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Der König der Miami

Franz Treller: Der König der Miami - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Treller
titleDer König der Miami
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
year1954
correctorreuters@abc.de
senderChristoph Götz
created20080210
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Ni-kun-tha – der Schnelle Falke

Als John Burns zum Vorderdeck hinüberging, fand er den jungen Indianer dort immer noch sitzen; die in seiner Nähe stehenden Speisen hatte er nicht angerührt. »Mein roter Bruder hat Kummer, aber er muß den Schmerz bekämpfen«, sagte er leise, unwillkürlich englisch sprechend.

Der Indianer sah auf und erhob sich. Vielleicht verstand er doch etwas Englisch und war vorhin nur zu versunken gewesen, um dem Sinn der Worte nachzudenken. Jetzt jedenfalls kam er auf den jungen Weißen zu, ergriff dessen Hand und legte sie auf sein Herz, einige Worte murmelnd, die John nicht verstand. John lud ihn mit einer Handbewegung ein, ihm in die Kabine zu folgen, in der Burns und Bob Green nach sorgfältiger Abdunklung der Fenster ein paar Kerzen angezündet hatten. Der Rote ging willig mit. In der Kabine neigte er sich leicht vor dem alten Burns, indem er die rechte Hand zum Gruß auf die Brust legte. Dazu sprach er wieder einige gutturale Laute.

»Ich verstehe seine Worte im einzelnen nicht, aber sie enthalten den Dank für seine Rettung«, sagte John.

Der Alte maß die junge Rothaut mit einem ernst prüfenden Blick, während Bob Green irgendetwas Unverständliches in seinen Bart brummte. Dann plötzlich, als komme ihm ein Gedanke, hob der Bootsmann den Kopf. »Wie wär's, wenn wir den Kerl auf Deck Wache halten ließen«, sagte er; »diese Rothäute haben ein Gehör wie ein Luchs, Augen wie ein Falke und eine Nase wie ein Schweißhund. Stehlen kann er da oben nichts; zuverlässig sieht er aus, soweit so eine Kreatur überhaupt zuverlässig sein kann, und wir können eine Mütze voll Schlaf nehmen. Würde uns verdammt gut tun.« Er wandte sich dem Indianer zu und sagte ein paar Worte im Seneca-Dialekt. Aber der Rote riß nur die Augen auf und starrte ihn schweigend an. John suchte seine schwachen Kenntnisse der Algonkin-Dialekte zusammen und sagte, den jungen Indianer freundlich anlächelnd:

»Versteht mein roter Bruder nichts von der Sprache der Yengeese?«

Die Augen des roten Mannes fuhren herum, es leuchtete kurz in ihnen auf. »Versteht manches«, radebrechte er, »Männer kommen – Yengeese – bringen Pulver, nehmen Felle – verstehen, was sie sagen; sprechen wenig.«

»Großartig!« lachte John, »ausgezeichnet. Werd's dir beibringen, mein Junge. Hör zu: Feinde in der Nähe. Du verstehst?«

»Feinde? Verstehen!« Die Augen des Indianers funkelten, sein Blick streifte die in einer Ecke stehenden Büchsen der Weißen. Bob, der den Blick bemerkt hatte, grinste. »Kann der rote Mann schießen mit Feuerrohr?« fragte er.

Der Rote ergriff eine der Büchsen und riß sie mit so sicherem Griff an die Wange, daß seine Kenntnis im Umgang mit Schußwaffen nicht zweifelhaft sein konnte. Ein schwaches Lächeln überflog sein Gesicht, als er das Gewehr wieder absetzte.

»Das rote Gesindel wird immer gefährlicher«, knurrte Bob leise. John trat dazwischen und lachte den Indianer an.

»Will mein Bruder auf dem Deck Wache halten und uns wecken, wenn die Sonne hochkommt?« fragte er. Er wies auf die Büchse, die der Rote noch immer hielt. Der Indianer lächelte und legte zum Zeichen des Einverständnisses die Hand auf das Herz.

»Wie heißt mein roter Bruder? Er hat doch schon einen Namen?«

»Ni-kun-tha«, antwortete der Rote. Mit einem kleinen Lächeln im dunklen Gesicht setzte er auf Englisch hinzu: »Der Schnelle Falke«.

»Ni-kun-tha – Schneller Falke! Das ist gut. Mein Bruder wolle die Büchse behalten und Wache halten.«

»Ni-kun-tha will«, sagte der Rote. »Wer ist Feind? Wo – ist Feind?«

»Nun – Räuber, Banditen«, antwortete John. »Auf den Inseln ringsum.«

»Sind die Mehti-kosche, die – Kanadas – eure Feinde?«

Mehti-kosche? dachte John, Kanadas?

»Ha!« rief da Bob Green; »er meint die Frenchers; Kanadas heißt soviel wie Franzosen.«

»Oh, jetzt weiß ich«, sagte John; »ich habe auch ›Mehti-kosche‹ schon gehört; es heißt Schiffsbauer und ist bei den Indianern als Bezeichnung für die Franzosen aus der Zeit überliefert, da die ersten französischen Waldläufer hier auf den Seen ihre Schiffe bauten.« Er lachte: »Jedenfalls sind die Kanadas den Yengeese nicht Freund.«

»Teufel sind sie, die zur Hölle fahren sollen!« brummte Bob Green, »samt ihren roten Spießgesellen, den Mingos.«

»Mingos?« Ni-kun-tha hob den Kopf.

»Huronen«, sagte John. »Und zuweilen auch Irokesen. Die Irokesen, die Seneca vor allem, sind falsch, stehen bald hier, bald da.«

»Sie sind Hunde!« sagte Ni-kun-tha, und ein Funke des Hasses blitzte in seinen Augen auf: »Huronen, Irokesen, Mehti-kosche – Hunde!«

»Der Bursche wird mir zunehmend sympathischer«, knurrte Bob. John nahm ein Jagdhemd von einem Nagel herunter und reichte es dem Indianer.

»Mein Bruder mag das anziehen, die Nacht wird kühl«, sagte er. Der Indianer grinste, zog das Hemd an, ergriff die Büchse und begab sich an Deck.

»Denke, man kann ihm vertrauen!« sagte Bob. »Hab' die Erfahrung gemacht, daß die Kerle in der Regel nicht vergessen, wenn man gut zu ihnen war. Hab' nur nicht gern was mit ihnen zu tun.«

»Ich bin immer gut mit ihnen ausgekommen«, versetzte der alte Burns, »hab' schon ziemlich viel Bekanntschaft mit ihnen gemacht. Begegnet man ihnen höflich und friedlich, benehmen sie sich entsprechend.«

»Erlebt sie erst mal mit dem Skalpiermesser in der Hand«, brummte der Bootsmann; »habe einige Tänze erlebt. Von mir aus könnt' man die ganze rote Zucht ausrotten wie Wölfe. Wölfe morden aus Hunger, die roten Bestien aus Blutdurst.«

Der Alte schüttelte den Kopf. »Ich bezweifle das. Sie haben dem weißen Mann Stück um Stück ihr Land räumen müssen. Ich habe auch Weiße und Rote im Krieg erlebt. Der Indianer ist hart und grausam im Krieg, ja, er kann erbarmungslos sein, aber der Weiße ist es nicht minder. Gute und schlechte Eigenschaften wohnen in allen Menschen. Doch laßt uns jetzt schlafen; der neue Tag wird unsere Kräfte brauchen.«

Sie suchten ihre Lagerstätten auf, und bald verkündeten tiefe Atemzüge, daß sie schliefen. Der alte Burns freilich wurde mehrmals im Laufe der Nacht wach. Dann begab er sich leise an Deck, und jedesmal fand er den Indianer einer Bildsäule gleich regungslos am Bollwerk stehen.

Kurz vor Sonnenaufgang war Burns schon wieder wach und weckte die beiden anderen. Wenige Minuten später öffnete der Indianer die Tür; als er sah, daß die Weißen wach waren, entfernte er sich wieder, lautlos, wie er gekommen war. John bereitete Kaffee in der kleinen Kombüse, und die Männer begannen Kriegsrat zu halten.

»Ich habe über den Gefangenen nachgedacht, über den die Piraten nach Johns Worten gesprochen haben«, sagte der alte Burns; »was denkt Ihr darüber, Bob?«

»Ich könnte mir vorstellen, daß es in Oswego oder Stacket Harbour allerlei Aufsehen erregt, wenn wir den Bootsriemen mit den Buchstaben D. R. vorzeigen und von einem Gefangenen erzählen, den die Strandräuber ›Mylord‹ nennen«, versetzte der Bootsmann gleichmütig.

»Die Frage ist zunächst, was wir selber beginnen«, sagte Burns. »Kann nicht behaupten, daß ich mich sonderlich behaglich in der verwünschten Gegend hier fühle.«

»Die Gefahr einer Entdeckung ist nicht von der Hand zu weisen«, gab Bob Green zu; »ohne die Entdeckungen, die wir gemacht haben, hätte ich mich jetzt in die Jolle gesetzt und wäre nach Stacket Harbour gerudert. So, wie die Dinge jetzt liegen, kann ich Euch nicht allein lassen.«

»Was aber dann?«

»Offen gestanden bin ich dafür, wir verlassen die Sloop und begeben uns an Land, nehmen Waffen und Proviant mit und schlagen irgendwo in der Nähe ein Lager auf. Wird die Molly dann wirklich entdeckt, dann sind wir jedenfalls sicher und können uns mit der Jolle schlimmstenfalls in Sicherheit bringen. Das Schiff ist eine Mausefalle.«

»Kann nicht sagen, daß mir der Vorschlag gefällt«, versetzte der Alte. »Wir sind, den Indianer eingerechnet, vier Büchsen und haben es gegebenenfalls mit sieben oder acht Piraten zu tun. Warum sollen wir die Molly nicht von Bord aus verteidigen?«

»Weil wir es sicherlich nicht nur mit sieben oder acht Halunken zu tun haben. Bin überzeugt, daß wir nur eins der Verstecke ausfindig gemacht haben, vielleicht nicht einmal das Hauptquartier. Schwämme die Molly auf dem Wasser, sagte ich: Gut. Sie liegt aber fest und zur Hälfte auf Land, ist also nicht schwer zu ersteigen. Außerdem kann das Deck von den Bäumen herunter beschossen werden.«

Elias Burns zog ein finsteres Gesicht. »Laß die Ladung nicht gerne im Stich; hängt mancher Schweißtropfen dran«, brummte er. »Was meinst du, John?«

»Bin der Meinung, Bob hat recht, Vater«, antwortete der Junge, ohne zu zögern. »Wir können die Molly eventuell auch von Land aus verteidigen, haben in der Jolle schlimmstenfalls aber immer ein Fluchtmittel.«

»Also«, sagte er seufzend, »ich füge mich. Gehen wir an Land.«

»Von hier aus wäre das nicht anzuraten«, lächelte John. »Da würden sie uns bald auf der Spur sitzen.«

Der Alte sah ihn verständnislos an.

»Wir beladen die Jolle, fahren ein Stück um die Insel herum, landen an einer passenden Stelle und suchen uns einen Platz, von dem aus wir die Molly sehen und nötigenfalls auch schießen können«, sagte John.

»Der Junge ist richtig«, grinste Bob. »Macht's, wie er sagt, Sir, ist ein guter Rat. Wird die Molly entdeckt, und sie finden keine Spur in der Nähe, werden sie glauben, sie sei verlassen und die Besatzung habe sich im Boot gerettet.«

»Also denn in Gottes Namen!« sagte Elias Burns. »Laßt uns die Jolle beladen. Vergeßt die Waffen nicht; der Indianer mag die Büchse behalten, die er hat, und nehmt auch ein Fäßchen mit Wasser mit. Möchten's vielleicht nötig haben.«

Nachdem alle, einschließlich des Indianers, einen kräftigen Imbiß zu sich genommen hatten, wurde die Jolle beladen; die Sonne erschien eben über dem Horizont, als sie sich vom Schiff löste. Die Ruder hatte man zur Vorsicht umwickelt.

Ni-kun-tha saß schweigend im Bug des Bootes und ließ die dunklen Augen umherschweifen. Die geladene Büchse hielt er über den Knien.

Sie umfuhren einen Teil der buchtenreichen Insel. Nach einiger Zeit wies John mit der Hand zum Ufer und sagte: »Steiniger Boden; hier müssen wir landen. Steine hinterlassen keine Spuren.«

Bob ließ die Jolle mit geschickter Drehung auf Strand laufen, und die Männer sprangen heraus. John reichte die einzelnen mitgenommenen Gegenstände heraus. Der Indianer stand mit übereinandergeschlagenen Armen dabei und sah dem Tun der weißen Männer zu. Er begriff wohl noch nicht, was das Ganze bedeuten solle. Doch als die Weißen sich jetzt nach einem geeigneten Versteck für das Boot umsahen, blitzte es in seinen Augen auf. »Hier«, sagte er, mit der Hand auf eine dichte Buschgruppe deutend. Bob grunzte anerkennend, und bald lag die Jolle, flüchtigen Blicken unsichtbar, in ihrem Versteck.

Nun begann Bob sich mit den mitgenommenen Packen zu beladen, und die beiden anderen Weißen taten es ihm nach. Nur Ni-kun-tha schien das für weit unter seiner Würde zu halten. Doch trat er, als die kleine Kolonne sich in Bewegung setzte, auf den alten Burns zu und machte ihm durch Zeichen verständlich, er möchte ihm die schwere Büchse zum Tragen überlassen. Burns gab sie ihm, seine Last dadurch nicht unwesentlich erleichternd.

»Immerhin etwas«, knurrte Bob, der den Vorgang beobachtet hatte; »diese roten Burschen benehmen sich samt und sonders, als wären sie als Grafen oder Barone zur Welt gekommen.«

»Sind's wohl so gewöhnt«, versetzte Burns gleichmütig, »bei ihnen verrichten die Frauen die Arbeit, für den Mann gibt es nur Jagd und Krieg.«

Sie schritten unter Bobs Führung in den Wald hinein. Die hochstämmigen Bäume waren von starrendem Unterholz durchsetzt. Sie hatten erst eine verhältnismäßig kurze Strecke zurückgelegt, als der Indianer durch die Baumstämme zeigte: »Groß Kanu – da!« sagte er.

»Wie?« Bob blieb verdutzt stehen. »Du meinst, die Molly läge in der Richtung? Sollte ich mich geirrt haben?«

»Groß Kanu – da!« wiederholte Ni-kun-tha.

»Ich glaube, unser roter Freund hat recht«, sagte John, der inzwischen herangekommen war. »Auch meiner Schätzung nach müssen wir uns weiter nach links halten.«

»Schön. Sollt von mir aus recht haben«, knurrte der Bootsmann. »Kenn' mich in dem verdammten Gestrüpp nicht aus. Alsdann, Rothaut, geh du voran und zeig uns den Weg.«

Ein schmales Lächeln verzog die Lippen des Indianers; schweigend setzte er sich an die Spitze. Er mühte sich, soweit irgend möglich, eine schnurgerade Richtung einzuhalten; kleinere Hindernisse schlug er mit dem Tomahawk weg. Nach einer kleinen halben Stunde anstrengenden Marsches verhielt er auf einer Bodenerhebung, streckte den Arm aus und sagte: »Da – groß Kanu!«

Sie bogen die Büsche auseinander und sahen vor sich mit der Steuerbordseite das gestrandete Schiff. Sie befanden sich hier etwa dreißig Fuß über dem Wasserspiegel und an dreihundert Schritt von dem Schiff entfernt. Der Boden fiel vor ihnen ziemlich steil ab, um alsdann bis hinunter zum Strand nahezu glatt zu verlaufen. Die erhöhte Position und der hier vorn erheblich lichtere Wald gestatteten einen guten Blick auf die Sloop und den Kanal, dessen Wasser ihren Stern umspülte. Sie beseitigten ein paar Büsche, welche die Sicht behinderten und ließen sich alsdann in einer kleinen Bodenvertiefung nieder.

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