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Der Komoediantenroman

Paul Scarron: Der Komoediantenroman - Kapitel 7
Quellenangabe
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typefiction
authorPaul Scarron
titleDer Komoediantenroman
publisherGeorg Mueller
year1908
translatorFranz Blei
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Sechstes Kapitel. Die Geschichte von dem Nachttopf. Unruhige Nacht, welche la Rancune in der Schenke verursachte. Ankunft eines andern Teils der Truppe. Tod des Doguin und andere merkwürdige Vorfälle

La Rancune kam mit einem ziemlichen Dampf in die Schenke, und die Magd des la Rappinière, die ihn begleitete, sagte, man sollte ihm ein Bett zurecht machen. »Das ist mir der rechte Gast,« sagte die Wirtin, »wenn wir sonst keine Kunden hätten als den da, so würden wir schlecht wegkommen.« – »Halt's Maul,« sagte ihr Mann, »der Herr la Rappinière erweist mir eine grosse Ehre. Sogleich soll ein Bett für diesen Kavalier aufgeschlagen werden.« – »Wenn nur eins da wäre,« sagte die Wirtin, »ich hatte nur noch eins übrig, das ich soeben einem Kaufmanne aus Untermaine überlassen habe.« Der Kaufmann kam eben dazu, und da er die Ursache des Zwists erfuhr, so bot er die Hälfte seines Bettes dem la Rancune an, entweder weil er mit la Rappinière etwas zu tun hatte, oder weil er von Natur aus höflich war; la Rancune dankte ihm dafür so viel es ihm sein Stolz erlaubte. Der Kaufmann setzte sich hierauf zu Tisch, wobei ihm der Wirt Gesellschaft leistete, und la Rancune liess sich nicht lange bitten mitzuessen, und fing nun aufs neue an zu trinken. Sie redeten über die Steuern, fluchten über die Pachtungen und die Staatsgesetze und betranken sich dabei so sehr, am allermeisten aber der Wirt, so dass er den Beutel hervorzog und die Zeche bezahlen wollte, denn er wusste nicht mehr, dass er in seinem eigenen Hause soff. Seine Frau und seine Magd schleppten ihn in eine andere Kammer, wo sie ihn ganz angezogen auf ein Bett warfen. La Rancune sagte dem Kaufmann, dass er mit einer Harnstrenge geplagt sei und dass es ihm sehr leid täte, dass er ihn öfters beunruhigen werde müssen, worauf der Kaufmann versetzte, eine Nacht ginge ja bald vorüber. Das Bett, worin sie schlafen sollten, stand dicht an der Wand, la Rancune legte sich zuerst hinein; und als der Kaufmann sich eben recht bequem niedergelegt hatte, verlangte la Rancune den Nachttopf. »Was wollen Sie damit?« fragte der Kaufmann. »Ihn zu mir stellen, um Sie nicht zu beunruhigen«, versetzte jener. Der Kaufmann antwortete, er wolle ihm den Topf immer hinlangen, worein la Rancune ungern willigte und bedauerte, dass er ihn so oft bemühen müsste. Der Kaufmann schlief ohne zu antworten ein, und kaum war er fest eingeschlafen, als der boshafte Komödiant, der gerne ein Auge hingab um einen andern beide verlieren zu machen, ihn beim Arm fasste und schrie: »He! he!« Der schlaftrunkene Kaufmann antwortete gähnend: »Was wollen Sie?« – »Haben Sie die Güte, mir den Nachttopf zu reichen«, sagte der andere. Der Kaufmann bog sich zum Bett heraus, holte den Nachttopf und gab ihn dem la Rancune in die Hand, der sich aufrichtete und tat, als wenn er pisste und grosse Schmerzen dabei litt; nachdem er so recht geächzt hatte, gab er dem Kaufmann den Nachttopf wieder ohne einen einzigen Tropfen gepisst zu haben. Der Kaufmann setzte ihn auf den Boden und indem er den Mund weit aufsperrte, sagte er gähnend: »Gewiss, mein Herr, ich bedaure Sie recht sehr« und schlief sogleich wieder ein. La Rancune liess ihn eine Weile fest schlafen und als er schnarchte, weckte er ihn wieder auf und verlangte den Nachttopf ebenso stürmisch wie das erstemal. Der Kaufmann gab ihm den Topf ebenso gutwillig in die Hand als das erstemal. La Rancune hatte ebenso wenig Lust zu pissen als den Kaufmann schlafen zu lassen; er ächzte noch ärger, behielt den Nachttopf zweimal länger als vorher, und bat den Kaufmann sehr, sich nicht weiter zu bemühen, er würde den Nachttopf das nächstemal schon selbst holen. Der arme Kaufmann, der gern alles hingegeben hätte, um ruhig schlafen zu können, antwortete ihm gähnend, er möchte es machen wie er wollte und setzte den Nachttopf wieder weg. Sie wünschten sich hierauf sehr höflich eine ruhige Nacht und der Kaufmann hätte gewiss viel gewettet, dass er nun ruhig schlafen würde. La Rancune war aber ganz anderen Sinnes; er liess ihn eine lange Weile schlafen, nachher aber und ohne sich ein Gewissen daraus zu machen, einen Menschen zu wecken, der so fest schlief, stemmte er sich mit dem Ellenbogen auf des Kaufmanns hohlen Leib, legte sich mit seinem ganzen Gewicht auf ihn, und streckte den einen Arm zum Bett hinaus, um den Nachttopf herauf zu langen. Der Kaufmann erwachte, fühlte sich halb erstickt und tat einen jämmerlichen Schrei. »Zum Teufel, Herr, Sie bringen mich um!« So heftig die Stimme des Kaufmanns gewesen war, so ruhig und sanft antwortete la Rancune: »Ich bitte um Vergebung, ich wollte bloss den Nachttopf langen.« – »Zum Henker,« sagte der andere, »ich will ihn Ihnen lieber geben, Sie haben mich so gedrückt, dass ich es mein ganzes Leben fühlen werde.« La Rancune antwortete nicht und pisste hierauf so stark und so viel, dass das Geräusch davon allein schon den Kaufmann hätte aufwecken können. Nachdem er den Topf voll gepisst hatte und sich darüber sehr froh stellte, war auch der Kaufmann über die grosse Menge Harn schon sehr erfreut, die ihm endlich einen ruhigen, ununterbrochenen Schlaf hoffen liess, als la Rancune, indem er tat, als wenn er den Nachttopf auf die Diele setzen wollte, ihn fallen liess und ihm das ganze Gesicht und den ganzen Leib mit Brunz begoss, wobei er zugleich schrie: »Ach mein Herr! Ich bitte um Verzeihung!« Der Kaufmann antwortete erst nicht; erst als er sich so begossen fühlte, stand er wie ein rasender Mensch fluchend auf und verlangte Licht. La Rancune sagte mit der scheinheiligsten Miene: »Ach ein arges Malheur!« Der Kaufmann wiederholte sein Schreien bis endlich der Wirt, die Wirtin nebst der Magd herbeikamen; diesen erklärte er, man hätte ihn zu einem Teufel gelegt, und er verlangte, dass man ihm an einem andern Ort einheizen möchte. Man fragte ihn, was er wollte, aber er konnte vor Wut nicht antworten, nahm seine Kleider und Gepäck, und trocknete sich in der Küche, wo er die Nacht über auf einer Bank beim Feuer schlief. Der Wirt fragte den la Rancune, was er ihm getan hätte, der antwortete aber ganz unschuldig: »Ich weiss nicht, worüber der sich beklagen kann; er ist aufgewacht und hat mich durch sein Schreien mit aufgeweckt; er musste wohl einen bösen Traum gehabt haben oder gar närrisch sein, denn er hat sogar ins Bett gebrunzt.« Die Wirtin fühlte ins Bett und fand, dass ihre Matratze ganz nass war und schwur hoch und teuer, dass er sie ihr bezahlen sollte. Sie wünschten dem la Rancune eine ruhige Nacht, und der schlief so vortrefflich wie jeder andre ehrliche Mann, und entschädigte sich damit für die vorige, die er bei la Rappinière zugebracht hatte. Er stand jedoch früher auf als er wollte, weil la Rappinières Magd ihn in der Eile zu dem Doguin holte, der in den letzten Zügen lag und ihn vor seinem Tod noch zu sprechen verlangte. Er lief sehr verwundert hin und konnte sich nicht denken, was der sterbende Mensch von ihm haben wollte, den er erst seit gestern kannte. Allein die Magd hatte sich geirrt; da sie den Sterbenden nach dem Komödianten fragen hörte, verstand sie den la Rancune statt den Destin, welch letzter eben in Doguins Kammer trat als la Rancune ankam, und sich bei dem Kranken einschloss, da er von dem Priester, dem er gebeichtet hatte, erfuhr, dass der Sterbende ihm noch etwas sehr wichtiges zu sagen hätte. Es war kaum eine Viertelstunde herum, als la Rappinière nach Hause kam, der vom frühen Morgen an einiger Geschäfte halber ausgegangen war. Bei Eintritt erfuhr er, dass sein Knecht sterben würde, dass man ihm das Blut nicht stillen könne, weil eine grosse Ader entzweigeschnitten wäre und dass er vor seinem Tode den Komödianten Destin zu sprechen verlangt hätte. »Und hat er ihn gesprochen?« fragte er ganz ausser sich. Man sagte ihm, dass er sich bei ihm eingeschlossen hätte. Dies traf ihn wie ein Donnerschlag, und er lief ganz ausser sich nach Doguins Kammertür, als eben Destin sie öffnete, um Hilfe herbeizurufen, weil der Kranke in Ohnmacht gefallen war. La Rappinière fragte ihn ganz verwirrt, was sein Knecht von ihm haben wollte. »Ich glaube, er träumt,« sagte Destin ganz kalt, »denn er hat mich hundertmal um Vergebung gebeten, da er mich, so viel ich weiss, doch niemals beleidigt hat. Aber sorgt für ihn, denn ich glaube, er stirbt.« Man trat hierauf an Doguins Bett, der eben verschied. La Rappinière war darüber mehr froh als traurig, und die ihn kannten, glaubten, es wäre deswegen, weil er ihm noch Lohn schuldig war. Destin aber wusste, was er davon zu denken hatte. Hierauf traten zwei Männer ins Haus, die von unsern Komödianten als ihre Kameraden erkannt wurden und von denen wir im nächsten Kapitel weitläufiger reden werden.

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