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Der König der Miami

Franz Treller: Der König der Miami - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Treller
titleDer König der Miami
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
year1954
correctorreuters@abc.de
senderChristoph Götz
created20080210
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Ein Puritaner

Der alte Farmer war düsterer und mißmutiger Stimmung. Die ganze Situation behagte ihm wenig. Er sah sein sauer erworbenes Eigentum in Gefahr und wurde überdies das dunkle Gefühl nicht los, daß von den in der Umgebung hausenden Seeräubern darüber hinaus noch mancherlei Verwirrung und Unruhe drohe.

Elias Burns entstammte einer der alten englischen Puritanerfamilien, die sich schon zu Beginn der Kolonisation in den Neuenglandstaaten niedergelassen hatten. Er war in den Wäldern groß geworden und hatte ihre Gefahren von Kindheit an kennengelernt. Als Jüngling und junger Mann war er dann mehr als einmal in blutige Indianergefechte verwickelt worden und hatte bei dieser Gelegenheit bewiesen, daß er nicht nur beten, sondern auch schießen gelernt hatte. Aber er schoß nicht gern; er war gewöhnt, jeder Gefahr unerschrocken ins Auge zu sehen, aber er haßte das Blutvergießen und suchte es, wenn irgend möglich, zu vermeiden.

Kurz vor Johns Geburt hatte Burns am damals noch wenig besiedelten Ontario zu günstigen Bedingungen Land erworben und mit eisernem Fleiß der Wildnis fruchtbares Ackerland abgerungen. Das schnelle Anwachsen der Besiedlung, das in kurzer Zeit zur Bildung großer Städte führte, hatte die Absatzmöglichkeit für seine Landprodukte bald erheblich gesteigert; Burns war in kurzer Zeit zum wohlhabenden Mann geworden. An seinem Wesen hatte sich dadurch nichts geändert. Er war der fromme und nüchterne Puritaner und der harte, zähe und nicht selten störrische Grenzer geblieben, ein typischer Vertreter jener alten Kolonialpioniere, die das neue Land Stück um Stück seinen Ureinwohnern entwanden und eigentlich das junge Amerika gründeten.

John hatte vom Vater Härte, Ausdauer und Zähigkeit, von der Mutter aber Frohsinn und Abenteuerlust geerbt, er war erheblich beweglicher als der schwerfällige Vater. Was dem Alten gegenwärtig Mißmut und Verdruß bereitete, feuerte ihn an und stachelte seinen Erlebnishunger. Auch er war in den Wäldern an der Grenze der Zivilisation aufgewachsen, war ein kaltblütiger, treffsicherer Schütze und ein geschickter und erfahrener Jäger. Mehr als einmal war er allein, nur seiner Kraft, seiner Gewandtheit und seiner guten Waffe vertrauend, dem Bären und dem Panther entgegengetreten, und er war in dem zuweilen recht ungleichen Kampf noch immer Sieger geblieben. Die Zeichen des Waldes wußte er so gut wie ein Indianer zu deuten, im Auffinden und Verfolgen einer Fährte tat es ihm kaum jemand nach.

Auch der riesenhafte Bootsmann Bob Green war weithin als guter Schütze bekannt; er galt als verwegen, ja tollkühn. Obgleich sein eigentliches Element der See war, hatte er doch an manch blutiger Indianerschlacht teilgenommen. Seine ungeheure Kraft und seine ungebärdige Wildheit im Kampf hatten ihm bei einigen Stämmen den Namen ›Der große Bär‹ eingetragen. Bob war auch jetzt sorglos und guter Laune, obgleich die Molly, die ihm zum größten Teil gehörte – er war Teilhaber einer Gesellschaft in Oswego – obgleich sein Schiff also festlag und zweifellos in Gefahr war, von Piraten entdeckt und gekapert zu werden. Er hätte gegen ein Feuergefecht mit den Banditen durchaus nichts einzuwenden gehabt.

Der Indianer stand für sich allein unter einem Baum; sein Gesicht war ernst und verschlossen; die Gedanken, die hinter seiner Stirn spielen mochten, hinterließen auf ihm keine Spuren.

»Seit vielen Jahren habe ich mich nicht mehr in so eigentümlicher Lage befunden«, unterbrach Elias Burns nach einem Weilchen das allgemeine Schweigen. »Das Leben ist zuweilen bunt mit mir umgesprungen und hat mir mancherlei Gefahren und Abenteuer gebracht, wie das die Grenze nun einmal mit sich bringt. Aber ich wußte eigentlich immer, womit ich zu rechnen hatte. Diesmal weiß ich es nicht. Mit Piraten hatte ich noch nichts zu schaffen. Habe auch noch nichts von dem Unwesen, das hier am Ontario zu herrschen scheint, gehört.«

»Dafür habe ich das Gesindel umso besser kennengelernt«, versetzte der Bootsmann, »auch der Name Hollins ist mir nicht neu. Er ist weit und breit in der Gegend bekannt. Ein höchst gerissener und gefährlicher Bursche, sage ich Euch. Soll sein Geschäft früher schon auf dem Ozean getrieben und manches Menschenleben auf dem Gewissen haben. Es sind Preise auf seinen Kopf gesetzt in den Kolonien. Hätte nicht übel Lust, sie mir zu verdienen.«

»Eine sonderbare Geschichte!« Der Alte schüttelte nachdenklich den Kopf. »Ein Gefangener, den sie ›Mylord‹ nennen, und ein Strandräuber, der Sir Edmund genannt wird.«

»Die Kerle wollen natürlich ein Lösegeld erpressen«, sagte Bob Green. »Dieser Sir Edmund hat da vermutlich seine Hand im Spiele.«

John wandte sich an seinen Vater, »Wie wäre es, wenn wir versuchten, den Gefangenen zu befreien?« sagte er.

Der Alte sah dem Jungen ruhig in die Augen. »Es ist Pflicht, einem Menschen in Gefahr zu helfen«, sagte er. »Aber man muß auch die Möglichkeit haben. Einstweilen sind wir selbst in Gefahr und wissen noch nicht, wie wir ihr begegnen sollen.«

»Ich möchte jedenfalls das mögliche versuchen. Schätze, daß die Burschen sich nicht allzu lange in dem Blockhaus auf der Insel aufhalten werden. Sobald es dunkel ist, werde ich versuchen, Verbindung mit dem Gefangenen zu bekommen.«

Der Alte zuckte die Achseln: »Wer weiß, was der Tag uns bringt und wo wir am Abend sind.«

»Das wird sich finden«, sagte John, »ich will jedenfalls versuchen, an das Blockhaus heranzukommen.«

»Ich wollte, wir schwämmen auf dem Ontario«, brummte der Vater; »gäbe die halbe Ladung der Molly dafür hin.«

»Nichts geben wir hin, Sir«, versetzte Bob Green. »Denke, wir machen die alte Lady flott und bringen sie nach Stacket Harbour. Muß dabei ein bißchen geschossen werden – mir macht's nichts aus. Rate keinem Menschen, mir auf zweihundert Meter vor die Büchse zu kommen.«

»Gott möge uns davor bewahren, Blut zu vergießen«, sagte Elias Burns, »habe in meiner Jugend genug fließen sehen.«

Der Bootsmann zuckte die Achseln: »Piraten zur Hölle schicken, scheint mir ein verdienstvolles Werk.«

»Wir werden uns unserer Haut wehren, wenn man uns angreift«, sagte der Puritaner.

»Nun«, versetzte der Bootsmann, »ich denke, Ihr seid der Mann dazu, Sir. Hab' mir erzählen lassen, wie Ihr seinerzeit das Blockhaus am Susquehanna verteidigt habt. Muß eine ziemlich blutige Geschichte gewesen sein.«

»Das war es, bei Gott«, entgegnete Burns langsam. »Keiner von uns rechnete damals damit, lebend davonzukommen. Aber Gott war mit uns und gab uns den Sieg.«

»Man sagt, Ihr wart einer gegen fünf. Die ganze Grenze kennt die Geschichte ja. Lebt außer Euch noch jemand von denen, die damals dabei waren?«

»Dick Rover am Hudson dürfte noch leben, die anderen sind tot.«

»Ihr wart damals noch jung, Master?«

»O ja, ich war kaum zwanzig; es ist lange her. Aber ich seh' den Tag noch wie heute vor mir.«

Der Bootsmann legte sich behaglich auf die Ellbogen zurück. »Spinnt ein Garn, Master«, sagte er, »hörte gern mal von einem, der dabei war, wie's zuging damals am Susquehanna.«

»Los, Vater, erzähl' schon«, bat nun auch John. »Bist zuhause immer reichlich sparsam mit deinen Erlebnissen.«

Das Gesicht des Alten verdüsterte sich. »Ich wärm' die alten blutigen Geschichten nicht gerne auf«, sagte er, »aber da ihr's absolut wollt, mag es sein.« Er sah einen Augenblick starr vor sich hin; in seinen Augen war ein seltsamer Glanz.

»Mein Vater hatte am Susquehanna Land erworben«, begann er; »wir hatten uns mit anderen zusammen dort angesiedelt. Es war eine harte Arbeit, sage ich euch; aber wir schafften's. In fünf Jahren hatten wir ein ordentliches Stück Land urbar gemacht. Wir hausten inmitten der dichten Wälder am äußersten Rand der Kolonie und hatten wenig Verbindung mit den weiter rückwärts gelegenen Ansiedlungen. Wir standen da sozusagen auf Vorposten.

Unsere alten Männer hatten von vornherein versucht, ein gutes oder doch wenigstens ein erträgliches Verhältnis zu den Indianern herzustellen, und das war ihnen zunächst auch gelungen. Fünf Jahre lebten wir dort völlig unbehelligt. Ich weiß bis heute noch nicht, was die Roten veranlaßt hat, plötzlich den Frieden zu brechen; es hat sich bis zur Stunde nicht aufgeklärt. Aber ich seh' noch immer Dick Rover vor mir – er war ebenso alt wie ich – auf schaumbedecktem Pferd kam er herangejagt, sank vor Erschöpfung aus dem Sattel und konnte nur noch stammeln: ›Die Indianer!‹ –

Wir begriffen das nicht gleich, aber wir bekamen es bald zu spüren. Der Wampanoag hatte die Streitaxt ausgegraben. Wie die Teufel waren die roten Horden mitten im Frieden über die Ansiedlungen hergefallen, hatten Männer, Frauen und Kinder erschlagen, die Gehöfte niedergebrannt und das Land verwüstet. Und sie kamen näher, auf uns zu. – Nun, wir verloren nicht gleich den Kopf. Wir riefen alle waffenfähigen Männer zusammen und wählten den alten Habakuk Oldcastle zum Captain. Das war der rechte Mann in solcher Lage, sage ich euch; er traf seine Anordnungen so kaltblütig, als handle es sich darum, ein Milizmanöver zu veranstalten. Oldcastle hatte uns schon früher mit seiner reichen Erfahrung geholfen; auf seine Veranlassung hatten wir eine kleine fortartige Befestigung angelegt, in die sich die benachbarten Kolonisten zur Not zurückziehen könnten. Es waren nur drei kleine, aber ziemlich feste Blockhäuser innerhalb einer starken Palisadenwand. Hier sammelten wir nun alles, was wir eben noch benachrichtigen konnten. In dem größten der drei Häuser wurden die Frauen und Kinder untergebracht, die Verteidigung übernahmen die Familienväter und unsere besten Scharfschützen. Die beiden kleineren Häuser wurden von je zehn jungen Männern besetzt. –

Zephanja Fürchtegott, unser Prediger, hatte einen Gottesdienst abgehalten, danach hatten wir alle Verteidigungsanlagen genauestens geprüft und Waffen und Munition bereitgelegt. Nun mochten die Roten kommen. –

Und sie kamen. Sie zeichneten ihren Weg durch die Wälder mit Feuer und Blut. Von unserem kleinen Fort aus sahen wir unsere Häuser in Flammen aufgehen. Wir sahen es kochend vor Grimm, aber wir konnten es nicht ändern. Und nun dauerte es nicht mehr lange, da begann ein Kampf, der seinesgleichen sucht in der blutigen Geschichte der Grenze. –

Es mögen wohl an die dreihundert blutige Wilde gewesen sein, die uns umheulten und fest entschlossen waren, nicht ohne unsere Skalpe abzuziehen; wir waren alles in allem zweiundsiebzig Männer. Die Roten griffen an und fielen zunächst wie die Sperlinge unter unseren Kugeln. Ich will die Einzelheiten nicht schildern. Sie versuchten es mit Feuer, sie wandten überhaupt alle Listen an, die ein Indianerhirn sich auszudenken vermag. Die Angreifer wechselten sich ständig ab; sie schickten immer nur ausgeruhte Krieger ins Feuer. Wir waren samt und sonders schon nach kurzer Zeit so erschöpft, daß wir uns kaum noch auf den Beinen zu halten vermochten. Bereits am zweiten Tag ging uns das Wasser aus, und die Munition ging bedenklich zur Neige. Am dritten Tag gelang es ihnen dann, das Haupthaus in Brand zu setzen, das Haus, in dem sich die Frauen und Kinder befanden, meine Mutter, meine Schwester und mein alter Vater waren ebenfalls drin. –

Wir haben vor Grimm, Schmerz und Verzweiflung mit den Zähnen geknirscht. Und dann hörten wir sie drüben singen; die Stimme des alten Zephanja war deutlich herauszuhören. Sie sangen: ›Ein feste Burg ist unser Gott!‹ Da sind manchem von uns die Tränen gekommen; wir wollten mitsingen, aber wir haben uns die Lippen blutig gebissen. Und dann sagte Dick Rover zu mir:

›Es ist Zeit, Elias, müssen raus und eingreifen.‹

›Hast recht‹, antwortete ich, ›müssen raus! Befreien die Weiber oder fallen.‹ –

Sie sangen noch, als wir durch die Tür brachen. Und als hätte da eine geheime Abmachung bestanden, öffnete sich zur gleichen Zeit die Tür in dem brennenden Haus und in dem Blockhaus uns gegenüber. Wir stürzten, zum letzten entschlossen, auf die roten Teufel, die in dichten Haufen zusammenstanden und den Erfolg des Feuers abwarteten. Wir waren blind vor Zorn. Wir wüteten mit Gewehren, Kolben, Messern und Äxten unter ihnen. Und der grausige Kampf währte gar nicht lange. Gott war mit uns; die Roten erfaßte panischer Schreck; vom Grauen geschüttelt, wandten sie sich zur Flucht und stürzten davon. Die Frauen und Kinder waren gerettet. Fünfundzwanzig der Unseren waren gefallen. Verwundet waren wir alle. Rechte Freude über den Sieg kam nicht auf. Aber als wir die Stätte hinterher absuchten, fanden wir hundertsechs tote Indianer.« Der Alte schwieg. John sah mit leuchtenden Augen auf seinen Vater.

»Danach bin ich noch einmal mit der Miliz ausgezogen, die roten Räuber züchtigen zu helfen«, sagte der; »später bin ich nur noch friedlich mit Indianern zusammengetroffen, und dabei hat sich meine Auffassung vom Wesen und Charakter des roten Mannes nach und nach nicht unerheblich gewandelt. Er ist nicht schlecht, hat im Gegenteil viele gute Eigenschaften und ist zu seinen Grausamkeiten fast immer gereizt worden. Man hat die Indianer oft genug wie Tiere behandelt, hat ihnen ihr Land geraubt und ihnen nicht einmal Jagd und Fischerei gelassen. Unter den Weißen der Grenze gab und gibt es viel böses Gesindel; wir haben ja gerade gestern erlebt, was sich da herumtreibt. Brauchen nur ein paar Indianer hierher kommen, um zu fischen und von den Piraten niedergeschossen werden; schon können wir den schönsten Indianerkrieg haben. Die unschuldigen Ansiedlungen müssen dann bezahlen, was ein paar Desperados anrichteten. Auf solche Weise sind die roten Männer oft zum Kriege gereizt worden. Dann sehen sie nur noch den weißen Mann und machen keinen Unterschied zwischen schuldig und unschuldig. Gott schütze die Grenze vor Indianerkrieg! Hab' ihn kennengelernt.«

Der Bootsmann mochte diese Seite der Sache noch nicht bedacht haben, aber er widersprach nicht. Dagegen fragte Burns ihn jetzt:

»Ihr seid doch auch öfters mit den Roten zusammengestoßen, nicht wahr?«

»Kann's nicht leugnen«, entgegnete Bob. »Meine frühesten Jugenderinnerungen verbinden sich damit. Sowas vergißt sich nicht. Meine Eltern lebten damals am Onondaga; Vater war Fährmann auf dem Fluß und auf dem Ontario. Zu der Zeit war's hier herum noch ziemlich einsam. Eines Nachts kam der Wilde und begann zu brennen, zu sengen und zu morden. Acht Jahre war ich alt, aber ich hab's nicht vergessen. Vater, Mutter und ich konnten uns in die Wälder retten, aber den kleinen Tom, meinen zwei Jahre jüngeren Bruder, haben sie vor unseren Augen erschlagen und in den Fluß geworfen. Weiß nicht, ob's Onondaga oder was es sonst für Rothäute waren; war ja noch zu klein damals. Eine Mordbande war's jedenfalls, die mitten im Frieden Häuser überfiel und brannte und mordete. Seit damals sitzt mir der Haß gegen die ganze Rasse im Blut. – Nun, einige Male hatte ich Gelegenheit, es ihnen einzutränken«, setzte er mit offensichtlicher Befriedigung hinzu, »haben mich nicht umsonst ›Großer Bär‹ getauft, die Halunken; haben meine Pranken zu spüren bekommen.«

Nun trat ein längeres Schweigen ein, das schließlich durch John gebrochen wurde. »Ich möchte den Wald ein bißchen abstreifen und einen Blick auf den See werfen«, sagte der junge Mann.

»Tu das, mein Sohn«, antwortete Burns; »wir halten von hier aus die Molly im Auge.«

John ergriff seine Büchse und entfernte sich. Er war erst hundert Schritt gegangen, als der Indianer neben ihm auftauchte. Der junge Weiße lachte ihn an: »Willst du mitkommen, Falke?«

Der Rote nickte: »Ni-kun-tha gehen mit.«

Nebeneinander schritten die beiden so verschiedenen jungen Männer durch den Wald. Wo es nötig war, schlug der Indianer das Unterholz mit dem Tomahawk weg. Schon nach kurzer Zeit sahen sie den glänzenden Spiegel des Sees durch die Stämme schimmern. Die ausgedehnte Wasserfläche schien völlig verlassen. Kein Segel, kein Kanu war weit und breit zu erblicken, nur ein paar Möwen wiegten sich in den Lüften und ließen von Zeit zu Zeit einen krächzenden Schrei ertönen.

»Laß uns ein wenig am Ufer entlanggehen«, sagte John nach einer Weile. Er setzte sich gleichzeitig in Bewegung, der Indianer blieb dicht an seiner Seite. Nach einiger Zeit blieb Ni-kun-tha plötzlich stehen und betrachtete aufmerksam einen größeren Haufen dürrer Äste und Zweige, die der Wind zusammengetrieben haben mochte.

»Was hat mein Bruder?« fragte John, ebenfalls stehenbleibend.

Ni-kun-tha ging, ohne zu antworten, auf den Reisighaufen zu und machte sich daran, die obersten Zweige wegzuräumen. John sah ihm mit einiger Verblüffung zu, faßte aber dann schweigend mit an. »Da, sehen: Kanu!« sagte der Indianer, noch ein paar größere Äste wegräumend und in das Innere des Haufens zeigend. John stieß einen leisen Überraschungsruf aus: im Reisig gebettet lag ein offenbar indianisches Kanu, aber kein Rindenboot, sondern ein kunstvoll ausgehöhlter Stamm. Ein Paar Ruder und einige Fischereigeräte lagen auf dem Boden des Fahrzeuges.

»Großartig!« rief John begeistert, »das werden wir brauchen können.«

»Injinkanu«, grinste Ni-kun-tha.

»Offenbar, obgleich ich mich nicht erinnere, solch ein Boot jemals gesehen zu haben«, versetzte John. »Wir wollen's auch nur im Notfall entleihen.«

»Irokesenkanu«, grinste Ni-kun-tha. »Irokesen Hunde! Kanu nehmen.«

»Sehr gut«, sagte John; »wollen es aber liegenlassen, bis wir es brauchen.« Und er begann die Äste und Zweige wieder darüberzubreiten, bis nichts mehr von dem Fahrzeug zu sehen war.

Bald darauf kamen sie an den die Insel in einem nordostwärts verlaufenden Bogen umfließenden Kanal. Sie folgten dem Wasserlauf nach beiden Seiten aufmerksam mit den Blicken, ohne etwas anderes zu gewahren als die schweigende Wildnis. Sie lösten sich vom Wasser, durchquerten die Insel und suchten und fanden den Kanal, in dem die Molly eingefahren war. Die Insel lief hier in eine Landzunge aus, die das Schiff während des Sturmes umsegelt hatte. Sie folgten der Landzunge bis zu ihrer Spitze und sahen sich nach allen Richtungen um. Aber auch hier herrschte weit und breit die friedliche Stille unberührter Wälder. John erkletterte eine hochstämmige Fichte, und der Indianer tat es ihm nach. Von ihrem luftigen Sitz aus sahen sie weit in die Runde. Bis auf ein paar Wasservögel sahen sie weit und breit nichts Lebendes, nichts, was auf die Anwesenheit von Menschen schließen ließ. Deutlich sichtbar lag unmittelbar vor ihnen die Molly, auch ihren Lagerplatz erkannten sie, vermochten aber von Burns und Bob Green nichts zu erblicken. Sie kletterten wieder hinab und gingen durch die Uferbüsche zum Lager zurück.

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