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Der Komoediantenroman

Paul Scarron: Der Komoediantenroman - Kapitel 54
Quellenangabe
pfad/scarron/komoedia/komoedia.xml
typefiction
authorPaul Scarron
titleDer Komoediantenroman
publisherGeorg Mueller
year1908
translatorFranz Blei
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Zehntes Kapitel. Geschichte des Prior von Saint-Louis und Ankunft des Herrn von Verville

Der Anfang dieser Geschichte wird Ihnen nur Langweile machen, weil er ganz genealogisch ist, aber dieser Eingang ist zum besseren Verständnis dessen, was Sie hören werden, nötig. Ich will meinen Stand nicht verbergen, weil ich hier in meiner Heimat bin. Vielleicht hätte ich anderswo für einen andern gelten können als ich wirklich bin, ob ich es gleich nie getan habe. In diesem Punkte bin ich immer sehr aufrichtig gewesen. Ich bin also in dieser Stadt geboren, die Frauen meiner beiden Grossväter waren vom Adel. Nun wissen Sie ja, dass die beiden ältesten Söhne beinahe das ganze Vermögen erhalten, die übrigen aber ziemlich leer ausgehen, und was die Mädchen betrifft, so bringt man sie (nach dem Gebrauch dieser Provinz) so gut unter wie man kann, und steckt sie entweder in ein Kloster, oder verheiratet sie an Personen von geringem Stande, vorausgesetzt, dass es ehrliche Leute sind und Vermögen haben, nach dem alten Sprüchwort dieses Landes: »Mehr Nutzen, weniger Ehre.« Demzufolge wurden meine beiden Grossmütter an zwei reiche Kaufleute verheiratet, wovon der eine mit Kattun und der andere mit Tuch handelte. Der Vater meines Vaters hatte vier Söhne, worunter mein Vater nicht der älteste war. Der meiner Mutter hatte zwei Söhne und zwei Töchter, wovon sie die eine war. Sie wurde mit dem zweiten Sohne des Kattunhändlers verheiratet, der das Geschäft aufgegeben hatte, um sich mit der Juristerei und Schikane zu nähren, und dies ist der Grund, warum ich nicht so vermögend bin wie ich sein könnte. Mein Vater hatte bei dem Handel viel gewonnen und hatte zur ersten Ehe eine Frau, die ohne Kinder starb. Er war schon ziemlich bei Jahren als er meine Mutter heiratete, und diese willigte in diese Heirat mehr aus Zwang als aus Neigung, auch hatte sie wirklich mehr Abneigung als Liebe für ihn. Und das war die Ursache, dass sie dreizehn Jahre miteinander lebten ohne Hoffnung, Kinder zu bekommen. Endlich aber wurde meine Mutter schwanger. Ihre Entbindung ging sehr schwer von statten, und sie musste vier Tage in Schmerzen zubringen. Endlich brachte sie mich am Abend des vierten Tages zur Welt. Mein Vater, der während dieser Zeit beschäftigt war, einen Mann, der seinen Bruder ermordet hatte, an den Galgen zu bringen, und vierzehn falsche Zeugen an den Staupbesen zu liefern, war vor Freuden ganz ausser sich als die Weiber, die er bei meiner Mutter im Hause zurückgelassen hatte, ihm die Geburt eines Sohnes verkündeten. Er traktierte sie aufs beste und machte, wie er mir selbst erzählt hat, einige davon betrunken, indem er ihnen weissen Wein statt Cyder zu trinken gab. Zwei Tage nach meiner Geburt wurde ich getauft, und der Name, den ich erhielt, tut nichts zu dieser Geschichte. Mein Pate war ein vornehmer und sehr reicher Mann, ein Nachbar meines Vaters, der von seiner Gemahlin die Entbindung meiner Mutter nach einem so unfruchtbaren Ehestande erfahren hatte, und also sich selbst zum Paten anbot, was auch sehr gern angenommen wurde. Da ich das einzige Kind meiner Mutter war, so wurde ich sehr sorgfältig und beinahe für ein Kind von meinem Stande zu sorgfältig erzogen. Als ich ein wenig grösser war, bemerkte man an mir einen lebhaften Verstand, und dies erwarb mir die Liebe aller derer, die mich kannten, und vorzüglich die meines Paten, der nur eine einzige Tochter hatte, die an einen Edelmann, den Paten meiner Mutter, verheiratet war. Sie hatte zwei Söhne, wovon der eine ein Jahr älter war als ich, und der andere ein Jahr jünger. Beide aber waren ebenso dumm und hartköpfig wie ich witzig und lebhaft. Daher liess mich mein Pate öfters holen, wenn Gesellschaft bei ihm war; denn er lebte sehr prächtig und bewirtete alle Prinzen und Adeligen, welche durch diese Stadt kamen. Ich musste sie durch Singen, Tanzen und Plaudern unterhalten, und war immer sehr gut gekleidet, um anständig erscheinen zu können. Vermutlich würde ich mein Glück durch ihn gemacht haben, wenn ihn nicht der Tod auf einer Reise nach Paris ereilt hätte. Damals fühlte ich diesen Todesfall nicht so wie seither. Meine Mutter liess mich studieren, und ich war recht fleissig. Als sie aber meine Neigung zum geistlichen Stande bemerkte, nahm sie mich von der Schule weg und brachte mich in die Welt, wo ich beinahe meiner Untergang gefunden hätte, ob sie gleich Gott ein Gelübde getan hatte, die Frucht, die er ihr geben würde, der Kirche zu weihen. Sie war gerade das Gegenteil von allen andern Müttern, die ihren Kindern alle Gelegenheiten zu Ausschweifungen nehmen, denn sie gab mir alle Sonn- und Festtage Geld zum Spiel und um mich in den Wirtshäusern lustig zu machen. Da ich aber ein gutes Gemüt hatte, so lief alles glücklich ab; ich schweifte nicht aus und begnügte mich, mich mit meinen Nachbarn zu unterhalten. Ich hatte einen jungen Knaben zum Freund, der einige Jahre älter als ich und der Sohn eines Offiziers der Königin-Mutter Ludwig XIII. war, und dieser hatte auch zwei Schwestern. Er bewohnte ein Haus in jenem schönen Parke, der, wie Sie wissen werden, vor Zeiten der Lustort der alten Herzoge von Alençon war. Dieses Haus hatte er von der Königin erhalten, der damals dieses Herzogtum als Appanage zugehörte, und wir brachten unsere Zeit in diesem Parke sehr vergnügt als Kinder zu, die weiter an keine Zukunft dachten. Dieser Offizier, Namens Dufresne, hatte einen Bruder, der Offizier beim König war, und dieser verlangte von ihm seinen Sohn, was ersterer nicht zu verweigern wagte. Bevor er abreiste, kam er zu mir, um Abschied zu nehmen, und dies war der erste schmerzhafte Augenblick meines Lebens. Wir weinten sehr bei unserer Trennung, aber noch mehr weinte ich, als drei Monate nachher seine Mutter mir seinen Tod hinterbrachte. Ich fühlte diesen Verlust so tief ich nur konnte, und weinte über ihn mit seinen Schwestern, die sehr traurig darüber waren. Die Zeit aber mässigte nach und nach unsern Schmerz. Eines Tages kam Mademoiselle Dufresne und bat meine Mutter, sie möchte erlauben, dass ich ihrer jüngeren Schwester, die man Mademoiselle du Lys nannte, um sie von der älteren zu unterscheiden, einigen Unterricht im Schreiben gebe, weil ihr Schreibmeister fortgegangen wäre und man keinen andern annehmen wollte, um der Stadt nicht bekannt zu machen, dass ihre Tochter noch so weit zurück wäre. Sie entschuldigte sich wegen dieser Freiheit mit unserer Freundschaft und sagte, es könne noch einen anderen Ausgang nehmen, und verstand darunter unsere Verheiratung, die nachher heimlich unter ihnen beschlossen wurde. Meine Mutter hatte mir kaum diesen Auftrag gegeben, so ging ich sogleich nach Tische hin und fühlte in mir schon einen geheimen Trieb, den ich mir aber damals nicht erklären konnte. Ich hatte kaum acht Tage lang mein Amt versehen, als die du Lys, welche die schönere der beiden Töchter war, sehr vertraulich mit mir wurde und mich öfters im Spass ihren kleinen Meister nannte. Damals fühlte ich zuerst eine Regung in meinem Herzen, die ich bisher noch nicht gekannt hatte, und ebenso ging es der du Lys. Wir waren unzertrennlich und kannten kein grösseres Vergnügen, als wenn man uns allein liess, was sehr oft geschah. Dies dauerte sechs Monate, ohne dass wir uns gegenseitig erklärten; allein unsere Augen sagten sich alles. Eines Tages versuchte ich ein Gedicht zu ihrem Lobe zu machen, um zu sehen, ob sie es gut aufnehmen würde; aber da dies der erste Versuch war, konnte ich nichts zustande bringen. Ich fing an, gute Romane und die Dichter zu lesen und gab die schöne Melusine, die Vier Haymons-Kinder, Robert den Teufel, die schöne Magellone und andere Kinderromane auf. Als ich nun einst die Werke des Marot las, fand ich darin ein Triolet, das ganz zu meinem Vorhaben passte. Ich schrieb es ab und gab es ihr und sah auf ihrem Gesichte, dass sie es mit Vergnügen las; nachher steckte sie es in ihren Busen, wo es später herausfiel und von ihrer älteren Schwester aufgehoben wurde, ohne dass sie es bemerkte. Allein ein Bedienter verriet es ihr, sie verlangte es also von ihrer Schwester zurück, und da diese Schwierigkeiten zu machen schien, so geriet sie in Zorn und klagte es ihrer Mutter, die ihrer Tochter befahl, es ihr sogleich wieder zu geben, was sie auch tat. Dieser Vorfall machte mir gute Hoffnung, obgleich auf der andern Seite mein geringer Stand mir den Mut ziemlich benahm. Während ich meine Zeit auf eine so angenehme Art hinbrachte, beschlossen meine Eltern, die schon ziemlich betagt waren, mich zu verheiraten und machten mir ihren Entschluss bekannt. Meine Mutter entdeckte meinem Vater ihre Absichten, die sie mit mir und Mademoiselle Dufresne hatte, wie ich schon vorhin erwähnte. Allein mein Vater, ein sehr geiziger Mann, antwortete ihr, dass dieses Fräulein zu vornehm für mich wäre, und dass, ob sie gleich die vornehme Dame spielen wollte, sie dennoch zu wenig Vermögen hätte. Da ich nun der einzige Sohn und mein Vater gewissermassen reich war, ich auch überdies einen Onkel zu beerben hatte, dessen Vermögen mir nicht entgehen konnte, so betrachteten mich mehrere Familien als eine gute Partie, und man bat mich sogar drei oder viermal mit Mädchen aus den besten Häusern zu Gevatter, was gewöhnlich der Vorbote der Heirat zu sein pflegt. Aber mein Herz gehörte ganz allein meiner geliebten du Lys. Meine Eltern verfolgten mich indes so sehr mit ihren Vorschlägen, dass ich mich entschloss, Kriegsdienste zu nehmen, ob ich gleich erst siebzehn Jahre alt war. Man warb damals in dieser Stadt Volk an, das unter den Befehlen des Herrn von Montgommery nach Dänemark marschieren sollte. Ich liess mich nebst drei meiner benachbarten Kameraden heimlich anwerben, und wir reisten miteinander fort. Meine Eltern waren darüber sehr betrübt, besonders ging es meiner Mutter sehr nahe. Damals wusste ich nicht, welche Wirkung diese plötzliche Abreise auf Fräulein du Lys hervorbrachte, denn ich hatte ihr nichts davon gesagt, aber nachher erfuhr ich es von ihr selbst. Wir schifften uns zu Havre-de-Grace ein, und unsere Seefahrt war glücklich bis in den Sund. Da aber erhob sich einer der fürchterlichsten Stürme, unsere Schiffe wurden hin und her geworfen, und das des Herrn von Montgommery, worin ich war, landete endlich glücklich am Ausfluss der Themse, auf der wir mit Hilfe der Flut nach London kamen. In dieser Hauptstadt von England blieben wir ungefähr sechs Wochen, und ich hatte unterdessen Gelegenheit, einen Teil der Merkwürdigkeiten dieser schönen Stadt und den königlichen Hof zu sehen, wo damals Karl Stuart der Erste regierte. Herr von Montgommery kehrte nach seinem Gute Pontorson in der Nieder-Normandie zurück, wohin ich ihm nicht folgen wollte, und ihn dagegen bat, mir zu erlauben, dass ich nach Paris gehen dürfte, worein er auch willigte. Ich verdung mich also auf ein Schiff, das nach Rouen ging, wo ich glücklich ankam und von dort mich nach Paris begab, wo ich einen nahen Anverwandten in Diensten des Königs antraf. Diesen bat ich, mir durch seine Vermittlung eine Stelle bei der Garde zu verschaffen. Er verwendete sich auch für mich und wurde mein Bürge – denn zur damaligen Zeit musste jeder, der unter der Garde diente, einen stellen – und ich kam zur Kompagnie des Herrn de la Rauderie. Mein Verwandter gab mir auch Geld, um mich wieder aufs neue zu equipieren – auf der Seereise hatte ich alles verdorben – und so konnte ich es einigen dreissig jungen vornehmen Adeligen gleichtun, die alle so wie ich die Muskete trugen. Zu der Zeit empörten sich die Prinzen und grossen Herren, darunter selbst der Herzog von Orleans, der Bruder des Königs, wider den König, doch die Klugheit und Geschicklichkeit des Kardinals Richelieu vereitelte ihren Plan und der König marschierte demzufolge mit einer starken Armee nach der Bretagne. Wir kamen nach Nantes, wo die erste Exekution der Rebellen an der Person des Grafen von Chalais vorgenommen wurde, dem man den Kopf abschlug. Dies jagte die übrigen so in Schrecken, dass sie mit dem König Frieden schlossen, der nun nach Paris zurückkehrte. Er kam durch Mans, wo mein Vater ungeachtet seines Alters mich besuchte; denn er hatte von meinem Verwandten in Paris gehört, dass ich unter der Garde wäre. Er bat mich von meinem Kapitän los und ich erhielt von ihm meinen Abschied. Nun kamen wir in meine Vaterstadt zurück und meine Eltern beschlossen, mich durch eine Heirat da festzuhalten. Die Frau eines Wundarztes, eine Nachbarin eines meiner Verwandten, liess während der Fasten die Tochter eines Polizei-Inspektors eines benachbarten Ortes kommen und lud mich zu sich ein, um sie mir zu zeigen. Nach einer Unterredung von einer Stunde, die ich in dem Hause meiner Verwandten mit ihr hatte, begab sie sich weg, und alsdann eröffnete man mir, dass man sie zu meiner Frau bestimmt hätte, worauf ich aber ganz kalt antwortete, sie gefiele mir nicht. Sie war im Grunde reich und schön genug, allein mir waren alle Frauen in Vergleich mit der Mademoiselle du Lys hässlich, und sie allein besass mich ganz. Ein Onkel von der Mutter Seite, den ich sehr fürchtete, kam hierauf eines Abends in unser Haus und nachdem er mich wegen der Verachtung, die ich gegen das Fräulein bezeigt hatte, derb ausgeschimpft, sagte er mir, ich müsste mich nun entschliessen, sie künftige Ostern zu besuchen, und es gäbe Personen, die weit mehr wert wären als ich, und die sich eine solche Verbindung zur Ehre rechnen würden. Ich sagte weder ja noch nein dazu, doch als Ostern kam, musste ich mich entschliessen, mit meiner Muhme und ihrem Sohne dahin zu gehen. Wir wurden sehr höflich empfangen und drei Tage daselbst bewirtet. Man führte uns nach allen Meierhöfen und Gütern des Polizei-Inspektors, und überall war ein kleines Fest. Wir besuchten auch noch den Pfarrer eines grossen, eine Stunde abgelegenen Dorfes, der des Fräuleins Onkel war, und wo wir sehr gut empfangen wurden. Endlich kehrten wir wieder heim; ich noch ebenso unverliebt wie vorher. Es wurde dessenungeachtet beschlossen, dass man in Zeit von vierzehn Tagen diese Heirat mit Ernst vornehmen wollte, und als die Zeit gekommen war, kehrte ich mit drei meiner Vettern, zwei Advokaten und einem Prokurator dahin zurück. Zum Glücke aber kam nichts zustande und die Sache wurde bis auf künftigen Mai verschoben. Allein hier traf das Sprüchwort ein: »Der Mensch denkt und Gott lenkt.« Meine Mutter wurde einige Tage vor diesem Feste krank und mein Vater legte sich vier Tage hernach auch. Beider Krankheit endigte mit dem Tode. Meine Mutter starb Mittwoch und mein Vater den Donnerstag derselben Woche. Ich selbst war krank, stand aber dennoch auf, um meinen strengen Onkel zu besuchen, der auch daniederlag und vierzehn Tage darauf starb. Einige Zeit nachher sprach man mir wieder von der Tochter des Polizei-Inspektors, die ich besucht hatte, aber da mich nun niemand mehr zwingen konnte, wollte ich nichts mehr davon hören. Mein Herz und meine Gedanken waren noch immer in jenem Park, wo ich oft spazieren ging, noch öfter aber mich hindachte. Eines Morgens, als ich noch niemanden in dem Hause des Herrn Dufresne aufgestanden vermutete, ging ich daran vorbei und erstaunte nicht wenig, als ich die du Lys auf einem Balkone jenes alte Lied singen hörte, das mit den Worten anfängt: »Warum ist er nicht bei mir, der den mein Herze liebt?« Ich näherte mich ihr, machte ihr ein tiefes Kompliment und sagte ihr ungefähr: ich wünschte von ganzem Herzen, dass ihr Wunsch möchte erfüllt werden, und wenn ich etwas dazu beitragen könnte, so sollte es mit ebendem Eifer geschehen, mit dem ich ihr immer ergeben gewesen wäre. Sie erwiderte freundlich meinen Gruss, antwortete aber nicht, sondern fuhr fort zu singen und veränderte die Worte des Liedchens folgendermassen: »Nun ist er wieder bei mir, der den mein Herze liebt!« Ich kam nicht aus meiner Fassung, denn ich war im Kriege und bei Hofe etwas kühner geworden, und obgleich dieses Verfahren mich in Verlegenheit setzen konnte, so antwortete ich ihr doch, ich wollte es ihr glauben, was sie sagte, wenn sie mir die Türe öffnete. Sogleich rief sie den Bedienten und liess mir aufmachen; ich ging hinein und wurde von ihren Eltern und von ihrer ältern Schwester, am meisten aber von ihr selbst, aufs herzlichste empfangen. Ihre Mutter fragte mich, warum ich so unfreundlich wäre und sie so selten besuchte; ich sollte mich durch meine Trauer nicht davon abhalten lassen, ich sollte mich vergnügen wie vorher, und ihr Haus würde mir immer offen stehen. Meine Antwort zeigte meine Verlegenheit, denn ich brachte nur einige Worte ohne Zusammenhang vor. Endlich kam es zu einem Frühstück mit Milch, welches hierzulande der Brauch ist, wie Sie wissen.« – »Und der keineswegs unangenehm ist«, antwortete die Etoile; »aber erzählen Sie weiter.« – »Als ich wegging, fragte mich die Mutter, ob ich wohl sie und die Töchter zu einem Besuch bei einem alten Edelmann, der zwei Stunden davon wohnte, begleiten wollte? Ich antwortete, sie hätte unrecht, mich darüber zu fragen, und ein Befehl von ihr würde mir angenehmer gewesen sein. Die Reise wurde auf den andern Tag festgesetzt. Die Mutter ritt ein kleines Maultier, die älteste Tochter bestieg das Pferd ihres Vaters, und ich hatte meine du Lys auf dem meinigen, und ich überlasse es Ihnen, sich mein Vergnügen und unsere Unterhaltung vorzustellen, denn ich selbst weiss nichts mehr davon. So viel weiss ich nur, dass wir sehr verliebt von einander gingen. Ich besuchte sie von der Zeit an häufiger, und dies dauerte den ganzen Sommer und den darauffolgenden Herbst. Ich würde Ihnen aber Langeweile machen, wenn ich alles erzählte, was vorfiel, nur dies setze ich noch hinzu, dass wir uns öfters von der Gesellschaft wegstahlen und in dem Schatten der Bäume am Ufer des kleinen Baches miteinander spazierten, und uns an dem Gesang der Vögel ergötzten, der sich mit dem sanften Murmeln des Baches vereinigte. Wir sagten uns dabei tausend süsse Dinge und machten einander viele unschuldige Liebkosungen. Da fassten wir auch den Entschluss, uns den künftigen Karneval über recht zu vergnügen. Eines Tages, da ich eben beschäftigt war, in der Vorstadt la Barre, die nicht weit vom Park entfernt ist, Cyderwein zu pressen, kam die du Lys dahin und ich bemerkte sogleich, dass sie etwas auf dem Herzen haben müsse, worin ich mich auch nicht irrte; denn, nachdem sie über meinen Anzug, in dem sie mich fand, gescherzt hatte, zog sie mich beiseite und sagte mir, dass der Edelmann, dessen Tochter sich bei Herrn de la Planche-Panete, seinem Schwager aufhielte, einen anderen Edelmann in ihr Haus eingeführt hätte und sie für ihn zur Frau zu erhalten suchte. Sie wären eben jetzt zusammen in ihrem Hause, und sie wäre entwischt, um es mir zu hinterbringen. »Ich werde«, setzte sie hinzu, »weder ihm noch einem andern je Gehör geben; aber besser wäre es, wenn du ein Mittel fändest, ihn abzuweisen, als wenn ich es tun müsste.« Ich sagte hierauf zu ihr: »Geh nur hin und begegne ihm höflich, um nichts zu verderben, und sei versichert, dass er morgen Mittag nicht mehr hier sein soll.« Sie ging hierauf ganz freudig fort, ich aber überliess das Cydermachen meinen Leuten und ging nach Hause, wo ich mich anders anzog und ging, um meine Kameraden aufzusuchen. Wir waren damals unserer fünfzehn junge Leute, wovon jeder sein Mädchen hatte, und so waren wir entschlossen, wenn irgend ein Fremder käme, sie uns wegzunehmen, ihm auf immer die Lust dazu zu benehmen. Ich brachte also das, was ich gehört hatte, vor, und alle waren der Meinung, dass man diesen neuen Liebhaber aufsuchen und ihn dahin bringen müsse, dass er wieder hinginge, wo er hergekommen war. Er war von dem kleinsten Adel in Nieder-Maine. Wir gingen in seine Wohnung, wo er eben mit dem andern Edelmanne, seinem Führer, zu Abend speiste, und zögerten nicht lange, ihm zu sagen, dass er nur wieder fortreisen könnte, es wäre in diesem Lande nichts für ihn zu erobern. Sein Führer antwortete hierauf, dass wir sein Vorhaben nicht wüssten, und dass, wenn wir es wüssten, es uns ganz gleichgültig sein könnte. Nun trat ich vor und sagte, indem ich die Hand auf den Degen legte: »Ich bin nicht so ganz gleichgültig dabei, und wenn Sie nicht bald ablassen, so werde ich Sie ausserstand setzen, Ihr Vorhaben auszuführen.« Der eine von ihnen antwortete, die Partie wäre nicht gleich, und wenn ich allein wäre, würde ich nicht so reden. Ich erwiderte hierauf: »Ihr seid eurer zwei und ich nehme diesen mit,« indem ich auf einen meiner Kameraden wies; »kommt heraus!« Sie wollten uns folgen, allein der Wirt und sein Sohn traten dazwischen und bedeuteten ihnen, es wäre besser für sie, wenn sie sich zurückzögen, denn sie würden mit uns nicht gut fahren. Sie folgten diesem Rat und seitdem hat man nichts mehr von ihnen gehört. Den andern Tag besuchte ich die du Lys und erzählte ihr den Verlauf der ganzen Sache, worüber sie sehr zufrieden war und mir sehr herzlich dafür dankte. Der Winter nahte und die Abende waren sehr lang. Wir brachten sie mit kleinen Witzspielen zu; allein bei deren öfterer Wiederholung hatte man Langweile. Dies brachte mich auf den Gedanken, einen Ball zu geben. Ich fragte sie darüber um Rat und sie willigte ein, auch erhielt ich die Erlaubnis ihres Vaters dazu. Den folgenden Sonntag wurde also Ball gehalten und so verschiedenemal fortgefahren. Aber das Gedränge war dabei immer so gross, dass die du Lys mir endlich davon abriet und mich bat, auf andere Zerstreuungen zu denken. Wir beschlossen also, eine Komödie einzustudieren.« Hier unterbrach die Etoile den Prior und sagte: »Weil wir eben an der Komödie sind, so sagen Sie mir doch, ob diese Geschichte noch lange dauert, denn es ist schon spät und bald Zeit zum Abendessen«. Der Prior sagte hierauf: »Ich bin noch nicht zur Hälfte damit fertig«, und so wurde denn das übrige auf ein andermal verschoben, um den Akteurs Zeit zu lassen, ihre Rollen zu studieren. Wäre aber auch dies nicht gewesen, so hätte man doch die Erzählung unterbrechen müssen, weil soeben der Herr von Verville ankam und eintrat, da der Türhüter eingeschlafen war. Seine Ankunft setzte die ganze Gesellschaft in Verwunderung. Er begrüsste die Gesellschaft sehr freundlich und besonders den Destin, den er wiederholt umarmte; und hierauf sagte er ihnen die Ursache seiner Reise, die wir im folgenden kurzen Kapitel hören werden.

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