Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Paul Scarron >

Der Komoediantenroman

Paul Scarron: Der Komoediantenroman - Kapitel 60
Quellenangabe
pfad/scarron/komoedia/komoedia.xml
typefiction
authorPaul Scarron
titleDer Komoediantenroman
publisherGeorg Mueller
year1908
translatorFranz Blei
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20120410
projectide6ec1aa1
Schließen

Navigation:

Sechzehntes Kapitel. Geschichte der eigensinnigen Geliebten

In der kleinen Stadt Vitré in der Bretagne lebte ein alter Edelmann, der lange Zeit mit einer braven Frau verheiratet war, ohne Erben zu erhalten. Unter den Bedienten ihres Haushalts war ein Haushofmeister und eine Aufseherin, durch deren beide Hände alle Einkünfte des Hauses gingen. Diese beiden Personen standen, wie die meisten ihres Standes, in einem Liebesverhältnis, versprachen sich die Ehe, und scharrten jedes von seiner Seite so viel zusammen, dass der alte Edelmann und seine Frau ziemlich arm starben. Die beiden Bedienten waren nun reich geworden, und heirateten einander ein paar Jahre darauf. Aber der Haushofmeister geriet in einen so schlimmen Handel, dass er die Flucht ergreifen musste; er ging seiner Sicherheit wegen unter ein Reiterregiment und liess seine Frau allein und ohne Kinder zurück. Als sie nun zwei Jahre gewartet hatte, ohne Nachricht von ihm zu erhalten, dachte sie, er sei tot, und legte Trauer um ihn an. Als die Trauerzeit vorbei war, meldeten sich verschiedene Partien, unter andern auch ein reicher Kaufmann, der sie heiratete; und nach einem Jahre kam sie mit einer Tochter nieder, die ungefähr vier Jahre alt sein mochte, als der erste Ehemann wieder nach Hause kam. Wie gross das Erstaunen der beiden Ehemänner und der Frau gewesen sein muss, kann man sich leicht denken. Da aber der schlimme Handel des erstem noch nicht erledigt war, weswegen er sich immer noch verborgen halten musste, und er zudem ein Kind von dem andern Mann vorfand, so begnügte er sich mit einer Summe Geldes, und trat seine Frau dem zweiten Manne ab, ohne ihn weiter zu beunruhigen. Von Zeit zu Zeit kam er dann wieder und holte sich etwas zu seiner Unterstützung, die man ihm auch nicht versagte. Das Mädchen, das Margareta hiess, wuchs indessen auf, und hatte mehr Lieblichkeit als wirkliche Schönheit, dabei Verstand genug für eine Person ihres Standes. Da das Geld aber von jeher bei allen Heiraten den Ausschlag gibt, so fehlte es ihr nicht an Anbetern, und unter diesen befand sich der Sohn eines reichen Kaufmannes, der aber nicht nach seinem Stand, sondern wie ein Edelmann lebte, denn er besuchte die vornehmsten Gesellschaften, und fand da immer seine Margareta, die man wegen ihres Reichtums da aufnahm.

Dieser junge Mann, der sich Saint-Germain nannte, war sehr hübsch und so tapfer, dass er oft Duelle hatte, die zu dieser Zeit sehr häufig waren. Zudem tanzte er schön, spielte und kleidete sich prächtig. Bei allen Gelegenheiten, wo er dieses Mädchen antraf, bot er ihr seine Dienste an, erklärte ihr seine Liebe und den Wunsch, sie zu heiraten. Sie war nicht abgeneigt und erlaubte ihm, sie zu besuchen, was er mit Erlaubnis ihrer Eltern, die sein Anliegen zu fördern suchten, tat. Doch als er sie zur Ehe von ihnen begehren wollte, wünschte er zuerst ihre eigene Einwilligung zu erhalten, weil er nicht glaubte, Hindernisse bei ihr zu finden; er staunte aber nicht wenig, als sie ihn sowohl mit Worten als Gebärden so sehr zurückwies, dass er in der grössten Verwirrung wieder nach Hause ging. Er blieb einige Tage, ohne sie zu sehen und suchte seine Leidenschaft zu unterdrücken, aber er war zu sehr in sie verliebt, und so kehrte er wieder zu ihr zurück. Kaum war er ins Haus getreten, so ging sie fort in eine Gesellschaft von Mädchen aus der Nachbarschaft, wohin er ihr folgte, nachdem er sich vorher gegen ihre Eltern beklagt hatte, die ihm versprachen, ihr zuzureden; da sie aber das einzige Kind war, so wollten sie ihr nicht geradezu befehlen und stark in sie dringen, sondern stellten ihr ganz sanft vor, wie unrecht sie täte, diesen Menschen so zu behandeln, nachdem sie ihm doch einige Liebe gezeigt hätte. Auf alles dieses antwortete sie aber nichts, und wurde nicht anders; denn sobald er sich ihr näherte, veränderte sie ihren Platz und wich ihm überall aus; und eines Tages, als er sie beim Kleid fasste, schrie sie laut, er hätte ihr den Ärmel zerrissen, und wenn er dies noch einmal täte, so würde sie ihm eine Ohrfeige geben, er würde daher besser tun, sie in Ruhe zu lassen.

Kurz, je mehr er sich um sie bewarb, desto eifriger suchte sie ihn zu vermeiden und ging auf Spaziergängen lieber allein, als dass sie seinen Arm annahm. War sie auf einem Balle, und er forderte sie zum Tanze, so beleidigte sie ihn öffentlich, schützte eine Übelkeit vor, und ging gerade hin und tanzte mit einem andern. Sie ging sogar so weit ihm Händel auf den Hals zu ziehen, und war Ursache, dass er sich viermal schlagen musste, wobei er immer glücklich davon kam, worüber sie, wenigstens dem Scheine nach, vielen Ärger bezeigte. Alle diese schlimme Behandlung war aber Öl ins Feuer, denn er wurde immer verliebter und stellte seine Besuche nicht ein. Eines Tages glaubte er sie durch seine Beständigkeit erweicht zu haben, weil sie ihn nahe kommen Hess und ziemlich aufmerksam die Klagen anhörte: »Warum fliehen Sie den, der ohne Sie nicht leben kann? Wenn ich nicht Verdienst genug habe, um gelitten zu weiden, so sehen Sie wenigstens auf meine Liebe und auf die Geduld, mit der ich alle Ihre Grausamkeit ertragen habe; ich, der ich bloss lebe um Ihnen zu zeigen, wie sehr ich Ihnen ergeben bin!« »Nun,« antwortete sie, »Sie können mir dies nicht besser beweisen, als indem Sie sich von mir entfernen, und da dies nicht geschehen kann, so lange Sie in dieser Stadt bleiben, und Sie mich doch überreden wollen, dass ich einige Gewalt über Sie hätte, so befehle ich Ihnen, unter den Truppen, die jetzt angeworben werden, Dienste zu nehmen. Sobald Sie einige Schlachten werden mitgemacht haben, sollen Sie mich vielleicht etwas nachgiebiger finden. Diese geringe Hoffnung, die ich Euch gebe, muss Euch dazu antreiben, wo nicht, so lasst sie gänzlich fahren.« Bei diesen Worten zog sie einen Ring vom Finger, gab ihm den und sagte: »Dieser Ring soll Sie an mich erinnern; behalten Sie ihn, und ich verbiete Ihnen zugleich, Abschied von mir zu nehmen. Mit einem Wort, kommen Sie nicht wieder, mich zu besuchen.« Sie erlaubte ihm hierauf einen Kuss zum Abschied, ging in ein anderes Zimmer und schloss die Tür hinter sich zu. Der arme Liebhaber nahm nun Abschied von ihren Eltern, die ihre Tränen nicht zurückhalten konnten und ihm versprachen, unterdessen alles zur Förderung seiner Wünsche zu tun. Den andern Tag ging er unter ein Regiment, das man zur Belagerung von Rochelle anwarb. Die Nacht vor seiner Abreise brachte er ihr ein Ständchen und sang dabei ein sehr rührendes Lied, worin er sich über ihre Härte in den zärtlichsten Versen beklagte. Das eigensinnige Mädchen stand auf, öffnete einen Fensterladen und lachte so laut hinaus, dass er ganz in Verzweiflung darüber geriet. Er wollte ihr noch etwas zurufen, aber sie machte den Laden wieder zu und rief: »Haltet Euer Wort, und es wird Euch nicht gereuen!« womit er sich denn wieder wegbegab. Einige Tage nachher reiste er mit seiner Kompanie ab und kam vor la Rochelle im Lager an. Nach einer langen Verteidigung musste sich die Stadt dem König ergeben. Man dankte einige Truppen ab, worunter auch die Kompanie des Saint-Germain war. Dieser kehrte also nach Vitré zurück und ging gleich bei seiner Ankunft zu seiner strengen Schönen, die ihm diesmal erlaubte, sie zu grüssen; aber gleich darauf sagte sie ihm, er wäre zu früh zurückgekommen, und sie konnte sich nicht entschliessen, ihn um sich zu dulden, daher sie ihn bäte, sie nicht zu besuchen. Er antwortete ihr sehr traurig: »Man muss gestehen, dass Sie eine sehr gefährliche Person sind, und nichts als den Tod des treuesten Liebhabers auf der Welt verlangen, denn viermal haben Sie mir bereits dazu Gelegenheit verschafft, ob ich mich gleich noch gut herauszog. Jetzt bin ich hingegangen, ihn da zu suchen, wo weit Unglücklichere als ich ihn gefunden haben, ohne dass er mich traf. Allein weil Sie so sehr darauf bestehen, so will ich ihn an so vielen Orten aufsuchen, dass er mir endlich zuteil werden muss, und dann werden Sie befriedigt sein. Vielleicht aber werden Sie nachher einige Reue darüber empfinden, denn ich werde eine Todesart wählen, die Sie gewiss zum Mitleid bewegen wird. Leben Sie also wohl, Grausamste unter allen Mädchen!« Mit diesen Worten stand er auf und wollte sie verlassen, sie hielt ihn aber zurück und sagte ihm, dass sie keineswegs seinen Tod wünsche, und dass, wenn sie ihm Gelegenheit zum Zweikampf verschafft hätte, es bloss geschehen wäre, um seine Tapferkeit zu prüfen, damit er desto würdiger sei, sie zu besitzen. Jetzt aber könne sie seine Anträge noch nicht erhören. Vielleicht aber würde die Zeit es dazu bringen. Mit diesen Worten liess sie ihn allein. Diese geringe Hoffnung gab ihm ein Mittel ein, das beinahe die ganze Sache verdorben hätte, nämlich: sie eifersüchtig zu machen. Er dachte, dass wenn sie einige Neigung zu ihm hätte, sich diese bei einer solchen Gelegenheit gewiss äussern würde. Einer seiner Freunde hatte ein Mädchen, das ihn ebensosehr liebte wie er von dem seinen misshandelt wurde. Er bat ihn also um die Erlaubnis, sein Mädchen besuchen zu dürfen, und dass er die seine besuchen möchte, um zu sehen, was sie dabei täte. Sein Freund wollte ihm dies nicht eher erlauben, bis er seine Geliebte darüber gesprochen hätte, und diese willigte ein. Diese beiden Mädchen waren viel beisammen. Bei der ersten Zusammenkunft tauschten die beiden Liebhaber: Saint-Germain hielt sich zu der Geliebten seines Freundes, und dieser unterhielt sich mit der strengen Margareta, welche ihn sehr freundlich aufnahm. Als sie aber sah, dass die andern beiden lachten und lustig waren, glaubte sie, dass dieser Tausch verabredet sei, und wurde darüber so zornig, dass sie alles sagte, was die Wut einer beleidigten Geliebten nur eingeben kann. Ihre Freundin stellte ihr vor, wie unrecht sie täte, ihren Anbeter so zu behandeln, dass sie nie glücklicher werden könnte als durch einen so guten Mann, der sie so sehr liebte, und dass ihre Politik ganz ungewöhnlich und unter Verliebten äusserst sonderbar sei. Sie möchte doch einmal sehen, wie sie den ihrigen behandelte, dem sie noch nie Ursache zum Verdruss gegeben hätte. Alles dieses aber tat keine Wirkung auf den sonderbaren Charakter der Margareta, worüber Saint-Germain in eine solche Verzweiflung geriet, dass er von der Zeit an bloss Gelegenheit suchte, ihr die Heftigkeit seiner Liebe durch einen schrecklichen Tod zu beweisen, den er auch beinahe gefunden hätte. Er kam nämlich eines Abends mit sieben seiner Kameraden, die alle Degen hatten, aus einem Wirtshaus. Unterwegs begegneten sie vier Edelleuten, die ihnen in einer engen Gasse das Pflaster streitig machten. Sie wurden gezwungen nachzugeben, sagten aber die Zahl sollte auf beiden Seiten bald gleich sein. Und so gingen sie fort und holten noch vier bis fünf andere junge Leute, die mit ihnen denen nachliefen, die ihnen das Pflaster streitig gemacht hatten. Sie holten sie in der grossen Strasse wieder ein, und da Saint-Germain bei dem Wortwechsel der erste gewesen war, so erkannte ihn einer, ein Reiterkapitän, an seinem silbernen Tressenhut sogleich wieder, und gab ihm einen Hieb auf den Kopf, der durch den Hut ging und ihm den Schädel spaltete. Sie hielten ihn für tot, glaubten sich genug gerächt zu haben und gingen fort, während seine Freunde beschäftigt waren, ihn aufzuheben und nach Hause zu tragen. Zu Hause fand der Wundarzt noch Leben in ihm und legte einen Verband an.

Der erste Wortwechsel der Streitenden hatte die ganze Nachbarschaft aufgeweckt; man sprach davon und alle glaubten, Saint-Germain sei tot. Das Gerede kam auch seiner grausamen Margareta zu Ohren, die sogleich aufstand und im Nachtkleid zu ihm hinging, wo sie ihn denn in dem oben beschriebenen Zustande fand. Als sie ihn so totenblass liegen sah, fiel sie in Ohnmacht, und man hatte viele Mühe, sie wieder zu sich zu bringen. Als sie aber wieder zu sich gekommen war, warfen alle Nachbarn die Schuld dieses Unglücks auf sie und sagten es würde nicht geschehen sein, wenn sie ihn nicht so schlecht behandelt hätte. Sie fing an, sich die Haare auszuraufen und sich wie eine von Schmerz und Traurigkeit ganz verstörte Person zu betragen. Hierauf wartete sie ihn Tag und Nacht, ohne sich auszukleiden, mit unermüdetem Eifer, und erlaubte sogar seinen Schwestern nicht, ihr zu helfen. Als er nun nach und nach wieder zu sich kam, hielt man am besten, sie zu entfernen, weil ihr Anblick ihm in dem Zustand eher gefährlich als nützlich werden konnte. Endlich wurde er wieder ganz gesund, und nun verheiratete er sich mit seiner Margareta zur grossen Zufriedenheit der Eltern.«

Nachdem Leander diese Geschichte geendigt hatte, kehrte die Gesellschaft nach der Stadt zurück, zu einem kleinen Abendessen. Nachher brachte man die Neuverheirateten zu Bette. Da die Hochzeiten ganz in der Stille waren vollzogen worden, so erhielten sie weder diesen noch den folgenden Tag Visiten. Aber zwei Tage nachher wurden sie so sehr überlaufen, dass sie kaum so viel Zeit behielten, ihre Rollen zu studieren und diese Besuche dauerten acht Tage lang fort. Nachdem diese Feierlichkeiten vorüber waren, setzten sie ihr Geschäft mit mehr Ruhe fort, ausgenommen Ragotin; denn dieser fiel, wie man aus folgendem Kapitel ersehen wird, in die äusserste Verzweiflung.

*

 << Kapitel 59  Kapitel 61 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.