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Der Komoediantenroman

Paul Scarron: Der Komoediantenroman - Kapitel 6
Quellenangabe
pfad/scarron/komoedia/komoedia.xml
typefiction
authorPaul Scarron
titleDer Komoediantenroman
publisherGeorg Mueller
year1908
translatorFranz Blei
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20120410
projectide6ec1aa1
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Fünftes Kapitel welches nicht viel enthält

Der Komödiant la Rancune, einer der Haupthelden dieses Romans (denn es werden noch mehrere darin vorkommen und weil nichts vortrefflicher ist als ein Romanheld, so werden ein halbes Dutzend dergleichen Helden mein Buch zieren, das sonst vielleicht nicht einmal gelesen würde) – la Rancune also war einer von jenen Menschenfeinden, die alle Menschen hassen und bloss sich selbst lieben; ja viele Leute behaupten, dass man ihn niemals hätte lachen sehen. Er war witzig und konnte ziemlich geschwind schlechte Verse machen; übrigens war er in keinen Stücken ein Ehrenmann, boshaft wie ein alter Affe und neidisch wie ein Hund. An allen seinen Kameraden fand er etwas auszusetzen; Bellerose war ihm zu affektiert, Mondor zu rüde, Floridor zu kalt und ebenso die übrigen, und ich glaube, dass er gerne wollte zu verstehen geben, dass er allein ein Schauspieler ohne Fehler sei; und doch behielt man ihn nur bei der Truppe, weil er im Metier alt geworden war. Zu der Zeit, als man nur Hardis Stücke hatte, spielte er mit der Fistelstimme und unter der Maske die Ammenrollen. Seitdem aber, da die Komödie besser gespielt wird, war er Aufseher über die Türsteher, spielte die Vertrauten, Gesandten und den Häscher, wenn ein König zu begleiten war oder einer sollte ermordet oder eine Schlacht geliefert werden; in den Terzetten sang er einen Bass und bestreute sich mit kläglichem Mehl in der Posse. Auf alle diese schönen Talente war er unerhört stolz; dabei hielt er sich über jeden auf, war ein arger Verleumder und von einem zänkischen Humor ohne Herz. Alles dies machte, dass seine Kameraden sich vor ihm fürchteten, bloss gegen Destin war er fromm wie ein Lamm und so weit es ihm möglich vernünftig.

Man sagte zwar, er sei von ihm einmal derb durchgeprügelt worden, aber dies Gerücht hielt sich nicht lange, so wenig als ein anderes: dass er eine so grosse Liebe zu anderer Leute Geld hätte, dass er es sich sogar heimlich aneignete. Sonst war er der beste Mensch von der Welt. Wenn ich nicht irre, so habe ich oben gesagt, dass er bei Doguin, dem Knecht des la Rappinière schlief. Es sei nun, dass das Bett nichts taugte, oder dass es sich bei Doguin nicht gut lag, kurz, er konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Mit Tagesanbruch also stand er zugleich mit Doguin, dem sein Herr rief, auf, und ging, um dem la Rappinière in seinem Zimmer einen guten Morgen zu wünschen; dieser empfing seine Komplimente mit der Miene eines Landrichters und erwiderte kaum den zehnten Teil seiner Höflichkeiten. Da aber die Komödianten alle Rollen zu spielen gewohnt sind, so machte sich Rancune nicht viel daraus. La Rappinière fragte ihn vieles über die Komödie, und von einem ins andere fragte er ihn auch, wie lange Destin bei der Truppe wäre und sagte noch, er wäre ein vortrefflicher Komödiant. »Nicht alles ist Gold was glänzt,« sagte la Rancune, »zu der Zeit, da ich die ersten Rollen spielte, hätte er kaum Bediente spielen können, und wie sollte er auch eine Sache können, die er nicht gelernt hat? Er ist erst seit kurzem bei der Truppe, und man wird nicht so leicht ein Komödiant; jetzt gefällt er, weil er jung ist, und wenn Sie ihn kennten, wie ich, so würden Sie keine so grosse Meinung von ihm haben. Tut übrigens als wenn er vom heiligen Ludwig abstammte, und doch sagt er nicht, wer, noch woher er ist, ebensowenig als seine Cloe, die ihn begleitet und die er für seine Schwester ausgibt. Gott weiss ob es wahr ist. So wie ich hier stehe, habe ich ihm in Paris durch zwei Degenstiche, die ich für ihn bekam, das Leben gerettet, und er war so undankbar dafür, dass er, statt mich zum Wundarzt tragen zu lassen, vielmehr die ganze Nacht damit zubrachte, einige Diamanten von Alençon in dem Kot zu suchen, die, wie er vorgab, ihm von den Räubern, die uns angriffen, waren abgenommen worden.« La Rappinière fragte la Rancune, wo und wann ihm dieses Unglück begegnet wäre. »Am Dreikönigstag auf der neuen Brücke«, antwortete la Rancune. Diese letzten Worte brachten la Rappinière und seinen Knecht Doguin so sehr in Verwirrung, dass sie bald rot und bald blass wurden; und la Rappinière brach die Unterhaltung so plötzlich ab, dass la Rancune sich darüber verwunderte. Der Scharfrichter der Stadt nebst einigen Flurschützen, die in die Stube traten, machten der Unterredung zum Vergnügen des la Rancune ein Ende, der wohl einsah, dass das was er gesagt hatte, den la Rappinière an einem heiklen Fleck getroffen habe, ohne jedoch erraten zu können weshalb. Unterdes war der arme Destin, der so schön geschildert worden war, in grosser Verlegenheit; la Rancune traf ihn an, wie er mit Mademoiselle la Caverne sich umsonst bemühte, einen alten Schneider gestehen zu machen, dass er schlecht gehört und noch schlechter gearbeitet hätte. Die Ursache des Streites war aber diese: beim Abladen der Komödiantenbagage fand Destin zwei Kamisole und ein Paar alte sehr zerrissene Hosen; diese hatte er miteinander dem Schneider gegeben, dass er ein modischeres Kleid daraus zusammensetze als seine Pagenhosen waren. Der Schneider aber, statt das eine Kamisol dazu zu verwenden, um das andere nebst den Hosen damit auszubessern, hatte aus Mangel an Urteil (was von einem Mann wie er, der sein ganzes Leben lang alte Lumpen zusammengeflickt hatte, sehr unverständig war,) die beiden Kamisöler von den besten Lappen der alten Hosen ausgebessert, so dass also der arme Destin mit so vielen Kamisölern und so wenig Hosen gezwungen war, das Zimmer zu hüten oder den Strassenjungen zum Spott herum zu gehen, wie es schon vorhin seines komischen Aufzugs wegen geschehen war. Die Freigebigkeit des la Rappinière machte den Fehler des Schneiders gut, der die zwei geflickten Kamisöler behielt; Destin bekam den Rock eines Diebes, der vor kurzem war gerädert worden; der Schneider, der noch gegenwärtig war und der diesen Rock der Magd des la Rappinière zum Aufheben gegeben hatte, war so impertinent zu behaupten, der Rock gehöre ihm; allein la Rappinière drohte ihm seine Stelle zu nehmen. Der Rock passte dem Destin völlig, der nun mit la Rappinière und la Rancune ausging. Sie speisten zu Mittag in einer Schenke auf Kosten eines Bürgers, der mit la Rappinière zu tun hatte. Mademoiselle la Caverne vertrieb sich die Zeit damit, dass sie ihr schmutziges Hemd wusch und leistete ihrer Wirtin zu Hause Gesellschaft. An eben diesem Tage wurde Doguin von einem der jungen Leute getroffen, die er tags vorher in der Schenke verprügelt hatte, und kam mit einer grossen Wunde und einer grossen Tracht Schläge nach Hause. Da er nun so stark verwundet war, ging la Rancune nach Tische in eine benachbarte Schenke um dort zu schlafen, denn er war sehr müde, da er den ganzen Tag mit Destin und la Rappinière herumgelaufen war, welch letzterer für seinen ermordeten Knecht Genugtuung haben wollte.

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