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Der König der Miami

Franz Treller: Der König der Miami - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Treller
titleDer König der Miami
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
year1954
correctorreuters@abc.de
senderChristoph Götz
created20080210
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Flucht ins Franzosenlager

Schon bald nach Tagesanbruch wurde der Marsch in südwestlicher Richtung fortgesetzt. Bob Green, dessen hünenhafte Gestalt und gewaltige Kraft den Roten offenbar unauslöschlichen Eindruck gemacht hatte, wurde wieder gebunden. Der schwerfällig gebaute Mann, dem der an sich sehr anstrengende Marsch wegen seines Körpergewichtes besonders mühevoll wurde, machte seinem Zorn und seiner Erbitterung dann und wann in heftigen Verwünschungen Luft, die die Indianer nicht zu hören schienen.

Burns und Richard Waltham gingen völlig unbelästigt nebeneinander. Sie dachten allerdings auch nicht an Flucht, die ja in jedem Falle ein von vornherein hoffnungsloses Unternehmen gewesen wäre. Way-te-ta, den man, seines Geisteszustandes wegen, mit einer fast an Ehrfurcht grenzenden Scheu behandelte, ging bald neben seinen weißen Gefährten, bald zwischen den Huronen. Doch tauchte er nach kurzer Zeit immer wieder neben dem gefesselten Bootsmann auf, ihn mit sonderbaren Blicken musternd, wobei seine Stirn sich jedesmal in Falten zusammenzog, als suche er verzweifelt, sich irgendetwas Verlorenes ins Gedächtnis zurückzurufen. Dann und wann zerrte er auch an den Riemen, mit denen der Riese gebunden war, um die einschneidende Fesselung etwas zu lockern. Bei solcher Gelegenheit hörte der Bootsmann ihn einmal flüstern: »Die Huronen sind Hunde. Way-te-ta wird ihre Skalpe nehmen!« Er war offensichtlich heftig erbittert, daß man Bob, dem er besonders zugetan war, gefesselt hatte. Indessen wußte er sich mit einer Klugheit zu verstellen, die man dem doch offensichtlich geistesgestörten Mann nie und nimmer zugetraut hätte.

Der alte Farmer war äußerst niedergeschlagen. Zu der bohrenden Sorge um seine Tochter gesellte sich nun noch die um den Sohn. Was hatte er, der lange Jahre hindurch friedlich sein Land bebaut hatte, nicht in kurzer Zeit alles erlebt! In tiefstem Frieden hatte er seine Farm verlassen und war durch eine seltsame Verkettung von Umständen mitten in die Wildnis und in den blutigen Indianerkrieg geschleudert worden. Jetzt, als Gefangener blutgieriger Indianer, den Sohn in gleicher Lage wissend, begannen ihn Verzweiflung und Mutlosigkeit zu erfassen. Nur das im letzten unerschütterliche Gottvertrauen hielt den alten Puritaner noch aufrecht.

»Ich weiß zwar nicht viel von indianischen Sitten«, sagte der neben ihm schreitende Waltham, »aber mich dünkt, wollten sie uns töten, so hätten sie es bereits getan.«

Der Alte schüttelte den Kopf: »Der Wilde ist unberechenbar. Alles scheint bei ihm möglich. Das Beste für uns wäre gewiß, sie brächten uns in die Nähe regulärer französischer Truppen, die verbrecherischen Mord an wehrlosen Weißen ja wohl kaum dulden würden. Den tapferen Miamihäuptling werden wir freilich in jedem Fall verloren geben müssen, zumal er sich in Händen der Seneca befindet. Der Indianer, den er damals bei der Insel erschoß, war ein Senecahäuptling. Ich kann nur mit Schaudern daran denken, daß John zusammen mit ihm gefangengenommen wurde. Ich bin wahrhaftig kein Freund der Franzosen, aber jetzt wollte ich, ich bekäme so bald als möglich französische Uniformen zu sehen.«

»Darin habt Ihr zweifellos recht. Auch ich bin überzeugt davon, daß sie uns ritterlich behandeln würden. Ja, ich möchte annehmen, daß ich bei ihnen auch Schutz gegen meinen sauberen Vetter und seine roten Mordgesellen finden würde.« Burns nickte düster vor sich hin. Waltham, dem plötzlich ein Gedanke kam, sagte: »Was meint Ihr, Mr. Burns, wenn ich den Indianern hier nun ein Lösegeld böte? Ich möchte annehmen, daß sie für Geld und Geschenke empfänglich sind.«

»Das sind sie gewiß«, antwortete der Farmer, »nur fürchte ich, mit Versprechen, deren Erfüllung in weiter Ferne liegt, werden sie sich nicht abspeisen lassen. Und was könnt Ihr ihnen im Augenblick bieten?«

»Ich will es jedenfalls versuchen«, versetzte der Baronet und, von einem jähen Hoffnungsgefühl befeuert, begab er sich zu dem den Zug anführenden Häuptling und sprach ihn an: »Auf ein Wort, Hurone, ich möchte dich etwas fragen:

»Das Blaßgesicht mag sprechen, mein Ohr ist offen«, antwortete An-da-wa.

»Kannst du mir sagen, was mit uns geschehen wird?«

»Ich sagte es schon: Die Häuptlinge werden darüber bestimmen.«

»Ich bin ein reicher Mann, Hurone« – ein Blick des Indianers streifte flüchtig seine verschmutzte und abgerissene Kleidung – »beurteile mich nicht danach, wie ich jetzt aussehe. Ich besitze viele steinerne Wigwams mit Pferden, Büchsen, wollenen Decken, mit Pulver, Silber und goldenen Armbändern. Ich will dem Volk der Huronen sehr reiche Geschenke geben, wenn sie mich frei in meine Heimat ziehen lassen.«

Der Indianer lächelte: »Wo sind all diese Dinge? An-da-wa sieht sie nicht.«

»Ich bin Pair von England, ein großer Häuptling in meinem Volk und wohne am Ontario. Ich gebe dem Häuptling das Wort eines Edelmannes, daß ich mein Versprechen halten werde.«

Die Stimme des Häuptlings hatte einen Unterton leichten Spottes; er antwortete: »Der große weiße Häuptling mag sein Angebot am Ratsfeuer der Huronen wiederholen. Vielleicht findet er bei den weisen Männern seines Volkes Glauben.«

»Ich werde mit den Häuptlingen reden«, sagte Waltham und ging zu Burns zurück. »Der brave Hurone scheint meinen Worten nicht zu trauen«, lächelte er, »freilich, ich sehe gegenwärtig nicht eben nach einem großen, begüterten Häuptling aus. Nun setze ich meine Hoffnung auf die Anständigkeit der französischen Offiziere, denen gegenüber ich mich leicht ausweisen kann.«

»Ich fürchte, wir werden keinen französischen Offizier zu sehen bekommen«, versetzte Elias Burns müde. »Wenn die Huronen Böses im Schilde führen, werden sie uns sicherlich nicht in die Nähe französischer Truppen bringen.«

»Wir müssen es abwarten«, sagte Richard Waltham.

Der Irre hielt sich fast unausgesetzt neben dem riesigen Bootsmann, der fluchend und schimpfend durch den Wald torkelte und kaum noch seine massigen Glieder rühren konnte. In einem Augenblick, da gerade kein Hurone zu ihnen herübersah, flüsterte der merkwürdige Mann seinem ungeschlachten Begleiter zu: »Way-te-ta hat ein Messer. Wenn es dunkel ist, wird er deine Fesseln durchschneiden.«

»Ich wollte, du tätest es gleich«, stöhnte Bob.

»Geht nicht«, antwortete der Irre, »Huronen sehen, nehmen Way-te-ta Messer fort. Müssen Dunkelheit abwarten, Way-te-ta Oneidakrieger; die Huronen sind Hunde.«

Er huschte kichernd davon und tauchte gleich darauf neben dem Huronenanführer auf. »Mein Bruder ist sehr weise«, sagte er; sein Gesicht verzerrte ein unheimliches Lächeln, »er ist ein großer Häuptling. Er weiß, was mit den Blaßgesichtern geschehen wird. Er weiß, ob man sie martern wird.«

»Der Rat der Alten wird es beschließen«, entgegnete der Hurone höflich, aber unbewegt.

»Gut«, kicherte der Irre. »Way-te-ta ist ein Oneidakrieger. Er sieht es gern, wenn Blaßgesichter am Marterpfahl stehen.«

»Ist Way-te-ta nicht der Freund des starken Mannes?« fragte der Hurone lächelnd.

»Bob? Meinst du Bob? Ja, Bob ist gut. Gab Way-te-ta zu essen, als er Hunger hatte.«

Er kicherte wieder, es zuckte in seinem Gesicht, er dämpfte seine Stimme zu einem geheimnisvollen Flüstern:

»Warum heißt der starke Mann Bob, Hurone? Der Häuptling ist klug und weise. Er weiß alles. Warum heißt der starke Mann Bob?«

»Wie soll An-da-wa das wissen?«; der Häuptling lächelte unentwegt höflich. »Die Yengeese haben seltsame Namen.«

»Ja, seltsam – seltsam –«; das Gesicht des blonden Mannes verfiel in Stumpfheit, wurde leer.

Nach einer Weile sagte der Hurone: »Wie kommt der Oneida zu den Blaßgesichtern?«

Der Irre kicherte: »Will es dir sagen, Hurone. Schu-wa-na, der große Häuptling, wollte Way-te-ta nicht auf den Kriegszug nehmen. Er befahl ihm, bei den Wigwams zu bleiben. Aber Way-te-ta ist ein Krieger. Er ging den anderen nach, als sie fort waren, und unterwegs traf er, als Hunger ihn quälte, die weißen Männer. Es sind Frenchers und Freunde der Oneida.«

»So, du denkst, sie sind Frenchers? Ist Way-te-ta nicht auch ein Frencher?«

»Way-te-ta Oneida. Aber die Frencher sind seine Freunde.«

»Er wird heute noch viele von ihnen sehen.«

Durch den verwirrten Geist des blonden Mannes zogen dann und wann klare Gedanken. Er sah, daß man den starken Bob, dem er eine herzliche Zuneigung entgegenbrachte, gefesselt hatte. Also waren die Huronen ihm Feind. Sie hatten ihn betrogen. Sein Sinnen und Trachten ging jetzt darauf, Bob zu den Franzosen zu bringen, sofern sie nicht auf den Oneidastamm träfen, dem er sich zugehörig fühlte. Er hatte die Huronen oft nach den Oneida gefragt, ohne Auskunft bekommen zu können.

Im Laufe des Tages traf die kleine Huronenschar mit einer starken Schar Ottawakrieger zusammen, die gleichfalls nach Süden zogen. Führer der Ottawa war der nachmals weithin berühmte Häuptling Pontiac. Der Ottawa besprach sich kurz mit den Huronen, worauf die Neuankömmlinge ihre Marschrichtung änderten, während die Huronen den bisherigen Weg weiter verfolgten.

Richard Waltham bemerkte, nachdem die Indianer unter Pontiac abgezogen waren, mit bitterem Lächeln: »Den Herren Franzosen scheint es gelungen zu sein, die ganze Indianerwelt in Aufruhr zu bringen. Woran erkanntet Ihr übrigens, Mr. Burns, daß es sich bei den Ankömmlingen um Ottawa handelte?«

»An ihrer ganzen Ausrüstung, vor allem an den Mokassins. Ihr könnt alle größeren indianischen Völkerschaften an der Fußbekleidung erkennen, außerdem am Kopfschmuck und an der Art ihrer Kriegsbemalung. Ottawa-Indianer sind häufig in unserer Ansiedlung gewesen. Die meisten Ottawadörfer befinden sich zwar nördlich des Eriesees, einzelne Stämme leben aber auch diesseits des Niagara. Ich bin einigermaßen bestürzt, sie auf dem Kriegspfad zu sehen; ich hatte gehofft, sie wenigstens würden ruhig bleiben.«

Einige Zeit später kam der Huronenhäuptling zu Burns heran und sagte: »Der weiße Mann hat die Ottawakrieger gesehen?«

»Gewiß habe ich das.«

Um die schmalen Lippen des Indianers zuckte es wie Hohn:

»Die Ottawa haben viele Skalpe genommen. Kommen vom Genesee.

Der alte Farmer hatte das Gefühl, zusammenbrechen zu müssen; er atmete keuchend, sein Gesicht wurde leichenhaft blaß. Also waren seine schlimmsten Befürchtungen eingetroffen: Der Wilde war in der Ansiedlung gewesen. »Mein Gott!« preßte er zwischen den Lippen hervor.

Der Hurone, die tiefe Erschütterung bemerkend, die seine Mitteilung hervorgerufen hatte, fuhr mitleidslos fort: »Pontiac großer Krieger. Töten die Männer am Genesee, damit sie nicht in die Dörfer der Ottawa fallen, während er mit seinen jungen Leuten auf dem Kriegspfad ist.«

»Es ist nicht möglich! Es ist doch nicht möglich!« flüsterte der Farmer. »Mein Gott, mein Kind, meine Mary! Es kann doch nicht sein. Wir haben stets friedlich neben den Ottawa gelebt.« Richard Waltham, neben dem Farmer gehend, biß sich die Lippen blutig; er hätte etwas darum gegeben, hätte er dem alten Mann einen Trost gewußt. Aber was sollte er sagen? Der Hurone war mit langen, federnden Schritten wieder schweigend nach vorn an die Spitze des kleinen Zuges gegangen.

Bob, der etwas von dem Gesprochenen gehört haben mochte, kam heran. »Was gibt's, Master?« fragte er, »wie seht Ihr aus?«

»Der Wilde war am Genesee!« stöhnte Elias Burns.

»Hölle und Teufel!« knirschte der Bootsmann. »Aber es sind da doch Männer in der Ansiedlung«, fuhr er nach einer kurzen Pause dumpfen Schweigens fort, »sie werden Frauen und Kinder rechtzeitig in Sicherheit gebracht haben.«

»Vielleicht«, flüsterte Burns, »vielleicht. Hoffentlich!« – Er schwankte und torkelte wie ein angeschlagener Baum.

»Sind in einer verteufelten Lage, Sir«, knurrte der Bootsmann. »Wollte nur, ich hätte die Hände frei. Bin verdammt in der Stimmung, mit dem Gesindel aufzuräumen. Aber ich hab's gleich gesagt: Hätten kämpfen sollen. Immer noch besser, von einer Kugel zu fallen, nachdem man ein halbes Dutzend solcher Bestien in die Hölle geschickt hat, als den Halunken zum blutigen Zeitvertreib zu dienen. Ausrotten müßte man die Pest! Die ganze Rasse sollte man nicht auf der Erde herumlaufen lassen, hab's immer gesagt. Nehm' eine einzige Rothaut aus; wißt schon, welche.« Er knurrte und schimpfte und grollte noch eine ganze Weile, um dann fortzufahren: »Sage Euch übrigens, Sir, wenn der Junge unseren John nicht heraushaut, hab' ich mich in ihm getäuscht; glaub's aber nicht.«

»Ni-kun-tha hat sich als prachtvoller Bursche erwiesen, Bob«, versetzte der Farmer, »aber was soll er tun, wenn ihm wie jetzt Euch, die Hände gebunden sind?«

»Meine werden irgendwann wieder frei sein, und sei's nur für einen Augenblick. Ich werde ihn nützen, sage ich Euch. Habe keine Lust, mich bei lebendigem Leibe braten zu lassen.«

Es wurde mit kurzen Rastpausen fast ununterbrochen marschiert; die Gefangenen keuchten vor Anstrengung und vermochten ihre Glieder kaum weiterzuschleppen. Endlich nahte der Abend. Ein Läufer kam ihnen entgegen und führte die kleine Schar zu einem Lagerplatz, an dem an die fünfzig Huronen um flackernde Feuer versammelt waren. Überall brieten große Fleischstücke über den Feuern, und der Rumbecher kreiste.

An-da-wa erstattete einem älteren Häuptling Bericht, der die Gefangenen nur eines flüchtigen Blickes würdigte; die Essenden und Trinkenden nahmen von ihnen überhaupt keine Notiz. Man wies den Weißen einen Platz unter einem breitästigen Baum an und gab ihnen zu essen. Bob wurden zu diesem Zweck die Handfesseln gelöst, dafür wurden vorher seine Füße zusammengebunden und mit einem langen Seil an dem Baum befestigt. Er machte übrigens keine Anstalten, seine Burns gegenüber geäußerte Drohung wahr zu machen; er war viel zu müde, zu erschöpft und zu hungrig. Er duldete auch, daß man ihm die Handgelenke nachher wieder zusammenband. Alle streckten sich nach dem Essen seufzend im Grase aus.

Um sie her tobte ein wildes Gelage. Ihre roten Begleiter hatten sich gleich hungrigen Wölfen über die Mahlzeit gestürzt und außerdem manchen Becher Rum geleert. Trotz ihrer ausgelassenen Fröhlichkeit hatten die Huronen freilich nicht versäumt, den Gefangenen unter dem Baum einen Wächter zuzugesellen, einen älteren Krieger mit wildem, narbenzerrissenen Gesicht und tückischen Augen. Aber auch dieser Mann hatte vorher dem Feuerwasser schon ziemlich heftig zugesprochen; er war keineswegs mehr nüchtern.

Nach einiger Zeit erst fiel den Männern unter dem Baum auf, daß der Irre nicht bei ihnen, auch sonst nirgends zu erblicken war. »Als wir hier ankamen, war er noch da«, sagte Richard Waltham.

»Die Roten lassen ihn frei herumgehen, weil Leute mit verwirrtem Verstand ihnen einen sonderbaren Respekt abnötigen; sie halten ihn wohl auch für ganz und gar ungefährlich«, meinte Burns.

»Wenn ich nur wüßte, wo ich das Gesicht schon gesehen habe«, brummte der Bootsmann, »es kommt mir auf eine merkwürdige Weise bekannt vor. Ich zerbreche mir schon fortgesetzt den Kopf deswegen, aber es will mir nichts einfallen. Nun, hoffentlich ist ihm nichts geschehen. Diese roten Barbaren sind in betrunkenem Zustand mit dem Tomahawk leicht bei der Hand. Wenn ich mich nur ein bißchen kräftiger fühlte und die Hände frei hätte, ich wollte sie dutzendweise mit den Köpfen zusammenschlagen.«

Way-te-ta blieb verschwunden. Den Huronen schien das weiter keine Sorge zu machen. Obgleich es an den Lagerfeuern ringsum noch lange lärmte, fielen die Erschöpften schließlich in Schlaf.

Allgemach ließ das wilde Getobe dann nach; die meisten Huronen lagen, vom Rausch geschlagen, in halber Bewußtlosigkeit, und auch die nicht ganz Betrunkenen wurden schließlich müde und schliefen an den niederbrennenden Feuern ein. Die ganze Bande befand sich in einem Zustand, der sie leicht zur Beute eines entschlossenen Feindes gemacht hätte.

Es war kurz vor Mitternacht, als Way-te-ta aus dem dunklen Walde heraustrat und zwischen den niedergebrannten Feuern und den umherliegenden Indianern auf den Baum zugeschritten kam, unter dem die schlafenden Weißen lagen. Hier und da hob ein verschlafener Hurone den Kopf, öffnete die Augen und starrte herüber, sank aber gleich wieder zusammen. Way-te-ta legte sich dicht neben Bob Green auf den Boden. Der wachende Krieger sah ihn an, ließ ihn aber ruhig gewähren, nachdem er erkannt hatte, um wen es sich handelte. Auch er kämpfte schwer mit dem Schlaf.

Bobs Hände waren vorn zusammengeschnürt, außerdem hatte man den Riesen mit einem Seil, dessen Länge das Ausstrecken gestattete, an den Baumstamm gebunden. Way-te-ta wälzte sich dicht an ihn heran und stellte sich schlafend. Erst nach einer ganzen Weile berührte er sacht Bobs Schulter und weckte ihn auf. Kaum regte sich der Riese, als der Irre ihm zuflüsterte: »Ganz still sein. Gefahr!« Im Augenblick war der Bootsmann munter.

»Stell dich schlafend, Bob«, raunte Way-te-ta, »ich schneide die Riemen durch. Wir müssen fort.«

»Fort? Wohin?« flüsterte der Riese zurück.

»Zu den Frenchers. Sind nicht weit von hier. Keine Meile. Way-te-ta hat ihr Lager gefunden.«

Bob hatte Mühe, einen Schrei zu unterdrücken. Redete der Mann irre? Sprach er die Wahrheit? Hauptsache, er schneidet erst einmal meine Fesseln durch, dachte Bob.

Das war schon Sekunden später geschehen. Klugerweise hielt der Bootsmann die entfesselten Arme einstweilen in der gleichen Lage; auch die durchschnittenen Riemen ließ er scheinbar unberührt liegen. Leise stieß er den neben ihm schlafenden Farmer an, weckte ihn und flüsterte ihm zu, was Way-te-ta gesagt hatte.

»Müssen's versuchen, Bob«, flüsterte Burns zurück. »Spricht der arme Kerl die Wahrheit, kann's unsere Rettung sein.« Er weckte seinerseits Richard Waltham, der sofort begriff und auch entschlossen war, die Flucht zu wagen.

Sie blickten sich vorsichtig um. Die Feuer waren nahezu erloschen, und die Indianer schliefen, anscheinend auch der Mann, dessen Aufgabe es war, sie zu bewachen. Sie lagen am Rande des Lagers unter einer starken Eiche; ein paar Sprünge genügten, um hinter den Büschen unterzutauchen. Aber was dann? War der doch offensichtlich geistesgestörte Mann wirklich in der Lage, sie zu den Franzosen zu geleiten? Würden sie nicht nur in eine andere Falle laufen?

Way-te-ta lag ganz ruhig, aber seine Augen funkelten und huschten durch das in nächtlichem Schweigen liegende Lager. Nach einem Weilchen wandte er sich dem Bootsmann zu und zischte: »Jetzt Zeit, Bob. Erst Blondhaar hinter Baum, dann alter Mann! Du neben roten Krieger legen. Wenn er erwacht, Mund halten! Oder töten!«

Mit der Geräuschlosigkeit und Geschmeidigkeit einer Katze erhob sich der Irre. Bob brachte sich in eine sitzende Stellung, die Augen auf den neben ihm liegenden Indianerkrieger gerichtet. Aber der Mann schien tatsächlich zu schlafen; er regte sich nicht. Mit aller erdenklichen Vorsicht erhob der Bootsmann sich auf die Knie und richtete sich dann zu seiner ganzen stattlichen Größe auf. Die anderen waren bereits im Baumschatten untergetaucht. Der Krieger regte sich nicht. Da trat auch Bob hinter den Baumstamm.

»Hinter mir gehen«, flüsterte Way-te-ta. »Müssen durch den Bach.« Ein langer Sprung brachte den schwerfälligen Bootsmann hinter die Büsche, wo die anderen schon schweratmend warteten. Von Way-te-ta geführt, tappten sie durch die Dunkelheit und fühlten plötzlich das weiche Bett eines seichten Baches unter den Füßen. Es war schon dunkel hier, daß nur das ihre Füße umplätschernde Wasser ihnen die Richtung angab. Der Irre schien im Dunkeln sehen zu können, so unbeirrt sicher ging er seinen Weg. Die Zweige über ihnen rauschten im Nachtwind; sie sprachen kein Wort, ja, sie mühten sich noch, den Atem zurückzuhalten. Jeden Augenblick fürchteten sie, den Alarmruf der Indianer zu vernehmen. Aber nichts unterbrach die Stille. Es war ein düsterer und unebener Weg, den sie mehr hinabtasteten als gingen. Sie kamen nur sehr langsam vorwärts, da sich ihnen fortgesetzt unsichtbare Hindernisse entgegenstellten. Dann wurde es allmählich lichter, sie erblickten den Sternenhimmel über sich und vor sich eine von Büschen durchsetzte Grasebene. Und nun sahen sie – sie hätten schreien mögen – auch die Wachfeuer der Franzosen.

»Dort Frenchers, Bob«, flüsterte Way-te-ta, zu den Feuern hinüber deutend. »Dort Skalp sicher. Way-te-ta Oneidakrieger. Sehr schlau!«

»Wahrhaftig, mein Junge, das soll wahr sein«, knurrte Bob und drückte dem blonden Manne die Hand, als wolle er sie zerbrechen.

Der Irre kicherte: »Huronen Hunde! Nur Oneida sind Krieger! Die Schakale sollen Bobs Skalp nicht haben. Bob – Bob – Bob?« Das Wort hing wie eine Frage in der Luft.

Durch eine Art von Büschen gesäumten Hohlweges schritten sie den französischen Wachfeuern entgegen. Sie mochten kaum hundert Schritte gegangen sein, als eine scharfe Stimme sie anrief, während gleichzeitig ein Gewehrhahn knackte: »Qui vive?«

»Freunde!« antwortete Richard Waltham in geläufigem Französisch. »Wir suchen den Schutz der französischen Armee.«

Der Soldat stieß einen Ruf aus, der von rückwärts und von beiden Seiten erwidert wurde. »Attention!« rief er gleich darauf den Ankömmlingen zu. Sechs Männer mit Kienfackeln in den Händen kamen heran, unter ihnen ein Sergeant. Das Licht der Fackeln beleuchtete die abgerissenen und verdreckten Gestalten der Flüchtlinge; der Sergeant musterte sie mit offensichtlichem Mißtrauen. »Wer seid ihr? Was wollt ihr?« fragte er schließlich.

»Wir waren in die Hände von Huronen gefallen und sind ihrem Lager soeben entflohen, Monsieur«, antwortete Waltham, ohne zu zögern. »Wir stellen uns unter das Völkerrecht und erbitten den Schutz der französischen Truppen.«

Der Sergeant, auf solche Weise in tadellosem Französisch angeredet, schien eine etwas bessere Meinung zu fassen; er sagte weniger barsch: »Ihr seid Engländer?«

»Jawohl, Monsieur, wir sind Untertanen der englischen Kolonie.«

»So muß ich euch gefangennehmen, Messieurs!«

»Wir fügen uns selbstverständlich und erwarteten nichts anderes.«

»Gut. Dann kommt mit.« Der Sergeant ging voran, die mit ihm gekommenen Soldaten nahmen die Flüchtlinge in die Mitte; gemeinsam schritten sie dem Lager entgegen. An niedergebrannten Wachfeuern schliefen rundum französische Liniensoldaten. Der Sergeant ließ die Gruppe bei einem der Feuer halten und begab sich zu einem Zelt, um dem Offizier vom Dienst Bericht zu erstatten.

Er kehrte bald darauf mit einem jungen, gut aussehenden Leutnant zurück. Der Offizier schien zunächst nicht weniger mißtrauisch als sein Sergeant; er betrachtete die verwilderten Gestalten mit abschätzigen Blicken, besonders den phantastisch aufgeputzten Irren, in dessen Augen es unstet flackerte. Er wandte sich dann dem jungen Waltham zu, dessen Haltung und Gesichtszüge ihm das meiste Vertrauen einflößen mochten. In kurzen Worten fragte er nach dem Woher und Wohin.

»Der Krieg hat uns überrascht, Herr Leutnant«, antwortete Waltham auf Französisch; »er hat uns ohne unser Zutun in die Wälder getrieben. Wir mußten diesen Weg nehmen, da der Ontario, an dem wir wohnen, von Ihren Kriegsschiffen beherrscht wurde. Wir sind einer Abteilung der Ihnen verbündeten Huronen in die Hände gefallen und wurden in das etwa eine Meile von hier befindliche Indianerlager gebracht. Wir hatten in der Gewalt dieser Leute Grund, für unser Leben zu fürchten; deshalb benutzten wir eine günstige Gelegenheit, um zu fliehen und uns unter den Schutz der französischen Flagge zu begeben. Sie sehen friedliche Leute vor sich, die der Krieg unversehens unterwegs überraschte. Dies ist Monsieur Burns, ein Pflanzer vom Genesee, dies Monsieur Green, ein Bootsmann vom Ontario; jener Mann dort ist ein armer Geisteskranker, von dessen Herkunft wir nichts wissen; er schloß sich uns unterwegs an. Ich selbst bin Lord Somerset, Pair von England.«

»Wie beliebt?« fuhr der Offizier auf und starrte den Sprechenden an. »Wer sind Sie?«

»Lord Somerset, Monsieur. Bis vor wenigen Tagen noch Sir Richard Waltham.«

»Sonderbar! So hätten wir zwei Lord Somersets im Lager? Die Familie scheint weit verbreitet zu sein.« Aus den Worten des Offiziers klang leichter Spott.

»Es gibt selbstverständlich nur einen Pair dieses Namens«, antwortete Waltham ruhig, »aber ich entnehme Ihren Worten, daß mein Vetter Sir Edmund Hotham in Ihrem Lager weilt. Er hat keinen Anspruch auf den Titel, der ihm nur für den Fall meines Todes zugefallen wäre. Das alles wird sich herausstellen. Übrigens können Ihnen die beiden Männer hier« – er wies auf Burns und Bob Green – »in dieser Beziehung schon einige Auskunft geben.« Waltham hatte das alles mit so ruhiger und dabei selbstbewußter Würde vorgebracht, daß seine Worte ihren Eindruck auf den jungen Franzosen nicht verfehlten.

»Eine erstaunliche Sache«, sagte der Leutnant jetzt. Er überflog die Gesichter der Männer; sie schienen ihm keinen schlechten Eindruck zu machen. Mit einem leichten Lächeln im Gesicht und in verbindlichem Ton sagte er: »Ich denke, wir werden das bald klären können. Bitte veranlassen Sie Ihre Begleiter, sich hier niederzulassen, und begleiten Sie mich in mein Zelt. Ich möchte die Geschichte der beiden Lords gern etwas näher untersuchen.«

Während Burns, Bob Green und der Irre sich am Feuer niederließen, folgte Waltham dem Leutnant in das Zelt. Der Franzose bat ihn sehr höflich, Platz zu nehmen und stellte sich vor: »Marquis de Brissac, Leutnant im 26. Linienregiment. – Bitte, Monsieur, erzählen Sie jetzt«, sagte er dann.

Sir Richard berichtete eingehend und ausführlich über seine Erlebnisse. Der Marquis hörte ihm mit steigender Verwunderung zu.

»Und so habe ich denn erst vor zwei Tagen von dem plötzlichen Tode meines Oheims erfahren«, schloß Waltham seinen Bericht. »Der Tod steht leider unumstößlich fest; wie Sie hörten, war der Bootsmann Robert Green persönlich zugegen. Damit aber ist mir nach englischen Erbrecht der Titel zugefallen.«

Brissac reichte ihm die Hand und entgegnete: »Sie haben mich völlig überzeugt, Mylord. Übrigens fühle ich mich nur bestätigt. Ich bin ein heimliches Mißtrauen gegen Ihren Herrn Vetter nie los geworden. Sobald der Oberst zu sprechen ist, werde ich ihm Mitteilung machen. Einstweilen betrachten Sie sich bitte als mein Gast. Übrigens« – er lächelte leicht – »wenn es Ihnen recht ist, möchte ich mir mit den bescheidenen mir hier im Feldlager zur Verfügung stehenden Mitteln erlauben, Ihr Äußeres ein wenig aufzufrischen. Mein Diener wird ihnen behilflich sein.«

»Sie verpflichten mich zu Dank, Marquis«, lächelte Waltham, »ich hätte nichts dagegen, mich ein wenig zu zivilisieren.«

Der von Brissac herbeigerufene Diener führte ihn gleich darauf in ein Verbindungszelt und verschaffte ihm Gelegenheit, sich gründlich zu säubern und zu rasieren. Er reichte ihm dann frische Wäsche und einen derben, der Wildnis angepaßten, aber geschmackvoll geschnittenen Jagdanzug seines Herrn. Der junge Lord kam sich, umgekleidet und erfrischt, wie neu geboren vor.

Mittlerweile war es Tag geworden. Richard trat aufatmend in die frische Morgenluft hinaus. Der Marquis kam eben von einer Runde zurück und begrüßte ihn freundschaftlich. »Man sieht wieder einmal: Kleider machen Leute, Mylord«, lachte er.

»Ja«, entgegnete Waltham ebenfalls lachend, »ich habe wahrscheinlich einem Straßenräuber ähnlicher als einem Pair von England gesehen. Aber meine Kleidung war auf Waldmärsche und Nachtlager nicht eingerichtet.«

»Wir werden nun wahrscheinlich noch einen kleinen Nebenkrieg mit den Huronen ausfechten müssen«, sagte der Leutnant; »sie werden natürlich verlangen, daß wir Sie ihnen wieder ausliefern. Ich muß persönlich sagen, ich bin ein entschiedener Gegner solch zweifelhafter Bundesgenossenschaften, seit ich die roten Herrschaften am Werk gesehen habe; meinem Colonel geht es übrigens nicht anders. Aber wir können die Indianer nicht entbehren und müssen wohl oder übel Rücksicht auf sie nehmen.«

»Halten Sie es ernsthaft für möglich, daß man uns wieder ausliefert?«

»Nein«, entgegnete der Marquis, »Oberst Clermont ist ein vollkommener Ehrenmann, ich bin sicher, er wird Mittel und Wege finden, es zu verhindern.«

Richard Waltham atmete auf. Der junge Offizier lud ihn in sein Zelt, und die Ordonnanz servierte beiden die Morgensuppe, der sie mit Appetit zusprachen.

Die Sonne stand bereits am Himmel, und das Lager erwachte allmählich zum Leben. Nach kurzer Zeit wurde Reveille geblasen. Gleich darauf entfaltete sich zwischen den Zelten und Feuern ein bunter und reger militärischer Betrieb.

Leutnant de Brissac hatte allen Posten den Befehl zukommen lassen, Indianer, die den Oberst zu sprechen wünschten, zurückzuhalten, bis er als Wachoffizier Erlaubnis zum Eintritt ins Lager erteile. Es lag ihm daran, den Oberst zu unterrichten, bevor die Huronen Gelegenheit hatten, ihm ihre Wünsche vorzutragen.

Während er dann zum Zelt des Kommandeurs ging, begab sich Richard zu dem Feuer, an dem seine Gefährten lagerten, die inzwischen durch Signalhörner und Trommeln geweckt worden waren. Sie starrten den äußerlich sehr verwandelten jungen Mann überrascht an, waren aber glücklich, als sie seinen Bericht vernahmen.

»Die Musjöhs werden uns doch nicht etwa den roten Bestien ausliefern?« sagte Bob, der nicht viel von den Franzosen hielt.

»Ich glaube es nicht«, antwortete Waltham.

»Na, eines ist sicher: Lebendig kriegen sie mich nicht«, versetzte der Bootsmann. »In diesem Fall komme mein Blut dann über die Franzosen.«

Sie sprachen noch eine Weile miteinander, als eine Ordonnanz erschien und erklärte, der Herr Oberst bitte den Comte de Somerset, ihn in seinem Zelt aufzusuchen.

Richard erhob sich und folgte dem Soldaten. In dem geschmackvoll ausgestatteten Kommandeurszelt sah er sich gleich darauf einem älteren, wie es schien, etwas bärbeißigen Offizier gegenüber. Die hellen, klugen Augen des Mannes verrieten indessen zupackende Ehrlichkeit. Er musterte den jungen Mann mit einem scharfen, durchdringenden Blick. »Sind ja tolle Geschichten, Monsieur, die der Leutnant mir da erzählt«, polterte er los, »verwünschte Geschichten! Sie haben gehört, daß hier noch so ein Grünschnabel herumläuft und Ihren Namen spazierenträgt.« Er schnaufte etwas und zerrte an seinem Schnauzbart herum. »Kann nicht sagen, daß der Mann mir gefällt«, fuhr er gleich darauf fort. »Ist uns sozusagen vom Himmel zugefallen, und ich betrachte ihn mir schon einige Zeit mit Mißtrauen. Na, nun erzählen Sie mal!« Er stellte, Richards Bericht häufig unterbrechend, kurze, zupackende Fragen über Herkunft, Familienverhältnisse und über die Vorgänge der letzten Zeit. Richard Waltham gab ruhige und höfliche Antwort, ohne sich irgendwie in Widersprüche zu verwickeln.

»Hm, merkwürdige Geschichte das!« knurrte der Oberst. »Hören Sie, Brissac, wollen den Cujon doch mal herholen lassen, ehe er erfährt, daß sein Vetter im Lager ist. Schicken Sie eine Ordonnanz nach ihm.«

Der Leutnant entfernte sich, und der Oberst ersuchte Richard, hinter einen Vorhang zu treten. Nicht lange danach betrat Edmund Hotham, von Leutnant de Brissac gefolgt, das Zelt.

Der junge Herr mochte einigermaßen erstaunt sein, zu so früher Stunde vor den Kommandeur befohlen zu werden; er ließ sich indessen nichts anmerken, sondern begrüßte den Oberst mit geschmeidiger Höflichkeit.

»Hören Sie, Monsieur«, sagte der Kommandeur, »da ist uns ein Engländer eingeliefert worden, der Sie gestern abend flüchtig gesehen hat und der beim Verhör aussagte, Ihr seiet gar nicht Lord Somerset, sondern ein Monsieur de Hotham. Was sagen Sie dazu? Wir haben alle Ursache, Fremden gegenüber mißtrauisch zu sein, insbesondere, wenn sie so überraschend und unvorbereitet bei uns auftauchen wie Sie.«

»Mein Name ist Sir Edmund Hotham, Colonel«, antwortete der Befragte sichtlich beunruhigt – wer hatte ihn gesehen? – »indessen ist vor einigen Tagen mein Oheim, Lord Somerset gestorben. Damit ist mir nach englischem Erbrecht der Titel zugefallen, und ich nenne mich seitdem absolut zu Recht Lord Somerset.«

»Schön«, entgegnete der Oberst, »der betreffende Mann sagte aber nun weiter, eben nach diesem englischen Erbrecht sei der Titel nicht an Sie, sondern an Ihren Vetter gefallen. Wie steht es damit?«

Hotham wußte nicht, was er aus diesen Äußerungen machen sollte, er wurde unter den scharf zupackenden Blicken der Offiziere, deren innere Abneigung er spürte, immer unsicherer. Er vermochte das Unstete in seinen Augen nicht ganz zu verbergen, dennoch erwiderte er, alle Kraft zusammennehmend, so ruhig er konnte: »Auch das wäre richtig, wenn mein Vetter Richard Waltham noch lebte, Colonel. Der Mann, der zu Ihnen davon sprach, dürfte nicht gewußt haben, daß Sir Richard im vergangenen Herbst den Tod auf dem Ontario fand; er ging mit dem DUKE OF RICHMOND unter. Wir trauern noch immer um ihn.«

Das nun war mehr, als der junge Mann hinter dem Vorhang ruhigen Blutes anzuhören vermochte; er trat hervor und rief dem schreckensbleich Zurücktaumelnden zu: »So, du trauerst um mich, Edmund Hotham? Du Meuchelmörder! Weiß Gott, deine Spießgesellen bei den Tausend Inseln sind Engel gegen dich!«

Die Wirkung dieser in bebendem Zorn herausgestoßenen Worte kam der eines Blitzschlages gleich. An allen Gliedern zitternd, mit aschfahlem Gesicht stand der Überführte da, den so plötzlich vor ihm Aufgetauchten wie eine Erscheinung anstarrend. Der Hut entglitt seiner Hand und fiel zu Boden.

Die beiden Offiziere, des Englischen mächtig, hatten genug gesehen und gehört. Der Anblick der beiden Gesichter hätte auch einem Uneingeweihten genügt, um Verbrecher und Opfer unzweideutig zu erkennen.

Das Gesicht des Obersten war dunkelrot angelaufen; seine hellen Augen schleuderten Blitze. Mit zornbebender Stimme, in der Ekel und Verachtung mitklangen, sagte er: »Monsieur de Hotham, ich habe genug gesehen und gehört. Ich bedarf Ihrer nicht mehr. Betrachten Sie sich als gefangen. Jeder Ihrer Schritte wird von dieser Minute an bewacht werden. Zur gegebenen Zeit werde ich Sie den englischen Behörden übergeben. Verbrecher finden bei mir keine Zufluchtstätte. Merken Sie sich eins: Trifft Ihren Vetter, Lord Somerset, durch Ihre indianischen Freunde ein Unglück, ist Ihr Leben verwirkt. Unser Profos macht mit Mördern ebenso wenig Umstände wie mit Spionen. Adieu!«

Vernichtet, an allen Gliedern schlotternd, wankte Hotham aus dem Zelt. Auf Brissacs Wink folgte ihm eine Ordonnanz.

»Pfui Teufel, was für ein Cochon!« knurrte der Oberst, und, sich an Richard Waltham wendend: »Ich muß Sie, Mylord, und Ihre Begleiter einstweilen hierbehalten, bis ich dem General Bericht erstattet habe; ich denke, daß wir ihn morgen erreichen. Dann werden sich wohl Mittel und Wege finden, Sie zu den Ihren zurückzugeleiten. Einstweilen betrachten Sie sich als meine Gäste. Sie, Mylord, darf ich bitten, an meiner Tafel zu speisen.«

Richard Waltham verbeugte sich eben dankend, als eine Ordonnanz eintrat und dem Leutnant leise eine Meldung erstattete.

»Was gibt's?« fragte der Oberst.

»Mehrere Huronen sind bei den Außenwachen und wünschen Herrn Oberst zu sprechen.«

Das Gesicht des Kommandeurs verzog sich zu einem sarkastischen Lächeln. »Aha, jetzt kommt's«, sagte er, »na, das wollen wir gleich erledigen. Lassen Sie die ehrenwerten Krieger kommen, Leutnant, und möglichst auch gleich ein paar Flaschen Rum herbeischaffen.«

»Warten Sie bitte hier, Mylord«, sagte der Oberst, nachdem die Ordonnanz gegangen war, und verließ, von Brissac gefolgt, gleichfalls das Zelt. Draußen ließ er sich auf einem bereitgestellten Stuhl nieder und sah den drei Huronen entgegen, die durch die Lagergasse auf ihn zukamen. An-da-wa, ein älterer Häuptling und ein jüngerer, ebenfalls mit den Häuptlingsfedern geschmückter Krieger, verneigten sich leicht vor dem Befehlshaber ihrer weißen Bundesgenossen.

»Willkommen, große Häuptlinge«, sagte der Oberst, augenscheinlich gut gelaunt, »erlaubt, daß ich euch auf meine Art begrüße.« Auf einen Wink wurde ihm ein großer, mit Rum gefüllter Becher gereicht. Der Oberst nippte daran und reichte ihn dem älteren Häuptling, der einen tiefen Zug nahm und den Becher weitergab. Es war dies Oberst Clermonts übliche Art, mit Indianern umzugehen; er nannte den Rumbecher seine Friedenspfeife.

»Also, würdiger Häuptling, sage mir nun, was du auf dem Herzen hast« sagte Clermont.

Der Alte antwortete in erträglichem Französisch: »In deinem Lager weilen Gefangene, die uns gehören. Ich bitte dich, sie uns zurückzugeben.«

Mit gut gespieltem Erstaunen, das selbst geeignet schien, die hellhörigen Indianer zu täuschen, wandte sich der Oberst dem neben ihm stehenden Marquis zu. »Wie, Brissac«, sagte er, »wir haben Gefangene, die unseren roten Freunden gehören? Was heißt das?«

»Ich begreife nichts, mon Colonel«, antwortete der Leutnant mit todernstem Gesicht. »Da muß ein Irrtum vorliegen.«

»Ja, Indianer, ihr scheint euch zu irren«, sagte der Oberst.

»Nicht irren. Spuren führen in dein Lager«, versetzte der Häuptling. »Wir wissen: Goldhaar, Starker Bär und Alte Eiche sind hier.«

»Prachtvolle Namen, die eure Gefangenen da führen«, grinste der Oberst, »aber ich weiß nichts damit anzufangen.«

»Wenn Sie gestatten, mon Colonel«, schaltete Brissac sich jetzt ein, »ich bekam vorhin Meldung, daß unsere Vorposten in der Nacht vier Männer gefangennahmen, die sich in verdächtiger Weise in der Nähe des Lagers herumtrieben. Vermutlich handelt es sich um englische Spione.«

»Ah so, das ist natürlich etwas anderes!« sagte der Oberst. »Sollten das die Leute sein, die du suchst, Hurone?«

Der Indianer lächelte und versicherte, sie seien es ganz gewiß.

»Aber das sind dann doch unsere Gefangenen, Brissac«, sagte Clermont. »Oder haben wir sie etwa unseren roten Freunden weggenommen?«

»Nein, mon Colonel, es sind zweifellos unsere Gefangenen, im freien Felde ergriffen, als sie das Lager umschlichen.«

»Ja aber, mein Freund«, wandte der Oberst sich an den alten Huronenhäuptling, »du kannst doch nicht Gefangene in Anspruch nehmen, die meine Leute aufgegriffen haben. Wo sind denn deine Gefangenen?«

»Sie sind hier.«

»Aber wie kommen sie hierher?«

»Sie sind davongelaufen, während wir schliefen.«

»Ja, aber, Häuptling, wie können einem während des Schlafes Gefangene entlaufen? Sowas gibt es doch gar nicht. Ist mir wahrhaftig noch nie passiert. Da hättet ihr eben besser aufpassen müssen. Jetzt handelt es sich da jedenfalls um meine Gefangenen. Ihre Sache wird hier genau untersucht werden, und stellt sich heraus, daß es Spione sind, werden sie nach Kriegsrecht erschossen. Du wirst begreifen, mein Freund, daß ich die Leute unmöglich an dich herausgeben kann. Sie sind von meinen Soldaten gefangengenommen worden, und der große weiße Vater in Montreal würde sehr böse werden, erführe er, daß ich sie euch überlieferte.«

»Wenn dir Gefangene davonliefen und wir fingen sie ein, wir würden sie an dich zurückgeben«, sagte der Häuptling.

»Vielleicht würdet ihr das. Aber ich würde es gar nicht verlangen. Die Sache ist doch so: In dem Augenblick, wo sie euch entflohen, waren sie nicht mehr eure Gefangenen. Was meine Krieger in dieser Nacht an verdächtigen Gesellen aufgriffen und ins Lager brachten, darf ich nicht herausgeben, ohne daß der große Vater in Montreal es ausdrücklich befiehlt. Auch euch nicht. Aber ich will ihm gleich einen Brief schreiben, und sagt er ja, dann sollt ihr sie haben, vorausgesetzt, daß sie nicht das Lager ausspionieren wollten, denn dann muß ich sie erschießen lassen. Es hat mich sehr gefreut, dich zu sehen, mein tapferer Häuptling, ich werde dir Nachricht geben, verlaß dich darauf.« Er erhob sich, winkte den Indianern lächelnd zu und betrat das Zelt. Verblüfft und schwer enttäuscht verließen die Huronen, von Ordonnanzen geleitet, das Lager.

Der Oberst sagte zu Richard Waltham, der der Verhandlung hinter dem Zeltvorhang zugehört hatte: »Sie sehen, Mylord, ein alter Soldat muß sich zuweilen auch auf Diplomatenkniffe verstehen. Ich darf es mit dem roten Volk nicht verderben; bin insoweit leider nicht Herr meiner Entschlüsse. Will den Burschen aber gleich ein paar Bouteillen Rum schicken; das wird sie besänftigen.«

Eine Stunde später befand sich die Truppe auf dem Marsch in südwestlicher Richtung. In ihrer Mitte befanden sich Lord Somerset und die Gefährten seiner Abenteuer.

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