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Der Komoediantenroman

Paul Scarron: Der Komoediantenroman - Kapitel 48
Quellenangabe
pfad/scarron/komoedia/komoedia.xml
typefiction
authorPaul Scarron
titleDer Komoediantenroman
publisherGeorg Mueller
year1908
translatorFranz Blei
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Viertes Kapitel. Abreise Leanders und der Truppe nach Alençon. Ragotins Unglücksfall

Nach Tische bekomplimentierte jeder Herrn Ragotin wegen der Ehre, die ihm widerfahren, dass er nun Mitglied der Gesellschaft geworden, und er blies sich vor Stolz darüber so sehr auf, dass sein Kamisol an zwei Enden aufplatzte. Unterdessen nahm Leander Gelegenheit, seine schöne Angelique zu unterhalten, der er sein Versprechen, sie zu heiraten, nochmals wiederholte. Allein er sagte ihr dies so zärtlich, dass sie ihm bloss mit den Augen antwortete, woraus ihr einige Tränen fielen. Ich weiss aber nicht, ob vor Freude über die schönen Versprechungen Leanders oder aus Traurigkeit über seine Abreise. Dem sei wie ihm wolle; sie machten einander viele kleine Zärtlichkeiten, weil sich die Caverne nun nicht mehr widersetzte. Und da es endlich spät wurde, so ging man auseinander. Leander nahm Abschied von der ganzen Gesellschaft und legte sich schlafen. Den andern Tag stand er früh auf, reiste mit dem Pächter ab und kam sehr bald bei seinem kranken Vater an, welcher über seine Ankunft grosse Freude hatte, und ihm, soviel es seine Kräfte erlaubten, den Schmerz beschrieb, den er über seine Flucht gefühlt hätte. Er wolle ihm seinen letzten Segen und mit ihm sein ganzes Vermögen geben, unerachtet des Verdrusses, den ihm seine schlimme Aufführung verursacht hätte, aber er hoffe, dass er in Zukunft sich bessern würde. Das übrige werden wir bei seiner Rückkunft erfahren. Als nun die Komödianten und Komödiantinnen angekleidet waren, machte jeder sein Pack zusammen und bereitete alles zur Abreise. Nun fehlte aber ein Pferd für eine Dame, denn der eine Pferdevermieter hatte das seinige wieder abgesagt. Man bat daher den Olive, ein anderes aufzutreiben, als eben Ragotin kam, der, sobald er den Vorschlag hörte, gleich sagte, es wäre nicht nötig, weil er eines hätte, wo sich Fräulein de 1' Etoile oder Angelique hinten aufsetzen könnte; und da man ohnehin zwei Tage auf der Reise zubringen müsste, weil Alençon zehn gute Stunden von Mans entfernt ist, so würde es seinem Pferde nicht zu schwer werden, zwei Personen zu tragen. Allein die Etoile unterbrach ihn und sagte, dass sie sich nicht gut hinten anhalten könnte; dies schlug den armen Mann ganz nieder. Doch erhielt er dadurch einigen Trost, dass Angelique sein Anerbieten annahm. Sie frühstückten alle und der Chirurgus und seine Frau waren mit in der Gesellschaft. Während das Frühstück bereitet wurde, nahm Ragotin Gelegenheit, mit dem Magier zu reden, dem er dieselbe Anrede hielt wie dem Advokaten, worauf ihm dieser aber antwortete, dass er alle Geheimnisse der ganzen Magie probiert hätte, jedoch gänzlich ohne Wirkung, und er müsste daher glauben, dass die Etoile eine noch grössere Zauberin wäre als er und dass ihre Macht in der Zauberei die seinige überträfe. Sie wäre daher eine gefährliche Person, vor der man sich hüten müsste. Nach dem Frühstück bezeigte Inezilla der ganzen Truppe, vorzüglich aber den Damen das Missvergnügen, das sie und ihr Mann über ihre geschwinde Abreise empfänden und versicherte, dass sie ihnen gerne nach Alençon gefolgt wären, um noch länger die Ehre ihrer Gesellschaft zu geniessen; allein sie wären genötigt, nunmehr auch das Theater zu besteigen, um ihre Arzneien zu verkaufen, und müssten also Possenspiele aufführen. Da nun dies öffentlich und umsonst geschähe, so würden wenige in die Komödie gehen, welche sie ja bezahlen müssten, und sie würden daher, statt ihnen zu dienen, ihnen wirklich schaden; und um dies zu verhindern, hätten sie beschlossen zu Mans zu bleiben. Man umarmte sich von beiden Seiten und sagte sich viel Zärtliches, die Frauenzimmer weinten und alle machten sich untereinander Komplimente, ausgenommen der Poet, der in einem andern Falle für vier gesprochen hätte. Hier blieb er aber ganz stumm, denn die Trennung von Inezilla war ihm ein so unverhoffter Schlag, dass er sich noch nicht recht besinnen konnte. Da nun der Karren beladen und zur Abreise fertig war, setzte sich die Caverne darauf und zwar auf die gleiche Stelle, wo wir sie am Anfang dieses Romans gesehen haben. Die Etoile ritt auf einem Pferd, welches Destin führte, und Angelique setzte sich hinter Ragotin auf, der sich nun beim Aufsitzen besser in acht nahm, um nicht wieder ein zweites Unglück mit seinem Karabiner zu erleben, den er nicht vergessen hatte, denn er hing wieder an seinem Achselband. Alle übrigen gingen in ebender Ordnung, wie sie nach Mans gekommen waren, zu Fuss. Als sie in ein kleines Gehölz kamen, das ungefähr eine Stunde vor der Stadt lag, lief ein Hirsch, der von den Jägern des Herrn von Lavardin verfolgt wurde, quer über den Weg, wodurch Ragotins Pferd, das voranging, scheu wurde. Er liess also gleich die Steigbügel fahren und griff nach seinem Karabiner. Allein da dies in der Eile geschah, so befand sich just der Kolben seines Karabiners unter seiner Schulter, und da er mit der Hand an den Hahn fasste, so ging der Schuss los. Das Gewehr war scharf geladen und gab daher im Losgehen einen solchen Stoss, dass er auf die Erde fiel. Im Fallen stiess er noch das Ende des Karabiners Angeliquen in die Seite, die gleichfalls hinfiel, doch ohne Schaden, denn sie kam auf die Beine zu stehen. Ragotin aber fiel mit seinem Kopf gegen die Wurzel eines alten verfaulten Baumes, wodurch er denn eine starke Beule an der Schläfe erhielt. Man legte ein Geldstück darauf und verband ihm dem Kopf mit einem Schnupftuch; dies brachte die ganze Gesellschaft zum Lachen, wodurch der kleine Mann sehr ungehalten wurde, der nun wieder auf sein Pferd stieg und Angelique mit ihm; aber sie erlaubte ihm nicht, seinen Karabiner wieder zu laden, wie er es willens war, und man setzte nun die Reise bis nach einem Dorf fort, wo die Pferde abgefüttert wurden. Alle Komödianten liessen sich etwas zu essen geben. Die Damen aber legten sich auf ein Bett, teils um auszuruhen, teils um den Mannspersonen zuzusehen, welche tapfer darauf los tranken, besonders aber Rancune und Ragotin, welch letzterem man den Kopf wieder aufgebunden hatte; sie tranken einander auf eine gewisse Dame zu und glaubten, dass sie kein Mensch hörte. Angelique rief daher dem Ragotin zu: »Nehmen Sie sich in acht und bedenken Sie, dass Sie jemanden führen müssen.« Dies brachte den kleinen Mann etwas aus der Fassung, der sogleich die Waffen, nämlich die Gläser, mit la Rancune niederlegte. Man bezahlte, setzte sich wieder auf, und der Zug ging aufs neue weiter. Es war schön Wetter und guter Weg, man kam daher bei guter Zeit in dem Dorf Vivain an. Sie stiegen vor der Schenke zum Hahn ab, welche die beste ist, allein die Wirtin, die eben nicht die höflichste war, wollte sie nicht aufnehmen und entschuldigte sich, dass sie schon zu viele Gäste hätte, unter andern einen Akziseinnehmer, einen Fruchteintreiber von Mans, nebst vier oder fünf Tuchhändlern. La Rancune, der gleich auf ein Stückchen seiner Art dachte, sagte ihr, sie verlangten bloss ein Zimmer für die Damen, die Mannspersonen wollten schon sehen unterzukommen, eine Nacht wäre ja bald vorüber. Dies besänftigte die stolze Wirtin etwas. Sie gingen also ins Haus und der Wagen wurde nicht abgeladen, sondern in einen verschlossenen Schuppen gestellt. Die Komödiantinnen erhielten ein Zimmer, worin die ganze Gesellschaft zu Abend speiste, und einige Zeit nachher legten sich die Frauen in zwei Betten, die da standen, schlafen und vergassen nicht, ihre Türe zuzuschliessen, ebenso wie die beiden Einnehmer, die in ihr Zimmer gingen und ihre Mantelsäcke, die voller Geld waren, dahin bringen Hessen. Rancune konnte hier keine Hand anlegen, denn sie nahmen sich zu sehr in acht, doch die Kaufleute mussten für sie büssen. Der listige Kopf wusste es so gut einzurichten, dass er mit ihnen in einer Kammer schlief, wo sie auch ihre Tücherballen liegen hatten. Es waren darin drei Betten, wovon die Kaufleute zwei besetzt hatten, und Olive und Rancune schliefen im dritten, das heisst Rancune schlief nicht. Als er merkte, dass die andern schliefen, stand er leise auf, um sein Stückchen auszuführen; er wurde aber von einem der Kaufleute gestört, der aufstehen musste, weil ihm nicht wohl war. Dies nötigte Rancune wieder in sein Bett zu kriechen. Der Kaufmann, der gewöhnlich in diesem Hause einkehrte und alle Wege wusste, ging durch eine Türe, die nach einer kleinen Galerie führte, an deren Ende die Abtritte lagen. Als er wieder kam, ging er wieder über die Galerie, allein anstatt den Weg zu nehmen, der in sein Zimmer führte, ging er auf die andere Seite und kam in das Zimmer, worin die beiden Einnehmer schliefen. Er näherte sich dem ersten Bett, das er fand, und glaubte, es wäre das seinige, allein eine unbekannte Stimme fragte: Wer da? Er ging ohne zu antworten an das andere Bett, wo man ihn mit stärkerer Stimme dasselbe fragte und zugleich dem Wirt rief, er möge Licht bringen, denn es wäre jemand in ihrem Zimmer. Der Wirt liess eine Magd aufstehen, aber ehe diese Licht brachte, hatte der Kaufmann Zeit, wieder fortzugehen und in sein Zimmer zu gelangen. Rancune, der den Lärm mit anhörte, verlor keine Zeit, machte in der Geschwindigkeit die Stricke von zwei Ballen los und nahm aus jedem zwei Stück Tuch heraus, und schnürte sie wieder geschickt zusammen. Er wollte sich eben an den dritten Ballen machen, als der Kaufmann hereinkam und da er gehen hörte, fragte er, wer da wäre. Rancune, der die vier Stück Tuch in seinem Bett versteckt und immer eine Antwort fertig hatte, sagte, man hätte vergessen, einen Nachttopf hereinzubringen und er suche also das Fenster. Der Kaufmann, der sich noch nicht wieder hingelegt hatte, sagte: »Warten Sie, ich will es Ihnen aufmachen, denn ich weiss, wo es ist.« Er machte es also auf und legte sich nieder. Rancune stellte sich ans Fenster, verrichtete seine Sache und legte sich nachher in sein Bett, ohne das Fenster zu schliessen. Der Kaufmann rief ihm laut zu, er solle doch das Fenster nicht offen lassen, Rancune aber schrie noch stärker, er könnte es ja zumachen, wenn er wollte, denn er wüsste, wenn es nicht offen wäre, sein Bett nicht zu finden. Der Kaufmann, der einem unnötigen Zank ausweichen wollte, stand auf, machte das Fenster zu und legte sich wieder hin, schlief aber nicht und zwar zu seinem Besten, denn sonst wäre es seinem Ballen gewiss ebenso ergangen wie den beiden andern. Unterdessen schrien der Wirt und die Wirtin der Magd zu, dass sie geschwind Licht bringen sollte, sie wollte auch sogleich Feuer machen, allein wie es gemeiniglich geht, wenn man zu sehr eilt, so ging es auch hier: die Magd blies wohl eine ganze Stunde die Kohlen an, dass sie Feuer fingen. Der Wirt und die Wirtin fluchten, die Einnehmer schrien immer stärker nach Licht, endlich nachdem es angebrannt war, gingen der Wirt und die Wirtin und die Magd in ihr Zimmer. Da sie nun niemand sahen, sagten sie ihnen, sie hätten sehr unrecht gehabt, solchen Lärm zu machen und das ganze Haus aufzuwecken. Sie aber behaupteten steif und fest, dass sie jemand gehört, gesehen und mit jemand gesprochen hätten. Der Wirt ging ins andere Zimmer und fragte, ob jemand von ihnen hinausgegangen wäre? Sie sagten alle nein, ausgenommen dieser Herr, sagte einer von den Kaufleuten, indem er auf Rancune wies, welcher aufgestanden ist und zum Fenster hinausgepisst hat, weil man den Nachttopf vergessen hatte. Der Wirt zankte deswegen mit der Magd, ging wieder zu den Einnehmern und sagte ihnen, sie müssten geträumt haben, denn es wäre niemand aufgestanden. Und sagte ihnen noch, sie möchten ruhig fortschlafen, denn es wäre noch nicht Tag. Sobald es aber Tag wurde, stand Rancune auf, forderte den Schuppenschlüssel, ging hinein und versteckte die vier Stücke Tuch, die er gestohlen hatte, in einem von den Ballen, die auf dem Karren lagen.

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