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Der Komoediantenroman

Paul Scarron: Der Komoediantenroman - Kapitel 53
Quellenangabe
pfad/scarron/komoedia/komoedia.xml
typefiction
authorPaul Scarron
titleDer Komoediantenroman
publisherGeorg Mueller
year1908
translatorFranz Blei
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Neuntes Kapitel. Rancune foppt den Ragotin wegen Mademoiselle de l'Etoile. Ankunft einer Kutsche voll Adeliger, und anderweitige Abenteuer Ragotins

Die Komödie nahm unterdes ihren Fortgang, und man spielte täglich zum grossen Vergnügen des glänzenden und zahlreichen Auditorium. Es ging auch alles ohne Unordnung ab, weil Ragotin immer hinter der Szene bleiben musste, wo er jedoch sehr unzufrieden darüber war, dass man ihm keine Rolle gab; aber man machte ihm Hoffnung, dass man ihn zur gehörigen Zeit schon auf die Bühne bringen würde. Beinahe täglich beklagte er sich darüber gegen Rancune, auf den er seine ganze Hoffnung gesetzt hatte, obgleich gerade ihm am allerwenigsten zu trauen war. Als er ihm aber einmal mehr als gewöhnlich deswegen zusetzte, sagte ihm Rancune: »Lassen Sie sich die Zeit nicht lange werden, Herr Ragotin, und merken Sie sich, dass zwischen dem Gerichtshof und dem Theater ein grosser Unterschied ist; denn ist man auf letzterem nicht sehr dreist und gefasst, so wird man leicht unterbrochen und bleibt stecken; ausserdem ist die Deklamation der Verse schwerer als Sie glauben. Man muss die Cäsuren genau beachten, und doch nicht merken lassen, dass man Poesie deklamiert, sondern so sprechen als wenn es Prosa wäre. Man darf sie auch nicht im singenden Ton vortragen, weder in der Mitte noch am Ende der Verse innehalten, wie die meisten tun, denn dies ist ein grosses Übel. In allem diesem muss man sehr sicher sein und dann seine Rede durch die Aktion beleben. Folgen Sie mir also und haben Sie noch eine Weile Geduld, oder begnügen Sie sich einstweilen in der Posse unter der Maske zu spielen. Sie können darin den zweiten Zani vorstellen, und wir haben einen Anzug, der Ihnen gut passen wird (es war der Anzug eines kleinen Jungen, der zuweilen diese Rolle spielte und Godenot hiess) – hierüber wollen wir mit Herrn Destin und Mademoiselle de l'Etoile sprechen.« Dies geschah noch an ebendem Tag und es wurde beschlossen, dass Ragotin den andern Abend diese Rolle spielen sollte. Rancune, der wie wir im ersten Teil gesehen haben, in der Posse sehr stark zu sein vorgab, brachte ihm bei, was er zu sagen hatte. Der Gegenstand des Stückes, das sie spielten, war eine Liebesintrigue, die Rancune zu Gunsten Destins abwickelt. Als er sich nun anschickte, dies ins Werk zu richten, erschien Ragotin auf der Bühne und Rancune redete ihn folgendermassen an: »Kleiner Junge, mein kleiner Godenot, wo läufst du so geschwind hin?« Hierauf wandte er sich gegen die Zuschauer und sagte, nachdem er Ragotin mit der Hand unters Kinn gefasst, um den Bart zu fühlen: »Meine Herren, bisher habe ich immer geglaubt, dass die Geschichte von der Verwandlung der Ameisen in Zwerge beim Ovid eine Fabel wäre; allein nun bin ich eines andern belehrt, denn unstreitig ist dieser kleine Mann von demselben Geschlecht, oder jener andere Kleine wieder auferstanden, auf den man vor ungefähr sieben- oder achthundert Jahren ein Liedchen gemacht hat, das ich Ihnen nun vorsingen will. Hören Sie einmal an:

Mein Vater gab mir einen Mann
einen kleinen, sehr kleinen Mann,
so klein wie eine Ameise.
Was soll, was soll, was soll ich damit?
Was soll ich mit einem Mann,
der doch so gar ist kein rechter Mann?
Was soll mir ein so kleiner Mann?«

Bei jedem Wort drehte Rancune den armen Ragotin bald auf diese, bald auf jene Seite und machte solche drollige Gebärden dazu, dass die ganze Gesellschaft laut lachte. Als nun Rancune das Liedchen geendigt hatte, wies er auf Ragotin und sagte: »Ja, er ist wieder auferstanden!« und indem er dies sagte, machte er das Band los, womit die Larve angebunden war, so dass Ragotin mit blossem Gesicht dastand und bald vor Scham, bald vor Zorn einmal über das andere rot wurde. Indessen machte er aus der Not eine Tugend, und um sich dafür zu rächen, sagte er zu Rancune, er wäre ein unwissender Mensch, da er alle Verse seines Liedes falsch gereimt hätte. La Rancune antwortete ihm aber: »Sie besitzen für einen so kleinen Mann eine grosse Unwissenheit, und haben nicht verstanden, als ich sagte, es sei ein altes Lied vor Zeiten in Frankreich verfertigt, und der Sprachgebrauch der Normandie, wo es verfertigt worden ist, bringe die Reime so mit sich.« Ragotin wollte eben antworten, als Destin auf der Bühne erschien, und sich über das lange Ausbleiben seines Bedienten Rancune beklagte, und da er ihn mit Ragotin in Wortwechsel fand, sie um die Ursache ihres Streites fragte. Aber er konnte sie nicht erfahren, denn sie sprachen immer alle beide zugleich und schrien dabei so sehr, dass er darüber ungeduldig wurde und den Ragotin gegen Rancune stiess; dieser schickte ihm ihn wieder zurück, und so warfen sie ihn von einem Ende der Bühne zum andern einander zu, bis endlich Ragotin der Länge nach hinfiel und auf allen Vieren unter dem hintern Vorhang der Bühne hinauskroch. Alle Zuschauer standen auf, um diesen Spass mit anzusehen, verliessen ihre Plätze und versicherten den Komödianten, dass dieser Spass mehr wert wäre als das Possenspiel selbst, das sie ohnehin nicht hätten weiterspielen können, denn die übrigen Aktricen und Akteurs schauten durch die Kulissen des Theaters zu, und lachten so sehr, dass es ihnen unmöglich gewesen wäre, zu spielen. Unerachtet dieses Stückchens verfolgte Ragotin den Rancune unaufhörlich, ihm die Gunst der Mademoiselle de l'Etoile zu verschaffen und traktierte ihn daher recht fleissig, was dem Rancune eben nicht missfiel, und er daher dem Ragotin immer noch mehr Hoffnung machte; da er aber selbst in sie verliebt war, so wagte er es nicht weder für sich selber noch für Ragotin mit ihr zu reden. Letzterer aber drang einmal so sehr in ihn, dass er gezwungen wurde, ihm folgendes zu sagen: »Mein lieber Ragotin, dieser Stern ist unstreitig einer von denen, so von den Astrologen Irrsterne genannt werden, denn so oft ich mit ihr von Ihrer Liebe reden will, lässt sie mich ohne Antwort. Und wie sollte sie mir antworten, da sie mich nicht einmal anhört? Ich glaube indessen die Ursache ihrer Sprödigkeit entdeckt zu haben und dies wird Ihnen zwar etwas unerwartet kommen, allein man muss auf alles gefasst sein. Dieser Destin, den sie für ihren Bruder ausgibt, ist nichts weniger als dies. Ich habe sie vor ein paar Tagen in einer Unterhaltung überrascht, worin man selten einen Bruder mit seiner Schwester sieht, und bin daher auf den Gedanken gekommen, er sei vielmehr ihr Liebhaber, und ich setze alles daran, dass wenn Leander und Angelique einander heiraten, sie ihnen alsbald nachfolgen. Wäre dies nicht, so würde sie gewiss Ihr Anerbieten nicht zurückweisen, da Sie doch ungerechnet Ihrer guten Manieren ein Mann von Stand und Verdiensten sind. Ich sage Ihnen dies, damit Sie diese Leidenschaft aus Ihrem Herzen ausrotten, die Ihnen nur vergebliche Qualen macht.« Der kleine Advokat war von dieser Rede so ergriffen, dass er Rancune mit einem Kopfschütteln verliess und sieben bis achtmal nach seiner Gewohnheit sagte: »Ihr Diener, Ihr Diener«. Nunmehr entschloss er sich, eine Reise nach Beaumont-le-Vicomte, einer kleinen Stadt ungefähr 5 Stunden weit von Alençon, zu machen, wo alle Montag ein grosser Markt gehalten wird. Er wählte also diesen Tag, um dahin zu reisen und gab der Truppe Nachricht davon, indem er sagte, er hätte eine Summe Geldes bei einem Kaufmann dieser Stadt zu beheben, und alle waren damit zufrieden. Rancune aber fragte ihn: »Wie wollen Sie denn dahin kommen? Ihr Pferd hat sich ja einen Nagel eingetreten und kann Sie also nicht tragen.« – »Tut nichts!« antwortete Ragotin. »Ich will ein Mietpferd nehmen, und finde ich keines, so gehe ich zu Fuss. Es ist ja nicht weit, und ich werde unterwegs Gesellschaft von Handelsleuten antreffen, die auch zu Fuss hingehen.« Er suchte also ein Pferd zu mieten, konnte aber keines bekommen. Daher schickte er zu einem Tuchhändler, der in der Nachbarschaft wohnte, und liess ihn fragen, ob er künftigen Montag nach dem Markt von Beaumont gehen würde, und als dieser es bejahte, so bat er ihn, dass er ihm dürfe Gesellschaft leisten, und der Kaufmann nahm es unter der Bedingung an, dass sie sogleich mit Aufgang des Mondes abreisen wollten, und dies war ungefähr um ein Uhr nach Mitternacht. Sie machten sich also zur bestimmten Stunde auf den Weg; noch ehe sie aber fortgegangen waren, hatte sich ein armer Nagelschmied dahin auf den Weg gemacht, der gewohnt war, mit seiner Ware die Märkte zu beziehen, um seine Nägel und Hufeisen zu verkaufen, die er in einem Sack auf dem Rücken trug. Als dieser nun auf die Landstrasse kam und weder hinter sich noch vor sich jemand sah, glaubte er, er sei zu früh abgereist. Ausserdem ergriff ihn auch ein Schrecken, als er daran dachte, dass er an dem Galgen vorbei müsste, woran damals eine ziemliche Menge hingen. Dies bewog ihn, von der Landstrasse abzugehen, und sich seitwärts auf einem kleinen Hügel unter eine Hecke zu legen, wo er einschlief. Kurz nachher kam der Kaufmann mit Ragotin. Sie gingen in kleinen Schritten und keiner von ihnen sprach, weil Ragotin der Kopf noch ganz voll von dem war, was Rancune ihm gesagt hatte. Als sie nun an den Galgen kamen, sagte Ragotin, sie wollten die Gehenkten zählen, und der Kaufmann liess es sich aus Höflichkeit gefallen. Sie traten also unter den Galgen, um sie zu zählen, und erblickten in dem Augenblick einen, der heruntergefallen und schon ganz vertrocknet war. Ragotin, der immer einen witzigen Einfall bei der Hand hatte, sagte zum Kaufmann, er möchte ihm helfen, den Gehenkten aufrichten, und sie wollten ihn an einen der Pfeiler anlehnen; und dies war um so leichter, da er ganz steif und trocken war. Als dies geschehen und sie vierzehn ohne den Heruntergefallenen an dem Galgen gezählt hatten, setzten sie ihren Weg fort. Sie waren noch nicht zwanzig Schritte weg, als Ragotin dem Kaufmann vorschlug, sie wollten dem Toten rufen, um zu sehen, ob er ihnen nachfolgen würde, und aus vollem Halse anfing zu schreien. »He da? Willst du mit uns gehen?« Der Nagelschmied, der eben nicht sehr fest schlief, stand sogleich auf und schrie ebenso stark wieder: »Ich komme, ich komme!« und lief ihnen nach. Nun fingen der Kaufmann und Ragotin an, auszureissen; je stärker sie aber liefen, desto geschwinder folgte ihnen der Nagelschmied, während er ihnen immerzu schrie: »Wartet doch!« Während dem Laufen machten die Nägel und Hufeisen, die er trug, ein Gerassel, was die Furcht der beiden andern vermehrte, denn nun glaubten sie, es wäre wirklich der Tote, den sie aufgerichtet hatten oder ein anderes Gespenst, das Ketten nachschleppte. (Denn der gemeine Mann glaubt noch immer, dass Gespenster mit Ketten erscheinen.) Sie konnten vor Schrecken und Zittern nun nicht weiter laufen, ihre Füsse konnten sie nicht mehr tragen, und so legten sie sich beide hin auf die Erde, wo sie der Nagelschmied fand, der ihnen ihre Furcht durch einen guten Morgen benahm und ihnen sagte, sie hätten ihn brav laufen machen. Sie konnten sich kaum erholen; als sie ihn aber als den Nagelschmied erkannt hatten, standen sie auf und setzten ihren Weg glücklich bis nach Beaumont fort, wo Ragotin seine Geschäfte besorgte und den andern Tag wieder nach Alençon zurückkehrte, wo er eben ankam, als die von der Truppe vom Tische aufstanden; er erzählte sein Abenteuer, worüber alle aus vollem Halse lachten. Die Frauenzimmer aber lachten so laut, dass man sie von einem Ende der Strasse bis zum andern hören konnte, bis endlich der Lärm durch die Ankunft einer Kutsche voll Landadel unterbrochen wurde. Es war ein gewisser Herr de la Fresnaye, der seine einzige Tochter verheiraten wollte und kam, um die Komödianten zu ersuchen, dass sie an dem Hochzeitstage bei ihm spielen möchten. Seine Tochter, die eben nicht viel Witz hatte, sagte, sie wünschte, dass die Silvia des Mairet aufgeführt würde. Die Komödianten hatten viel Mühe, das Lachen zu verhalten und sagten, man möchte ihnen das Stück verschaffen, weil sie es nicht mehr hätten. Das Frauenzimmer sagte hierauf, sie wollte es ihnen borgen, und setzte hinzu, sie besässe alle Schäferspiele und nannte ihnen eine Menge Titel her, deren Namen ich vergessen habe. Sie sagte noch, dergleichen Stücke wären für Leute, die wie sie auf dem Lande lebten, sehr gut, und überdies brauchte man keine so kostbaren Kleider dazu, als wenn man den Tod des Pompejus, Cinna, Heraklius oder Rodogune aufführen wollte. Ausserdem wären die Verse des Schäferspiels nicht so schwülstig wie die der Gedichte, und überhaupt wäre diese ganze Gedichtart der Einfalt unserer ersten Eltern, die sich selbst nach dem Sündenfalle bloss mit Feigenblättern bedeckten, am besten angemessen. Ihre Eltern hörten diese Rede mit Bewunderung an, und glaubten, der beste Redner des Königreichs wäre nicht imstande, so erhabene Gedanken und Ausdrücke hervorzubringen. Die Komödianten verlangten Zeit, um sich darauf vorzubereiten, und man bewilligte ihnen acht Tage. Die Gesellschaft ging nach Tische weg, als eben der Prior von Saint-Louis hereintrat. Die Etoile sagte ihm, er käme eben wie gerufen, und ersparte dadurch Olive die Mühe, ihn zu holen, damit er sein Versprechen erfüllen sollte. Und hiezu brauchte es keiner grossen Überredung, denn er kam eben um deswillen. Die Damen setzten sich auf ein Bett und die Komödianten auf Stühle, man verschloss die Tür und befahl, jedermann abzuweisen. Es wurde still und der Prior begann folgendermassen:

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