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Der Komoediantenroman

Paul Scarron: Der Komoediantenroman - Kapitel 58
Quellenangabe
pfad/scarron/komoedia/komoedia.xml
typefiction
authorPaul Scarron
titleDer Komoediantenroman
publisherGeorg Mueller
year1908
translatorFranz Blei
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Vierzehntes Kapitel. Rückkehr Vervilles und la Garouffieres. Schauspielerheiraten und fernere Abenteuer Ragotins

Die ganze Truppe erstaunte, den Herrn la Garouffiere zu sehen; denn was Verville anlangt, so wurde er schon lange mit Ungeduld erwartet, besonders von denen, welche sich verheiraten wollten. Sie fragten den erstem, was für Geschäfte er in dieser Stadt hätte, und er antwortete: gar keine. Der Herr von Verville hätte ihm aber etwas wichtiges entdeckt, und er hätte daher sehr gerne die günstige Gelegenheit ergriffen, sie noch einmal zu sehen und ihnen seine Dienste anzubieten. Verville gab ihm ein Zeichen, dass er schweigen sollte, und stellte ihm, um ihn zu unterbrechen, den Prior von Saint-Louis vor, zu welchem er eine grosse Freundschaft gefasst hatte. Etoile sagte hierauf, dass er ihnen soeben seine eigene Geschichte auf die angenehmste Art erzählt hätte, und die beiden Herren bedauerten es, dass sie zu spät gekommen wären, um noch etwas davon hören zu können. Hierauf verfügte sich Verville in ein anderes Zimmer, wohin ihm Destin folgte. Eine Zeit nachher riefen sie Etoile und Angelique und endlich auch den Leander und die Caverne hinein, worauf Herr de la Garouffiere folgte. Als sie nun versammelt waren, sagte ihnen Verville, dass er zu Rennes dem Herrn de la Garouffiere ihren Vorsatz, sich zu verheiraten, entdeckt, und dass dieser gewünscht hätte, die Hochzeit mitzufeiern. Man dankte ihm hiefür auf das verbindlichste. Verville nahm hierauf das Wort und sagte: »Wir müssen doch den braven Mann heraufkommen lassen, der noch unten ist«, und dies geschah. So wie er hereintrat, betrachtete ihn die Caverne sehr aufmerksam und die Natur wirkte so stark, dass sie anfing zu weinen, ohne zu wissen warum. Man fragte sie, ob sie diesen Mann kenne, und sie antwortete, sie erinnere sich nicht, ihn je gesehen zu haben. Man sagte ihr, ihn nochmals scharf anzusehen, und nun fand sie in seinem Gesicht so viel ähnliche Züge mit den ihrigen, dass sie ausrief: »Sollte es wohl mein Bruder sein?« Nun umarmte er sie und versicherte ihr, dass er es sei, den das Schicksal so lange von ihr getrennt hätte. Er grüsste seine Nichte und die ganze Gesellschaft und blieb bei der geheimen Unterredung gegenwärtig, worin beschlossen wurde, dass die beiden Heiraten Destins mit Etoile und Leanders mit Angelique an einem Tag sollten vollzogen werden. Die einzige Schwierigkeit war, einen Priester zu finden, der sie traute, und diese hob der Prior von Saint-Louis, indem er es übernahm, mit den beiden Pfarrern der Stadt und mit dem der Vorstadt davon zu reden; im Falle sie aber Schwierigkeiten machen sollten, so wolle er selbst nach Sens reisen, um die Erlaubnis vom Bischofe zu holen. Sollte es ihm aber auch hier fehlschlagen, so wolle er an den Bischof von Mans selbst gehen, den er kenne, weil seine Kirche unter seiner geistlichen Regierung stünde, und hier hoffte er keine abschlägige Antwort zu erhalten. Er wurde also gebeten, dies Geschäft auf sich zu nehmen. Unterdessen liess man einen Notarius kommen, um die Ehekontrakte aufzusetzen, deren Inhalt ich aber nicht erfahren habe; nur soviel weiss ich, dass die Herren von Verville, la Garouffiere und Saint-Louis Zeugen dabei waren. Der letztere sprach mit den beiden Pfarrern der Stadt, allein keiner wollte es unternehmen, sie zu trauen, unter allerlei Vorwand, welchen der Prior nicht heben konnte. Er entschloss sich also, nach Sens zu reisen, nahm das Pferd Leanders und einen seiner Bedienten, und ging bei seiner Ankunft geradewegs zum Bischof. Dieser machte anfänglich einige Schwierigkeiten, aber der Prior sagte ihm, dass diese Leute eigentlich zu keinem eigenen Kirchsprengel gehörten, indem sie heute hier und morgen dort wären. Man könnte sie indessen doch nicht als Landstreicher betrachten (wie die Pfarrer es getan hatten), weil sie mit Erlaubnis des Königs spielten, ihre ordentliche Wirtschaft führten, und also in jedem Kirchsprengel, wo sie sich aufhielten, Untertanen der Bischöfe wären. Die Personen, für die er die Dispensation verlangte, gehörten zu dem Kirchsprengel von Alençon, welches ganz unter seiner geistlichen Gerichtsbarkeit stünde. Er könnte sie also sehr leicht dispensieren, um so mehr, da er ihm versichern könnte, dass es sehr rechtschaffene Leute wären. Endlich gab der Bischof dem Prior die Vollmacht, sie zu trauen, in welcher Kirche er wollte, und wollte die Dispensation durch seinen Sekretär aufsetzen lassen, der Prior aber erwiderte, dass ein Wort von seiner Hand hinreichend sei, und dies tat der Bischof auf die gefälligste Art, und behielt ihn bei sich zu Tische. Den andern Tag kehrte er nach Alençon zurück, wo er die Verlobten mit den Hochzeitsanstalten beschäftigt fand. Die übrigen Komödianten, die nichts von der Sache wussten, wussten nicht, was sie von den Anstalten denken sollten, und Ragotin war besonders darüber beunruhigt. Die Ursache, warum die Sache so geheim gehalten wurde, war bloss wegen Destin; denn was Leander und Angelique betraf, so war ihre Verlobung allen Komödianten bekannt; auch trug die Furcht, dass sie die Dispensation nicht erhalten möchten, vieles dazu bei. Sobald sie aber diese bekommen hatten, wurde es öffentlich bekannt gemacht. Man las die Heiratskontrakte der ganzen Gesellschaft vor und setzte einen Tag für die Hochzeit an.

Dies war ein Donnerschlag für den armen Ragotin, dem nun Rancune ins Ohr raunte: »Hab' ich's Euch nicht immer gesagt, dass es noch so kommen würde? Ich habe beiden nie getraut.« Der kleine Mann verfiel nun in tiefste Melancholie und endlich gar in Verzweiflung, wie man im letzten Kapitel vernehmen wird. Er war von dem Augenblick an so verstört, dass, als er an einem Sonntag vor einer Kirche vorbeiging, wo man eben läutete, er auf die sonderbare Meinung geriet, dass die Glocken alles dasjenige sagen, was man sich denkt. Er blieb also stehen, um das Geläute zu hören und wurde immer überzeugter, sie sagten nichts anderes als: Ragotin hat zu viel getrunken, er taumelt, er taumelt. Er geriet hierüber in solchen Zorn gegen den Glöckner, dass er laut ausrief: »Es ist nicht wahr, ich habe heute noch wenig getrunken, ich würde nicht so böse werden, wenn du die Glocken sagen liessest: Der Kujon Destin hat dem armen Ragotin die Etoile weggeschnappt, weggeschnappt. Denn so würde ich doch den Trost gehabt haben, dass sogar unbelebte Dinge meinen Schmerz teilen; aber mich einen Säufer zu nennen, wart! Du sollst es mir bezahlen!« Damit drückte er den Hut tiefer ins Gesicht und ging durch eine Türe dort in die Kirche hinein, wo man auf die Orgel kommen konnte. Als er nun sah, dass diese Treppe nicht auf den Glockenturm führte, ging er weiter und fand eine sehr niedrige Türe, durch welche er ging und unter das Dach der Kirche geriet, wo jeder sonst gut gewachsene Mensch nur gebückt gehen kann; allein für ihn war das Dach hoch genug. Er ging immer weiter, bis er an eine Türe kam, die auf den Glockenturm führte. Er stieg hinauf. Als er nun zu den Glocken gekommen war, fand er den Glöckner, der immer läutete, ohne hinter sich zu sehen. Hier fing er an, mit lauter Stimme auf ihn zu schimpfen und zu schelten, nannte ihn einen Esel, Flegel, groben Kerl usw., allein das Lärmen der Glocken machte, dass er nichts davon hörte. Ragotin, der nun glaubte, er schätzte ihn zu gering, um ihm zu antworten, verlor hierüber alle Geduld, näherte sich ihm und versetzte ihm einen derben Schlag auf den Rücken. Der Glöckner, der es nun fühlte, drehte sich um und sagte, indem er Ragotins ansichtig wurde: »Zum Teufel! wer hat dich kleinen Regenwurm hergeführt, um mich zu hauen?« Ragotin wollte ihm nun seine Klage vorbringen; aber der Glöckner verstand keinen Spass, drehte ihn um und gab ihm einen Tritt in den Hintern, dass er eine kleine hölzerne Treppe bis auf den nächsten Boden hinunterfiel. Er fiel mit dem Kopf gegen einen der Verschläge, durch welche die Stricke gehen, und zerschlug sich das ganze Gesicht. Er fing an, heftig zu fluchen, und lief durch die Kirche durch zu dem Polizeikommissär, um sich gegen den Glöckner zu beklagen. Dieser, der ihn so zugerichtet ankommen sah, glaubte anfangs alles, was er sagte, als er aber die Ursache davon erfahren hatte, merkte er wohl, dass es im Kopf des kleinen Mannes nicht ganz richtig stehen müsse. Um ihn jedoch zu beruhigen, versprach er ihm Genugtuung und schickte einen Diener an den Glöckner, um ihn zu rufen. Als der nun gekommen war, fragte er ihn, warum er diesen Mann durch seine Glocken so beleidigt hätte. Dieser antwortete darauf, er kenne ihn gar nicht, und er läute wie gewöhnlich, nämlich: Orleans, Boisgenci, Notre Dame de Cléri, Vendosme; allein er wäre von ihm beschimpft und geschlagen worden, hätte ihm daher einen Stoss gegeben, und da er gerade oben an der kleinen Treppe stand, wäre er gefallen. Der Polizeikommissär sagte den beiden, dass sie ein andermal klüger sein möchten, und riet vorzüglich dem Ragotin, in Zukunft, wenn die Glocken läuteten, nicht so leichtgläubig zu sein. Er ging also nach Hause, ohne etwas von dem Vorfall zu erwähnen. Die Komödianten aber, die sein Gesicht zerschunden sahen, fragten um die Ursache, er aber blieb hartnäckig beim Schweigen, bis sie es bald darauf durch das allgemeine Gerede erfuhren, worüber sie sowohl wie die anwesenden Fremden herzlich lachten.

Als nun der Tag der Hochzeit gekommen war, sagte ihnen der Prior von Saint-Louis, dass er seine eigene Kirche dazu bestimmt hätte, um sie zu kopulieren. Sie gingen also ohne alles Geräusch dahin, und er hielt eine sehr schöne Ermahnung, worauf er sie einsegnete. Hierauf begaben sie sich nach Hause und setzten sich zu Tische. Nun war die Frage, womit man die Zeit bis zum Abendessen zubringen wollte, denn die Komödien, Ballette und das Tanzen war ihnen etwas so alltägliches, dass sie vorschlugen, eine kleine Geschichte zu erzählen. Verville sagte, er wüsste keine, und wenn Ragotin nicht so melancholisch gewesen wäre, würde er vermutlich sich aufgeworfen haben, eine zu erzählen, so aber war er stumm wie ein Fisch. Man bat daher den Rancune, die Geschichte des Poeten Roquebrune zu erzählen, die er bei Gelegenheit versprochen hatte, und da nun die Gesellschaft ansehnlicher wäre als damals, möchte er sein Wort halten. Allein er antwortete, es läge ihm etwas Unangenehmes im Sinne; und wenn auch gleich sein Kopf frei wäre, so möchte er dem Poeten diesen schlimmen Dienst nicht gerne erweisen und seine Lobrede halten, in welcher seine ganze Familie müsste aufgeführt werden; und er wäre jetzt überhaupt zu sehr sein Freund, um eine gerechte Satire auf ihn zu machen. Roquebrune nahm dies so übel, dass er beinahe die Freude des Tages gestört hätte; doch hielt ihn die Achtung für die anwesenden Fremden noch zurück, und er liess sich besänftigen. Hierauf sagte Herr la Garouffiere, dass er verschiedene Geschichten wisse, wovon er Augenzeuge gewesen wäre. Man bat ihn also, eine zu erzählen, und dies tat er folgendermassen.

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