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Der Komoediantenroman

Paul Scarron: Der Komoediantenroman - Kapitel 56
Quellenangabe
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typefiction
authorPaul Scarron
titleDer Komoediantenroman
publisherGeorg Mueller
year1908
translatorFranz Blei
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Zwölftes Kapitel. Was auf der Reise nach la Fresnaye passierte. Ragotins neues Unglück

Den Tag vor der Hochzeit schickte man den Komödianten eine Kutsche und einige Reitpferde. Die Damen nebst Destin, Leander und Olive setzten sich hinein, die übrigen ritten und Ragotin bestieg seinen Gaul, den er noch nicht hatte verkaufen können und der wieder geheilt war. Er wollte Etoile oder Angelique bereden, sich hinter ihm aufzusetzen, indem er sagte, sie würden bequemer sitzen als im Wagen, der sehr schütterte, allein keine von beiden wollte sich dazu verstehen. Um von Alençon nach la Fresnaye zu kommen, muss man den Wald von Persaine passieren. Sie waren noch nicht tausend Schritte hinein, als Ragotin dem Kutscher zurief, er solle halten, denn es käme ein Trupp Reiter auf sie zu. Man fand es nicht für gut, anzuhalten, sondern hielt sich vielmehr in Bereitschaft, auf alles gefasst. Als man sich nun den Reitern genähert hatte, sagte Ragotin, es wäre Rappinière mit seinen Leuten. Die Etoile erblasste bei diesen Worten, allein Destin, der es bemerkte, beruhigte sie, Rappinière würde es nicht wagen, in Gegenwart seiner Häscher und der Leute des Herrn de la Fresnay und so nah an seinem Gute sie zu beleidigen. La Rappinière holte unsere Truppe ein, näherte sich mit seiner gewöhnlichen Dreistigkeit der Kutsche, grüsste die Damen und machte ihnen ziemlich schiefe Komplimente, die sie so kalt beantworteten, dass ein anderer als dieser Helfer des Scharfrichters gewiss darüber aus der Fassung gekommen wäre. Er sagte ihnen, er setze Räubern nach, die in der Gegend von Balon einige Kaufleute bestohlen hätten und die diesen Weg genommen haben sollten. Während er mit der Gesellschaft sprach, sprang das Pferd eines seiner Häscher, das sehr wild war, dem Pferd Ragotins auf den Hals, so dass dieses zurückfuhr und zwischen einige nah aneinander stehende Bäume geriet, an deren Zweigen Ragotin mit dem Kamisol hängen blieb; und weil er sich aus den Bäumen herausarbeiten wollte, gab er seinem Pferde beide Sporen: das lief unter ihm weg und liess ihn in der Luft schweben. In dieser Stellung schrie er einmal über das andere: »Ach! Ich bin tot, man hat mich mit dem Degen durch den Rücken gestossen!« Alles lachte so sehr über diesen Auftritt, dass niemand daran dachte, ihm zu Hilfe zu kommen, ob man gleich den Bedienten zurief, ihn herunter zu nehmen, denn die liefen einen andern Weg und lachten aus vollem Halse. Sein Pferd lief unterdessen querfeldein, ohne sich aufhalten zu lassen. Endlich stieg der Kutscher, nachdem er sich satt gelacht hatte, vom Bocke herunter, ging zu Ragotin und nahm ihn herunter. Man untersuchte ihn und machte ihm weis, er sei stark verwundet, man könne ihn aber nicht eher verbinden, als bis man ins nächste Dorf käme, wo ein geschickter Barbier wohnen sollte; unterdessen legte man ihm einige Blätter zur Linderung auf. Olive machte ihm im Wagen Platz, während die Bedienten in das Gehölz dem Pferde nachliefen, das man endlich wieder kriegte, worauf Olive es bestieg. La Rappinière nahm wieder seinen Weg auf, und die Truppe kam vor dem Schlosse an. Man liess sogleich den Barbier holen und steckte ihm die Sache; man brachte Ragotin ins Bett, und der Barbier tat, als wenn er die Wunde untersuchte, verband ihn auch und sagte ihm, der Stich sei zwar nicht gefährlich, wäre er aber zwei Finger breit weiter eingedrungen, so hätte die Welt keinen Ragotin mehr. Er verordnete ihm hierauf die gewöhnliche Diät und liess ihn ausruhen. Dem kleinen Mann war der Kopf von alledem, was man ihm gesagt hatte, so verwirrt worden, dass er wirklich glaubte, schwer verwundet zu sein. Er stand nicht einmal auf, um den Ball mit anzusehen, der denselben Abend nach Tische gegeben wurde, wozu man die Musikanten von Mans hatte kommen lassen, weil die von Alençon auf einer anderen Hochzeit waren. Man tanzte nach der Landesart, aber die Komödianten und Komödiantinnen nach Art des Hofes: Destin tanzte die Sarabande mit der Etoile zur Bewunderung der ganzen Gesellschaft, die aus dem Landadel und den reichen Bauern des Dorfes bestand. Den andern Tag wurde das von der Braut verlangte Schäferspiel aufgeführt. Ragotin liess sich in einem Sessel mit der Nachtmütze auf dem Kopf hintragen, man ass und trank sehr gut, und den andern Tag wurde nach einem guten Frühstück die Truppe bezahlt und mit vielen Lobsprüchen entlassen. Der Wagen und die Pferde waren bereit, und man suchte Ragotin seinen Irrtum wegen der Wunde zu benehmen, allein man konnte es nicht dahin bringen, und er behauptete steif und fest, dass er sie genau fühlte. Man setzte ihn also in den Wagen, und die Truppe kam glücklich wieder nach Alençon zurück. Den andern Tag wurde nicht gespielt, denn die Damen wollten ausruhen; unterdessen kam auch der Prior von Saint-Louis von seiner Reise nach Sens wieder zurück. Er besuchte die Gesellschaft, und die Etoile sagte ihm, er würde keine bessere Gelegenheit finden, seine Geschichte zu endigen, als jetzt, worauf er sich nicht länger bitten liess, sondern folgendermassen fortfuhr.

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