieb, in dem ein einzelner Mann saß. Das Boot war eine Jolle, wie die Molly sie führte.

Der Mann mochte etwas von der wilden Jagd, die da im Gange war, bemerkt haben. Er schrie: »Ahoi, Kanu!« Aus dem Kielboot antwortete es: »Stell' sie, Bill!«

Mit einer geschickten Wendung legte sich die Jolle quer vor den Lauf des Kanus. Im gleichen Augenblick, da Ni-kun-tha das gewahrte, ließ er das Ruder sinken, griff zur Büchse, riß sie an die Wange und schoß. Dem harten Knall folgte unmittelbar ein gellender Schrei aus der Jolle.

Augenblicklich griff Ni-kun-tha wieder zum Ruder; das Kanu schoß an der querliegenden Jolle, in der ein Mann sich stöhnend herumwälzte, vorbei.

»Verdammt!« brüllte es hinter ihnen. »Jetzt schießt mir die Hunde über den Haufen!«

Mit aller Kraft lagen John und Ni-kun-tha in den Riemen. John atmete schwer; er war mit den Gedanken noch bei der raschen Tat des Indianers. Er hatte noch nie einen Mann im Kampf fallen sehen, und er wußte nicht, ob er die Handlung seines Gefährten gutheißen sollte. Und doch – es hatte keine andere Möglichkeit gegeben, der sicheren Falle zu entrinnen.

Eine Gewehrsalve dröhnte hinter ihnen auf; die Kugeln pfiffen über sie hinweg und an ihren Köpfen vorbei. Da die Ruder im Kielboot während der Vorbereitungen zum Schuß ruhen mußten, gewannen die Verfolgten einen nicht unerheblichen Vorsprung. Einbiegen, das Kanu unter die überhängenden Äste treiben und mit den Büchsen in der Hand an Land springen, war das Werk eines Augenblicks. Atemlos und keuchend vor Anstrengung kauerten sie sich in den Büschen nieder; der Indianer begann, ungeachtet seiner Erschöpfung, seine Büchse zu laden.

Von kräftigen Ruderschlägen getrieben, bog das Kielboot in den Kanal ein. Eine Stimme brüllte: »Halt!« Das Boot hielt. »Die Burschen sind längst an Land«, fuhr die Stimme fort, »wir setzen uns nur der Gefahr aus, eine Kugel in die Rippen zu bekommen. Bei der Dunkelheit sind sie unmöglich zu finden. Diese roten Hunde haben uns gerade noch hier gefehlt. Wenden! Müssen uns um Bill kümmern.«

Das Boot wendete und fuhr, langsamer als es gekommen war, zurück.

Erst nach geraumer Zeit und nachdem sie sicher waren, nicht mehr in einen absichtlich gelegten Hinterhalt zu geraten, verließen die Verfolgten ihr Versteck, bestiegen das Kanu, setzten das Behelfssegel und landeten gegen Mitternacht an der Insel, an der sie gestrandet waren. John erstattete den bereits unruhig Wartenden eingehend Bericht und erregte mit seinen Mitteilungen nicht geringes Aufsehen. Der junge Indianer, der noch immer ruhige, ernste Zurückhaltung zeigte, erhielt nicht nur von Elias Burns, sondern sogar von dem Indianerfresser Bob Green für sein tapferes und entschlossenes Verhalten hohes Lob gespendet. Und das wollte etwas heißen.

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