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Der Komoediantenroman

Paul Scarron: Der Komoediantenroman - Kapitel 9
Quellenangabe
pfad/scarron/komoedia/komoedia.xml
typefiction
authorPaul Scarron
titleDer Komoediantenroman
publisherGeorg Mueller
year1908
translatorFranz Blei
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Achtes Kapitel in welchem man verschiedene Dinge finden wird, die zum Verständnis dieses Buches nötig sind

Die Theatertruppe bestand nun aus Destin, Olive, la Rancune, wovon jeder einen Bedienten hatte, der sich einbildete künftig einmal der erste Schauspieler zu werden. Unter diesen Bedienten waren einige, die ihre Rollen schon ohne rot zu werden oder sich irre machen zu lassen hersagen konnten. So machte der des Destin seine Sache recht gut, verstand was er sagte und hatte viel Witz. Mademoiselle de l'Etoile und die Tochter der Mademoiselle la Caverne spielten die ersten Rollen. La Caverne stellte die Königinnen und Mütter dar und zeigte sich auch in der Posse. Ausserdem hatten sie auch einen Dichter bei sich oder vielmehr einen Schriftsteller, denn alle Gewürzbuden des Königreichs waren voll von seinen prosaischen und poetischen Werken. Dieser Schöngeist hatte sich der Truppe gleichsam wider ihren Willen aufgedrängt, und da er nichts erhielt und einiges Geld mit den Komödianten verzehrte, so gab man ihm die unbedeutendsten Rollen, die er sehr schlecht spielte. Man merkte wohl, dass er in eine der beiden Schauspielerinnen verliebt war; aber, obgleich ein bisschen verrückt, war er doch so bescheiden, dass man noch nicht entdecken konnte, welche von beiden er mit der Hoffnung unsterblich zu werden verführen wollte. Er plagte die Komödianten mit einer Menge von neuen Stücken; bis jetzt hatte er sie noch verschont. Man vermutete, dass er an einem Martin Luther betitelten Stücke arbeite, wovon man ein Heft gefunden hatte, das er zwar verleugnete, obgleich es von seiner Hand geschrieben war. Als unsere Schauspieler ankamen, fanden sie das Zimmer der Schauspielerinnen mit den verliebtesten und hitzigsten jungen Laffen der Stadt angefüllt, wovon einige durch die frostige Aufnahme, mit der man ihnen begegnet war, schon wieder eiskalt geworden waren. Sie sprachen alle zugleich von den Stücken, von der Dichtkunst, von Schriftstellern, von Romanen, und niemals war ein so grosser Lärm in einem Zimmer gehört worden ausser bei einem Streite. Besonders zeichnete sich der Poet vor allen andern aus, der von einigen sogenannten Schöngeistern der Stadt umgeben war, denen er ohne Unterlass erzählte, dass er den Corneille sehr gut kenne, dass er mit Saint Amans und Beys öfters geschwärmt, und an dem verstorbenen Rotrou einen sehr guten Freund verloren habe. Mademoiselle la Caverne und Mademoiselle Angelique, ihre Tochter, brachten ihre Sachen mit soviel Gleichgültigkeit in Ordnung, als wenn niemand im Zimmer gewesen wäre. Die Hände Angeliques wurden bald gedrückt, bald geküsst, denn die Kleinstädter sind sehr verliebte und tändelhafte Leute; allein sie wusste diese drängenden Anbeter bald durch einen Tritt, bald durch einen Biss, je nachdem es ihr passte, abzuweisen. Sie war gewiss nicht schamlos, aber ihr leichtsinniger und lustiger Humor liess sie nicht viel an höfliches Benehmen denken; übrigens hatte sie Verstand und war ein anständiges Mädchen. Mademoiselle de l'Etoile war ganz entgegengesetzter Natur: niemand konnte bescheidener und sanfter sein als sie; sie war so gefällig, dass sie keinen von diesen seufzenden Herren aus ihrem Zimmer hinaus weisen konnte, obgleich sie an ihrem verrenkten Fusse viel litt und Ruhe nötig hatte. Sie lag angekleidet auf einem Bett, von vier bis fünf der süssesten Herren umgeben, und hörte viel Zweideutigkeiten mit an, die man in der Provinz für Witz hält, und lächelte öfters zu Dingen, die ihr nicht gefielen. Aber es ist dies eine von den grossen Unbequemlichkeiten des Standes, die mit der zusammen, dass man öfters lachen und weinen muss, wenn man ganz was anderes tun möchte, das Vergnügen sehr verringert, das die Komödianten dabei haben, manchmal Kaiser oder Kaiserinnen zu sein, ›schön wie der Tag‹ genannt zu werden, wenn auch viel daran fehlt, und ›junge Schöne‹, obgleich ihre Haare und Zähne öfters unter ihrer Bagage sich befinden. Es wäre hierüber noch vieles zu sagen; aber wir wollen die Leute jetzt schonen und sie lieber an verschiedenen Stellen dieses Buches konterfeien. Wir kommen auf das arme Fräulein de l'Etoile zurück, die von den unangenehmsten Kleinstädtern der Welt ganz belagert war, alle mächtige Prahlhänse, ein paar sehr fade und einige noch, die kaum aus der Schule gekommen waren. Unter denen befand sich auch ein kleiner Mann, der Witwer und seinem Beruf nach Advokat war und eine unbedeutende Stellung in einer benachbarten kleinen Stadt hatte. Seit dem Tode seiner kleinen Frau hatte er den Weibern der Stadt gedroht, sich wieder zu verheiraten, und der Geistlichkeit, dass er Priester, ja durch bare schöne Predigten Prälat werden wollte. Er war mit einem Wort der grösste unter allen kleinen Narren, welche seit Rolands Zeiten auf der Welt herumgelaufen sind. Er hatte sein ganzes Leben durch studiert, und obgleich sonst das Studieren zur Erkenntnis der Wahrheit führt, so log er doch wie ein Bedienter und war stolz und hartnäckig wie ein Pedant, und ein Poet so jämmerlicher Verse, dass er gewiss wäre gehangen worden, wenn anders eine Polizei im Königreich gewesen wäre. Als Destin und seine Kameraden in die Stube traten, erbot er sich gleich, ihnen ein Stück von sich, betitelt: »Die Reden und Taten Karl des Grossen«, in vierundzwanzig Aufzügen, vorzulesen. Allen Umstehenden stiegen die Haare darüber zu Berge. Destin aber, der in dem allgemeinen Schrecken, worein dieser Vorschlag die Gesellschaft gesetzt hatte, noch Geistesgegenwart behalten hatte, sagte ihm lächelnd, dass man ihm schwerlich vor dem Abendessen noch Gehör geben könne. »Gut,« sagte er, »so will ich Ihnen eine Geschichte aus einem spanischen Buch erzählen, das ich von Paris erhalten habe, und aus der ich ein reguläres Theaterstück machen will.« Man sprach hierauf zwei-, dreimal von was anderem, um einer Geschichte zu entgehen, die man für eine Nachahmung jener von der Eselshaut glaubte. Allein der kleine Mann fing seine Geschichte immer wieder von vorne an, so oft man ihn unterbrach, und da er sich gar nicht dauernd unterbrechen liess, so gab man ihm endlich Gehör, was man jedoch nachher nicht bereute, denn die Geschichte war gut und widerlegte die schlechte Meinung, die man von allem, was von Ragotin kam, hegte; denn dies ist der Name dieses Helden. In dem folgenden Kapitel wird man diese Geschichte finden, nicht zwar so wie sie Ragotin erzählte, sondern wie ich sie von einem der Zuhörer erfahren habe; Ragotin redet also hier nicht, sondern ich selber.

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