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Der König der Miami

Franz Treller: Der König der Miami - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Treller
titleDer König der Miami
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
year1954
correctorreuters@abc.de
senderChristoph Götz
created20080210
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Gefährliche Begegnung

Seit Tagen schon zogen die Gefährten durch den Wald; es schien kein Ende nehmen zu wollen. Soweit das Auge reichte, sah es nichts als breitstämmige Eichen, ungeheure Ahorne, Hickorys und Sykomoren, von wildem Lianengestrüpp umwuchert. Hier und da ein entwurzelter Baumriese, modernd und dem Fäulnistod preisgegeben, am Boden; häufig waren drei, vier Stämme, riesige Barrikaden bildend, quer übereinander gefallen. Unter dem dichten Laubdach herrschte ein trübes Dämmerlicht; die Strahlen der Sonne hatten es schwer, den dichten Blattbaldachin zu durchdringen. In dem grünschimmernden Wasser des kleinen Baches, in dessen Nähe die Männer am Feuer saßen, tanzten silberne Lichter.

Ni-kun-tha, der Schnelle Falke, hatte einen kapitalen Hirsch geschossen, und obgleich es nicht ratsam schien, hatten die in die Wildnis Verschlagenen sich entschlossen, ein kleines Feuer in Gang zu setzen, sogleich darauf bedacht, nur trockenes Reisig zu verwenden, um möglichst wenig Rauch zu entwickeln. Sie hatten sich von den saftigsten Stücken des erlegten Tieres eine kräftige Mahlzeit gebraten und lagen nun, in ihren Gedanken versunken, um das mählich verglimmende Feuer. Ni-kun-tha weilte nicht bei ihnen, er streifte im Wald.

Der junge Waltham machte einen müden und erschöpften Eindruck. Ihm, der so lange hinter Gittern gesessen hatte und nur dürftig ernährt worden war, machten die Strapazen des anstrengenden Waldmarsches besonders zu schaffen. Das blonde Haar hing ihm wirr und zerzaust in das blasse Gesicht, die Augen glänzten fiebrig, und sein für Abenteuer dieser Art nicht berechneter Anzug zeigte überall in Flecken und Rissen die Spuren des Waldes. Zu den ungewohnten Anstrengungen kam bei ihm außerdem der innere Aufruhr. John und Bob hatten ihm inzwischen eingehend Bericht erstattet; er wußte, daß sein Oheim tot und unter welchen Umständen er gestorben war, er wußte, daß er die Qualen der letzten Zeit und sein gegenwärtiges Elend seinem ehrenwerten Vetter Hotham verdankte; Trauer, Scham und Zorn stritten sich in seinem aufgewühlten Innern.

Den beiden Burns, Vater wie Sohn, taten die Strapazen des Marsches nicht viel. Auch sie waren müde und einigermaßen erschöpft, aber durchaus nicht mehr, als die Anstrengungen einer beschwerlichen Tagesreise es bedingten. Fast noch erschöpfter und unglücklicher als Richard Waltham war dagegen Bob Green, der Schiffer. Er war es am wenigsten von allen gewöhnt, durch den Wald zu streifen – der junge Baronet hatte sich immerhin oft gern als Jäger betätigt – er war es gewöhnt, auf dem Wasser zu leben, das sein eigentliches Element war. Sein schwerer, massiger Körper war für anstrengende Märsche wenig geeignet. Er lag jetzt, die Hände unter dem Kopf verschränkt, der Länge nach auf dem Rücken und war so müde und erschöpft, daß er darüber das Rauchen vergaß, während ihm sonst die Pfeife doch kaum ausging. In seinem eigentlichen Element war unzweifelhaft der Miami-Häuptling, den es gleich nach dem Essen schon wieder in die Tiefe des Waldes getrieben hatte.

Die Männer hatten sich schweren Herzens entschlossen, an Land zu gehen und den Weg durch die Wälder zu nehmen; aber den alten Farmer zog es unwiderstehlich nach der heimatlichen Scholle, und es gab nun, da sie die Molly verloren hatten, keine andere Möglichkeit. Der Miami hatte sich bereit erklärt, die Führung zu übernehmen, und der junge Waltham hatte sich der kleinen Gesellschaft wohl oder übel anschließen müssen, obgleich er sehr viel lieber nach Stacket Harbour geeilt wäre, um seinem sauberen Vetter das Handwerk zu legen.

Ausgedehnte Sümpfe zu ihrer Rechten hatten die Männer gezwungen, weiter nach Süden zu gehen, als sonst nötig gewesen wäre. Abgesehen von den Beschwerlichkeiten des Marsches selbst war ihnen bisher nichts Außergewöhnliches begegnet. Die Wälder lagen so unberührt, als habe sie vor ihnen nie eines Menschen Fuß betreten. Da sie glaubten, das Sumpfgebiet nun hinter sich gelassen zu haben, beabsichtigten sie, sich möglichst schnurgerade westwärts zu wenden; so mußten sie eines Tages in den Bereich des Genesees kommen.

John warf dem mit fast erloschenem Gesicht unter einem Baum hockenden Waltham einen teilnahmsvollen Blick zu. »Mut, Sir Richard«, sagte er, sich zu einem Lächeln zwingend, »wir schaffen's schon. Oder fürchtet Ihr, nicht durchzuhalten?«

Der Baronet sah auf: »Oh, ich werde schon. Es tut mir leid, daß ich Euch Mühe mache.«

»Unsinn!« wehrte John ab, »wir sitzen jetzt alle zusammen sozusagen auf denselben Bootsplanken fest – –«

»Bootsplanken!« ächzte Bob Green, den Kopf hebend, »hol Euch der Satan, Bursche, von Bootsplanken zu reden, wenn ein christlicher Seemann gezwungen ist, von morgens bis abends durch Gestrüpp und Dornenhecken zu kriechen, über Baumwurzeln zu stolpern und über Barrikaden zu klettern! Der Henker hole diesen verdammten Wald, in dem's nicht mal Luft genug zum Atmen gibt!«

»Wärt wohl lieber auf dem Ontario, was?« grinste John, lachend die Zähne zeigend.

»Weiß Gott!« ächzte der Bootsmann, »meinetwegen auch auf dem Ozean!«

»Nun, den Ontario habe ich nicht gerade in guter Erinnerung«, lachte John, »habe manchmal wahrhaftig keinen Penny mehr für mein Leben gegeben.«

»Ha!« rief Bob, »du verdammter Narr! Gibt's etwas Großartigeres auf der Welt als einen steifen Südwest, wenn die Wogen über den Bug rollen und unter einem die Planken krachen? Dann die Hand am Steuer und den Blick nach vorn; ich sage dir, Junge, da fängt das Leben erst an, interessant zu werden! Komm' mir in der Düsternis hier vor wie lebendig begraben. Ist ein Seemann dazu bestimmt, wie eine Schnecke auf dem Bauch zu kriechen? Sumpf, Moder und Dickicht, links Holz, rechts Holz, nichts als Holz und Gestrüpp. Kein Licht, keine Luft! O verdammt, so stell' ich mir die Hölle vor.«

»Geschmacksache!« grinste John.

»Seid beide Narren«, versetzte der alte Farmer; stille Einfalt malte sich auf dem müden, zerfurchten Gesicht. »Gottes Odem hier wie dort«, sagte er leise; »Bob ward auf dem Wasser groß, ich in den Wäldern; hier wie dort zeigt die Natur ihre erhabene Größe. Wer wollte sie schmähen!«

»Hätte gar nichts gegen den Wald, soll so erhaben sein, wie er will, wenn ich nur nicht tagelang drin herumlaufen müßte«, knurrte Bob. Er hatte sich auf die Ellbogen aufgerichtet und sah John grinsen. »Gar nichts zu grinsen«, fauchte er; »ihr könnt überhaupt nicht mitreden. Ihr müßt nicht zwei Zentner Körpergewicht herumschleppen wie ich und dabei alle drei Minuten vor irgendeinem Ast einen Bückling machen. Kommt noch dazu, daß hinter jedem Baumstamm eine blutgierige Rothaut lauern kann.«

»Nun, Bob, wir sind Waldmenschen und waren mit Euch im Sturm auf dem See, ohne zu murren«, versetzte Burns, »war auch kein Vergnügen für uns. Nun lauft Ihr eben mit uns durch den Wald, und ich glaub' Euch gern, daß das kein Spaß für Euch ist. Werden auch wieder herauskommen aus den Wäldern.«

»Muß aber bald geschehen, Master. Muß verdammt bald geschehen, sonst könnt Ihr mich hier irgendwo eingraben. Halt's wahrhaftig nicht lange mehr aus.«

Jetzt zeigte sich auch auf den schmalen Lippen des Farmers ein Lächeln. »Nun, Bob«, sagte er, »glaube nicht, daß Ihr so schnell umzubringen seid. Und was die Indianer betrifft, so müssen wir ja nicht unbedingt auf feindliche stoßen. Huronen sind hier kaum zu erwarten, und von den Irokesenstämmen kämpfen Mohawk und Onondaga auf unserer Seite. Warum sollten wir gerade auf Oneida und Seneca stoßen? Es jagen mehrere befreundete Stämme in diesen Bereichen.«

»Könnt Euch drauf verlassen, daß das Mingogesindel hier herumkriecht«, seufzte Bob; »wo die Franzosen sind, sind auch die Gurgelabschneider nicht weit.«

»Der Miami ist bei uns; er wird uns auf etwaige Gefahren schon rechtzeitig aufmerksam machen«, versetzte Burns. »Und im übrigen stehen wir hier wie auf dem Ontario in Gottes Hand.«

Ein Weilchen herrschte nun Schweigen, dann erhob sich John, reckte die Glieder und griff nach der Büchse. »Ich denke, ich werde dem Bachlauf mal ein Stückchen folgen«, sagte er, »möchte gern sehen, wohin er fließt. Wir könnten daraus schließen, wie weit wir mittlerweile vom See entfernt sind.«

»Sei vorsichtig, John, du weißt –«

»O ja, ich weiß. Hab' keine Bange.«

»Käme gern mit Euch, John«, ächzte Bob, »krieg' aber wahrhaftig die Beine kaum hoch.«

»Bleibt ja liegen und ruht Euch aus. Werdet noch genug laufen müssen«, lachte John. »Ist noch ein hübsches Ende bis zum Genesee, soviel ist sicher.«

»Hol's der Teufel!« brummte Bob und ließ sich zurücksinken. John entfernte sich, die Büchse umhängend, und folgte dem Bachlauf. Der junge Burns war von Kind auf an das Leben in den Wäldern gewöhnt. Er wußte, daß man mit der Anwesenheit von Indianern rechnen mußte und versäumte deshalb keine Vorsicht. Seine Füße steckten mittlerweile in Mokassins, die er im Wald stets zu tragen pflegte. Er mochte drei bis vier Meilen gegangen sein, als der Bach in einen breiteren Fluß einmündete, der zunächst in westlicher Richtung verlief. Er war mit der Bodengestaltung südlich des Ontario wenig bekannt, wußte aber, daß es hier mehrere Seen gab, die je nachdem das Quellgebiet oder das Sammelbecken kleinerer Wasserläufe darstellten. Der einstweilen westwärts fließende Fluß mußte irgendwo nach Norden oder Süden abbiegen, wenn er nicht in einen der ostwärts dem Meere zufließenden Ströme mündete. Er beschloß, dem Fluß eine kurze Strecke zu folgen und dann umzukehren.

Er mochte eben hundert Schritte zurückgelegt haben, als er ein Eichhörnchen erblickte, das, einen pfeifenden Laut ausstoßend, an einem riesigen Ahorn emporlief. Es war unzweifelhaft, daß das Tierchen durch ein größeres lebendiges Wesen, Mensch oder Tier, aufgeschreckt sein mußte. John nahm in einer schnellen Reflexbewegung die Büchse von der Schulter und machte sie schußfertig. Sein Auge durchspähte aufmerksam das Buschwerk. Da teilten sich, fast unmittelbar vor ihm, die Büsche, und ein Indianer trat heraus. Der fast nackte, muskulöse Mann, dessen Gesicht mit schwarzer und grellroter Farbe abschreckend bemalt war, schien nicht weniger verblüfft als John. Er hatte seine Büchse umhängen, war aber offensichtlich nicht schußfertig, während John das Gewehr in der Hand hielt.

Der junge Burns, der Stammesabzeichen und Kriegsfarben der einzelnen indianischen Stämme nicht zu unterscheiden vermochte, wußte nicht, ob er Freund oder Feind vor sich habe, deshalb zögerte er, das schußbereite Gewehr zum Abzug bereit. Der Indianer mochte die Unsicherheit des Weißen erkennen; sein wild bemaltes Gesicht verzog sich zu einem Grinsen, das offenbar seine freundschaftlichen Gefühle offenbaren sollte. Er trat jetzt ganz aus dem Gebüsch heraus und sagte in gebrochenem Englisch: »Junger Krieger pfadlos, he? Gut Freund – schütteln Hände!« Und er kam, die Büchse über der Schulter lassend und anscheinend völlig sorglos näher.

Es ist Krieg, dachte John, erst muß ich wissen, mit wem ich es zu tun habe. Er kannte die tückischen Gebräuche der Roten zwar nicht aus eigener Erfahrung, aber aus vielen Erzählungen. »Zu welchem Volk gehört mein roter Bruder?« fragte er, die Büchse leicht hebend.

»Onondaga! Gut Freund!« grinste der Rote. »Du Yengeese, he?«

Onondaga! dachte John. Dieser Irokesenstamm hält gegenwärtig zu den Engländern. Aber er wurde ein Gefühl des Mißtrauens nicht los. Vielleicht war es die gräßliche Bemalung, die ihn abstieß und die keinen Zweifel daran ließ, daß der Indianer sich auf dem Kriegspfad befand.

»Onondaga – Yengeese – gut Freund«, sagte er etwas zögernd, dem Mann unverwandt ins Gesicht blickend.

Der Indianer zeigte die Zähne: »Weißer Bruder sehr jung«, sagte er, »gewiß nicht allein auf Kriegspfad. Wo sind Freunde, he?«

»Ich bin nicht auf dem Kriegspfad, Indianer, ich bin auf der Jagd; meine Freunde lagern stromauf.«

»Oh, mein Bruder großer Jäger? Aber er wissen: Große Häuptlinge der Yengeese und Frenchers haben Kriegsaxt ausgegraben?«

»Gewiß weiß ich das.«

»Gut. Weißer Bruder mag jagen. Wald voll Onondaga. Kein Seneca, kein Oneida. Hat mein Bruder gesehen?«

»Nein, Indianer. Keinen roten Mann außer dir.«

»Gut. Er werden sehen. Viele Onondaga. Gehen jagen. Werden kommen in Dörfer der Onondaga?«

»Ich weiß nicht, was unsere Häuptlinge beschließen werden.«

»Die Yengeese sind bei den Onondaga willkommen.« Der Indianer ergriff die Hand Johns, schüttelte sie und wandte sich ab. John sah ihm nach; er wurde ein unheimliches Gefühl nicht los; der Mann gefiel ihm nicht. Der Indianer war zwischen den Büschen untergetaucht. John zögerte immer noch; sein Blick tastete unruhig das Buschwerk ab, da plötzlich – es versetzte ihm einen Ruck – sah er ein funkelndes Auge zwischen den Sträuchern und gleich darauf einen Büchsenlauf. Im Bruchteil einer Sekunde riß er die Büchse hoch, zielte und riß den Abzugshahn durch. Der Schuß brach, und der Donner mischte sich mit dem eines fast gleichzeitig abgegebenen Schusses. Eine Kugel pfiff dicht an seinem Ohr vorbei. Er ließ die Büchse sinken. Er war gewohnt, den springenden Hirsch aufs Blatt zu treffen, er wußte, daß er sein Ziel nicht verfehlt hatte. Hinter einen dicken Baumstamm tretend, lud er mit schnellen, sicheren Griffen seine Büchse von neuem, Auge und Ohr offen. Aber außer dem leisen Rascheln der Blätter war nirgendwo ein Laut.

Nachdem einige Minuten im Schweigen vergangen waren, schlich John sich mit schußfertiger Büchse auf die Stelle zu, wo er das Auge und den Gewehrlauf gesehen hatte, alle Sinne angespannt und jeden Augenblick eines heimtückischen Überfalls gewärtig. Aber nichts rührte sich. Er bog die Büsche vorsichtig auseinander und sah den Indianer. Er lag regungslos auf dem Gesicht, die Hände im Laub verkrampft. Vorsichtig, den Büchsenkolben zum Schlag bereit, beugte er sich nieder. Kein Laut, kein Atemzug. Da ergriff er den Arm des Mannes und drehte den Körper herum. Der Indianer hatte ein kleines rundes Loch genau in der Stirn, an dem ein paar Tropfen geronnenen Blutes klebten. Er war unzweifelhaft tot.

Ein leichter Schauder erfaßte den Farmerssohn. Da lag ein Mensch, von seiner Hand gefällt, ein Mensch, der noch vor wenigen Minuten lebendig vor ihm gestanden hatte. Was hilft's? dachte er, ich werde es lernen müssen, will ich selber das Leben bewahren. Er warf etwas Laub über den Toten und entfernte sich langsam, trotz seiner inneren Beklemmung nach allen Seiten vorsichtig sichernd. Jeder Schritt konnte eine neue unliebsame Begegnung bringen. Die schußfertige Büchse ließ er nicht mehr aus der Hand.

Er mochte eine kleine halbe Meile gegangen sein, als er zu seiner Rechten ein Geräusch hörte. Herumfahrend sah er ein indianisches Gesicht zwischen den Büschen auftauchen. Im Augenblick, da er die Büchse hochriß, hörte er Ni-kun-thas Stimme: »John roten Bruder schießen, he?« Großer Gott! dachte John, ich muß vorsichtiger werden. Aufatmend ging er dem jungen Häuptling entgegen, der jetzt ganz aus den Büschen herauskam.

»Du geschossen, he?« fragte Ni-kun-tha.

John berichtete ihm von der Begegnung mit dem angeblichen Onondaga und ihrem Ausgang. Auf die Bitte des Häuptlings beschrieb er die Stelle, wo der Tote lag. »Mein Bruder warte«, sagte Ni-kun-tha und sprang in langen Sätzen davon. John lehnte sich, die Büchse in der Hand, gegen einen Baum und ließ seine Blicke aufmerksam umherschweifen.

Schon nach kurzer Zeit war der Häuptling wieder da. »Senecahäuptling«, sagte er kurz, »Ni-kun-tha Skalp nicht nehmen, weil nicht selbst getötet – verstehen?« In seinen Augen brannte die Flamme der Wildnis. »Häuptling nicht allein – viele Seneca im Wald«, setzte er hinzu: »Seneca blutige Hunde!«

»Also wären wir mitten zwischen feindliche Indianer geraten?« sagte John.

»Kommen mit an Feuer. Dann hören.«

Beide eilten nun schnellen Schrittes, aber mit gebotener Vorsicht, dem Lager zu. Unterwegs blitzte der Häuptling den jungen Weißen an: »Er schießen – du schießen – du schneller – du treffen, he?«

»Ich war eine Sekunde schneller, Falke. Hörte die Kugel am Ohr vorbeipfeifen.«

»Du Schnelle Büchse! Ich – Schneller Falke, weil gut laufen. Du feuern wie Blitz – heißen: Schnelle Büchse!«

John lachte: »Gut, Falke. Der Name gefällt mir. Aufs Schießen verstehe ich mich wahrscheinlich recht gut. Hab's seit dem zehnten Lebensjahr geübt.«

»Schießen schnell und sicher. Sehr gut! Schnelle Büchse!«

Sie erreichten das Lager in kurzer Zeit. Bevor John noch von seiner gefährlichen Begegnung berichten konnte, sagte Ni-kun-tha: »John großer Krieger. Er kämpfen – töten großen Senecahäuptling. Heißen jetzt: Schnelle Büchse!«

Der Alte starrte erschrocken auf John: »Du hast kämpfen müssen?«

John berichtete in kurzen Worten von seinem Erlebnis.

»Also haust das Ungeziefer schon hier in der Gegend«, knurrte Bob. »Es scheint immer heiterer in den ›herrlichen Wäldern‹ zu werden.«

»Der Mann war gewiß nicht allein«, bemerkte der alte Burns, der sehr ernst geworden war. »Was meint unser roter Freund?«

»Viel Seneca in den Wäldern«, antwortete Ni-kun-tha, »auch Oneida. Ni-kun-tha sehen. Fährte sehen – ihn selbst sehen.«

»Reizende Aussichten!« knurrte Bob.

»Also höchste Gefahr. Sie werden unsere Spur finden«, sagte der Alte.

»Denke: Ziehen alle nach Westen – nach Oswego. Kämpfen für großen weißen Vater in den Kanadas.« Der Indianer wies mit der Hand die Richtung.

»Indianerhorden ziehen durch die Wälder, und die Kolonien rühren sich nicht!« schimpfte Bob. »Wo, zum Henker! stecken unsere Truppen? Die Milizen? Die Rotröcke?«

»Rotrock und Lange Messer werden kommen«, versetzte Ni-kun-tha gleichmütig; »Frencher waren schneller, waren früher da.«

»Weiß Gott! Hab's auf dem See gemerkt«, schnaufte Bob.

»Was rät uns der Häuptling?« fragte der Farmer.

Der Indianer antwortete nicht gleich; sein Gesicht war verschlossen. Schließlich sagte er mit einer Bewegung der Hand: »Irokesen dort – viel – gehen nach Sonnenuntergang. Denke, wir gehen nach Süden. Treffen dort Rotrock und Langmesser, Onondaga und Shawano.«

»Noch weiter nach Süden?« Burns furchte die Stirn. »Noch weiter weg von meiner Farm? Nun, wenn es sein muß, muß ich mich fügen. Glaubt der Häuptling, uns durch die Linien der Feinde bringen zu können?«

»Denken: Ja«, versetzte der Miami. »Seneca blinde Hunde. Coyoten!« Sein Blick fiel auf den Bootsmann, der die Beine weit von sich gestreckt hatte; ein Lächeln verzog sein Gesicht: »Großer Mann machen Fährte wie Büffel – können schlecht verbergen.«

»Laß deine Witze, Rothaut«, knurrte Bob, »Füße wie eine Franzosenmamsell hab' ich freilich nicht.«

John kicherte: »Wahrhaftig, Bob, das wird Euch niemand nachsagen.« Es war nicht zu leugnen, daß der stattliche Seemann selbst im Verhältnis zu seinem massigen Körper über ungewöhnlich große Füße verfügte. Da sie außerdem noch in schweren Schifferstiefeln steckten, hatte er kaum eine Möglichkeit, seine Spuren zu verwischen.

Schnell wieder ernst werdend, fuhr der Indianer fort: »Hier bleiben, nicht gut. Seneca spüren überall. Denken gehen in Fluß. Wasser keine Spur.«

»Das erste vernünftige Wort, das ich heute höre, Rothaut«, ächzte Bob Green. »Schafft mir ein Boot oder meinetwegen auch nur ein Floß unter die Füße, dann sieht die Welt gleich wieder anders aus. Füchse und Eulen mögen durchs Dickicht kriechen, ein ehrlicher Seemann geht dabei vor die Hunde.«

Mit Rücksicht auf die Erschöpfung des jungen Waltham und des Bootsmannes wurde beschlossen, die Nacht über noch zu verweilen und in der Morgendämmerung den Marsch nach Süden fortzusetzen. John und Ni-kun-tha hielten während der Nacht abwechselnd Wache, doch wurde die Ruhe des Waldes durch kein fremdes Geräusch gestört. Als die Sterne zu erbleichen begannen, weckte der Indianer die Männer. Sie aßen etwas von dem gebratenen Hirschfleisch, das sie noch hatten, und brachen dann auf. Auf Ni-kun-thas Weisung gingen sie im Indianermarsch, und zwar Bob an der Spitze. Als zweiter ging Richard Waltham, als dritter der alte Burns, und John machte den Schluß, wobei alle Nachfolgenden in Bobs stattliche Spuren treten sollten. Ni-kun-tha selbst sicherte seitwärts. Sowohl Waltham als auch der Bootsmann fühlten sich nach der Nachtruhe nicht unerheblich gekräftigt.

Sie wateten zunächst ein Stück den Bach entlang, um ihn schließlich auf dem linken Ufer zu verlassen. Als sie am Fluß ankamen, schien zunächst guter Rat teuer, denn das ziemlich breite und reißende Wasser mußte überquert werden. Einen Baum zu fällen, wagten sie der unvermeidbaren Geräusche wegen nicht. Auf Ni-kun-thas Vorschlag machten sie sich schließlich daran, aus jungen Stämmen und starken Zweigen ein kleines Floß zu bauen, das Kleider und Waffen tragen konnte. Während die Weißen mit dieser Arbeit beschäftigt waren, suchte der Indianer die nächste Umgebung nach verdächtigen Spuren ab. Er kam schon nach kurzer Zeit zurück, ohne irgendetwas Verdächtiges bemerkt zu haben.

Bald danach schwamm das leichte Floß auf dem Wasser. Sie entledigten sich ihrer Kleider, legten sie samt Büchsen, Kugelbeuteln und Pulverhörnern darauf und schoben es schwimmend über den Fluß. Ohne große Schwierigkeit gelangten sie hinüber. Sie kleideten sich rasch an, nahmen ihre Waffen und Geräte auf und setzten schweigend ihren Weg nach Süden fort. Ni-kun-tha ging bald voraus, bald zur Seite des kleinen Zuges.

Sie mochten einige Meilen gegangen sein, ohne daß sich irgendetwas Befremdliches gezeigt hatte, als der Häuptling sie plötzlich mit einer jähen Gebärde zum Niederlegen aufforderte. Sie reagierten blitzschnell, wenn die Bewegung bei Bob auch nicht ohne einen unterdrückten Fluch abging. Bald genug sollten sie erkennen, wie geboten die Vorsicht gewesen war. Denn durch das Gras lugend sahen sie gleich darauf in geringer Entfernung an die vierzig grell bemalte und schwer bewaffnete Indianer an sich vorbeiziehen. Die Männer hielten den Atem an und verharrten bewegungslos, während die Roten in bedrohlicher Nähe vor ihnen gleich dunklen Schatten vorüberzogen.

Erst geraume Zeit später wagten sie sich vorsichtig aufzurichten. Das Gelände stieg an und wurde steinig, der Baumwuchs wurde spärlicher und hörte schließlich fast ganz auf. Nach einer Weile marschierten sie zwischen mit spärlichem Pflanzenwuchs bedeckten Felsen dahin. Walthams wegen wurde es bald nötig, eine kleine Ruhepause einzulegen. Eine Quelle, auf die sie glücklicherweise stießen, spendete ihnen Erfrischung. Burns, den die Unruhe jagte und dessen Besorgnisse seit dem Auftauchen der feindlichen Indianer erheblich gestiegen waren, drängte schließlich zum Aufbruch. Sie schleppten sich weiter. Der Weg führte bald wieder bergab. Durch eine weite Senke gelangten sie bald darauf wieder in Wald. Ein paar Meilen weiter trafen sie zu ihrer Freude auf einen Flußlauf, der einstweilen in nordwestlicher Richtung verlief. Sie überlegten unschlüssig, was zu tun sei. Ni-kun-tha riet, dem Fluß so lange zu folgen, wie er die augenblickliche Richtung einhielte, indessen erklärte Bob Green kategorisch, dann müsse man ihn zurücklassen, er könne nicht mehr, und er habe dieses Landstreicherdasein satt.

Burns furchte die Stirn, doch abgesehen davon, daß dem Bootsmann die Erschöpfung im krebsroten und schweißüberströmten Gesicht stand, mußte er einsehen, daß auch der junge Waltham dringend der Ruhe bedurfte, wenn er auch nichts sagte und tapfer die Zähne zusammenbiß. »Nun gut«, sagte Ni-kun-tha, mit der Hand in die Richtung weisend, aus der sie gekommen, »Seneca gehen dort – anderer Fluß – wollen nach Oswego; wir gehen hier –«; er wies in die Flußrichtung.

»Wenn schon mit dem Fluß, dann laßt uns ein Floß bauen«, sagte Bob.

»Floß gut, aber nicht jetzt«, sagte der Miami. »Müssen Bäume schlagen – viel laut. Nicht gut.«

Doch er wurde überstimmt. Unter den gegebenen Umständen war auch Burns dafür, ein paar Bäume zu fällen und ein Floß zu errichten, das sie alle zu tragen vermochte.

Sie standen noch da und berieten, als ein Geräusch im Wasser ihre Aufmerksamkeit erregte. Hinsehend, erblickten sie einen Hirsch, der am jenseitigen Ufer mit einem wilden Sprung in den Fluß setzte und sich anschickte, herüberzuschwimmen. Ni-kun-tha warf die Büchse fort, zog sein Jagdhemd über den Kopf und war im nächsten Augenblick im Wasser. Abermals rauschte es drüben, und ein prachtvoller Panther sprang, offenbar auf der Fährte des Hirsches, mit einem gewaltigen Satz in den Fluß. Der Hirsch, den Jäger hinter sich witternd, verdoppelte seine Anstrengungen.

John hob die Büchse und legte auf den Panther an, zögerte aber noch, zu schießen, weil er das Echo der Wälder fürchtete. Plötzlich zuckte der Hirsch zusammen, stieß einen röhrenden Laut aus und verschwand im Wasser. Knapp drei Meter vor dem herankommenden Panther tauchte Ni-kun-thas Kopf mit triefenden Haaren auf. John drückte durch, der Schuß brach, und der Donner hallte, hundertfaches Echo weckend, durch den Wald. Der Panther versank wie ein Klotz. Jetzt erst sah der Miami, in welcher unmittelbaren Gefahr er geschwebt hatte. Etwas unterhalb trieb der Körper des verendeten Hirsches, den Ni-kun-thas Messer unter dem Wasser ins Herz getroffen hatte. Der Indianer schwamm ihm nach und zog ihn ans Ufer, wo Bob und John ihn an Land zogen und ausweideten. Danach holte Ni-kun-tha den Panther, den Johns Kugel ins Auge getroffen hatte. Es war ein ungewöhnlich großes und starkes Tier. Der Häuptling schüttelte das Wasser aus seinem Haar, warf das Jagdhemd über und sagte, Bob angrinsend:

»Jetzt Großer Büffel Floß bauen. Lärm genug.«

»Büffel!« knurrte der Bootsmann, Ni-kun-tha einen wütenden Blick zuwerfend. »Die Rothaut wird frech. Die Seneca haben mich wenigstens ›Starker Bär‹ getauft; damals waren sie mal gerade nicht darauf aus, Christenmenschen die Gurgel abzuschneiden.«

Ni-kun-tha grinste: »Ni-kun-tha hat seinen großen weißen Bruder kämpfen gesehen – er sehr stark. Soll heißen: Starker Bär!«

»Von mir aus!« brummte Bob, die gewaltigen Arme reckend. »Laßt uns Bäume fällen, Leute. Daß ich ein paar Planken unter die Füße kriege. Wahrhaftig, ich halt's nicht mehr aus.« Er griff zur Axt, schwang sie wie ein Spielzeug, und gleich darauf hallten dröhnende Schläge durch den Wald.

Während die Männer die erforderlichen Bäume umlegten und sich an den Floßbau machten, zog Ni-kun-tha dem Panther das prachtvolle Fell ab und überreichte es John. »Hirsch gut – essen«, sagte er, »Panther sehr gut – Mantel und Decke!« Er lachte den jungen Farmer an und glitt gleich darauf mit schlangenhaften Bewegungen in den Wald, um nach etwaigen Feinden auszuspähen. die der Lärm herbeigelockt haben mochte.

Bei der gewaltigen Kraft des Bootsmannes und der Geschicklichkeit der beiden Burns im Umgang mit Holz verging nur verhältnismäßig wenig Zeit, bis ein starkes und tragfähiges Floß fertiggestellt war. Sie schoben das freilich ziemlich rohe und primitive Fahrzeug ins Wasser, und Bob machte sich daran, aus zwei jungen Stämmen ein paar ungefüge Ruder zu schnitzen.

Ni-kun-tha weilte noch irgendwo im Wald, aber Bob drang nun auf die Abfahrt. Er meinte, Ni-kun-tha mit seinen Hirschbeinen werde schon nachkommen; außerdem sei es ganz gut, einen zuverlässigen Späher am Lande zu wissen. Burns fügte sich mit einigem Widerstreben, und alle bestiegen das Floß, dem Bob sogar eine niedrige, mit Buschwerk besteckte Bordwand gezimmert hatte, um sich einigermaßen vor feindlichen Kugeln schützen zu können. Der Bootsmann trieb das ungefüge Fahrzeug in die Mitte des Flusses und überließ es dem Strom. Er war jetzt, da er den Anstrengungen und Mühseligkeiten eines Waldmarsches fürs erste enthoben war, wieder glänzender Laune. Da ohnehin nicht daran zu denken war, sich mitten auf dem Fluß vor feindlichen Augen verbergen zu wollen, entzündete er seelenruhig seine Pfeife.

»Das ist ein so gutes Floß, wie nur je eins zurechtgezimmert wurde, Master«, sagte er, »ich wollte, wir brauchten es bis zum Genesee nicht zu verlassen.«

»Weniger anstrengend ist die Floßfahrt gewiß«, versetzte Burns, »aber zweifellos auch sehr viel gefährlicher. Wir geben für Schützen, die links oder rechts in den Uferbüschen liegen, eine ausgezeichnete Zielscheibe ab.«

»Lieber ein paar Kugeln pfeifen hören, als über Baumwurzeln stolpern«, lachte Bob. »Außerdem scheint mir die Gefahr hier nicht größer als dort. Findet einer dieser Mingostrolche im Wald unsere Spur, haben wir zwei Minuten später eine ganze Bande auf dem Hals, und unsere Skalpe sind alle zusammen nicht einen Schilling mehr wert. Bleibt sich alles gleich.«

»Ich wollte, Ni-kun-tha wäre da«, sagte John.

»Um den seid nur unbesorgt«, tröstete Bob. »Der Junge scheint mir dazu gemacht, einen ganzen Irokesenstamm an der Nase herumzuführen. Hab' wahrhaftig nichts für die Roten übrig, und außerdem hat der Bursche mich einen Büffel genannt, trotzdem: er gefällt mir.«

»Ich bin glücklich, ihn bei uns zu wissen«, sagte der Farmer. »John und ich sind zwar auch in den Wäldern zu Hause, aber dieser Miami ist uns denn doch bei weitem überlegen. Außerdem verfügt er über eine Ruhe und Sicherheit – ich wollte auch, er wäre wieder da.«

Aber einstweilen war von Ni-kun-tha weit und breit nichts zu erblicken. Langsam und gleichmäßig trieb das Floß stromab.

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