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Der König der Miami

Franz Treller: Der König der Miami - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Treller
titleDer König der Miami
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
year1954
correctorreuters@abc.de
senderChristoph Götz
created20080210
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Die weiße Squaw

Die Sonne stand bereits hell am Himmel, als John erwachte. Er schlug die Augen auf und wandte sie Ni-kun-tha zu, der bereits neben ihm hockte und aufmerksam die Büchsen untersuchte, die er den Irokesen abgenommen hatte. Die für ihn selbst bestimmten neuen Waffen, die der Miami ihm beschafft hatte, lagen bereits neben ihm; der Anblick erfüllte ihn mit Freude und Dankbarkeit und auch mit neuem Mut. »Ni-kun-tha«, begrüßte er den roten Freund, »du bist wahrhaftig ein großartiger Bursche; ich denke, wir werden gute Freunde bleiben, was?«

Der Indianer verzog das Gesicht zu einem breiten Lächeln: »Schnelle Büchse und Schneller Falke gut Freund!« bestätigte er. Er kramte in den Jagdtaschen der gefallenen Seneca-Krieger herum und brachte etwas gedörrtes Fleisch zutage, das beide mit gutem Appetit verzehrten.

»Was beginnen wir nun, Falke?« sagte John, »ich sorge mich sehr um meinen Vater. Glaubst du, daß die Irokesen ihn gefangen haben?«

»Irokesen – Huronen – vielleicht. Beide fort. Weiße Männer nicht klug genug, roten Männern zu entgehen. Vielleicht gefangen.«

»Also müssen wir versuchen, den Gefangenen Hilfe zu bringen. Jedenfalls müssen wir sie finden.«

Der Indianer starrte scheinbar abwesend vor sich hin. Er hob den Kopf und sah seinen Gefährten mit einem dunklen Blick an. »Ni-kun-tha weiß nicht viel von den Blaßgesichtern – Yengeese und Frenchers«, sagte er. »Beide kamen in das Land des roten Mannes, es zu nehmen. Ni-kun-tha sieht: sie sind groß und mächtig, haben viele Krieger, die großen Väter über dem Wasser schicken immer mehr. Schlimm! Sehr schlimm! Streiten seit vielen Sommern – Inglis und Frenchers, wer mit dem roten Mann handeln soll, im Ohiotal, vom Scioto bis zum Nae-messissipu. Tana-ca-ris-son, Ni-kun-thas Vater, schloß einen Vertrag mit den englischen Vätern und stand zu ihm – ein Miami steht zu seinem Wort – und die Yengeese dankten es ihm mit Treue. Tana-ca-ris-son entstammt der Sippe des großen Mitschi-ki-nikwa; Mitschi-ki-nikwas Sippe herrscht seit vielen, vielen Sommern über die Völker der Miami. Tana-ca-ris-son sandte immer wieder Boten an die englischen Väter in Virginien und Pennsylvanien und sagte ihnen, sie sollten kommen und große, feste Häuser bauen an den Strömen, weil die Frenchers aus den Kanadas immer wieder Händler und Boten mit reichen Geschenken brachten und Unruhe in die Dörfer der Miami trugen. Aber die Inglis kamen nicht; sie ließen ihre roten Freunde allein. Da sagten die Miami: ›Was sollen wir mit Freunden, die nicht kommen, wenn wir sie rufen?‹ Und immer mehr Frenchers kamen, und sie brachten immer mehr Geschenke, und die Herzen der Miami wurden weich.«

Der junge Indianer sah über John hinweg, als blicke er in eine endlose Ferne. Er fuhr fort:

»Dann kamen die Frenchers mit den Irokesen nach Piqua und verlangten, mein Vater solle ihnen die Yengeese herausgeben, die seine Gäste waren. Tana-ca-ris-son brach den Freunden die Gastfreundschaft nicht, aber die Stämme der Miami standen nicht mehr zu ihm; er mußte mit wenigen Getreuen kämpfen und fiel im Kampf. Piqua sank in Asche. Ni-kun-tha aber mußte mit wenigen Kriegern zu den Shawano fliehen. Die Frenchers hatten die Häupter der Miami vernebelt, sie sahen nicht mehr, was gut und was böse ist. Und Ni-kun-tha tat wie sein Vater: Er sandte Boten an die englischen Väter in Virginien und Pennsylvanien, Hilfe erbittend, und er ging selbst nach Norden an den Ontario. Er wollte den Häuptlingen der Yengeese sagen, sie sollen die Frenchers am Niagara angreifen, bevor sie nach Süden in unser Land ziehen könnten. Ni-kun-tha hat die Grade Zunge gesprochen. Die Grade Zunge hat ihm gesagt, die Yengeese hätten nicht genug Krieger und keine großen Kanus, sie könnten die Frenchers und ihre roten Verbündeten im Norden nicht zurückhalten, nur vom Süden könne Hilfe kommen. Mein weißer Bruder hat selbst gesehen, wie die großen Kanus der Methi-kosche den Ontario beherrschen, wie ihre Krieger mit den Irokesen die Wälder durchziehen, über den Shenandoah und den Mononghahela. Die Frenchers sind sehr schnell, die Yengeese sind langsam wie die Schnecke am Boden. Die Rotröcke leuchten weit in den Wäldern; der Hurone sieht sie, lange bevor sie ihn sehen –.«

Der Indianer streifte John mit einem beinahe abwesenden Blick und sagte, indessen ein dunkles Lächeln seine schmalen Lippen umspielte:

»Einen weißen Häuptling gibt es, der stark und klug genug ist, mit Frenchers und Irokesen zu kämpfen. Er hat oft am großen Ratsfeuer in Piqua gesessen. Ni-kun-tha kennt ihn. Die Yengeese haben keinen größeren Krieger. Wir nennen ihn Feuerauge. Ni-kun-tha weiß nicht, wie die Inglis ihn nennen, aber er ist stolz und stark und kühn. Er wird den Frenchers entgegentreten, und er wird sie schlagen, wenn die Kolonien ihm Krieger und große Büchsen genug geben. Feuerauge kommt von Südwesten. Alle Frenchers, Irokesen und Huronen ziehen nach Süden. Wenn Nana-bosch will, werden sie mit Feuerauge zusammentreffen. Ist der Vater meines weißen Bruders von Huronen oder Irokesen gefangen, wird er mit nach Süden geführt werden; auch wir müssen nach Süden. Dort kommen die Shawano, bei den Shawano sind Ni-kun-thas Krieger. Ni-kun-tha muß zum Ohio, er muß zu seinem Volk, das in Not ist. Es ist Zeit.«

John hatte den langen Ausführungen des jungen Indianers aufmerksam gelauscht. Ni-kun-tha, ein roter Mann, ein »Wilder«, wie die Weißen geringschätzig zu sagen pflegten, übersah die politischen und die kriegerischen Vorgänge an der Grenze besser als er, der Weiße, der sich, auf der stillen Farm am Genesee lebend, um die Ereignisse der Außenwelt kaum gekümmert hatte.

»Ni-kun-tha«, sagte John, »ich bin überzeugt, daß du in allem recht hast. Klar ist ohnehin, daß wir uns nicht trennen. Auch denke ich ohne meinen Vater nicht an den Genesee zu gehen. Laß uns also gemeinsam nach Süden ziehen.«

Ni-kun-tha nickte: »Nichts Besseres tun. Kämpfen dort gegen Frenchers und Irokesen, suchen alten Mann, Großen Büffel und Goldhaar. Denke, werden sie finden.«

Sie nahmen Waffen und Geräte auf und machten sich durch den hochstämmigen Wald auf den Weg. »Wir müssen auf diese Weise aber doch durch die feindlichen Linien«, sagte John. »Meinst du, daß es uns gelingen wird, ungesehen durchzuschlüpfen?«

Der Indianer schüttelte den Kopf: »Umgehen ihn. Ich hören, Feuerauge einmal sagen, er greife den von Norden kommenden Feind stets von Westen aus an.«

»Feuerauge! Wie das klingt. Wenn es sich um einen so großen englischen Krieger handelt, wie du sagst, müßte ich ihn doch dem Namen nach kennen.«

»Mein weißer Bruder kennt seinen Namen gewiß. Ni-kun-tha kann ihn nicht sagen in der Sprache der Inglis. Die Miami sagen: Er Manitus Liebling. Ni-kun-tha hat oft seinen Worten gelauscht, wenn er in Piqua war. Er immer sagen: Rotröcke gut, sehr tapfer. Gut gegen weiße Krieger, nicht gut im Wald. Koloniemann besser. Feuerauge auch Koloniemann.«

»Ein Mann der Kolonien ist dein Feuerauge? Ein Offizier der Miliz vielleicht? Nun, ich bin gespannt, zu erfahren, wen du meinst.«

»Mein Bruder wird ihn bald sehen, denke ich.«

Als die beiden Gefährten nach kurzer Mittagsrast ihren Marsch fortsetzten, kreuzten sie zu ihrer Überraschung plötzlich die Spur zweier Indianer, die augenscheinlich völlig sorglos, wie im tiefsten Frieden, nebeneinander hergewandert waren. Obgleich Irokesen und Huronen und andere ›französische Indianer‹ sehr wahrscheinlich schon sehr viel weiter nach Süden vorgestoßen waren, war größte Vorsicht natürlich nach wie vor geboten; die beiden folgten deshalb mit schußfertigen Büchsen der Spur, jeden Augenblick gewärtig, von den Waffen Gebrauch machen zu müssen.

Sie mochten etwa hundert Schritt zurückgelegt haben, als sie auf einer kleinen Lichtung zwei nebeneinander hockende rote Männer gewahrten, vor denen ein kleines Feuer brannte. John hatte mittlerweile immerhin genug Erfahrung gesammelt, um sogleich zu erkennen, daß sie weder Skalplocke noch Kriegsbemalung zeigten. Davon abgesehen ließ ihre ganze sorglose Art darauf schließen, daß sie sich nicht auf dem Kriegspfad befanden.

Nachdem sie die beiden Indianer eine Zeitlang stumm beobachtet hatten, sagte Ni-kun-tha leise: »Lenni-Lenape. Schildkröten-Delawaren.«

»Freunde der Engländer?«

»Vielleicht. Einige Lenni-Lenape Freunde, andere nicht. Sind aber nicht auf dem Kriegspfad.«

»Was tun wir, Falke?«

»Ni-kun-tha wird mit ihnen reden. Vielleicht wissen und sagen sie, wo Irokesen sind. Mein weißer Bruder bleibe hier. Wenn Ni-kun-tha sich ihm zuwendet und die Hand hebt, mag er kommen. Wenn nicht, bleibe er hier, bis Ni-kun-tha zurückkommt. Zeigen sie sich feindlich, dann schießen.«

John nickte, und der Häuptling schlug die Büsche auseinander und ging, die Büchse im Arm, ruhig auf die am Feuer Hockenden zu. Die Delawaren sahen ihn kommen, blickten ihm ruhig entgegen und rührten sich nicht. John sah, wie der Miami sie auf indianische Weise begrüßte und mit ihnen sprach. Nach einiger Zeit wandte Ni-kun-tha das Gesicht und hob die Hand. Auch John trat aus dem Gebüsch heraus und schritt auf das Feuer zu. Er fand neben seinem Freund zwei kräftige, etwas untersetzte braune Gestalten, Männer in den Vierzigern mit dunklen, hart geschnittenen Gesichtern. Einer der beiden reichte dem jungen Weißen nach europäischer Sitte die Hand und sagte in gut verständlichem Englisch: »Die Delawaren vom Totem Schildkröte sind Freunde des Inglis. Das Blaßgesicht ist an unserem Feuer willkommen.«

John drückte die dargebotene Hand, begrüßte auch den zweiten Delawaren und ließ sich am Feuer nieder, an dem saftige Stücke eines Rehrückens einen lieblichen Duft verbreiteten.

Der Delaware, der ihn zuerst begrüßt hatte, wandte sich jetzt an Ni-kun-tha: »Mein junger Bruder hat schon einen Namen?«

»Ni-kun-tha, der Schnelle Falke, ist der Sohn Tana-ca-ris-sons, des großen Sagamoren der Miami-Völker«, antwortete der Angeredete nicht ohne Stolz.

Die beiden Delawaren ließen einen leisen Überraschungsruf hören: »Oh, Ni-kun-tha ist der Sohn eines großen Häuptlings, dessen Name allen roten Männern bekannt ist.« Sein Blick streifte den Gürtel des jungen Indianers: »Mein Bruder hat Skalpe genommen?«

»Ni-kun-tha und sein weißer Freund waren in die Hände der Seneca gefallen. Sie wollten uns zu ihren Dörfern bringen. Aber der Panther zerreißt seine Schlingen. Ni-kun-tha hat sie getötet und ihre Skalpe und Waffen genommen.«

In den Augen der beiden Delawaren blitzte es auf. »Ni-kun-tha wird wie sein Vater ein großer Häuptling werden«, sagte der eine. »Die Seneca sind Hunde!«

Sie aßen gemeinsam von dem duftenden Rehfleisch und entzündeten danach die Pfeife, die schweigend kreiste und auch den jungen Weißen nicht überging. Nach einem Weilchen sagte Ni-kun-tha: »Meine Brüder sind weit von ihren Dörfern entfernt. Gingen sie der Spur eines Bären nach?«

»Nein«, antwortete einer der Delawaren, »die Häuptlinge sandten uns aus, den Wampun des Friedens zu den Pottawatomi zu bringen, um sie gleich den Lenni-Lenape vom Kampf zwischen Frenchers und Inglis zurückzuhalten. Pottawatomi und Lenni-Lenape sind Freunde.«

»Werden die Pottawatomi die Streitaxt begraben halten?«

»Die großen Väter in den Kanadas sind sehr mächtig und reich; sie schickten Boten mit vielen Geschenken; die Pottawatomi tanzten wie die Ottawa den Kriegstanz.«

Der Miami sah düster vor sich hin.

»Wohin wird der junge Häuptling seine Schritte jetzt lenken?«

»Ni-kun-tha geht nach Süden zu den Shawano, wo seine Krieger weilen. Er hat den englischen Vätern Treue geschworen und will sie halten. Er will an der Seite der Yengeese kämpfen.«

Der Delaware nickte: »Es ist gut. Der junge Häuptling wird Ruhm ernten. Ta-juga wollte, auch die Delawaren hätten die Streitaxt ausgegraben.« Wieder trat eine Weile Schweigen ein, dann fuhr der ältere Delaware fort: »Mein junger Bruder ist kühn und klug, aber er ist fremd hier in den Wäldern; weiß er, daß er, wenn er weiter südwärts geht, auf ein Dorf der Ottawa trifft?«

»Was?« fuhr John auf, »sind wir schon so nahe am Erie?«

»Erie nicht mehr sehr weit.«

»Und wo liegt, von hier aus, der Genesee?«

»Genesee im Norden. Wir kommen vom Ontario und haben ihn gekreuzt.«

»Und – fandet ihr alles friedlich dort?«

»Der Ottawa war dort«, entgegnete der Delaware kurz.

John fühlte, wie er blaß wurde; unwillkürlich begann er zu zittern. »Sie waren oft dort«, flüsterte er, »meinst du, auf dem Kriegszug? Ist Blut geflossen?«

»Viele Männer und Weiber erschlagen.«

John unterdrückte mit Mühe einen Schrei und hatte alle Kraft nötig, um sich zu beherrschen. Er dachte des friedlichen Hauses da oben in den Wäldern, der Schwester – er konnte nicht weiter denken. »Mein Gott!« stammelte er.

»Mein weißer Freund hat seinen Wigwam am Genesee«, schaltete Ni-kun-tha sich ein, »er denkt an seine Schwester.«

»Ta-juga weiß, die Ottawa haben eine junge weiße Squaw mitgeführt, sie soll das Weib eines großen Häuptlings werden.«

»Delaware, du warst am Genesee«, fuhr John in hoher Erregung fort, »warst du dort, wo der See im Tal die scharfe Biegung nach Osten macht?«

Der Delaware nickte: »Eben dort. Wir kamen vorbei, als wir zu den Pottawatomi zogen. Die weißen Leute bewiesen uns Gastfreundschaft. Als wir nach Norden gingen, sahen wir die Weiße Rose; als wir zurückkamen, sahen wir sie nicht mehr; man sagte uns, der Ottawa habe sie gepflückt, um damit den Wigwam eines Häuptlings zu schmücken.«

»Wie sah das Mädchen aus, das du Weiße Rose nennst? Wohnte sie am Wasserfall bei den Mühlen?«

»Am Wasserfall. Sehr schöne Squaw, Haare wie Maisstroh, Augen wie Himmel.«

»Es ist kein Zweifel!« murmelte John, aufs äußerste erschüttert. Er sah die ruhigen, ausdruckslosen Augen der Indianer und beherrschte sich. Ni-kun-tha sagte: »Vor uns liegt ein Ottawadorf?«

»Mein Bruder erreicht es, bevor noch die Sonne sinkt«, antwortete der Delaware.

»Gut. Die Krieger des Dorfes sind gewiß auf dem Weg nach Süden?«

»Es wird so sein. Alle Ottawa sind auf dem Kriegszug.«

»Waren die Männer jenes Dorfes vorher am Genesee?«

»Sie waren es.«

»So wäre es also möglich, daß die junge Squaw in einem Wigwam dieses Dorfes weilt?«

»Es ist möglich.«

Die letzten Fragen und Antworten waren in einem Algonkindialekt gewechselt worden, von dem John nur sehr wenig verstand. Er sah noch immer verstört vor sich hin, sein Gesicht war totenblaß, seine Augen flackerten unruhig. Die beiden Delawaren erhoben sich und erklärten, daß sie sich auf den Weg machen müßten; sie beabsichtigten, in südöstlicher Richtung weiterzugehen. Sie grüßten die beiden Freunde in indianischer Weise mit der Hand auf dem Herzen und gingen über die Lichtung davon.

»Mein weißer Bruder ist traurig«, sagte Ni-kun-tha. »Weiße Squaw vielleicht seine Schwester. Mein Bruder mag Mut fassen. Ni-kun-tha wird in das Dorf der Ottawa gehen und sehen, ob die Weiße Rose dort weilt.«

»Wie?« fuhr John auf, »du meinst, sie könnte so nahe sein?«

»Die Delawaren sagten, es sei sehr gut möglich.«

»Aber kannst du dich unter die Ottawa wagen?«

»Sie werden Ni-kun-tha für einen Freund halten. Komm!«

Fiebernd vor Aufregung folgte der junge Weiße dem voranschreitenden Indianer. Der Himmel begann sich eben im Westen zu röten, als sie die Wigwams des Ottawadorfes erblickten. Ni-kun-tha sah sich nach einem geeigneten Versteck für John um und fand es in der Höhlung eines umgestürzten Baumriesen. »Hier warten«, sagte er kurz und schritt unbekümmert aufrechten Schrittes auf das Dorf zu. Zwischen den ärmlichen Tipis zeigte sich nur wenig Leben. Ein paar Kinder spielten im Gras; hier und da hockte ein älterer Mann pfeiferauchend vor einem Wigwam, da und dort zeigten sich ein paar Frauen.

Ni-kun-tha blickte sich um und erkannte die Ratshütte. Zwei alte Krieger saßen davor und sahen ihm forschend entgegen. Der junge Häuptling ging auf die Männer zu, legte die rechte Hand auf das Herz und verneigte sich tief. Dann sagte er im Miami-Dialekt: »Ma-ho-ri, der Miami vom Stamme der Waiwachta, grüßt die Häuptlinge der Ottawa und bittet, ihn an ihrem Feuer schlafen zu lassen.«

Die verschiedenen Dialekte der Algonkinvölker – sowohl Miami als Ottawa gehören dieser Sprachgruppe an – machten seine Worte den Häuptlingen ohne weiteres verständlich. In den Blicken der beiden Alten war leises Mißtrauen zu lesen. Der Miami trug keine Kriegsfarben und hatte wohlweislich auch die erbeuteten Skalpe zurückgelassen. »Wie kommt der Miami, noch dazu von Norden her, zu den Wigwams der Ottawa?« fragte der ältere der beiden.

»Ma-ho-ri ist der Läufer seines Stammes«, antwortete Ni-kun-tha; »er war ausgesandt, den Kriegswampun zu den Pottawatomi zu tragen, der sie zu den Miami an den Ohio laden soll, um Skalpe der Yengeese zu nehmen.«

»Mein Bruder hat dann einen großen Umweg gemacht.«

»Er traf bei den Pottawatomi zwei Lenni-Lenape vom Totem Schildkröte, die den Friedenswampun trugen, der die Pottawatomi zu Weibern machen soll; ihnen schloß er sich auf dem Rückweg an. Wir haben uns erst heute getrennt.«

Das trug um so mehr den Anschein der Wahrheit, als die beiden delawarischen Sendboten auf ihrer Fahrt nach Norden in diesem Dorf gerastet hatten.

»Und«, fragte der Ottawa wieder, »haben die Pottawatomi sich durch die süßen Reden der Delawaren einschläfern lassen?«

»Nein, meine Väter. Die Pottawatomi haben den Wampun der Miami genommen und das Beil ausgegraben. Sie sind auf dem Wege, um gegen die Inglis zu kämpfen.«

»Das ist gut.« Der alte Ottawa nickte. »Die Delawaren sind Weiber.«

Das Mißtrauen der Ottawa schien beschwichtigt, denn der Miamistamm, als dessen Angehöriger Ni-kun-tha sich ausgegeben hatte, war, wie jener wußte, zu den Franzosen übergegangen. Nach kurzem Schweigen sagte der ältere Ottawa: »Der Miami ist an den Feuern der Ottawa willkommen. Man wird ihm zu essen geben und ihm einen Wigwam anweisen.«

Nachdem die Pfeife ihren Kreis gegangen war, wurde Ni-kun-tha durch einen herbeigerufenen Knaben zu einem unweit gelegenen Wigwam geführt, der leer stand. Der Miami ließ sich vor dem Eingang des Tipis nieder und sah sich mit ruhigen Blicken um. Rechts und links lagen in regellosem Durcheinander die spitzen Fellhütten; viele von ihnen waren gänzlich vereinsamt, da die Krieger sich auf dem Marsch befanden, andere waren nur von Weibern und Kindern bewohnt. Ihm fast gegenüber erhob sich eine etwas größere und solider gebaute Hütte. Ihre Fellwände waren mit Tier- und Menschengestalten kunstvoll bemalt; augenscheinlich war dies der Wigwam eines großen Häuptlings. Vor der Hütte loderte ein Feuer, über dem ein kupferner Kessel hing, dem Dampf entstieg. Während Ni-kun-tha, anscheinend ermattet vom langen Weg, nur blicklos vor sich hinzustarren schien, entging seinem scharfen Auge nichts von dem, was im Dorf vorging.

Aus dem Wigwam gegenüber trat jetzt eine ältere Frau heraus. Sie kam über die Dorfgasse zu ihm herüber und brachte ihm auf großen Blättern angeordnet, gebratenes Fleisch und geröstetes Korn. Höflich erhob sich der Miami, ging der Frau ein paar Schritte entgegen und nahm ihr die Gabe ab.

Die alte Ottawasquaw schien ein derartiges Benehmen von Männern nicht gewöhnt zu sein; ihr häßliches Gesicht verzog sich zu einem freundlichen Grinsen; sie sagte: »Der Miami ist ein guter Sohn. Er ist höflich.«

»Unsere Väter lehrten uns, einer Squaw ehrerbietig zu begegnen«, versetzte Ni-kun-tha.

»Das ist gut. Ich wollte, die Männer der Ottawa dächten ebenso.« Sie überließ ihm die Speisen und watschelte über die Dorfgasse zurück. Ni-kun-tha sah ihr nach und ging dann ein paar Schritte hinter ihr her. Sich umwendend, fragte die Frau: »Willst du noch etwas?«

»Würde die gute Mutter mir eine Schale mit Wasser reichen?« sagte der Miami, »Ma-ho-ri ist durstig.«

»Warte«, sagte die Frau und trat, das Eingangsfell beiseiteschiebend, in den Wigwam mit den Figuren auf den Fellwänden.

Sekundenlang durchdrang Ni-kun-thas Falkenblick das Halbdunkel der Hütte; er glaubte im Hintergrund das blonde Haar einer weißen Frau zu erkennen. Gleichgültig wandte er sich ab. Als die Frau wieder erschien und ihm eine Kürbisschale mit Wasser reichte, sah er in eine ganz andere Richtung. Er setzte die Schale an den Mund, löschte seinen Durst und reichte sie der Alten zurück. »Dein Mann nimmt Skalpe der Inglis?« sagte er.

»Mein Mann weilt bereits in den seligen Jagdgründen«, entgegnete die Alte, »ich sorge für Me-kon-tah, den Häuptling.«

»Ich hörte, Me-kon-tah ist ein gewaltiger Krieger.«

»Das ist er«, versicherte die Squaw, »sein Tomahawk trieft noch vom Blut der Yengeese im Geneseetal.«

Ni-kun-tha war überzeugt, sich vorhin nicht versehen zu haben. In diesem Wigwam weilte eine weiße Frau, sicherlich war es eine der Frauen vom Genesee; vielleicht war es Johns Schwester.

Da die Alte, von Ni-kun-thas Höflichkeit bestochen, zu plaudern begann, fragte der Miami weiter: »Der große Häuptling der Ottawa hat keine Squaw?«

Das Gesicht der Frau verfinsterte sich; sie sagte: »Meine Tochter war seine Squaw. Sie ist tot, und jetzt will er das heulende Blaßgesicht zum Weibe nehmen.«

»Oh, das ist nicht gut«, sagte Ni-kun-tha. »Kein roter Mann sollte eine weiße Squaw nehmen. Der Stamm der Kinder Manitus trägt süße und duftende Blüten.«

»Nana-bosch weiß, daß du recht hast.«

»Der große Häuptling wird es bedenken. Ich will ruhen, Mutter, ich bin müde vom langen Lauf. Ich danke dir für deine Gaben.« Er legte mit einer anmutigen Gebärde die Hand auf das Herz, verneigte sich höflich und schritt zu dem ihm angewiesenen Wigwam zurück, während die alte Frau das Tipi mit den aufgemalten Figuren betrat.

Ni-kun-tha legte sich nieder und lugte durch einen Spalt nach dem großen Wigwam hinüber. Nach einiger Zeit kam einer der alten Indianer, die ihn bei seiner Ankunft begrüßt hatten, und rief die Frau an. Sie trat unverzüglich aus dem Tipi heraus.

»Weint die Weiße Rose noch?« fragte der Alte.

»Sie weint«, antwortete die Frau, »sie ringt die Hände und spricht mit dem Großen Geist.«

»Hat sie Speise und Trank zu sich genommen?«

»Sehr wenig.«

Der Alte brummte etwas vor sich hin, was selbst die vor ihm stehende Squaw nicht verstehen mochte, dann sagte er: »Ist der Miami in dem Wigwam dort?« Er wies auf die gegenüberliegende Hütte, in der Ni-kun-tha lauerte.

Die Frau bejahte.

»Hat er die weiße Frau gesehen?«

»Nein.«

»Gut. Er soll sie auch nicht sehen.«

»Er wird sie nicht sehen.«

Ni-kun-tha hinter seinem Fellvorhang sprang blitzschnell zurück; der Alte hatte sich umgewandt und war auf sein Tipi zugekommen. Der Miami konnte sich eben noch ausstrecken, als der Vorhang schon zurückgeschlagen wurde. Ni-kun-tha atmete tief und regelmäßig. Der Alte nickte befriedigt, ließ den Fellvorhang fallen und trat zurück.

Der Miami blieb auf seiner Matte liegen, bis völlige Dunkelheit eingetreten war, dann erhob er sich und lugte durch den Spalt zu dem gegenüberliegenden Tipi hinüber. Das Feuer davor war niedergebrannt, aber innerhalb des Wigwams mußte ein Kienspan brennen. Matter Lichtschimmer drang heraus. Ni-kun-tha horchte; nichts war zu hören. Einer Schlange gleich kroch er unter der Tipiwand hinweg ins Freie. Und wieder lag er reglos und lauschte. Unhörbar, sich zentimeterweise am Boden vorarbeitend, kroch er zu dem Wigwam hinüber, bis er sich an dessen Rückseite befand. Hier wartete er, reglos lauschend, geraume Zeit. Er glaubte nach einer Weile schnelle, unregelmäßige Atemzüge zu hören, dann und wann von einem leisen Seufzer unterbrochen. Er meinte, nur eine Person atmen zu hören. War die Alte fort?

Da er keinen Spalt fand, um hineinsehen zu können, schnitt er mit dem Messer eine Öffnung. Und nun sah er in dem von einem Kienspan erzeugten rötlichen Dämmerlicht auf einer Matte aus Maisstroh eine Frau liegen, eine Weiße. Die Frau hatte die Hände vor dem Gesicht; ihre Schultern zuckten zuweilen wie im Krampf; ihr Kopf wurde von langem, blondem Haar umflattert. Von der Alten war nichts zu sehen. Ni-kun-tha überlegte, wie er die Aufmerksamkeit der weißen Frau erregen sollte, ohne sie zu erschrecken und so vielleicht Lärm zu verursachen. Einer plötzlichen Eingebung flüsterte er schließlich: »John? Johns Schwester, – he?«

Das Mädchen auf dem Lager fuhr ruckhaft auf; Ni-kun-tha sah in ein Paar schreckgeweitete Augen.

»Hört mich Johns Schwester?« fragte er wieder, gedämpft, mit kaum wahrnehmbarer Stimme.

»Wer«, flüsterte das Mädchen, »wer spricht da?«

»Freund!« raunte Ni-kun-tha, »Freund Johns vom Genesee.«

Das Mädchen stieß einen leisen Schrei aus und schlug sich gleich darauf vor den Mund. Was war das? Unzweifelhaft war es ein Indianer, der da mit ihr sprach; sie hörte es an der Aussprache des Englischen. Eine List? Eine Falle?

»Weiße Rose sehr vorsichtig«, flüsterte Ni-kun-tha. »Wenn die Ottawa erfahren, daß John und ein Freund hier – alles verloren.«

Jetzt hatte das Mädchen – tatsächlich war es Mary Burns – erkannt, woher die Stimme kam. Sie schickte sich an, vom Lager herunterzuklettern. Ni-kun-tha zischte: »Weiße Rose dableiben, hinlegen, Hände vor das Gesicht legen und hören, was Freund sagt.«

Wäre das denn möglich? Wäre es wirklich möglich? dachte Mary Burns. Aber sie folgte mehr instinktiv als bewußt den Anweisungen der Stimme, die jenseits der Zeltwand zu ihr sprach.

»Kommen in der Nacht – Weiße Rose holen«, flüsterte die Stimme.

»Wer – John?« flüsterte Mary zurück, »John Burns? Ist es wirklich wahr?«

»Ganz wahr. John in der Nähe versteckt. Kommen später, Schwester holen.«

»Mein Gott! Es wäre zu schön, es wäre –«; die Stimme ging in ein wildes Schlucken und Schluchzen über.

»Weiße Rose hinlegen – tun als ob schlafen, aber wachen«, sagte von der Tipiwand her die ruhige Stimme. »Hören, wenn Eule schreit. Dann John da. – Pst!« zischte er gleich darauf; er hatte Schritte gehört.

Mary, an allen Gliedern vor Aufregung bebend, sank auf das Lager zurück und bedeckte das Gesicht mit den Händen.

Die alte Indianerin betrat das Tipi, sie hatte eine Rumflasche in der Hand. Sie warf einen flüchtigen Blick auf die ihrer Wachsamkeit Anbefohlene und kauerte sich im Vordergrund nieder.

Ni-kun-tha schlich davon. Im Dorf schien alles zu schlafen; nur an einem etwas abseits brennenden Feuer saßen zwei alte Männer vor einer Hütte und ließen den Rumbecher kreisen. Sie mochten das Feuerwasser bei ihrem Zuge nach dem Genesee erbeutet haben. Im weiten Bogen umging der Miami das Feuer. Er wollte eben den Umkreis des Dorfes verlassen, als er eine auf ihn zu torkelnde Gestalt bemerkte. An dem phantastisch aufgeputzten Kopfschmuck und an dem mit allerlei geheimnisvollen Zeichen bedeckten Mantel, der ihm über die Schulter hing, erkannte er, daß er den Medizinmann des Dorfes vor sich habe. Der weise Mann hatte offenbar dem brennenden Wasser zu reichlich zugesprochen, denn er schwankte erheblich, fuchtelte mit den Armen und fiel schließlich zu Boden, wo er regungslos liegen blieb. Ni-kun-tha, dicht an ihn herantretend, hörte ihn gleich darauf schnarchen. Vorsichtig nahm er dem Schlafenden Kopfputz und Mantel ab und versteckte beides in einem Gebüsch, dann verließ er mit hastigen Sprüngen das Dorf, um John aufzusuchen.

Es mochte schon bald Mitternacht sein, als die in Unruhe und Erwartung schlaflos auf ihrem Lager liegende Mary einen leisen Eulenschrei vernahm, der so täuschend nachgeahmt war, daß sie zunächst glaubte, den Vogel selbst zu hören. Der fast abgebrannte Kienspan verbreitete ein unheimlich düsteres Licht. Mary richtete sich hastig auf und lauschte. Die alte Frau schien, betäubt von dem wahrscheinlich lange entbehrten Rum, fest zu schlafen. Ein leises Geräusch von der hinteren Zeltwand her lenkte die Aufmerksamkeit des Mädchens dorthin; mit heimlichem Grauen erblickte sie in einer Öffnung der Fellwand einen dunklen Kopf. Gleich darauf stand ein junger, schlanker Indianer aufgerichtet im Tipi, das blanke Messer in der Hand.

Mary wagte sich nicht zu regen. Der Indianer winkte ihr nur kurz zu und schlich mit katzenhaften Bewegungen zu dem Lager der Alten, wo er einen Augenblick reglos lauschend verharrte. Der starke Rumgeruch mochte ihm sagen, daß hier nichts zu befürchten sei.

Und nun hätte Mary doch beinahe aufgeschrien. Denn in der Öffnung der Tipiwand erschien jetzt Johns Kopf. Sekunden später lag sie fassungslos schluchzend in den Armen des jungen Mannes. Der Indianer löschte den Kienspan; völlige Dunkelheit herrschte im Raum.

»Vater? Wo ist der Vater?« flüsterte Mary.

»Komm erst, du wirst alles hören«, antwortete John.

»Zeit jetzt zu gehen«, mahnte der Miami.

Sie verließen das Tipi durch den dafür vorgesehenen Eingang. Ni-kun-tha hing dem Mädchen eine Decke über, die er in der Hütte aufgegriffen hatte. Er selbst hatte den Mantel und den Kopfschmuck des Medizinmannes aus dem Versteck geholt und legte beides jetzt an. John nahm die wiederholt strauchelnde Mary wie ein Kind auf den Arm und folgte mit ihr dem Voranschreitenden.

Plötzlich tauchte vor ihnen ein Indianer auf. Der Mann stutzte; als er indessen die Schellen des Medizinmannes hörte und schattenhaft die riesenhaft aufragende Gestalt hinter ihm gewahrte, wankte er mit einem Schreckensruf davon; auch er schien nicht mehr nüchtern.

Unbehelligt gelangten alle drei in den Wald und setzten noch in der Dunkelheit unter Aufbietung aller Vorsichtsmaßregeln ihren Weg fort.

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