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Der Komoediantenroman

Paul Scarron: Der Komoediantenroman - Kapitel 5
Quellenangabe
pfad/scarron/komoedia/komoedia.xml
typefiction
authorPaul Scarron
titleDer Komoediantenroman
publisherGeorg Mueller
year1908
translatorFranz Blei
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20120410
projectide6ec1aa1
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Viertes Kapitel gibt weitere Nachricht von la Rappinière und von dem, was sich die Nacht in seinem Hause zugetragen

Madame la Rappinière empfing die Gesellschaft mit sehr viel Komplimenten, denn Komplimentemachen war überhaupt ihre Sache; sie war zwar nicht hässlich, aber doch so mager und ausgetrocknet, dass sie niemals ein Licht mit den Fingern putzte, ohne sie anzubrennen. Ich könnte noch viel mehr von ihr sagen, was ich aber der Weitläufigkeit wegen unterlasse. In sehr kurzer Zeit wurden die beiden Damen so sehr bekannt und vertraut, dass sie einander nicht anders als meine Teure und meine Liebe nannten. La Rappinière, der wie ein Barbier prahlen konnte, sagte im hereintreten, man sollte nach der Küche und der Speisekammer sehen, um das Abendessen zu beschleunigen. Dies war aber lauter Wind, denn ausser seinem alten Bedienten, der zugleich seine Pferde besorgte, war niemand im Hause als eine Jungmagd und ein hinkendes altes Weib, das sich kaum bewegen konnte. Seine Eitelkeit wurde aber durch eine starke Beschämung bestraft: gewöhnlich ass er in der Schenke auf Unkosten der Dummköpfe, und seine Frau und Gesinde mussten nach Landesart mit blossem Zugemüse vorlieb nehmen; da er sich nun vor seinen Gästen zeigen und sie bewirten wollte, so wollte er hinter dem Rücken seinem Knecht etwas Geld zustecken, um Essen dafür zu holen; aus Unachtsamkeit des Knechts fiel nun das Geld auf den Stuhl wo er sass und von da auf die Erde; la Rappinière wurde über und über rot, der Knecht fluchte, la Caverne war verlegen, la Rancune gab wohl nicht acht darauf, und was Destin betrifft, so weiss man eigentlich nicht, was es für einen Eindruck auf ihn gemacht hat. Das Geld wurde wieder aufgehoben und in Erwartung des Essens fing man an zu plaudern. La Rappinière fragte den Destin, warum er sich das Gesicht mit dem Pflaster verunstalte; Der sagte hierauf, er habe grosse Ursache dazu, und da er zufälligerweise verkleidet wäre, so wollte er auch sein Gesicht vor einigen seiner Feinde verbergen. Endlich kam das Abendessen. La Rappinière trank soviel, dass er betrunken wurde, la Rancune schonte den Wein auch nicht, und Destin ass als ein ordentlicher Mann sehr massig; la Caverne ass wie eine recht ausgehungerte Komödiantin, und Mademoiselle la Rappinière suchte sich die Gelegenheit zunutze zu machen und frass so viel, dass sie speien musste. Während die Bedienten assen und die Betten zurecht gemacht wurden, unterhielt la Rappinière die Gesellschaft mit Aufschneidereien. Destin schlief allein in einer Kammer; la Caverne mit dem Kammermädchen in einem Kabinett; la Rancune und der Knecht irgendwo. Alle waren schläfrig, einige aus Müdigkeit, andere aber, weil sie zuviel gegessen oder getrunken hatten, und dennoch schliefen sie wenig, denn nichts ist sicher auf dieser Welt. Nach dem ersten Schlaf wollte Madame la Rappinière an einen Ort gehen, den selbst die Könige persönlich besuchen müssen; ihr Mann, der bald nachher aufwachte, fühlte, ob er gleich betrunken war, dass er allein läge, er rief daher seiner Frau und erhielt keine Antwort; dies stieg ihm zu Kopf, er geriet in Zorn und stand in der grössten Wut auf. Vor der Tür seines Zimmers hörte er jemand vor sich hergehen, er folgte dem Geräusch, schlich eine Zeitlang nach, bis auf eine kleine Galerie, die zu Destins Zimmer führte; da war er bei dem, was er suchte, und glaubte ihm ganz nahe zu sein; er vermeinte, seine Frau vor sich zu haben, griff hin und schrie: »Du Hure!« Seine Hände fanden aber nichts, und da seine Füsse an etwas anstiessen, so fiel er auf die Nase und fühlte sich zugleich etwas spitziges vor den Bauch stossen, dass er jämmerlich schrie: »Man ermordet mich! Ich bin tot!« ohne seine Frau, die er bei den Haaren zu halten glaubte und die unter ihm zappelte, aus den Händen zu lassen. Auf sein Schreien und Fluchen erwachte das ganze Haus, und alles lief ihm gleich zu Hilfe: die Magd mit dem Licht, la Rancune und der Knecht in schmutzigen Hemden, la Caverne in einem abgetragenen Unterrock, Destin mit dem Degen in der Hand und Madame la Rappinière ganz zuletzt, die ebenso wie die andern erstaunte, ihren Mann zu finden, wie er sich ganz wütend mit einer Ziege herumbalgte, die in dem Hause einige junge Hunde säugte, denen die Hündin krepiert war. Niemand war wohl je beschämter, als jetzt la Rappinière.

Seine Frau, die seine Gedanken erriet, fragte ihn, ob er ein Narr geworden wäre. Er antwortete, ohne zu wissen was er sagte, er hätte die Ziege für einen Dieb gehalten. Destin erriet nun die Sache, jeder kehrte wieder in sein Bett zurück, glaubte was er wollte, und die Ziege wurde mit ihren jungen Hunden eingesperrt.

*

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