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Der König der Miami

Franz Treller: Der König der Miami - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Treller
titleDer König der Miami
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
year1954
correctorreuters@abc.de
senderChristoph Götz
created20080210
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Die Pirateninsel

Bei dem ›Alten‹, wie wir ihn bisher kurz genannt haben, handelte es sich um Mister Elias Burns, einen Farmer, dessen nicht sonderlich große Besitzung sehr einsam am Genesee, einem Zufluß des Ontario, gelegen war. Burns hatte wie in jedem Jahr die Sloop gemietet, um die Erzeugnisse seiner Farm nach Stacket Harbour zu bringen. Mais, Hafer, Weizen, geräuchertes und eingesalzenes Fleisch sowie Ahornzucker bildeten die Hauptbestandteile der Fracht. Besitzer und eigentlicher Führer des Schiffes war der im ganzen Bereich des Ontario weithin bekannte Bootsmann Robert Green. Da Elias Burns und sein Sohn John genügend Erfahrung in der Bedienung einer Sloop hatten und die Frühlingsstürme ausgetobt zu haben schienen, hatte man darauf verzichtet, fremde Schiffsleute anzuheuern. Der alte Burns machte die Fahrt alljährlich; der heranwachsende John hatte ihn fast immer begleitet, und bisher war die Reise immer ohne ernsthafte Zwischenfälle verlaufen. Zum ersten Male war es ihnen geschehen, daß sie unversehens von einem schnell aufkommenden Sturm überrascht, aus dem Kurs geworfen und an eine fremde Küste verschlagen wurden.

Mr. Burns war ein hochgewachsener, kräftiger und muskulöser Mann hoch in den Fünfzigern. Der Bootsmann Green, dessen hünenhafte Gestalt wir bereits erwähnten, war sowohl seiner ungewöhnlichen Körperkraft als auch seiner Geschicklichkeit und Zuverlässigkeit wegen allgemein bekannt und geachtet. Er mochte erst wenig mehr als dreißig Jahre zählen; sein von Wind und Wetter tief gebräuntes Gesicht war derb geschnitten, aber offen und vertrauenerweckend. Er pflegte leicht zu poltern, aber seine zuweilen wilden Redensarten vermochten den gutmütigen Grundzug seines Wesens nicht zu verdecken. Er aß jetzt, seiner Größe und seiner Körperkraft entsprechend, mit gesundem Appetit, und John stand ihm darin nicht viel nach. Doch glitten die Augen des jungen Burns während des Essens immer wieder zu dem Indianer hinüber, der noch immer regungslos, einer bronzenen Bildsäule gleich, auf dem Vorderdeck kniete.

»Wenn Mary uns hier sehen könnte und wüßte, was wir hinter uns haben, sie würde einen hübschen Schreck kriegen«, sagte John.

»Wahrhaftig, mein Junge«, antwortete der Alte, und seine Stirn zog sich in Falten. Er gedachte der auf der heimatlichen Farm zurückgelassenen Tochter. Die Achtzehnjährige bildete mit dem neben ihm sitzenden Sohn den Stolz und den Inhalt seines Lebens. Die Mutter der Kinder ruhte seit Jahren unter der Erde. »Ich hoffe nur, daß man am Genesee nichts von dem Sturm gemerkt hat«, setzte er hinzu; »sie würden sonst aus der Angst gar nicht herauskommen. Nun, Hauptsache ist trotzdem, daß wir fürs erste geborgen sind. Was meint Ihr, Bob, wird es uns gelingen, die Molly wieder flott zu machen?«

»Nun, ich denke schon«, antwortete der Steuermann. »Eine böse Schweinerei ist's natürlich, in der wir da stecken, weiß der Teufel! Eine ganz hübsche Patsche; die Kunst ist eben, wie wir wieder herauskommen. Schätze, das Richtigste wird sein, ich nehme die Jolle und suche den nächsten Hafen auf; wird ja wohl Stacket Harbour sein. Denn Leute heranholen müssen wir, allein kriegen wir die Sloop nicht zum Schwimmen. Hat sich übrigens verdammt gut gehalten, das alte Mädchen; das müßt Ihr mir zugeben. Haben wir Glück, läuft's darauf hinaus, daß wir ein paar Tage später ans Ziel kommen.«

Aber der Mast?« wandte der alte Burns ein.

»Ja, Sir, das hilft nun nichts. Müssen uns mit einem Notmast behelfen. Fichten gibt's ja genug hier und ganz hübsche dabei; werden uns eben eine zurechtzimmern. Können dann natürlich nicht ganz so schnell fahren, aber kommen jedenfalls fort. Nach diesem Sturm können wir wochenlang mit glattem Wasser rechnen.«

»Aber habt Ihr wenigstens eine Ahnung, wo wir hier sind?«

Der Steuermann nickte: »Bin ziemlich sicher. Möchte fast eine Wette eingehen, daß wir uns zwischen den Tausend Inseln befinden.«

»Schön: Tausend Inseln. Aber befinden wir uns auf englischem oder auf französischem Boden?«

»Tja!« Bob Green hob die Schultern und ließ sie wieder fallen. »Möchte fast annehmen, daß wir uns sozusagen in neutraler Zone befinden; daß das Land hier weder König Georg noch dem Frencherkönig gehört.«

»War' eine ziemlich unangenehme Sache, wenn wir mit den Franzosen zu tun bekämen«, seufzte der Alte, »mindestens was Schiff und Ladung angeht.«

»Kaum zu bezweifeln, Sir. Die Frenchers würden die Molly samt Inhalt höchst wahrscheinlich als Strandgut betrachten. Sind nicht wählerisch in solchen Dingen, und die Kolonien würden der alten Molly wegen kaum einen Krieg anfangen.«

»Grund genug zur Besorgnis, Bob«, sagte Burns, bedenklich den Kopf schüttelnd.

»Nun, Master, ich denke, es ist nicht so schlimm.« Der Steuermann ließ den Blick über das Wasser schweifen. »Wir sind in jedem Fall in eine ziemlich abgelegene Gegend geraten; ein Schiff verirrt sich selten hierher. Außerdem: Im Herbst hatten die Frenchers nicht ein einziges Kanonenboot auf dem See; werden inzwischen kaum eins gebaut haben. Wird zwar immer wieder vom Krieg gemunkelt, der bevorstände, aber ich glaub' das nicht recht. Die werden sich hüten, mit uns anzubinden.«

»Wenn Ihr mich fragt, – ich kann dazu kaum etwas sagen«, stellte der Alte fest. »Am Genesee sind wir von aller Welt sozusagen abgeschnitten; nur höchst selten verirrt sich irgend eine Nachricht bis zu uns. Aber irgendwer sagte mir, die Frenchers hätten sich noch im Herbst im Ohiotal mit den Virginiern herumgeschossen; außerdem soll vom Niagara aus eine Expedition südwärts gegangen sein.«

»Das wird schon stimmen«, gab Bob Green zu; »die Frenchers sind seit langem scharf auf das Ohiotal; denke aber, das geht uns hier oben nichts an; einen richtigen Krieg wird's deswegen kaum geben. Glaube nicht, daß sich König Georg groß darum kümmert, was die Kolonien in der Wildnis anstellen.«

»Nun, wie dem auch sei«, sagte Elias Burns, »da wir jedenfalls nicht wissen, auf wessen Grund und Boden wir uns hier befinden, ist höchste Vorsicht geboten. Ich möchte meine Ladung nicht verlieren. Ihr meint also, die Molly könnte wieder flott gemacht werden?«

»Das werde ich gleich ganz genau wissen«, erwiderte Bob; »werde den Kielraum untersuchen. Sind Rippen und Planken noch fest, dann bringen wir sie auch ab, und wenn sie sich noch so fest in den Sand gerannt hat.« Er nickte den anderen zu, erhob sich und kletterte in das Schiffsinnere hinab.

Unten untersuchte der Bootsmann die Schiffswände, soweit die Ladung es zuließ; er fand nichts, was auf eine Beschädigung hingedeutet hätte. Er kam wieder herauf und ließ zusammen mit den beiden anderen die Jolle zu Wasser. Gemeinsam mit Elias Burns umfuhr er das im Wasser liegende hintere Teil der Sloop, und auch hier fand sich nichts. Nachdem sie dann mit gleicher Gründlichkeit auch das Vorderteil, soweit es nicht im Sand vergraben war, untersucht hatten, ohne auf sichtbare Beschädigungen zu stoßen, schien festzustehen, daß die Molly bis auf den abgebrochenen Mast keine ernsthafte Beschädigung erlitten hatte. Der Mast hatte zwar das Bollwerk eingeschlagen, das Bugspriet aber unverletzt gelassen. Bob Green grunzte zufrieden. »Scheint in Ordnung, Sir. Machen die alte Lady wieder flott. Soll bald wieder auf dem Ontario schwimmen.«

Seid Ihr wenigstens hinsichtlich der Tausend Inseln Eurer Sache sicher?« fragte der noch immer besorgte Farmer; »mich beunruhigt es, nicht zu wissen, wo ich bin.«

,Nun«, entgegnete der Steuermann, »wäre natürlich immerhin möglich, daß wir weiter nach Norden getrieben wurden. So genau war das bei dem Ausmaß des Sturmes nicht zu berechnen. Ich werde die Jolle nehmen und das klarstellen. In jedem Fall befinden wir uns am Ostende des Sees, und ich muß Hilfe von der Südküste holen. Was meint Ihr: – wollen wir noch vor Einbruch der Nacht los und uns die Gegend ein bißchen besehen?«

»Bin unter allen Umständen dafür; möchte die Unruhe loswerden«, sagte der Alte.

»Schön. Fahren wir also!« versetzte der Bootsmann.

Ein Stapel wollener Decken und etwas Proviant wurden in die Jolle geschafft. Mr. Burns steckte einen Taschenkompaß zu sich. John ging zum Vorderdeck hinüber und stellte dem Indianer eine Platte mit gebratenem Fleisch und Maisbrot hin; der rote Mann sah nicht einmal auf; er glich noch immer einer Bronzestatue. Alle drei Weißen ergriffen Büchsen und Kugelbeutel und ließen sich in die Jolle hinab, die sich gleich darauf von der Sloop löste.

Der Himmel war jetzt vollkommen klar; die Sonne sandte ihre warmen Strahlen über Wälder und Wasserläufe. Die Männer bedienten sich zunächst der Ruder, da aber bald ein leichter Wind aufkam, setzten sie den Mast und entfalteten das Segel. Sie glitten in den Kanal hinein, der sie vom See aus hierhergeführt hatte, und stellten fest, daß er nach rechts weiterging. Sie ließen den Ontario rechts liegen und segelten weiter. Bob handhabte das Steuer. Nach links umbiegend, immer noch in einem verhältnismäßig schmalen Kanal zwischen bewaldeten Ufern dahinsegelnd, wurden sie sich sehr bald darüber klar, daß sie an einer Insel gestrandet waren, zweifellos einer von vielen, nach den Kanälen zu schließen, die sie passierten.

Nachdem sie sicher waren, daß der Kanal auf ihrer Nordseite ebenfalls in den Ontario mündete, beschlossen sie, ihn in anderer Richtung weiter zu verfolgen. Sie wendeten die Jolle und segelten, von einem leichten Windhauch getrieben, tiefer in das Insellabyrinth hinein. Nach einiger Zeit trieben sie in eine größere, seeartige Wasserfläche hinein, von der aus Kanäle nach verschiedenen Richtungen zwischen bewaldeten Ufern ausliefen. Sie kreuzten wiederholt schmälere und breitere Wasserläufe, und konnten somit nicht mehr daran zweifeln, daß sie sich inmitten einer Gruppe größerer und kleinerer Inseln befanden.

»Hab' mich nicht getäuscht, Sir«, sagte Bob Green; »der Sturm hat uns zu den Tausend Inseln verschlagen. Immerhin weit genug ab von unserem Kurs.«

»Schön, oder vielmehr nicht schön«, versetzte Elias Burns; »habe nämlich von dieser Inselwelt reden gehört, und zwar wenig Gutes. Soll hier allerlei räuberisches Gesindel geben, das den Ontario samt Umgebung unsicher macht. Idealere Schlupfwinkel als diese Inseln hier sind ja auch kaum zu denken.«

»Tja«, sagte der Bootsmann nach einer Pause des Schweigens, »kann Euch leider nicht unrecht geben. Hättet Ihr nicht davon angefangen, ich hätt' Euch nichts gesagt, um Euch nicht unnötig zu beunruhigen. Aber es ist wirklich so wie Ihr sagt: das ganze Piratengesindel von Kanada und den südlichen Kolonien hat in der Gegend hier Verstecke, die kein Mensch ausfindig machen kann.«

»Schlimm, Bob, schlimm!« Der Farmer sah betroffen auf. »Fehlt bloß noch, daß so eine Bande die Molly entdeckt. Dann dürften wir sie los sein. Und mit uns selber ist's dann wahrscheinlich auch aus.«

»Solange ich lebe, ist's mit mir grundsätzlich nicht aus«, knurrte Bob. »Außerdem: die Molly liegt dicht am See, und zwar auf der Innenseite der Insel. Wüßte nicht, was einen Strandräuber veranlassen sollte, ausgerechnet da nach Beute zu suchen.«

»Ein Zufall kann dazu führen, daß sie sie finden«, brummte der Alte.

Sie segelten weiter über das stille Wasser und glitten immer tiefer in ein Gewirr von Inseln hinein.

Kommen Indianer in diese Gegend?« fragte Burns.

Der Bootsmann zuckte die Achseln: »Immerhin anzunehmen, daß sich ein paar Rothäute zum Fischen und Jagen manchmal hierher verirren. Huronen sogar möglicherweise. Vor allem aber Irokesen: Oneida, Onondaga, Seneca.«

»Das sind alles Irokesen?« fragte John.

»Ja«, versetzte Green. »Hab' mir das mal erzählen lassen. Man spricht da von den ›Fünf Nationen‹; eigentlich sind's sogar sechs, wenn man die Tuscarora noch dazu zählt, die auch zur irokesischen Sprachgruppe gehören; sonst gibt's da noch die Mohawk und die Cayuga. Aber ich versichere Euch: Ist alles das gleiche Gesindel. Rothaut ist Rothaut!«

»Glaubt Ihr, daß wir etwas von ihnen zu befürchten hätten, wenn sie uns entdeckten?« fragte der Alte.

»Trau grundsätzlich keinem von dem Gesindel, Master. Aber wenn Ihr mich ernsthaft fragt: Ich glaub's nicht. Wenn nicht gerade irgendein Häuptling die Kriegsaxt ausgegraben hat. Sonst ist Friede zwischen den Kolonien und den Irokesen. Aber mir scheint, es wird Zeit, umzukehren; die Sonne ist schon im Sinken, und wenn's erst dunkel ist, könnt' es uns passieren, daß wir die Molly vergeblich suchen.«

»Also gut, kehren wir um«, sagte Burns.

Die Jolle wendete und glitt auf dem eben gekommenen Wege zurück. Es war nicht einfach, sich in dem Gewirr von Kanälen zurecht zu finden, doch vermochten sie mit Hilfe des Kompasses wenigstens die Richtung zu halten. Eine feierliche Ruhe herrschte auf dem spiegelblanken Wasser zwischen den schweigenden Wäldern, welche rundum die Inseln bedeckten; den Männern war es, als glitten sie durch eine Märchenlandschaft.

In der Hauptsache wuchsen hochstämmige Tannen und Fichten auf den Inseln, doch lugte dann und wann immer wieder das junge Grün alter Laubbäume zwischen den Stämmen hervor. Die Gipfel der Waldesriesen leuchteten im Licht des sinkenden Abends; geräuschlos glitt das leichte Boot vor dem schwachen Winde dahin.

Sie passierten eben das Ufer einer Insel, die im Gegensatz zu den meisten anderen felsiges Gestein an den Rändern zeigte, als John plötzlich auf einen im Wasser schwimmenden Gegenstand deutete. Bob hielt darauf zu, und es zeigte sich, daß es sich bei dem treibenden Ding um einen Bootsriemen handelte, der nahe dem Ufer herumschwamm. Während sie vorüberglitten, langte John über Bord, ergriff den Riemen und zog ihn an Bord. Alle drei betrachteten das Ruder aufmerksam. Es war ein normaler Bootsriemen, wie er hier auf dem See und in der Umgebung allgemein in Gebrauch war.

»Hat schon wochenlang im Wasser gelegen, ist beinahe ganz vollgesogen«, stellte Bob fest; »sonderbar genug, daß er überhaupt noch schwamm.«

»Hier sind Buchstaben eingebrannt«, sagte John. Bob und der Alte folgten dem weisenden Finger des Jungen und erkannten gleicherweise die Buchstaben: D. R.

Bob Green stieß einen Pfiff durch die Zähne; sein Gesicht wurde ernst. »Teufel auch!« sagte er, »wie ist das möglich?«

»Was meint Ihr?« fragte der alte Burns beunruhigt.

»Der Riemen stammt von der Jolle des DUKE OF RICHMOND«, sagte Bob. »Gar kein Zweifel.«

»Ihr meint ein Schiff?«

»Ja. Der DUKE OF RICHMOND ist hier auf dem Ontario verschwunden, als wäre er eine Stecknadel.«

»Verschwunden?«

»Habt Ihr denn nichts davon gehört?«

»Was höre ich schon am Genesee!«

»Der DUKE OF RICHMOND war die schönste Sloop, die auf dem ganzen Ontario herumschwamm«, berichtete der Bootsmann. »Sie verließ Stacket Harbour im Oktober und segelte mit Kurs auf Oswego. Da ist sie nie angekommen, und kein Mensch hat seit dem Tag ihrer Abfahrt auch nur noch das geringste von ihr gehört. Nun hat zwar am zweiten Tag nach der Ausfahrt des Schiffes ein ziemlich heftiger Sturm geherrscht, aber der DUKE war eine großartige Sloop und hatte eine hervorragende Mannschaft. Möchte sagen: Es ist nahezu ausgeschlossen, daß sie einem Unwetter zum Opfer gefallen sein soll. Noch unglaubhafter ist, daß sie ähnlich wie wir irgendwo auf Strand gelaufen ist; dann hätte man das Wrack oder wenigstens etwas von seinen Trümmern finden müssen, denn die Nachforschungen haben damals sofort eingesetzt, und zwar mit aller erdenklichen Gründlichkeit.«

Und wie erklärt Ihr Euch also die Sache?«

Vollkommen klarer Fall.« Bob zuckte die Achseln. »Piraten natürlich. Haben das Schiff überfallen, die Besatzung umgebracht, die Ladung geraubt und den Kasten versenkt. Das heißt, das ist das Wahrscheinlichste; möglich ist natürlich auch, daß der DUKE hier noch irgendwo zwischen diesen verteufelten Inseln liegt, ich glaube aber nicht oberhalb, sondern unterhalb des Wassers. Wenn ein Schiff stehend sinkt, kann es lange auf Grund liegen, bevor eine Planke zutage kommt.«

»Und Ihr meint also, der Riemen hier – –«

»Der gehörte zum DUKE OF RICHMOND, Sir, darauf könnt Ihr Gift nehmen. Wüßte nicht, daß es auf dem ganzen Ontario ein Schiff gäbe oder gegeben hätte, zu dem die Buchstaben sonst noch passen.«

»Und man hat bisher nichts von dem DUKE gefunden?«

»Nicht das geringste, Sir. Der Riemen hier ist das erste Stück von der Sloop, das eines ehrlichen Mannes Auge erblickt. Und das ist verdammt schlimm, sage ich Euch, denn nunmehr ist es vollkommen klar, daß man die Mannschaft umgebracht hat.«

»Wieso ist das klar, Bob?«

»Tja, Master, das ist verdammt einfach.« Der Bootsmann starrte auf den Fund, den John noch immer in Händen hielt. »Nicht gut möglich, daß der DUKE gesunken ist und der Riemen da als einziges Überbleibsel oben blieb. Müßte von Rechts wegen auch langst bei den Fischen sein. Die Sloop ist im Oktober verschwunden; jetzt haben wir Mai. Das Stück Holz da hat aber bei weitem nicht so lange im Wasser gelegen. Ziemlich klar, daß es bis vor ein paar Wochen noch benutzt wurde.«

»Aber schließlich können auch ehrliche Leute ein treibendes Ruder auffischen; wir haben's ja auch«, sagte der Alte; »wieso schließt Ihr so ohne weiteres auf Seeräuber?«

»Weil kein ehrlicher Mann am Ontario gezögert hätte, sofort Meldung von dem Fund zu machen«, versetzte der Bootsmann. »Das hätten in diesem Fall selbst die Frenchers getan. Denn die Geschichte hat damals ein Riesenaufsehen gemacht. Wurde eine große Belohnung ausgesetzt. Weil sich nämlich der junge Sir Richard Waltham an Bord befand, ein schwerreicher Junge, Sohn und einstiger Erbe des alten Lord Somerset, ein künftiger Peer also. Nein, Sir, klare Sache das: Hier waren Piraten am Werk. Der Gouverneur hat damals Ufer und Wälder und auch die Inseln hier absuchen lassen, aber das ist keine einfache Sache. Kriegsschaluppen und Infanterie waren unterwegs; nichts zu machen, Sir, der DUKE war und blieb verschwunden. Bin überzeugt: die Halunken haben die Jolle mitgeschleppt und sind damit zwischen den Inseln umhergefahren. Haben dann eines Tages den Riemen da verloren.«

»Das würde bedeuten, daß sich etwas von dem Gesindel hier in der Gegend herumtreibt, Bob.«

»Sehr wahrscheinlich, nachdem wir das Ding da gefunden haben.«

»Gute Aussichten!« knurrte der Alte.

Das Boot trieb langsam weiter; eine Zeitlang herrschte Schweigen zwischen den Männern. Plötzlich hob John lauschend den Kopf. »Still«, flüsterte er.

»Was gibt's?« fragte der Alte verdutzt.

»Pst! Ruderschläge.«

»Wo?«

»Dort.« John deutete in Fahrtrichtung voraus. John Burns war zwischen den Wäldern groß geworden; er hatte gute Ohren. Bob, ein kaltblütiger und erfahrener Schiffer, lugte nach einem Zufluchtsort aus. Er brauchte nicht lange zu suchen. Von dem Ufer der Insel, an der sie eben vorüberglitten, zweigte unmittelbar vor ihnen eine kleine Landzunge ab, dicht mit allerlei Buschwerk bewachsen. Die schmale, auf diese Weise gebildete Einbuchtung bot nach dem Kanal zu sicheren Schutz vor Entdeckung. »Nehmt den Mast ab, John«, flüsterte Bob.

John löste das Segel, faltete es geräuschlos zusammen und legte den Mast um. Die weit überhängenden Büsche ergreifend, zog Bob das kleine Gefährt in die Bucht hinter die nur wenige Fuß breite Landzunge. Die Ruderschläge wurden deutlicher und nun auch für die beiden anderen vernehmbar.

Gut getarnt lag die Jolle hinter dem Buschwerk der Landzunge; auf der Landseite stieg das bewaldete Ufer ziemlich hoch an. Eine kleine Einbuchtung im eigentlichen Inselufer ermöglichte es, das Boot so weit zurückzulegen, daß auch ein vom Kanal aus in die Bucht fallender Blick es nicht sehen konnte. Die Männer legten das Boot fest und griffen in schweigender Übereinstimmung zu den Büchsen.

Immer näher kamen die Ruderschläge; das Fahrzeug, von dem sie herrührten, schien unmittelbar auf das Versteck zuzustreben. Auf einen Wink Bobs legten die drei Männer sich nieder, die schußbereiten Gewehre in der Hand.

Jetzt drang auch Stimmengewirr an ihr Ohr, das bald vernehmlicher wurde. »Ich gehe an Land«, flüsterte John, »ich möchte sehen, was da herankommt.«

Der Alte nickte, und John kletterte gewandt und geräuschlos wie eine Wildkatze an dem mit knorrigen Wurzeln und dichtem Unterholz bewachsenen Steilufer hoch, um sich oben hinter Büschen versteckt niederzukauern. Er vermochte von hier aus zwischen einzelnen Baumlücken einen Teil des die Insel umgebenden Kanals zu überblicken.

Nicht lange danach sah er, das Geräusch der Stimmen und Ruderschläge immer im Ohr, auch das Boot, dem sie entstammten. Es war dies ein starkes und schweres Kielboot, das von sechs Männern gerudert wurde, während ein siebenter das Steuer bediente. Nach dem Äußeren zu schließen, schien es sich bei den Bootsinsassen um ziemlich wüste Gesellen zu handeln; rauhe und heisere Stimmen durchdrangen die ringsum herrschende majestätische Stille.

»Hoffe, Fellows, der Sturm hat ein bißchen für uns gesorgt«, sagte einer der Kerle; »sehne mich nach einer Gallone Rum wie ein Wickelkind nach der Milchflasche.«

»Alte Saufgurgel!« gröhlte ein zweiter; »hast dir doch erst gestern abend den Hals vollgegossen, daß ein anderer dran krepiert wäre.«

»Ist 'ne Krankheit, Boys«, lachte der erste, »trockene Kehle; eine verdammte Krankheit, sage ich euch. Beste Medizin dagegen: Echter Jamaika. Hab's ausprobiert.«

Der Mann am Steuer sagte mit grollender Stimme: »Nächstens laß ich dich Ontariowasser schlucken. Deine verdammte Krankheit hat unsere gesamten Vorräte aus der Welt geschafft.«

»Tut genügend Rum und Zucker dazu, und mir soll's recht sein Captain«, grinste der erste ungerührt.

Dröhnendes Gelächter schallte zu John herauf. Das Kielboot fuhr eben an der Stelle vorüber, wo die Jolle hinter der Landzunge lag. John erhob sich unhörbar und schlich mit einer Geschicklichkeit, die den geübten Jäger verriet, hinter den Uferbüschen entlang; er wollte sehen, wohin das Boot steuerte.

Doch verlor er, während er sich lautlos im Gesträuch fortbewegte, das Fahrzeug aus den Augen. Zu seiner Verblüffung verstummten die Ruderschläge plötzlich, nachdem er erst eine kurze Strecke zurückgelegt hatte, dagegen hörte er die Stimmen nach wie vor. Sie klangen plötzlich so nahe, daß John sich zu Boden gleiten ließ und einer Schlange gleich auf die Stelle zukroch, von der sie ertönten.

»Bin neugierig, wie Seine Lordschaft sich befindet«, hörte John. »Nun, Skroop ist ein liebenswürdiger Wärter; wird das Jüngelchen schon gut gepflegt haben«, versetzte ein anderer, »hat ein Herz weich wie Butter.«

Die Kerle lachten; sie konnten sich nur wenige Schritte entfernt von John aufhalten. Der bog mit unendlicher Vorsicht ein paar Zweige auseinander und sah zu seiner nicht geringen Überraschung unmittelbar vor sich einen kleinen Hafen, oder jedenfalls eine hafenartige Ausbuchtung, in der mehrere Kähne lagen. Der Zugang zum Kanal war nur sehr schmal und außerdem von riesigem Wurzelwerk bogenartig überbrückt. Dichtes, ineinander gewachsenes Strauchwerk deckte den Zugang vom Kanal aus fast gänzlich ab. Die Natur hatte hier ein von außen kaum wahrnehmbares Tor und dahinter einen versteckten Hafen geschaffen, von dessen Existenz niemand etwas ahnen konnte, der draußen vorüberfuhr. John besah sich die kleine, von steilen Ufern umgebene Wasserfläche; er hatte das Kielboot und seine Insassen unmittelbar vor sich. Wüste Gesellen waren das, wahrhaftig, nicht nur der Kleider wegen, die schmutzig und zerlumpt waren. In den Lumpen steckten kräftige, teilweise vierschrötige Gestalten mit Galgengesichtern. Die Gürtel der Männer waren mit Messern und Pistolen gespickt; auf dem Boden des Bootes lagen mehrere Büchsen.

Vom Hafen aus führten im Erdreich ausgehobene treppenartige Stufen zu der bewaldeten Anhöhe hinauf. Unmittelbar vor dieser Treppe hatte das Fahrzeug, dessen Vorderteil mit Ballen, Fässern und Säcken beladen war, angelegt.

Der Mann, der vorher das Steuer geführt hatte, offenbar der Anführer der Bande, befahl jetzt einigen Männern, die Ladung an Land zu bringen. Der Befehl wurde ausgeführt, die Männer beluden sich und keuchten mit ihren Lasten die künstliche Treppe hinauf, der Steuermann als letzter; das leere Boot blieb, leicht vertäut, vor der Treppe liegen. John, der sich ja bereits oben befand, folgte den landein Schreitenden in einigem Abstand lautlos. Erst jetzt, da er sie aus nächster Nähe erblickte, konnte er die räubermäßige Ausstattung der Burschen genau in Augenschein nehmen. Sie trugen teilweise zerrissene Jagdhemden, teilweise alte Seemannsjacken; unter breitrandigen Filzhüten wirkten die sonnverbrannten, narbenzerrissenen und von verwilderten Haaren umgebenen Gesichter wenig vertrauenerweckend. Einige trugen hohe Stiefel, andere indianische Mokassins; ausnahmslos waren sie bis an die Zähne bewaffnet. Sie schwätzten und lachten, während sie ihre Lasten durch den Wald schleppten; französische und englische Laute drangen an Johns Ohr.

Nach etwa hundert Schritten betraten die Männer, zweifellos Banditen, eine Rodung, in deren Mitte ein von einem palisadenartigen Zaun umgebenes Blockhaus stand.

»Hallo!« brüllte der Anführer. »Hallo, Skroop, alte Wasserratte! Wo steckst du? Ich mach dir gleich Beine!«

Eine Minute etwa verging, dann öffnete sich eine Tür in der Palisadenwand, und ein breitschulteriger Mann mit einem Stelzfuß kam herausgehumpelt.

»Seid ein bißchen höflicher, Hollins«, brummte der Alte. »Habt lange genug auf euch warten lassen. Will euch übrigens gleich sagen: Hab' die Geschichte satt bis zum Hals. Setzt einen anderen hierher, den Bengel zu bewachen. Oder dreht ihm von mir aus das Genick um. So oder so, ich jedenfalls habe es satt!«

»Halt's Maul, Skroop, altes Ungeziefer«, versetzte der mit Hollins angeredete Banditenführer. »Da seht her, was wir bringen: Rum, Tabak, allerlei Freßbares! Wird dich, denk' ich, beruhigen und das Gleichgewicht deiner Seele wieder herstellen.«

»Will hier nicht länger Kindermädchen spielen«, brummte der Stelzfuß. »Setzt einen anderen her.«

»Wie befindet sich Mylord?«

»Der Idiot sitzt den ganzen Tag da, ohne das Maul aufzumachen.«

»Und das gefällt dir natürlich gar nicht, was ich dir nachfühlen kann. Na schön! Allons, tragt die Sachen ins Haus. Will Mylord gleich meine Aufwartung machen. Skroop, sorge gleich für heißes Wasser. Brauchen gleich eine Herzstärkung; der durstige Bill verschmachtet uns sonst.«

Lachend verschwand einer der Burschen nach dem anderen hinter den Palisaden.

John, der diesen Vorgängen mit begreiflicher Aufmerksamkeit gelauscht hatte, trat jetzt eilig den Rückweg an, begann die Dunkelheit doch bereits hereinzubrechen. In wenigen Minuten erreichte er die Stelle, wo die Jolle lag, in der sein Vater und der Bootsmann Bob unruhig auf ihn warteten. Schnell glitt er ins Boot und berichtete den aufhorchenden Männern von seinem Erlebnis.

»Eine tolle Schweinerei. Wollen später beraten, was zu tun ist. Jetzt erst einmal fort«, sagte Bob Green und zog die Jolle aus der kleinen Bucht heraus. Mit einem gewaltigen Stoß stieß er das kleine Fahrzeug dann vom Ufer ab und ließ es in den Kanal hineingleiten. Noch war es eben hell genug, um die Einzelheiten der Landschaft erkennen zu können.

»Sonderbare Dinge habt Ihr uns da erzählt, John«, sagte Bob, während sie so geräuschlos wie Vögel zwischen den Inseln dahinglitten. »Ein Blockhaus und ein Gefangener darin – ›Mylord‹ kann natürlich eine Verhöhnung sein, aber immerhin, sonderbar genug.«

»Habt ja selbst von den Seepiraten gesprochen«, versetzte der Alte; »wird also wohl seine Richtigkeit haben. Vielleicht hat John den Schlupfwinkel der Bande ausfindig gemacht.«

»Hätte nicht übel Lust, dem Hafen einen Besuch abzustatten und die Boote zu kapern«, sagte Bob; »dann könnten die Herrschaften auf ihrer Insel Robinson spielen.«

Elias Burns schüttelte den Kopf: »Das würde wahrscheinlich wenig nützen. Erstens haben die Kerle sicherlich noch andere Schlupfwinkel in diesem Insellabyrinth, und zweitens sind die Kanäle nicht breit und leicht zu durchschwimmen.«

»Hätte trotzdem Lust, es zu versuchen.«

»Und das Gesindel damit erst auf unsere Spur zu hetzen.«

»Vielleicht. Aber es wäre jedenfalls ein Hauptspaß – hätten wir nur drei, vier weitere Büchsen, wir wollten den Burschen schon warm machen.«

Die Jolle glitt in ziemlicher Ufernähe langsam dahin. Plötzlich hörten die Männer von der Seeseite her abermals Ruderschläge, die schnell näherkamen. Bob zog das Boot dicht unter die überhängenden Äste der Uferbäume; bei der inzwischen herrschenden Dunkelheit war es so völlig unsichtbar. Die Männer umklammerten die Büchsen und verhielten vor heimlicher Erregung den Atem.

Eine Jolle, ähnlich ihrer eigenen, näherte sich. Sie war mit zwei Männern besetzt, von denen nur einer die Ruder führte. Fast unmittelbar vor ihrem Versteck hielt das Boot. Im schwachen Licht des fahlen Himmels war noch eben zu erkennen, daß der im Stern sitzende Mann einen dreieckigen Hut und einen Kapottmantel trug; der andere war wie ein Seemann gekleidet. »Der Teufel soll's holen, Sir Edmund«, sagte der Ruderer, sich nach allen Seiten umblickend, »ich kann bei der verwünschten Dunkelheit die Insel nicht finden. Es ist schon bei Tage nicht einfach. Sie muß in der Nähe sein, das ist sicher, aber in der Nacht sieht ein Baum wie der andere aus. Hätte uns der Sturm nicht gezwungen, an Land zu gehen, wir wären längst da.«

»Sperr die Augen auf, Mann!« schalt der Mann im Stern mit einer noch jungen, aber harten und kalten Stimme, »die Insel ist an ihren felsigen Uferrändern leicht zu erkennen. Du bist zu weit nach rechts abgekommen.«

»Mag sein«, brummte der andere. »Wie soll man bei Nacht, ohne alle Zeichen, den richtigen Kurs halten?«

»Fahr' in den Kanal hinein, der dort links abzweigt.«

»Schön. Übrigens ist's zweifelhaft, ob Ihr Hollins antrefft.«

»Das wird sich finden. Vorwärts!«

Der Seemann setzte die Ruder ein und wandte sich nach links. Bald darauf war die Jolle in der Dunkelheit untergetaucht. Nur das Geräusch der an die Dollen anschlagenden Riemen war noch eine Zeitlang zu hören.

Die drei Männer in ihrem Versteck hatten der kurzen Unterhaltung schweigend gelauscht und horchten nun den allmählich verklingenden Geräuschen der Bootsriemen nach.

»Verdammt merkwürdige Geschichte!« knurrte Bob Green schließlich.

»Keine Gegend für mich«, brummte der alte Burns. »Wollte, die Molly schwämme schon wieder auf dem Ontario. Wollen sehen, daß wir jetzt weiterkommen.«

»Hoffentlich finden wir die Sloop. Aber wir werden schon. Leider steht der Polarstern nicht am Himmel, und die Kompaßnadel wird bei der Finsternis auch nicht zu erkennen sein. Nun, wollen sehen.« Er schob, von Ast zu Ast über sich greifend, die Jolle aus ihrem Versteck heraus und sah gleich darauf zu seiner Freude, daß das Sternenlicht ausreichte, die Kompaßnadel erkennen zu lassen. Um sich in dieser zweifellos gefährlichen Gegend nicht durch das Rudergeräusch zu verraten, richteten sie den Mast wieder auf und setzten das Segel. Der leichte Abendwind trieb sie schnell durch das Inselgewirr. Zwei Stunden später hielten sie vor dem gestrandeten Schiff.

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