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Der König der Miami

Franz Treller: Der König der Miami - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Treller
titleDer König der Miami
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
year1954
correctorreuters@abc.de
senderChristoph Götz
created20080210
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Ni-kun-tha – der Fuchs

Von sechs stämmigen, muskulösen Senecakriegern bewacht, torkelten John und Ni-kun-tha durch den hochstämmigen Urwald. Der zweite Tag eines bis zur Erschöpfung anstrengenden Waldmarsches neigte sich seinem Ende zu. In Johns Gesicht malten sich außer Ermüdung Zorn und Erbitterung; dazu quälte ihn die Sorge um den Vater, von dem er annehmen mußte, daß er mit den anderen ebenfalls in die Hände der Wilden geraten sei. Das Gesicht des neben ihm schreitenden Indianers war völlig ausdruckslos, nur in seinen dunklen Augen glimmte es zuweilen gefährlich. Sie waren am Vortage mit auf den Rücken gefesselten Händen bis zum Sonnenuntergang marschiert. Während der Nacht waren sie von ihren Wächtern mittels zweier kreuzweise übereinander gelegter Stäbe gefesselt worden. Zu diesem Zweck wurde der eine Stab quer über die Brust gelegt und an die nach rechts und links ausgestreckten Arme gebunden; der zweite Stab führte vom Kopf bis zu den Füßen; an ihm wurden Hals und Knöchel mit Schlingen befestigt.

In dieser entsetzlichen Lage hatten die beiden Gefangenen, auf dem Rücken liegend, unfähig zu der geringsten Bewegung, die Nacht verbringen müssen. Der Weitermarsch bedeutete ihnen unter diesen Umständen Erlösung von schrecklicher Qual.

Ni-kun-tha ging vor seinem weißen Gefährten zwischen zwei Irokesen. Er hinkte seit dem Morgen und schien äußerste Mühe zu haben, die Beine überhaupt zu bewegen. Doch ließ er keinen Schmerzenslaut hören und gab sich augenscheinlich alle Mühe, mit den anderen Schritt zu halten; trotzdem wurde die Marschgeschwindigkeit durch seinen Zustand erheblich verringert. Den Irokesen mochte das als eine List ihres roten Gefangenen erscheinen; sie trieben ihn jedenfalls immer wieder zur Eile an und bedrohten ihn mehrmals mit dem Tomahawk. Ni-kun-tha schwieg dazu, man sah, wie er die Zähne zusammenbiß und sich mühte, schneller zu gehen. Als einmal einer seiner Wächter einen Zweig abbrach und ihn damit über den Rücken schlug, knirschte er mit den Zähnen, und eine Flamme unverhohlenen Hasses brach aus seinen Augen. Doch kam nicht der geringste Laut über seine Lippen.

Allmählich wurde es Zeit, an das Nachtlager zu denken, denn es war offensichtlich, daß der Miami nicht mehr weit kommen würde; er schleppte sich nur noch mühsam dahin. Die Irokesen besprachen sich miteinander und faßten schließlich den Beschluß, am steilen Ufer eines Flusses, der überschritten werden mußte, Halt zu machen und bis zum Morgen zu lagern.

Bald loderte ein Feuer empor, und man bot den Gefangenen zu essen an. John nahm das ihm dargereichte Fleisch und aß, Ni-kun-tha dagegen, der gänzlich erschöpft schien, lehnte mit einer schwachen Gebärde ab; er sank mit einem leisen Aufstöhnen zu Boden. John beugte sich, äußerst erschrocken über ihn und fragte:

»Falke, was fehlt dir? Bist du krank?« Er erhielt keine Antwort; der Miami atmete schwer und keuchend; er hatte die Augen geschlossen.

Bald danach wurden beiden wie am Vorabend Hals, Arme und Beine an kreuzweis übereinander befestigten Stäben gebunden. Nachdem das geschehen war, ließen die Irokesen sich am Feuer nieder, um zu essen und zündeten sich alsdann ihre Pfeifen an. Die Sonne neigte sich stark, doch würden bis zum völligen Einbruch der Dunkelheit immerhin noch drei Stunden vergehen. Der um seinen indianischen Freund ernsthaft besorgte junge Burns erkundigte sich mehrmals nach dessen Befinden, erhielt aber außer einem leisen, dumpfen Stöhnen keine Antwort.

Es mochte eine halbe Stunde vergangen sein, als ein Röcheln die Aufmerksamkeit der am Feuer hockenden Krieger auf Ni-kun-tha lenkte. Einer der Indianer erhob sich und näherte sich dem Gefangenen. Auf seinen erstaunten Ruf kamen dann auch die anderen heran. Der Miami lag regungslos, die leicht geöffneten Lippen waren mit Schaum bedeckt, die Augen, von denen fast nur das Weiße zu sehen war, starr nach oben gerichtet, die Züge schienen völlig erschlafft; ein leises Zittern lief durch den ganzen Körper.

Einer der Irokesen untersuchte die Schlinge, mit der Ni-kun-thas Hals an den Stab gefesselt war, aber sie saß locker genug; sie konnte den Zustand des Gefangenen nicht herbeigeführt haben. Die Indianer zeigten sich jetzt ernsthaft besorgt; es wäre ihnen außerordentlich schmerzlich gewesen, wenn der Miamihäuptling gestorben wäre, bevor er den Marterpfahl erreichte. Sie wechselten hastig ein paar Worte, dann wurde Ni-kun-tha von der Stabfesselung befreit. Sie versuchten, ihn aufzurichten, aber der augenscheinlich völlig kraftlose Körper brach sogleich wieder zusammen und blieb regungslos wie zuvor liegen, die halb verdrehten Augen glanzlos nach oben gerichtet.

Ein alter Seneca, der zweifellos in allen Listen der Wälder geübt war, sagte: »Der Miami will sterben. Es ist besser, er stirbt unter dem Tomahawk eines Kriegers als gleich einem räudigen Hund.« Damit wirbelte er den Tomahawk um den Kopf und ließ ihn mit voller Wucht niedersausen. Der Schlag war mit solcher Geschicklichkeit geführt worden, daß die Schneide der gefährlichen Waffe dicht neben dem linken Ohr des scheinbar fast Toten in die Erde fuhr. Gleichwohl zuckte in dem Gesicht des Jungen Miami nicht eine Wimper; die Züge blieben schlaff und erstarrt, der Mund stand, wie vorher, halb offen.

»Er ist vom bösen Geist besessen«, flüsterte der Anführer der kleinen Schar, »setzt ihn dort an den Baum und reibt ihm die Brust.«

Zwei Krieger ergriffen den schlaffen Körper des Gefangenen, schleppten ihn nach dem bezeichneten Baum und lehnten ihn in sitzender Stellung mit dem Rücken gegen den Stamm. Sie rieben ihm eifrig Brust und Schläfen, und diese Behandlung schien denn auch Erfolg zu haben, denn nach einem Weilchen begann der offenbar Bewußtlose zu atmen und machte einen freilich vergeblichen Versuch, den Kopf zu erheben. Weiter rieben die Seneca ihm Brust und Rücken. Ein dumpfes Stöhnen entrang sich den halboffen Lippen des Zusammengesunkenen.

John, der kein Glied zu rühren vermochte, konnte von dem, was um ihn herum vorging, nur wenig sehen; er befand sich in großer innerer Erregung. Ni-kun-tha saß jetzt aufrecht unter dem Baum. Seine Augen waren geschlossen und sein Atem ging unregelmäßig, dann und wann lief ein krampfhaftes Zittern durch seinen Körper.

Wäre der Blitz vom heiteren Himmel herniedergefahren, die Seneca hätten nicht entsetzter sein können, als jetzt, da der allem Anschein nach halbtote Miami plötzlich mit einem Satz, der einem Panther Ehre gemacht hätte, emporschnellte und mit einem zweiten, noch gewaltigeren Sprung über die steil abfallende Uferwand setzte und verschwand. Nur der Alte, der den Tomahawk noch in der Hand hielt, war geistesgegenwärtig genug, ihn dem Entsprungenen nachzuschleudern, ohne ihn freilich zu erreichen. Die anderen standen da wie aus Stein gegossen. Dann aber erhob sich ein ohrenbetäubendes Geheul. Sie griffen zu ihren Büchsen und rannten dem Entsprungenen nach, der einem Federball gleich den Abhang hinabgerollt war und eben im Wasser verschwand. Behende kletterten die Irokesen die steile Böschung hinab, die Augen auf das Wasser des nicht sehr breiten Flusses gerichtet, auf dessen Oberfläche jeden Augenblick der Kopf des Flüchtigen erscheinen mußte.

Der Alte blieb allein zurück. John, dem nun klar geworden war, was da vor sich ging, lag in tiefer Erregung in seinen unlösbaren Banden und lauschte.

Ni-kun-thas dunkler Kopf erschien jetzt, eine gute Strecke stromab, über dem Wasser, war aber, ehe noch einer der Verfolger die Büchse hoch reißen konnte, schon wieder verschwunden.

Die Irokesen liefen am Fluß entlang, als ein gellender Hohnruf vom entgegengesetzten Steilufer sie darüber belehrte, daß der Flüchtige bereits festen Boden unter den Füßen hatte. Augenblicklich sprangen sie ins Wasser und schwammen, die Büchsen, hoch über die Köpfe erhoben, in schnellen Stößen hinüber.

Auf der Höhe des gegenüberliegenden Ufers angekommen, sahen sie auf der kleinen Prärie, die sich bis zu einem aus nackten Felsen gebildeten Höhenzug ausdehnte, den Sohn Tana-ca-ris-sons mit den Sprüngen eines Hirsches davoneilen. In wilder Jagd nahmen sie die Verfolgung auf, indessen, die Seneca waren sämtlich schon ältere Männer und dem jungen Miamihäuptling an Behendigkeit weit unterlegen. Sie liefen zudem mit sehr unterschiedlicher Schnelligkeit, so daß sie sich, noch bevor Ni-kun-tha hinter den Felsen untergetaucht war, in eine wohl dreihundert Schritt lange Kette aufgelöst hatten, die an Ausdehnung noch fortgesetzt zunahm. Einer nach dem anderen entschwand dem Blick des Kriegers, der bei John zurückgeblieben war.

Der letzte der Verfolger, ein Mann von fast fünfzig Jahren, betrat eben keuchend die Felsenschlucht, in der seine Gefährten verschwunden waren. Er sah ihrer keinen mehr und lief, so schnell er konnte, hinterher. Er mochte wenig mehr als hundert Schritt zurückgelegt haben, als hinter einem etwas höher gelegenen Felsblock Ni-kun-tha hervortrat und dem Keuchenden einem Tiger gleich auf den Rücken sprang, so daß der auf einen solchen Überfall nicht vorbereitete Seneca zu Boden stürzte. Mit einem blitzschnellen Griff riß Ni-kun-tha dem unter ihm Liegenden das Messer aus dem Gürtel und stieß es ihm in den Nacken. Der Mann zuckte zusammen und verröchelte. Der Miami nahm ihm Büchse, Kugelbeutel und Pulverhorn ab, entriß ihm, die Kriegslocke erfassend, den Skalp und eilte mit unglaublicher Gewandtheit quer durch die Felsschlucht, in einer sich darbietenden Spalte untertauchend. Er kletterte einen Felsen hinan, den ein paar magere Büsche krönten, und sah sich, dahinter niederkauernd, nach den anderen Verfolgern um. Er gewahrte ihrer zwei.

Statt nun seine eilige Flucht fortzusetzen, jetzt, da er bewaffnet und schon in verhältnismäßiger Sicherheit war, schlug er einen Bogen und brachte sich in den Rücken der Verfolger. Die glaubten natürlich, den Flüchtigen vor sich zu haben, obgleich der harte Felsboden keine Spur erkennen ließ.

Ni-kun-tha sagte sich, daß er dem noch gefangenen John nur helfen könne, wenn es ihm gelänge, möglichst viele der Irokesen zu vernichten. Jetzt, da er über eine Büchse verfügte, die er wohl zu gebrauchen verstand, war er im Vertrauen auf seine Kraft und Gewandtheit entschlossen, das Äußerste zu versuchen, um den jungen Weißen zu befreien.

Er vermochte von seinem jetzigen Standort aus mehrere Felsschluchten weithin zu überblicken. Die Nacht nahte schnell, und es war klar, daß die Seneca die Verfolgung bald aufgeben und zum Lagerplatz zurückkehren würden. Tatsächlich tauchte bereits einer der Krieger, auf dem Rückweg begriffen, auf und kam auf ihn zu. Ni-kun-tha ließ ihn nahe herankommen, zielte und schoß. Der Mann stürzte zusammen. Der Miami war mit wenigen Sprüngen neben ihm, nahm dem Toten Büchse und Skalp, sprang in eine Seitenschlucht und kletterte über die Felsen, den ziemlich weit zerstreuten Feinden entgegen.

Er brauchte nicht lange herumzuspähen, als er zwei von ihnen, die den Schuß gehört haben mochten, die Schlucht zur Rechten herabkommen sah. Er hatte beide Gewehre, über die er jetzt verfügte, schußfertig gemacht. Die Irokesen waren natürlich der Meinung, einer der ihren habe den Flüchtigen entdeckt und nach ihm geschossen. Sie sahen sich scharf um, beachteten aber weiter keine Vorsichtsmaßregeln, die dem waffenlosen Gegner gegenüber ja auch unnötig erschienen.

Sobald sie in Schußweite waren, feuerte Ni-kun-tha. Einer der Männer fiel, durch die Brust getroffen, auf das Gesicht, der andere stand ein paar Sekunden wie erstarrt und sah zu dem Felsgipfel empor, von dem der Schuß gefallen war; er mußte den dort aufsteigenden Pulverdampf sehen. In blitzschneller Erkenntnis suchte er Deckung, allein es war zu spät; die Kugel des Miami erreichte ihn noch im Sprung; zwischen die Schulterblätter getroffen, brach er zusammen.

Jetzt tauchte fast unmittelbar hinter dem Gefallenen der letzte Verfolger auf. Da er die beiden Krieger in ihrem Blut liegen sah, zuckte er zusammen und sprang, einen leisen Überraschungsschrei ausstoßend, hinter den nächsten Felsen.

Ni-kun-tha nahm seine beiden Gewehre, glitt den Felsen hinab, lief in Richtung auf den Fluß, hielt nahe des Ausgangs der Schlucht inne, lud seine Waffen und kletterte am nächsten Felsenhang hoch. Auf dem Gipfel legte er sich nieder und umwand sich den Kopf mit Gräsern und Zweigen. Seine funkelnden Augen durchspähten die sich seinem Blick darbietenden Schluchten und Gipfel. Nach einer Weile gewahrte er auf einem Felsen fast genau gegenüber den Feind in bedrohlicher Stellung. Der Mann mußte ihn gesehen haben, denn die Büchse des Seneca war auf ihn gerichtet. Der Miami vermochte seinerseits nur einen Teil des Kopfes und des rechten Armes seines Gegners zu erkennen. Er schoß trotzdem, erkannte aber sogleich, daß seine Kugel das Ziel verfehlt hatte. Er griff zu der zweiten Büchse und zielte abermals. Zwei Schüsse knallten gleichzeitig, aber weder Ni-kun-tha noch der Irokese traf; der Miami hörte die Kugel dicht an seinem Ohr vorüberpfeifen.

Aufspringend eilte der junge Häuptling mit erstaunlicher Schnelligkeit, die abgeschossene Büchse in der Hand, an der Rückseite des Felsens hinab und lief auf die Stellung des Seneca zu, um diesen, bevor er noch laden konnte, zu überraschen und den Kampf mit Messer und Tomahawk zu beenden. Er wußte, daß er diesen Feind nicht entrinnen lassen durfte. Denn kam er heil zum Feuer zurück, war es um John zweifellos geschehen. Die beiden überlebenden Irokesen hätten es nie gewagt, mit einem so gefährlichen Feind auf den Fersen, sich durch einen Gefangenen in der Bewegungsfreiheit hindern zu lassen.

Ni-kun-tha hatte einen zweifellos sehr gefährlichen Feind vor sich. Er sah, um eine Felsecke blickend, den Irokesen in kaum fünfzig Schritt Entfernung auf sich zukommen. Offenbar hatte er seine Stellung in der gleichen Absicht wie sein Gegner verlassen. Im Augenblick, da sie sich erblickten, blieben beide Indianer stehen und maßen einander mit haßerfüllten Augen. Der Irokese ließ den Kolben seiner Büchse zur Erde sinken und griff zum Pulverhorn. Ni-kun-tha tat es ihm nahezu gleichzeitig nach. Sich gegenseitig unausgesetzt im Auge behaltend, begannen beide, mit kurzen, genau berechneten Griffen ihre Büchsen zu laden. Beide wußten: derjenige von ihnen, der dem anderen auch nur eine Sekunde Vorsprung ließ, war unweigerlich verloren. Das Pulver war im Lauf; beide schoben gleichzeitig den Pfropf nach. Wie Soldaten auf dem Exerzierplatz zogen sie die Ladestöcke und stießen sie in die Läufe. Blitzschnell griff Ni-kun-tha zur Kugel und wickelte sie in das Pflaster aus weichem Leder, aber der Irokese war ebenso schnell, in der gleichen Sekunde setzten beide die Ladestöcke an, um sie hinabzutreiben. Ein, zwei, drei Stöße – die Kugeln saßen auf der Ladung. Jetzt galt es das Pulver noch auf die Pfanne zu schütten, und die Gewehre waren schußfertig. Bis jetzt war keiner der beiden Gegner dem anderen auch nur um einen Handgriff zuvorgekommen.

Ein Gedanke zuckte Ni-kun-tha blitzartig durchs Hirn: in der schnellen Ausführung und im Gelingen lagen Sieg oder Tod: Es mußte möglich sein, durch starkes Aufstoßen des Büchsenkolbens auf den Boden genügend Pulver durch das ziemlich weit gebohrte Zündloch in die Pfanne zu bringen. Gedanke und Ausführung waren nahezu eins. Während der Irokese sein Gewehr hob, um die Pfanne in den Bereich seines Pulverhornes zu bringen, stieß Ni-kun-tha seine Büchse mit hartem Ruck kräftig auf den felsigen Boden, riß sie im gleichen Augenblick an die Wange und schoß. Der Schuß brach; durch das Herz getroffen, sprang der Seneca hoch und fiel nieder auf das Gesicht.

Ni-kun-tha wollte eben einen gellenden Siegesschrei ausstoßen, als ihm bewußt wurde, daß er den am Feuer zurückgebliebenen Seneca dadurch warnen würde. Schweigend ging er zu dem Gefallenen, bemächtigte sich der blutigen Siegestrophäe und suchte dann auch noch die beiden anderen Toten auf, um den Skalp an sich zu bringen. Dann wählte er sorgfältig das beste der Gewehre aus, nahm außerdem noch Pulverhorn, Kugelbeutel, Messer und Tomahawk an sich und zog sich in ein Versteck zurück, von dem aus er die Prärie überblicken und das buschige Flußufer wie den dunklen Waldsaum im Hintergrund wahrnehmen und beobachten konnte. Geduldig wartete er, bis die Nacht völlig hereingebrochen war, dann ging er, außer den eigenen auch noch die für John bestimmten Waffen und Ausrüstungsgegenstände tragend, dem Fluß entgegen. Oberhalb der Lagerstelle überquerte er das Gewässer, nachdem er sich für den trockenen Transport der Waffen und des Pulvers ein kleines Floß gebaut hatte, und betrat das jenseitige Ufer.

An dem hell lodernden Feuer saß der alte Irokese, bald in die Glut starrend, bald angestrengt lauschend oder auf John blickend, der mit Stäben gefesselt regungslos neben ihm lag. Beide hatten den fernen Widerhall der Schüsse vernommen, John von schmerzlichen Gedanken bewegt, mußte er doch damit rechnen, daß sämtliche Schüsse seinem roten Freunde galten und daß eine Kugel davon ihr Ziel schließlich erreichte. Nun herrschte nachtschwarze Dunkelheit ringsum, und längst war der Kampflärm verstummt. Jeden Augenblick konnten die Verfolger zurückkommen. War Ni-kun-tha gefangen oder gar gefallen, gab es keine Hoffnung mehr.

Ein leises Geräusch in seinem Rücken ließ den Irokesen herumfahren. Ein jäher Ausruf des Erstaunens entfuhr ihm, als im Schein des lodernden Feuers, Siegesfreude im bronzenen Antlitz, der verhaßte Miamihäuptling vor ihm stand, den blinkenden Tomahawk wurfbereit in der Hand. So völlig fassungslos und entsetzt war der alte Krieger, daß er sekundenlang zu jeder Bewegung unfähig stand, dem Todfeind in die funkelnden Augen starrend.

»Der Sohn Tana-ca-ris-sons grüßt dich, Seneca!« rief Ni-kun-tha. Der Tomahawk, mit unfehlbarer Sicherheit geschleudert, fuhr in die Stirn des reglosen Mannes; lautlos brach der Mann in die Knie und stürzte zusammen.

John war heftig zusammengezuckt, als er die ihm so wohlbekannte Stimme vernahm; jetzt entrang sich ein Freudenschrei seinem Mund. Die heftige Bewegung, mit der er sich hochreißen wollte, hätte ihm fast die Kehle zugeschnürt; aufstöhnend sank er zurück. Sekunden später fielen seine Bande; Ni-kun-tha kniete neben ihm und verhalf ihm zu einer sitzenden Stellung. »So, Schnelle Büchse«, lächelte der Häuptling, »Ni-kun-tha wieder da.«

»Und die Irokesen?« stammelte John.

Der Miami wies auf die frischen Skalpe an seinem Gürtel; der junge Weiße zuckte unwillkürlich zurück; ein Schauer überlief ihn. »Wie hast du das fertiggebracht?« flüsterte er.

Ni-kun-tha erstattete in kurzen Worten Bericht. Ein grollendes Lachen ausstoßend, schloß er: »Die Seneca werden künftig heulen, wenn sie den Namen Ni-kun-tha hören. Ni-kun-tha ist der Sohn seines Vaters, ist der König der Miami!«

»Ich hielt dich für schwerkrank, beinahe für tot«, sagte John, der die jähe Wendung immer noch nicht zu fassen vermochte.

»Ni-kun-tha tat wie der Fuchs«, lächelte der Häuptling. »Du nie gesehen? Fuchs stellen ganz tot. So Ni-kun-tha. Irokesen glauben, er tot – dumme Coyoten!« Er lachte abermals kurz auf. »Jetzt essen«, sagte er, »dann schlafen. Ni-kun-tha sehr hungrig, sehr müde!«

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