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Der König der Miami

Franz Treller: Der König der Miami - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Treller
titleDer König der Miami
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
year1954
correctorreuters@abc.de
senderChristoph Götz
created20080210
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Die Befreiung

Kurz nach Mitternacht glitt die Molly mit einer leichten Südbrise in See. Zwei Stunden später trat fast völlige Windstille ein, und die Segel hingen schlaff an den Rahen. Das erregte zwar einige Besorgnis, doch rechnete man auf den Morgenwind.

Schlaflos erwarteten die Männer das Hochkommen der Sonne; nur Ni-kun-tha schlummerte, in seine wollene Decke gehüllt, ruhig an Deck. Der Himmel war sternenklar; die Sloop schaukelte sich sanft in den leichten Wellen des Sees. Die beiden Burns saßen mit Bob Green zusammen und unterhielten sich in gedämpftem Ton.

»Meine einzige Sorge gilt meiner Tochter Mary«, sagte der Alte. »Die Politik der indianischen Völkerschaften ist undurchsichtig; ich weiß nicht einmal, ob Ni-kun-tha sie durchschaut. Die Miami-Stämme schwanken offenbar zwischen England und Frankreich; die sechs Nationen waren im Grunde immer unzuverlässig; die Mohawk und die Onondaga scheinen ja zu ihren Verträgen zu stehen, die Seneca haben sich immer dorthin geschlagen, wo der Erfolg winkte, sie sind augenblicklich klar bei den Franzosen, und für die anderen Irokesenstämme gilt dasselbe. Die Lenni-Lenape sind vor einem Jahr von den Pennsylvaniern gezüchtigt worden, aber das hatten sie verdient und verschuldet. Von allen Algonkinvölkern scheinen augenblicklich nur die Shawano zuverlässig, zu denen unser Häuptling jetzt will. Damit scheinen mir die Franzosen das glatte Übergewicht unter den Indianern zu haben, selbst wenn sich viele Stämme auch nur neutral verhalten. Das aber heißt, daß man das Angriffsgeheul der Wilden bald in den entferntesten Ansiedlungen hören wird. Gott schütze unser friedliches Tal am Genesee. Gott schütze mein armes Mädchen!«

»Sagte Euch schon: Sehe da nicht so schwarz«, entgegnete Bob, »bin überzeugt, die Hauptkämpfe werden sich im Ohiotal, in der Kolonie New York und an den Seen, wo die großen Forts liegen, abspielen, am Champlain, am Georgsee und hier am Ontario.«

»Ihr habt gewiß mehr Erfahrung als ich, Bob«, versetzte Burns, »aber ich kann mir nicht helfen: Ich werde die Sorge und die Unruhe nicht los.«

Es wurde allmählich im Osten lichter, die Nacht begann zu weichen; gleichzeitig erhob sich ein Nebeldunst, der das Schiff in graue Schleier einhüllte. Der Sonnenball stieg höher und tauchte die Schleier in rötliche Glut. Vom Süden kam ein frischer Luftzug herauf, füllte die Segel, hob die Nebelschleier und trieb sie auseinander. Als der Ausblick eben ein wenig freier wurde, gewahrten die Männer zu ihrem Schrecken zwei französische Kriegsschiffe, die in langsamer Fahrt näherkamen.

Nach einem Augenblick der Ratlosigkeit sagte Bob: »Hilft alles nichts, Master, müssen umlegen. Können weder vorbeischlüpfen, noch bei diesem Wind Oswego erreichen.«

»Handelt, wie Ihr es für richtig haltet, Bob«, entgegnete Burns.

»Werde auf die Edwardsinseln zuhalten. Müssen Nordwest liegen. Da werden wir den Burschen dann eine Nase drehen.«

Die Molly wurde umgelegt und steuerte Nordost. Sie mußte auf den französischen Kriegsschiffen bemerkt worden sein, denn die begannen jetzt neue Leinwand zu setzen und wechselten den Kurs.

Als der Nebel sich weiter verzog, stellten die Männer an Bord der Molly fest, daß es sich keineswegs nur um zwei Schiffe handelte. Schiff um Schiff tauchte auf; schließlich zählte man acht Brigantinen, die fast in einer Linie herangesegelt kamen.

»Aus, Master«, sagte Bob nach einer beklemmenden Pause. »Gibt nur noch eine Möglichkeit: Müssen versuchen, vor dem Wind ins Gebiet der Tausend Inseln zu laufen. Ist die einzige Rettung.«

Burns stimmte zu; hier auf dem Wasser mußte Bob wissen, was zu tun war. Die Franzosen waren noch etwa zwei Meilen entfernt, und die Sloop war ein hervorragender Segler. Bob gab das Steuer an John ab und hißte über dem Hauptsegel noch das Königssegel, dessen Hilfe die Molly denn auch bald zu spüren bekam.

Doch stellte sich nun heraus, daß zwei der französischen Brigantinen in der Segelkraft durchaus gewachsen waren; man sah, daß sie sich aus dem Verband lösten und ständig an Fahrt gewannen. Die eine, weit voraus, schien der Molly sogar überlegen.

»Nehmt die Spritze, John und macht mir das große Segel naß«, gebot Bob; der junge Mann machte sich unverzüglich an die Arbeit. Die Nässe machte die Leinwand widerstandsfähiger gegen den Luftdurchzug, und die Fahrt der Sloop beschleunigte sich erheblich. Sechs der feindlichen Kriegsschiffe blieben zurück, während die beiden anderen die Jagd unverdrossen fortsetzten. Der Wind steigerte sich; Schaumberge aufwerfend jagte die Molly über den See, von dem schnellsten französischen Segler unentwegt verfolgt. Der Franzose lief augenscheinlich unter vollem Segeldruck, aber der Abstand zwischen ihm und der Sloop verringerte sich nicht.

Neben dem Bootsmann stehend, hielt der alte Farmer den Blick auf den Verfolger gerichtet. Der Indianer lehnte ruhig, mit unbewegtem Gesicht am Mast; nur dem Funkeln der Augen war zu entnehmen, daß es hinter seiner Stirn arbeitete. »Was meint Ihr, Bob?« fragte Burns, »gewinnen wir Raum?«

Der Bootsmann warf abschätzend einen Blick zurück. »Scheint nicht so, Sir«, entgegnete er, »der Bursche hat längere Beine als die Molly; verstände er die Segel richtig zu stellen, würden wir in längstens einer Stunde die Kugeln pfeifen hören. Aber eine Sternjagd ist eine lange Jagd; schätze, wir erreichen die Inseln, ehe er eine halbe Meile nähergekommen ist.« Er sah mit grimmigem Gesicht vor sich hin. »Böse Sache, Master«, stieß er zwischen den Zähnen heraus, »meine nicht für uns – überhaupt. Die Frenchers beherrschen den See. Haben keine drei Schiffe, die wir den acht Kähnen da entgegenstellen könnten.«

»Wir müssen also unbedingt zu den Tausend Inseln?«

»Unbedingt! Einzige Rettung! In die Kanäle gehen sie nicht. Und selbst wenn sie gingen, – da sollen sie uns suchen.«

»Aber wie kommen wir heraus, wenn wir einmal drin sind?«

»Ja, Sir, das ist mehr gefragt, als ich beantworten kann. Von den Schiffen da genügt eins, um uns festzuhalten. Und kämen wir trotzdem raus, wäre die einzige Rettung Oswego. Aber wie sollen wir über den See kommen? Konnte kein Mensch ahnen, daß die Musjöhs in solcher Stärke auftreten würden. Scheint mir schon verwunderlich genug, daß die Lilien sich überhaupt auf dem Ontario zeigen.«

»Und –«, sagte Burns nach einer kleinen Pause, – »die Seeräuber?«

»Nun, ich denke, die werden es sich überlegen, die Molly ein zweites Mal anzugreifen«, lachte Bob. »Werden noch eine Zeitlang an der ersten Erfahrung zu schlucken haben, die sie mit ihr gemacht haben.«

»Hoffentlich«, sagte Burns.

Der Franzose schien doch nicht ganz so unbewandert in der Segelkunst, wie Bob vermutet hatte. Er hatte seine Leinwand schärfer gespannt und flog jetzt schäumend vor dem Winde einher. Die Entfernung zwischen ihm und der Molly begann sich sichtbar zu verringern, langsam zwar, aber stetig.

Doch zeigte sich jetzt zur großen Freude der Verfolgten Land. Burns griff zum Glas und vermochte bald zu erkennen, daß sie dieselbe durchbrochene Küste vor sich hatten, der sie vor wenigen Tagen durch den Sturm zugetrieben worden waren.

»Zieht das große Segel fester an«, brüllte Bob; »muß wie ein Brett stehen.«

Die beiden Burns kamen der Aufforderung nach, doch hatte es nicht den Anschein, als würde durch das straffere Anziehen der Leinwand eine Erhöhung der Geschwindigkeit erreicht. Die Molly war ein schnelles Schiff, und sie lag vorzüglich, aber die Brigantine war ihr an Segelkraft augenscheinlich überlegen.

»Nehmt einen Augenblick das Steuer, Sir, und gebt mir das Glas«, sagte Bob.

Die Küste war jetzt deutlich zu erkennen.

»Möchte gern mal den Kanal treffen, durch den wir ausgelaufen sind.« Bob musterte scharf den immer höher ansteigenden Küstensaum. »Zwei Strich Nord«, rief er plötzlich, »laufen sonst stracks auf die Küste. Steuer nach Backbord!«

Burns folgte der Anweisung; der Lauf der Molly beschleunigte sich zufolge der veränderten Windrichtung erheblich. Trotzdem kam der auf seinem Kurs beharrende Franzose näher.

»Stetig, Master, stetig!« keuchte Bob. »Hilft alles nichts, müssen noch mehr nach Nord herum.« Bob hielt das Glas vor den Augen; die Küste kam schnell heran.

Jetzt luvte die verfolgende Brigantine im Wind und barg einige Segel.

»Ha!« schrie Bob, »gleich werden wir den Musjöh brüllen hören.«

Er hatte das kaum gesagt, als sich vor dem Franzosen eine Rauchwolke erhob. Knapp hundert Schritt hinter der Molly fiel eine gutgezielte Kugel ins Wasser.

»Luv nur, mein Junge und vertrödele deine Zeit!« knurrte Bob. »Deine Eisenpillen reichen nicht weit genug.«

Abermals krachten die beiden Geschütze an Bord der Brigantine, aber die Kugeln lagen diesmal noch weiter hinten.

Das Luvmanöver des Franzosen hatte dazu gedient, einen sicheren Schuß zu ermöglichen, hatte ihn aber nicht unerheblich Zeit gekostet, wodurch die Molly einen merklichen Vorsprung gewann. Vor ihr zeigte sich jetzt ein Loch in der Küstenwand. »Gerade drauf zu, Master«, sagte Bob. »Hoffentlich laufen wir nicht in eine Sackgasse.«

Sie mußten die Gefahr in Kauf nehmen, denn der Franzose hatte seine Fahrt wieder aufgenommen. Es gab keine andere Möglichkeit, als in den sich vor ihnen öffnenden Kanal einzulaufen. Bob nahm jetzt wieder das Steuer; pfeilschnell jagte die Molly auf die Küste zu. »Das große Segel zurück, Master«, gebot Bob. »Laufen neun Knoten. Können mit solcher Fahrt nicht zwischen die Inseln laufen. Bleibt aber an der Brasse.«

Die Schoten wurden losgelassen und die dem Wind dargebotene Leinwandfläche entsprechend verringert; die Molly verlor schnell an Fahrt, während der Franzose jetzt mit voller Segelkraft herangeschossen kam. Doch schon näherte die Sloop sich dem Eingang des breiten Kanals – die Brigantine war noch eine halbe Meile entfernt – und schlüpfte hinein. Gewandt wie eine Ente gehorchte die Molly dem Steuer. Zwischen das Inselgewirr tretend, bog sie nach links, dann nach rechts, wieder nach links und fuhr, nachdem sie einen sich weithin in gerader Richtung erstreckenden Kanal gewonnen hatte, mit beschleunigter Fahrt weiter.

Sie mochten ein paar Meilen zurückgelegt haben, da sagte Bob: »Denke, wird reichen, Sir. Woll'n jetzt ein bißchen ausruhen. Glaube kaum, daß uns der Franzose gefolgt ist. Und wenn, soll es ihm schwer werden, uns aufzuspüren.« Er steuerte die Sloop zwischen zwei kleinere Inseln und ließ die Segel einziehen. Bald schaukelte das Schiff sich gemächlich auf dem fast unbewegten Wasser. Der Bootsmann lachte kurz auf: »Da wären wir also wieder glücklich zwischen den blutigen Inseln. Hat die alte Molly sich nicht prachtvoll gehalten? Laßt's gut sein, Sir, denke, wir kommen auch wieder heraus.«

Sie legten das Schiff, das über keinen Anker mehr verfügte, mit einem in der Jolle ausgemachten starken Tau an einem Baum fest. Während die drei Weißen sich auf Deck zusammensetzten, ging Ni-kun-tha, der mit an Land gefahren war, in den Wald.

»Eine wilde Welt, verdammt nochmal!« sagte Bob. »Schwimmen da plötzlich acht Musjöhs, wie vom Himmel gefallen, auf dem Ontario. Na, ich denke, der Spaß wird nicht allzulang dauern. Werden auch wieder herunterkommen. Wartet's ab!«

Aber der alte Burns war mißmutig und bedrückt. »Mag schon sein«, sagte er, »wir aber liegen einstweilen jedenfalls hoffnungslos fest und können uns nicht rühren. Dabei habe ich keine Minute Ruhe meiner Tochter wegen. Es ist entsetzlich!«

Darauf wußte auch der starke Bob, den so leicht nichts aus dem Geleise warf, nichts zu entgegnen. Was hätte er auch sagen sollen?

Nach etwa zwei Stunden erschien Ni-kun-tha am Ufer und winkte, ihn an Bord zu holen. John stieg in die Jolle, die sich am Heck des Schiffes im Wasser schaukelte und holte ihn herüber.

Der Indianer zeigte auf das Dickicht, aus dem er eben gekommen war und sagte, während ein sonderbares Lächeln seine Lippen umspielte: »Dort Gefangener.«

Alle drei fuhren auf. »Was?« schrie John, »der junge Waltham? Hier?«

»Hugh. Er dort«, sagte der Häuptling.

»Du hast ihn gesehen?«

»Ni-kun-tha ihn sehen.«

»Und die Piraten?«

»Nur Toter Fuß da.«

»Welch eine Fügung!« sagte der alte Puritaner leise.

»Mein Bruder ist sicher, daß sonst keine Piraten auf der Insel sind?«

»Ganz sicher. Nur Toter Fuß da.«

»Ist ein Haus da?«

»Großes Haus.«

»Vater«, sagte John, »wir holen ihn. Auf der Stelle. Dann verlassen wir die Insel und legen irgendwoanders an.«

»Gewiß müssen wir ihn holen«, versetzte der Alte, »und zwar unverzüglich. Können wir die Molly allein lassen, Bob?«

»Denke schon, Master. Wird ja so lange nicht dauern. Und sollten die Piraten wirklich kommen, werden sie das Schiff hier auch nicht gleich entdecken. Sieht nicht so aus, als ob hier ihre Landestelle wäre. Werden sich dann erst in ihre Höhle begeben.«

»Also, nehmt die Büchsen. Der Häuptling mag uns führen. Nimm auch die Axt mit, Bob.«

»Ay, ay, Sir.«

Sie begaben sich in die Jolle. Ni-kun-tha ließ sie ein gutes Stück um die Insel herumfahren, bevor er das Zeichen zur Landung gab. Sie bargen das Boot unter überhängenden Büschen und betraten unter der Führung des Indianers den Wald.

Schon nach kurzem Marsch kamen sie auf eine Lichtung, auf der sich ein starkes Palisadenwerk erhob. Über den Pfahlspitzen zeigten sich mehrere Dächer. Ni-kun-tha kroch einer Schlange gleich durch das hohe Gras auf die Pforte in der Palisadenwand zu und kauerte sich sprungbereit daneben nieder. Burns und Bob blieben mit den schußfertigen Büchsen in den Büschen stehen, und John ging geradewegs auf die Pforte zu, klopfte hart an die Bohlen und brüllte: »Hallo, Skroop! Aufgemacht!«

Es erfolgte keine Antwort; nichts regte sich hinter den Palisaden. »Er ganz gut hören. Er schon kommen«, flüsterte Ni-kun-tha. »Skroop! In des Henkers Namen, macht auf. Komme mit Botschaft von Hollins!« brüllte John in gewollt rauhem Ton.

Jetzt hörte man Schritte und das taktmäßige Aufstoßen des Stelzfußes hinter der Palisadenwand. »Gemach, gemach!« brummte eine mürrische Stimme. »Bin kein Rennpferd.« Ein schwerer Riegelbalken wurde zurückgeschoben, und die Pforte öffnete sich. Der Stelzfuß tauchte in der Spalte auf. Sein nicht nur von Wind und Wetter gerötetes Gesicht zog sich in Falten, in den grauen dicht überbuschten Augen flackerte es; mißtrauisch musterte er den ihm unbekannten jungen Mann. »Wer seid Ihr? Was wollt Ihr hier?«

»Das sollt Ihr gleich hören.« John trat einen Schritt vor.

»Halt!« donnerte der Alte. »Erst die Losung!« Und er machte Miene, die Tür zuzuschlagen.

Da tauchte, wie der Erde entstiegen, das dunkle Antlitz Ni-kun-thas vor ihm auf; einen Schreckensruf ausstoßend, taumelte der Stelzfuß zurück. In der Hand des Indianers blinkte der Tomahawk.

»Nicht töten, Ni-kun-tha!« rief John.

Der Indianer bückte sich blitzschnell und führte einen kurzen Schlag gegen das Holzbein des Invaliden, der mit einem gräßlichen Fluch zusammenbrach. Sekunden später lag Ni-kun-tha über ihm und schnürte ihm mit einem Stück Tau, das er vom Schiff mitgenommen hatte, die Arme über der Brust zusammen.

Burns und Bob waren mittlerweile herausgekommen, und alle vier betraten jetzt den Hofraum hinter den Palisaden. »Wo ist der Gefangene?« fragte John. Der Stelzfuß antwortete mit einer Verwünschung. Bob Green hob die Axt. »Antworte, oder ich schlage dir den Schädel ein!« brüllte er. Der alte Burns hielt den Wütenden zurück. »Sprecht, Mann«, sagte er, sich an den Gebundenen wendend, »wir finden ihn doch. Erschwert uns die Sache nicht unnütz.«

»Daß euch der Satan hole!« knirschte der Stelzfuß, »holt ihn euch meinetwegen und bringt ihn um die Ecke! Tut mir verdammt leid um den Burschen. Dachte, ihn vor dem Schurken Hotham bewahrt zu haben. Sitzt im oberen Stock.«

Bob und John betraten das Haus, stiegen eine Treppe hinauf und riefen mit Aufwendung aller Stimmenkraft: »Sir Richard, wo seid Ihr?«

»Hier!« ertönte von irgendwoher eine schwache Stimme.

John fand die Tür und stellte fest, daß der Schlüssel außen steckte. Auf die Anwendung der Axt konnte deshalb verzichtet werden. Als John aufschloß und das Zimmer betrat, sah er sich einem jungen Mann gegenüber, dessen stubenbleiches, gut geschnittenes und von blonden Locken umgebenes Gesicht Spuren starker Erschöpfung zeigte. Er trat, als die Tür sich öffnete, ein paar Schritte zurück, und maß den Eintretenden, hinter dem nun noch ein riesenhafter, athletisch gebauter Mann – Bob – sichtbar wurde, mit einem Blick, in dem sich Trotz und Erbitterung mit aufkeimender Hoffnung sonderbar mischten.

»Sir Richard Waltham?« sagte John, einen Schritt nähertretend.

»Ja. Wer seid Ihr?«

»Freunde. Wir wollen Euch hier herausholen. Waren früher schon einmal da – auf der anderen Insel; Ihr erinnert Euch?«

Das Gesicht des jungen Mannes belebte sich, freudiger Glanz trat in seine hellen Augen. »Ja – ich kenne Euch wieder, wenn ich Euch auch nur undeutlich sah. Oh, Gott sei Dank!«

»Wir wollten Euch damals schon holen, fanden das Nest aber leer. Doch kommt jetzt; wir müssen die Zeit nützen. Es ist im Augenblick keiner der Banditen da. Es ist besser, wir warten ihre Ankunft nicht ab. Seid Ihr sehr schwach?«

»O nein, es geht schon. Und vollends jetzt, wo es in die Freiheit geht.«

Sie eilten, von Bob Green gefolgt, die Treppe hinab und wurden unten vom alten Burns und dem Indianer in Empfang genommen. »Elias Burns«, sagte der Alte, »freue mich, Euch begrüßen zu können, Sir Richard. Der Zufall – oder sagen wir besser: Gottes Fügung hat uns Euer Versteck finden lassen.«

»Ich werd' Euch das nie vergessen, Gentlemen«, sagte der Befreite. Sie betraten den Hof, und er erblickte den gebunden daliegenden Skroop. »Laßt uns den Mann ins Haus tragen«, sagte er, »er hat mich nicht schlecht behandelt.« Dem Wunsch wurde entsprochen; Bob und John trugen den Stelzfuß ins Haus und legten ihn in einem ebenerdigen Zimmer auf ein Bett. John lockerte seine Fesseln ein wenig, um ihm ein freieres Atmen zu ermöglichen. Der befreite Gefangene stand dabei. Der Gebundene warf dem jungen Mann aus seinen verquollenen Augen einen scheuen Blick zu. »Ist mir recht, daß Ihr freikommt«, murmelte er, »hab' nichts gegen Euch.«

»Seht zu, daß Ihr von den Banditen wegkommt, Mann«, versetzte der Befreite. »Könnt Euch später an mich wenden, wenn Ihr Hilfe braucht. Wäret Ihr böse gewesen, Ihr hättet anders mit mir umspringen können.«

Der Alte murmelte etwas Unverständliches und wälzte sich auf die Seite. Richard Waltham nahm eine kunstvoll beschlagene Büchse, einen Kugelbeutel und eine Jagdtasche von einem Wandhaken herab. »Mein Eigentum«, lächelte er, »ich hätte nicht gedacht, es wiederzusehen. Man hat es mir damals abgenommen. Laßt uns also gehen.« Sie verließen gleich darauf das Grundstück.

Als sie sich dem Versteck der Jolle näherten, hörten sie plötzlich vom Wasser her Stimmen; unwillkürlich blieben sie stehen, um sich dann vorsichtig durch die Büsche an das Ufer heranzuschleichen. Bei dem Anblick, der sich ihnen bot, unterdrückten die beiden Burns mit Mühe einen Aufschrei; Bob Green knurrte einen grimmigen Fluch.

Vor ihren Augen glitt eben mit leichten Segeln die französische Brigantine vorüber, die sie auf dem See verfolgt hatte. Sie hielt Kurs auf den Anlegeplatz der Molly. An Deck des Schiffes befanden sich dreißig bis vierzig lachende und schwätzende Matrosen. Eine etwas kräftigere Stimme hob sich aus den anderen heraus.

»Was sagt der Franzose, Sir?« wandte sich Burns, der kein Französisch verstand, an Richard Waltham.

»Wenn wir nur erst aus diesem Hexenkessel von Inseln und Kanälen heraus wären«, übersetzte Waltham.

Die Brigantine verschwand um die Biegung und entzog sich ihren Blicken. Gleich darauf vernahmen die Lauschenden ein Freudengebrüll, das ohne Zweifel der entdeckten Prise galt.

Der alte Farmer stöhnte unwillkürlich auf und schlug die Hände vor das Gesicht; seine Schultern zuckten wie im Krampf. Abgesehen von dem Verlust seiner Güter schien der Rückweg in die Heimat endgültig abgeschnitten. Auch John war unwillkürlich blaß geworden, und Bob entleerte sein beträchtliches Arsenal von Seemannsflüchen und wünschte Pest und Verderben auf alle Franzosen herab. Aber was half das schon?! Selbst das ausdruckslose Gesicht des Indianers verdüsterte sich.

»Was bedeutet das, Sir?« fragte Waltham, der die Zusammenhänge ja nicht kannte, betroffen.

»Daß die Franzosen soeben mein Schiff gekapert haben, das jenseits der Biegung vertäut lag«, stöhnte der Farmer. »Es ist Krieg, Sir. Und was uns anbetrifft, so sitzen wir jetzt aller Hilfsmittel beraubt, in der Wildnis.«

Betroffen hörte Waltham, was sich in den letzten Wochen ereignet hatte und in welcher Lage er sich jetzt mit seinen Befreiern befand. »Und durch mich seid Ihr in diese Lage gekommen«, murmelte er verstört. »Und ich weiß nicht einmal, wann und wie ich Euch den materiellen Schaden ersetzen kann, von allem anderen zu schweigen.«

»Gottes Wille, Sir, müssen uns fügen«, seufzte der Alte. »Euch zu helfen, war Menschen- und Christenpflicht. Redet nicht davon. Müssen sehen, was zu tun ist. Was meint Ihr, Bob?«

»Heillose Sache, Sir«, knurrte der Bootsmann, »aber solange Bob Green lebt, gibt er nicht auf. Ist nie seine Sache gewesen. Was wir müssen, ist klar: Müssen zum Genesee. Wie, muß sich zeigen. Vorerst scheint's geraten, von der Insel hier wegzukommen. Möchte sonst sein, daß wir zwischen zwei Feuer geraten.«

»Ja«, seufzte der Farmer, »wird weiter nichts übrig bleiben. Also auf in die Jolle. Wollen uns zunächst ein anderes Versteck suchen und dann weiter überlegen.«

Sie durchführen eine Stunde lang die in majestätischem Schweigen liegende Inselwelt, ohne auf irgendein Zeichen menschlichen Lebens zu stoßen, und hielten schließlich an einer kleinen, dicht belaubten Insel. Sie sprachen während der Fahrt kaum ein Wort. Und ebenso schweigsam suchten sie sich im Inneren der Insel einen Lagerplatz.

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