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Der König der Miami

Franz Treller: Der König der Miami - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Treller
titleDer König der Miami
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
year1954
correctorreuters@abc.de
senderChristoph Götz
created20080210
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Der Marterpfahl droht

Ni-kun-tha hatte aus Instinkt die Dinge ganz richtig gesehen. Es war Sir Edmund Hotham in Stacket Harbour sozusagen nichts nach Wunsch gegangen, so gut sich die Dinge zunächst angelassen hatten. Er hatte sogleich nach dem plötzlichen Tode des alten Lords Besitz von der Erbschaft ergriffen. Es war ihm bei seinen weitreichenden Beziehungen und den materiellen Mitteln, über die er nun verfügte, nicht schwer gefallen, dafür zu sorgen, daß kein richterlicher Einspruch erfolgte. Und doch hatte er die Rechnung schließlich ohne Allan Mac Gregor und Major Dunwiddie gemacht. Der Schotte hatte sich sofort nach der Beisetzung seines Herrn an den Richter gewandt, um die Erbansprüche Sir Richard Walthams geltend zu machen, der noch lebe und sich zur Zeit in der Gefangenschaft von Piraten befinde. Das hatte ihm zunächst nichts geholfen. Der Richter war wie nahezu alle Bewohner der Stadt davon überzeugt, daß der DUKE OF RICHMOND gesunken und Sir Richard mit der Besatzung ertrunken sei. Die Erzählung des alten Dieners erschien ihm zu phantastisch, um ihr irgendwelchen Glauben beizumessen, zumal Allan sie nicht zu belegen vermochte. Denn die von ihm benannten Zeugen John Burns und Bob Green befanden sich nicht mehr am Ort. Sein Einspruch wurde deshalb abgewiesen. Darüber hinaus stand es durchaus in der Macht des Richters, Sir Richard für tot erklären zu lassen, worauf Edmund Hotham auch von Rechts wegen in den Besitz der Hinterlassenschaft Lord Somersets gelangt wäre, wenigstens soweit es die amerikanischen Liegenschaften und das auf amerikanischen Banken liegende Barvermögen betraf.

Inzwischen hatte aber Major Dunwiddie als Stadtkommandant angesichts eines offenen Angriffs französischer Kriegsschaluppen das Kriegsrecht verkündet, womit auch in zivilen Angelegenheiten die Exekutive auf ihn übergegangen war. Sogleich hatte Allan, der alte Soldat, sich an den Kommandanten gewandt und ihm die Angelegenheit vorgetragen. Zu seiner Freude fand er den Major bereits unterrichtet und von der Wahrheit der Angaben John Burns' und des Miamihäuptlings völlig überzeugt. Der Major begab sich danach persönlich mit Allan zum Richter und vertrat dessen Sache mit solchem Nachdruck und solcher Überzeugungskraft, daß dieser darauf verzichtete, einen Befehl der militärischen Exekutive abzuwarten und eine einstweilige Verfügung erließ, wonach der gesamte Nachlaß Lord Somersets in der Kolonie New York bis zur endgültigen Regelung der schwebenden Erbverhältnisse der Verwaltung Allan Mac Gregors überlassen wurde.

Edmund, dessen Versuch, Bob Green und John Burns durch bestochene Konstabler verhaften zu lassen, gescheitert war und der fürchten mußte, dieser Sache wegen zur Rechenschaft gezogen zu werden, verließ deshalb, als die einstweilige Verfügung des Richters ihm zugestellt wurde, Somersethouse und segelte in einer Jolle zu den Tausend Inseln, um Hollins aufzusuchen. Hier erst erfuhr er, daß der Gefangene entführt worden war. Die Piraten hatten festgestellt, daß die Sloop Molly von französischer Kriegsmarine gekapert wurde. Sie hatten die Spur der Sloopbesatzung, bei der Waltham sich befinden mußte, eine Zeitlang verfolgt und festgestellt, daß die Männer auf das Festland übergewechselt hatten. Da nun Hotham bereits in Stacket Harbour festgestellt hatte, wer die Leute von der Molly waren und woher sie stammten, hatte er sich ausgerechnet, welchen Weg sie nach Lage der Dinge vermutlich einschlagen würden.

Edmund Hotham hatte seine Finger bei vielen Dingen im Spiel. Er hatte auch seit längerem gute Beziehungen zu einem Huronenstamm im Kanadischen; er hatte diese Beziehung gepflegt, um eines Tages erforderlichenfalls mit Hilfe der Indianer einen Schlag gegen die Seeräuber führen zu können, falls diese aufsässig wurden oder es gut schien, sich ihrer zu entledigen. Daß er mit jenem Häuptling und seinen Kriegern zusammentraf, war reiner Zufall. Die Indianer waren eben im Begriff gewesen, zwischen den Inseln auf englischen Boden überzusetzen, um sich den französischen Truppen anzuschließen. Geschenke und Geld machten den Häuptling seiner Sache schnell geneigt; Huronen und Seneca nahmen die Spur der die Wildnis durchziehenden Sloopbesatzung auf. Hotham schloß sich ihnen an; es schien ihm im Augenblick zu gefährlich, nach Stacket Harbour zurückzukehren, zumal die Stadt bereits blockiert war. Er gab die Hoffnung, den unbequemen Vetter aus der Welt zu schaffen, nicht auf und jetzt, da dieser mit seinen Begleitern, einem gehetzten Wild gleich, die Wälder durchzog, schien die Aussicht, ihn sich auf bequeme Weise vom Halse zu schaffen, näher zu liegen denn je.

Ein Zusammentreffen mit regulären französischen Truppen fürchtete der Baronet nicht. Er hatte gute Verbindungen nach Montreal und glaubte überdies, sich auf seine Gewandtheit verlassen zu können. Zudem war das Schlimmste, was ihm eventuell geschehen konnte, eine kurzfristige Internierung. Diese Gefahr erschien ihm wesentlich geringer, als das etwaige Entkommen Richard Walthams zu den englischen Truppen. Gegenwärtig war seine ganze Hoffnung darauf gerichtet, Waltham durch Irokesen oder Huronen abfangen zu lassen, bevor er sich unter den Schutz englischer Waffen zu stellen vermochte.

Als die Gefährten nach dem Fluß aufbrachen, waren huronische und irokesische Späher bereits hinter ihnen. Ihr Übergang über den Fluß und die heimliche Flucht von der kleinen Insel entzogen sie zunächst weiterer Verfolgung; doch nachdem Ni-kun-tha den Seneca-Häuptling Mona-ka-wache aus den Reihen seiner Krieger herausgeschossen hatte, bedurften insbesondere die Irokesen keines weiteren Ansporns, um Bluthunden gleich nach dem verwegenen Miamihäuptling zu suchen.

Auf diese Weise also war Richard Waltham zu der unerwarteten Begegnung mit seinem Vetter Hotham mitten in der Wildnis gekommen.

Die Gefährten, denen Waltham von der Begegnung berichtete, waren nicht wenig überrascht; doch hatte die Besorgnis vor der immer bedrohlicher werdenden Lage begreiflicherweise den Vorrang in seinen Überlegungen. Ni-kun-tha erklärte, er hoffe, nach Westen durchbrechen zu können, nachdem er sich vom Standort der französischen Biwaks überzeugt habe. Er meinte, daß überdies sehr wahrscheinlich sowohl die Soldaten als die ihnen verbündeten Indianer nicht sehr lange hier verweilen, sondern sehr bald ihren Marsch nach Südwesten fortsetzen würden.

Allmählich begann der dunkle Himmel sich im Osten aufzuhellen; die aufkommende Dämmerung erlaubte den im Schilf Eingeschlossenen, ihre Umgebung in Augenschein zu nehmen. Sie gewahrten in einiger Entfernung mehrere kleine Inseln. Auf eines dieser Eilande hielten sie, sich schwer durch Sumpf und Schilf arbeitend, zu, erreichten das Ufer und kletterten mit Gliedern, die ihnen vor Erstarrung kaum noch gehorchen wollten, mühselig an Land. Als es heller wurde, erkannten sie dann, daß sie sich inmitten weit gedehnter Sümpfe, von Schilf und kleinen Inseln durchsetzt, befanden. Auf einem dieser Inselchen waren sie gelandet.

Ni-kun-tha forderte die Weißen auf, sich sorgfältig verborgen zu halten, und bestieg das Kanu, um die nähere Umgebung auszukundschaften.

Er kam nach etwa zwei Stunden zurück und berichtete, daß sich zahlreiche Indianerkanus auf dem See befänden, die nach Süden zögen. Er war ernst und schien sehr besorgt. Es sei kein Zweifel, daß die zum Shanty führenden Spuren inzwischen entdeckt worden seien, meinte er; sehr wahrscheinlich seien rings um den See bereits feindliche Späher unterwegs, um den Flüchtigen nachzuspüren. Er hatte auch die Grenze des Sumpfgebietes nach Westen hin erreicht und einen Bach gefunden, den man, seiner Meinung nach, ein Stück hinauffahren konnte. »Das gut«, sagte er in seiner kurzen, abgehackten Sprechweise, »Wasser keine Spur. Land sehr schlimm. Müssen hier weg. Kanus werden kommen und suchen Sumpf ab. Gleich gehen.«

»Aber wenn die Indianer abziehen, ist es dann nicht besser, einen Tag hier zu warten?« wandte Burns ein.

Der Indianer schüttelte den Kopf: »Nicht alle gehen. Späher bleiben zurück. Irokesen gehen nach Süden, Huronen nach Westen. Ni-kun-tha denkt: Weitergehen. Unsere Spur ganz frisch.«

»Die Rothaut hat recht«, sagte Bob, »kennt sich aus mit seinen Genossen, der Junge. Keinen Zweck, hier zu warten.«

Auch John war für sofortigen Aufbruch, und so ließ sein Vater sich denn überzeugen; die Vorbereitungen zur Abfahrt wurden getroffen.

»Wann kommen wir zu den Häuptlingen?« fragte Way-te-ta plötzlich.

»Das mag der Teufel wissen«, knurrte Bob Green, »die Wälder stecken voll von Feinden.«

Der Irre sah stumpf vor sich hin und hob dann den Kopf. »Way-te-ta hat Hunger«, sagte er.

Bob reichte ihm ein Stück gebratener Bärenlende, das der etwas unheimliche Fremde gierig hinunterschlang. »Großer Büffel gut!« sagte er schmatzend.

»Halt' das Maul, du Idiot!« brummte Bob; »fängt der Kerl jetzt auch mit dem Büffel an! Bob Green heiße ich, hast du das verstanden? Bob! Bob Green! Bob wirst du doch wohl sagen können.«

Way-te-ta sah ihn an und fing plötzlich an zu kichern. »Bob«, wiederholte er, als hätte er nie etwas Absonderlicheres gehört, »Bob, Bob, ha ha ha! Er heißt Bob!«

»Was gibt's da zu lachen, du Unflat?« schnaubte der Bootsmann.

Der Irre kicherte unentwegt weiter. Der Name Bob schien ihn ungemein zu erheitern. Er wiederholte ihn noch mehrere Male.

Er brach dabei immer wieder in wildes Lachen aus. Das Kanu stakte bereits wieder durch Schilf; man näherte sich dem Lande. Das Lachen des Irren konnte unter diesen Umständen leicht gefährlich werden. Ni-kun-tha ergriff ihn deshalb am Arm und zischte ihm zu: »Sollen die Häuptlinge hören, daß Way-te-ta auf dem Kriegspfad schwätzt und die Feinde anlockt?«

Der Mann machte ein erschrockenes Gesicht; er sah aus wie ein Kind, das gescholten wurde. Er schwieg augenblicklich und sank gleich darauf in die stumpfe Haltung zurück, die er im allgemeinen zu zeigen pflegte. Sie näherten sich dem Ende des Sumpfes und der Bachmündung, die der Häuptling entdeckt hatte. Während dieser allein mit äußerster Vorsicht ruderte, griffen die anderen zu den Waffen, jeden Nerv bis zum Zerreißen gespannt. Indessen, es rührte sich nichts; die Wälder lagen in majestätischem Schweigen, gleichsam unberührt. Vögel sangen in den Lüften, eine Spottdrossel ließ sich hören, nichts deutete auf eine irgendwo lauernde Gefahr.

Das Kanu glitt in den Bach hinein. Sofern sie nicht bereits von einem Späherauge entdeckt waren, konnten sie nunmehr hoffen, in verhältnismäßiger Sicherheit zu sein. Langsam, mit nie erlahmender Vorsicht, trieb der Indianer das Kanu weiter. Links und rechts wogte und raschelte das Schilf; weiterhin gewahrte das Auge dann und wann die ausgebreiteten Wipfel eines uralten Waldriesen.

»Hast jetzt genug getan, Falke, jetzt laß mich einmal rudern«, sagte Bob. Sie tauschten schweigend die Plätze, was in dem engen Gefährt gar keine einfache Sache war. Bob verstand mit dem Ruder umzugehen; mit vorsichtigen, aber gewaltigen Schlägen trieb der Riese das Kanu vorwärts. Das Schilf wurde zur Linken und Rechten des Baches allmählich dünner; schließlich hörte es ganz auf und machte dichtem Buschwerk Platz, hinter dem zu beiden Seiten hochstämmiger Urwald aufragte. Die Wipfel der Bäume berührten sich über dem Wasser, so daß sie gleichsam wie in einer Laube dahinglitten.

Nach Burns' Taschenkompaß hielten sie unentwegt Nordwestkurs. Das schien um so günstiger, als der Feind nach allen bisherigen Beobachtungen sich ausnahmslos in südwestlicher Richtung bewegte.

Dann plötzlich, sie mochten erst wenige Meilen zurückgelegt haben, wich der Wald zu beiden Seiten des Baches zurück, die Büsche verschwanden, und wieder trat hohes Schilf an ihre Stelle, das dichter und dichter wurde, um schließlich den weiteren Weg abzuschneiden. Sie steckten in einer Sackgasse. Einen Augenblick hielten sie ratlos, dann sagte der Häuptling: »Gehen in Schilf hinein. Kommen an Land oder an anderes Wasser.«

Dem Rate folgend, versanken sie beinahe im Schilf. Sie sahen jetzt nichts mehr als den klaren Himmel über sich, und rundherum die starrenden Rohrwände. Die Ruder waren nicht länger zu gebrauchen; sie griffen mit den Händen nach den Schilfhalmen und zogen das Kanu vorwärts. Inmitten des Schilfmeeres erreichten sie schließlich etwas offenes Wasser, um bald danach wieder zwischen Schilfwänden unterzutauchen. Nach harter Anstrengung bemerkten sie dann nach vorn zu ein größeres Gewässer und glitten, sich mühsam vorwärtsschiebend, in einen kleinen See hinein, auf dessen ruhiger Oberfläche zahlreiche Wildenten schwammen.

Burns griff zum Glas und untersuchte sorgfältig den See und seine Uferränder. Sie lagen einsam und verlassen im Sonnenschein. Am anderen Ende des Sees stieg das Land in bewaldeten Hügelwellen allmählich an. Angesichts der bedrohlichen Situation, da zahlreiche Indianerstämme im Dienst der Franzosen von Norden nach Süden zogen, mußte es bedenklich erscheinen, sich mit dem Kanu auf eine offen daliegende Wasserfläche zu wagen, bevor man noch wußte, wie es in den umliegenden Wäldern aussah. Sie trieben das Kanu deshalb im Schutz der Uferbüsche seitwärts entlang und betraten nach einer Weile festen Boden.

Ni-kun-tha erklärte, den Uferbereich untersuchen zu wollen, und John schloß sich ihm an. Unter hochstämmigen Bäumen begannen beide mit aller erdenklichen Vorsicht das Seeufer zu umkreisen.

Beinahe am entgegengesetzten Ende ihrer Landestelle stießen sie auf eine mit zahllosen Steinen bedeckte Bodenrinne, die bei heftigem Regen oder in der Zeit der Frühjahrsschneeschmelze die Wasser der Berge zu Tal führen mochte. Sie passierten die Rinne und gingen weiter um den See herum, ihn vollständig umkreisend, ohne irgendetwas Verdachterweckendes wahrzunehmen. So kamen sie zu der Landestelle zurück und machten sich durch leisen Zuruf bemerkbar. Gleich darauf kam das Kanu mit den anderen heran und nahm sie auf.

Sie fuhren nun quer über den See bis zu der mit Steinen angefüllten Wasserrinne, die der Miami für die Landung ausgewählt hatte, da Steine keine Spur hinterlassen. Alle begaben sich nun an Land, nachdem sie das Kanu unter Büschen sorgfältig versteckt hatten. Sie stiegen langsam die ziemlich steil bergan führende Rinne hinan, die oben in einer waldigen Schlucht endete, deren Boden ebenfalls mit kleineren und größeren Steinen bedeckt war. Sie folgten der Schlucht eine Weile; als sie indessen feststellen mußten, daß sie auf diese Weise immer höher in die Berge geraten würden, beschlossen sie, nach rechts abzubiegen und wieder talabwärts zu steigen. Der Höhenzug lief, wie sie schon vom See aus festgestellt hatten, von Ost nach West und schien von beträchtlicher Ausdehnung. Es war damit zu rechnen, daß vom Eriesee kommende Indianerhorden ihren Weg nach Süden seinen westlichen Abhang hinab nehmen würden, denn es war nun keinerlei Zweifel mehr daran möglich, daß die Bewegung der französischen Truppen und ihrer roten Verbündeten sich auf das Ohiotal richtete. Danach glaubten die Männer nördlich der Berge weniger Gefahr zu laufen. Außerdem näherte man sich in dieser Richtung dem Genesee.

Sie kletterten den Nordhang hinab, um wieder ebenes Land zu gewinnen, was, des felsigen Bodens wegen, nicht ohne erhebliche Schwierigkeit vor sich ging. Als sie reichlich erschöpft schließlich am Fuße der Berge ankamen, bot eine von Bäumen umstandene Höhle ihnen einen willkommenen Lagerplatz; in unmittelbarer Nähe entsprang eine sprudelnde Quelle. Sie ließen sich vor dem Eingang der ziemlich geräumigen Höhle nieder, stillten ihren Durst an dem klaren und eiskalten Wasser der Quelle und suchten dann nach dem anstrengenden Marsch etwas Ruhe zu finden.

Schlimm war, daß niemand von ihnen genau zu sagen wußte, wo eigentlich sie sich befanden. Insoweit versagten auch Ni-kun-thas unschätzbare Fähigkeiten, hatte er sich doch in den Wäldern und Bergen südlich des Ontario kaum aufgehalten. Sie vermochten nicht einmal abzuschätzen, wie weit südwärts sie bisher gekommen waren. Kreuzten sie jetzt einen nach Norden fließenden Wasserlauf, dann konnten sie sicher sein, daß er dem Ontario zuströmte; dann war auch die Lage des Genesees zu berechnen.

Die Hoffnung des alten Burns richtete sich darauf, das John genauestens bekannte Land um den Genesee zu erreichen; Voraussetzung dafür war, daß sie nicht zu weit nach Süden abgekommen waren. Verfehlten sie den Genesee, weil sie zu weit südwärts gegangen waren, dann mußten sie eines Tages auf den Eriesee stoßen, der von Franzosen besiedelt war. Indessen hofften sowohl der Farmer als sein Sohn, daß sie in einigen Tagen das heimische Gewässer erreichen würden. Die Besorgnis des Alten hinsichtlich des Schicksals der tief in den Wäldern gelegenen Ansiedlung war zwar ohne weiteres begreiflich, aber nicht sehr begründet, da die Bewegung aller an den Seen hausenden Indianerstämme sich nach Süden richtete. Da die Ansiedlung zudem fern der Küste lag, war auch vom Ontario aus kaum etwas zu befürchten. John suchte den ängstlichen Vater denn auch immer wieder zu beruhigen, ohne dessen Besorgnisse allerdings ganz verscheuchen zu können.

Was die Verhältnisse im Ohiotal anging, war der Miamihäuptling bestens unterrichtet. Auch er war der Meinung, der Vorstoß der Franzosen ziele von den Forts am Erie aus unmittelbar südwärts. Das Vorschieben französischer Truppen von Ost nach Südwest hatte ihn überrascht. Richard Waltham glaubte es damit erklären zu können, daß die Franzosen noch schwankenden indianischen Stämmen die französische Flagge zeigen wollten, um sie mitzureißen; natürlich konnten die Franzosen auch beabsichtigen, einen überraschenden Flankenangriff gegen die notwendig von Süd und Südwest heranziehenden Truppen der Kolonien zu führen. Alles in allem schien die Lage etwas undurchsichtig.

Die Miamistämme im Ohiotal waren zwar nur teilweise offen zu den Franzosen übergetreten, dagegen hatte die Mehrzahl erklärt, sich neutral verhalten zu wollen. Die Miami hatten in diesem Sinne auch auf benachbarte Völkerschaften einzuwirken gesucht, was ihnen teilweise, so bei drei Stämmen der Lenni-Lenape, auch gelungen war. Tana-ca-ris-son, der Vater Ni-kun-thas, hatte als oberster Sagamore des ausgedehnten und einst sehr mächtigen Miamibundes eine gewaltige Macht in seiner Hand vereinigt gehabt, sein Ansehen hatte ihm einen beinahe königlichen Rang eingeräumt, den die Engländer, zuweilen nicht ungeschickt in der Ausnützung indianischer Gebräuche, denn auch vorbehaltlos anerkannten, indem sie Tana-ca-ris-son wie einen König behandelten. Ni-kun-tha, der Sohn, hatte sich bei den einzelnen Stämmen großer Beliebtheit erfreut, er hatte sich zudem in sehr jungen Jahren als Kriegshäuptling hervorgetan, und bei normaler Entwicklung hätte es kaum einem Zweifel unterlegen, daß er vom Rat der Alten eines Tages an die Stelle seines Vaters gerückt worden wäre. Die jähe Entwicklung durch den unversehens hereinbrechenden Krieg, Tana-ca-ris-sons plötzlicher Tod und Ni-kun-thas Abwesenheit hatten den künftigen ›König der Miami‹ zu einem landflüchtigen Krieger gemacht, der nur mit geringer Gefolgschaft rechnen konnte, eben mit den Leuten, die bei den Shawano seiner warteten.

Ni-kun-tha sehnte sich sehr danach, mit seinen wenigen Getreuen zusammenzutreffen, um sie für die Sache seines ermordeten Vaters in den Kampf zu führen. Allein auf sich gestellt wäre er wohl längst an seinem Ziel angelangt, indessen duldete das in ihm wurzelnde natürliche Treuegefühl nicht, daß er in der Stunde der Not die Männer verließ, denen er die Rettung seines Lebens verdankte. Er beabsichtigte, die Gefährten bis zum Genesee zu geleiten und dann unverzüglich seinen Weg südwärts zu den befreundeten Shawano zu nehmen. Daß von Norden her auf englische Hilfe nicht zu rechnen war, hatte man erkannt; dort hatte man genug damit zu tun, die Seeplätze zu verteidigen. Hilfe konnte nur von Osten und Südosten kommen, und auch hierfür war, als er die Shawano verließ, um den englischen Kommandanten aufzusuchen, auch nur geringe Aussicht gewesen. Dabei wußte er, daß das Ohiotal verloren war, wenn sich nicht bald eine entscheidende Wendung vollzog. Dann trat unvermeidlich ein, was Tana-ca-ris-son immer gefürchtet hatte: Die Miamistämme gerieten unter französischen Einfluß und schließlich in völlige Abhängigkeit von Kanada.

Sie hatten erst eine kleine Weile geruht, als der Häuptling sich erhob, um zunächst einmal, seiner Gewohnheit nach, die nähere Umgebung nach verdächtigen Spuren abzustreifen. »Ich lasse dich nicht allein gehen, Falke«, sagte John, aufstehend und nach der Büchse greifend.

Der Indianer lächelte: »Schnelle Büchse mag mitkommen. Er sehr klug, scharfes Auge. Vier Augen besser als zwei.«

Die beiden Männer hielten sich bei ihrem Streifzug nach Westen, um nach einiger Zeit, einen Bogen beschreibend, zum Lager zurückzukehren. Das Holz stand am Fuß der Hügelkette lichter und erlaubte ein ziemlich rüstiges Ausschreiten.

Sie mochten ein paar Meilen gegangen sein, ohne irgendetwas Verdächtiges zu gewahren, als der Miami, während sie dem Lauf eines seichten Baches folgten, plötzlich zusammenzuckte und einen heiseren Überraschungsruf ausstieß. John stutzte, blieb gleichfalls stehen und faßte die Büchse fester. »Was gibt's, Falke?« flüsterte er.

»Dort!« zischte der Indianer; seine Augen funkelten gleich denen eines auf Beute lauernden Panthers.

John folgte dem weisenden Finger seines roten Gefährten mit dem Blick, sah aber nichts. »Was fällt dir auf?« flüsterte er.

»Irokese hier!« zischte der Indianer.

John erschrak und blickte sich unruhig um; er gewahrte noch immer nichts.

»Komm«, raunte der Häuptling und watete durch den Bach. John folgte ihm. Drüben angekommen, wies Ni-kun-tha auf eine Stelle am Boden. John sah nichts.

»Gras niedergetreten – hier – da – dort«, raunte der Miami. »Irokesenspäher kommen Bach herauf, gehen hier an Land.«

John starrte auf das Gras; jetzt schien es ihm, als seien hier und da ein paar Hälmchen umgeknickt. Er hätte das nie gesehen, ohne ausdrücklich darauf hingewiesen zu werden.

»Eben erst hier gewesen, Spur frisch«, flüsterte Ni-kun-tha.

John, der selbst im Wald aufgewachsen war, ein vorzüglicher Jäger war und über scharfe Augen verfügte, bewunderte den Spürsinn des roten Mannes. Er hatte oft von der unwahrscheinlichen Fähigkeit der Indianer, Spuren zu lesen, gehört; jetzt zum ersten Male erhielt er eine unmittelbare Probe dieser Kunst. »Was beginnen wir?« raunte er.

»Gehen nach. Töten ihn«, zischte Ni-kun-tha. »Sehr gefährlich!« Und mit unendlicher Vorsicht, dabei doch raschen Schrittes folgte er der nur seinem Auge wahrnehmbaren Spur, bis zu einer Stelle, wo das Gras spärlicher wuchs und wo nun auch John in dem weichen Boden den leichten Eindruck eines Fußes gewahrte.

Plötzlich fiel irgendwoher ein Schuß; John hörte die Kugel dicht an seinem Ohr vorbeipfeifen; in knapp hundert Schritt Entfernung stieg Pulverdampf auf. Ni-kun-tha sprang, den Tomahawk aus dem Gürtel reißend, mit gellendem Schrei auf die Stelle zu, John folgte ihm, ohne zu zögern. Unmittelbar vor ihnen tauchte ein Indianer auf; er entfernte sich in eiliger Flucht, von John und dem Miami gefolgt. Plötzlich stolperte Ni-kun-tha und fiel. John erkannte zu spät, daß ein ihm geschickt zwischen die Beine geworfener Ast die Ursache dieses Stolperns war. Fast im gleichen Augenblick erhoben sich ringsum an die zwanzig wild bemalte Indianer; ebenso viele Gewehrläufe starrten den beiden entgegen.

Ni-kun-tha sprang auf; sein Blick flog wie der eines gestellten Wildes in die Runde. Wohin er sah, standen Irokesenkrieger in Kriegsbemalung, die schußbereiten Büchsen erhoben. Der Häuptling ließ die eigene Büchse sinken und blieb hochaufgerichtet, in königlicher Haltung stehen. John stand schwer atmend neben ihm.

Ein alter Indianer trat vor und redete Ni-kun-tha an: »Mein junger Bruder hatte es sehr eilig bei der Verfolgung eines meiner jungen Leute.«

Ni-kun-tha antwortete nicht.

Die anderen Indianer drängten jetzt näher; auf einen Wink des Alten wurden John und dem Miami die Waffen abgenommen.

»Mein junger Bruder ist ein Shawano, der gleich einem Wolf in den Wäldern heult?« sagte der Irokese, wie Ni-kun-tha auf den ersten Blick gesehen hatte, ein Seneca-Häuptling.

Ni-kun-thas Gesicht war hoheitsvoll verschlossen und erschien völlig ausdruckslos. Er antwortete immer noch nicht.

»Der noch sehr junge Krieger schämt sich, seinen Namen zu nennen?« höhnte der Seneca. »Gewiß wurde er noch nie im Rat der Alten genannt; nur die jungen Squaws werden ihn kennen.«

Ein finsteres Lächeln erschien auf dem Gesicht des jungen Häuptlings. Er hatte nicht alles, aber doch das Wesentliche verstanden. Jetzt antwortete er im Dialekt der Cayuga: »Die Seneca heulen vor Angst und verkriechen sich in den Wäldern, wenn sie meinen Namen hören. Ich bin Ni-kun-tha, der Miami, der Sohn Tana-ca-ris-sons.«

Jähe Überraschungsrufe wurden laut; gleich darauf setzte wildes Geheul ein; wilder Haß sprühte in den Augen der Indianer.

Nur der alte Häuptling ließ sich die innere Erregung nicht anmerken. »Oh«, sagte er nach einer kleinen Weile, »Ni-kun-tha, der Miami bist du, der aus dem Hinterhalt den großen Mona-ka-wache tötete.«

»Er fiel von meiner Kugel; sechs Skalpe seiner Krieger sind in meiner Hand«, versetzte Ni-kun-tha hochmütig. Der Alte hatte Mühe, die Wut seiner Krieger zu zügeln, die Anstalten machten, auf den Miami einzudringen.

»Gut«, sagte der alte Häuptling schließlich, »der Miami hat Mut. Er wird Gelegenheit haben, es zu beweisen.«

Ein Wink seiner Hand, und beiden Gefangenen wurden die Arme mit dünnen Riemen auf dem Rücken zusammengeschnürt. Der Krieger, den Ni-kun-tha verfolgt hatte, trat an den Alten heran und flüsterte ihm etwas zu. Der befahl, den Miami fortzuführen und drohte jedem mit schwerster Strafe, der dem Gefangenen ein Leid zufügte. Darauf wandte der Häuptling sich John zu, der bleich, aber gefaßt und in aufrechter Haltung dastand.

»Das Bleichgesicht ist ein Freund der Miami?« fragte er kurz.

»Das bin ich«, antwortete John.

»Gut. Der weiße Mann folgt dem Miami auf dem Kriegspfad?« Der Häuptling hatte John auf Englisch angesprochen, das er mit indianischem Akzent nahezu fehlerfrei sprach.

»Nein«, antwortete der junge Burns. »Ich bin nicht auf dem Kriegspfad, sondern ziehe friedlich durch die Wälder, meiner Heimat zu.«

»Sehr gut. Der weiße Mann ist kein Krieger?«

»Nein.«

»Aber er nimmt Irokesenskalpe, wo er sie findet.«

»Kein weißer Mann nimmt Skalpe, Indianer«, versetzte John, »du weißt das sehr gut. Ich füge niemand ein Leid zu, es sei denn zur Verteidigung meines Lebens.«

»Ich sehe, mein junger Bruder ist friedlichen Sinnes und wandelt nicht auf dem Kriegspfad. Er wird das den großen Häuptlingen sagen, und sie werden ihn mit seinen Begleitern nach seinem Wigwam ziehen lassen.«

John atmete unwillkürlich auf. Er ahnte die Arglist des Indianers nicht, auch fiel ihm nicht auf, daß der Rote von seinen Begleitern sprach, von denen er eigentlich nichts wissen konnte.

»Welchen Weg ging mein junger Bruder?« fragte der Indianer.

Die Frage machte den Jüngling stutzig; mit Schrecken gedachte er seines Vaters. Besonnen antwortete er: »Wir sind vom Onondaga aus durch die Wälder gezogen und wollen zum Genesee, weil der Ontario in der Hand der Franzosen ist.«

»Es ist gut, mein junger Freund spricht nur mit einer Zunge«, versetzte der Irokese. Er befahl, Johns Fesseln zu lösen, und fuhr fort: »Die anderen weißen Männer werden Sorge haben, wenn das junge Blaßgesicht nicht zurückkehrt. Will er ihnen nicht durch einen meiner Läufer Botschaft senden, daß sie bei den Irokesen willkommen sind?«

Das war ein wenig plump gefragt. Fuchs! dachte John, der seine Erregung inzwischen einigermaßen niedergekämpft hatte. Mit einer Treuherzigkeit, die geeignet war, selbst den verschlagenen Alten zu täuschen, antwortete er: »Ich würde das dankbar annehmen, Häuptling, wüßte ich nur, wo sie zu finden sind. Mein roter Gefährte und ich waren einen vollen Tagesmarsch voraus, um die Sicherheit der Wälder zu erkunden. Denn da gegenwärtig Krieg herrscht, wollten wir, wie du dir leicht denken kannst, nicht gern mit Irokesen und Huronen zusammenstoßen.«

»Gut«, versetzte der Indianer, »aber wie will mein junger Bruder seine Freunde wissen lassen, daß die Wälder sicher sind?«

»Wir wollten zurückgehen und am Nordufer des Cayugasees mit ihnen zusammentreffen«, antwortete John schlagfertig. Er wußte, daß es hier irgendwo einen See dieses Namens gab, hatte allerdings von seiner Lage keine Ahnung.

Er vermochte nicht zu erkennen, ob der Irokese ihm glaubte. Der antwortete nur: »Gut, meine jungen Leute werden nach ihnen suchen.« Mit unverkennbarer Drohung im Ton fuhr er fort: »Mein junger Freund versuche nicht zu fliehen. Er ist bewacht, und eine Kugel eilt schneller als sein Fuß.« Er rief einigen jungen Kriegern ein paar Worte zu, die daraufhin im Wald untertauchten, und winkte den übrigen zu gehen.

Neben John gingen zwei schwerbewaffnete Indianer, die jede seiner Bewegungen belauerten. Aber der junge Mann dachte gar nicht an Flucht, wußte er doch, daß sie völlig aussichtslos war. Was ihn innerlich quälte, war eigentlich nur die Unruhe um seinen Vater. Der Marsch verlief schweigsam, nach etwa zwei Stunden erreichten sie ein Irokesenlager, das mehr als zweihundert Krieger vereinigte. John sah sich nach Ni-kun-tha um und fand ihn alsbald an einem Baum festgebunden. Er warf dem roten Freund einen schnellen Blick zu, den dieser wohl verstand, aber nicht erwiderte. Ni-kun-thas Gesicht war so hochmütig verschlossen, als sei er nicht ein gebundener Gefangener, sondern der oberste Häuptling der hier versammelten Indianer.

Die Indianer lagerten an mehreren Feuern, über denen Fleischstücke brieten. Ungefähr in der Mitte des ziemlich regellosen Haufens saßen auf einer kleinen Lichtung mehrere ältere Männer, deren reicher Knochen- und Perlenschmuck auf hohen Häuptlingsrang schließen ließ. Zu ihnen begab sich der alte Irokese, der die beiden jungen Männer gefangengenommen hatte, und erstattete Bericht.

Von John schien kein Mensch Notiz zu nehmen, doch der junge Weiße wußte sehr wohl, daß das eine Täuschung war, daß er unter ständiger Beobachtung stand. Er wollte auf den gebundenen Miamihäuptling zugehen und sah sich schon nach den ersten Schritten in dieser Richtung von einem Krieger zurückgehalten. Er ließ sich achselzuckend im Gras nieder. Übrigens schien man auch den gebundenen Ni-kun-tha kaum zu beachten.

Nach kurzer Beratung gingen zwei Krieger auf den Baum zu, an dem der Miami stand, und schnitten ihn los. Zwei andere Krieger bedeuteten John, ihnen zu folgen; bald darauf standen beide Gefangene vor der Gruppe der alten Häuptlinge, um sie schloß sich ein Ring von waffenstarrenden Kriegern.

Ein alter Häuptling mit narbenzerrissenem Gesicht richtete die Augen auf Ni-kun-tha, der in stolzer Haltung aufrecht vor ihm stand, und sagte:

»Mein junger Bruder ist Ni-kun-tha, der Sohn Tana-ca-ris-sons, des obersten Sagamoren der Miami?«

»Du weißt es, Häuptling«, antwortete Ni-kun-tha unbewegten Gesichts.

»Die Miami sind bekannt dafür, große Worte zu machen«, sagte der Alte. »Der junge Häuptling hat Mona-ka-wache, den großen Kriegshäuptling der Seneca, getötet?«

In Ni-kun-thas Augen blitzte es auf. »Ja, Seneca«, antwortete er, »im Angesicht von zweihundert seiner Krieger schoß ich ihn nieder.«

Wutgeheul brandete auf. Der alte Häuptling aber wandte sich ruhig und gleichmütig John zu, der neben dem Miami stand. »Das junge Blaßgesicht hat die Waffen gegen meine Krieger erhoben«, sagte er.

»Ich bin friedlich durch die Wälder gezogen und habe mich gewehrt, als ich angegriffen wurde«, entgegnete John.

»Er hat am Canadaigafluß einen meiner Krieger erschlagen«, sagte der Seneca.

Die Huronen, die im Auftrage Hothams der Besatzung der Molly folgten, hatten die Leiche des von John erschossenen Seneca gefunden und Johns Spur gemessen.

Der junge Mann zögerte einen Augenblick mit der Antwort, dann sagte er: »Der Mann griff mich verräterisch aus dem Hinterhalt an; meine Büchse war schneller als die seine.«

»Der junge weiße Krieger ist tapfer, er sagt die Wahrheit; es ist gut«, versetzte der Häuptling. Er erhob sich mit schneller Bewegung und sprach mit weithin schallender Stimme: »Die Völker der Sechs Nationen bis auf die abgefallenen Hunde der Onondaga und Mohawk, sind weit verstreut in den Wäldern, um gegen die Yengeese und ihre Verbündeten zu kämpfen. Von Osten ziehen Krieger heran, andere ziehen nach Süden; wir stehen in der Mitte. Der Miami hat Mona-ka-wache, den großen Häuptling, getötet. Er stirbt am Marterpfahl. Er soll zu den Dörfern der Seneca geführt und gut bewacht werden, bis die Krieger, mit Skalpen beladen, zurückkehren. Alle sollen den Mörder Mona-ka-waches sterben sehen.« Dumpfes Beifallsgemurmel erhob sich rundum.

»Das Blaßgesicht hier hat verräterischerweise einen Krieger getötet«, fuhr der Alte fort. »Auch er soll vor der großen Ratshütte am Pfahl sterben. Er soll ebenfalls zu den Dörfern gebracht werden. Ich habe gesprochen.«

Es erhob sich kein Einwand, die Krieger gingen zu ihren Feuern zurück. John wurde gebunden und zusammen mit Ni-kun-tha zu dem Baum geführt, an dem der Miami bisher gefesselt gestanden hatte.

Ni-kun-tha hatte den wesentlichen Inhalt der Rede des Alten verstanden, John dagegen nicht. Deshalb fragte er jetzt: »Was wird mit uns geschehen?«

»Sie schicken uns zu den Dörfern der Seneca. Wir sollen dort später am Marterpfahl sterben«, antwortete Ni-kun-tha.

John fuhr unwillkürlich zusammen. Der Miami sagte leise: »Mein Bruder fürchte nichts. Der Weg zu den Dörfern der Seneca ist lang. Wir stehen noch nicht am Marterpfahl.«

»Aber mein Vater –«, flüsterte John.

»Hoffen – ihn nicht finden. Haben Fährte gut versteckt in Wasser und auf Stein.«

»Gott gebe es!« flüsterte John.

Ein paar Krieger erschienen und brachten den Gefangenen zu essen. Sie lösten ihnen zu diesem Zweck die Fesseln. Ni-kun-tha aß mit augenscheinlichem Appetit; er würdigte die Irokesen rundum nicht eines Blickes. John dagegen mußte sich zum Essen zwingen.

Nachdem sie ihre Mahlzeit beendet hatten, wurden beide Gefangene wieder gefesselt. Sechs Krieger nahmen sie in die Mitte. Unter den finster drohenden Blicken der umherstehenden Indianer traten sie den Marsch an, der nach dem Willen der Feinde ihr letzter sein sollte.

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