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Der Komoediantenroman

Paul Scarron: Der Komoediantenroman - Kapitel 47
Quellenangabe
pfad/scarron/komoedia/komoedia.xml
typefiction
authorPaul Scarron
titleDer Komoediantenroman
publisherGeorg Mueller
year1908
translatorFranz Blei
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Drittes Kapitel. Leanders Vorhaben. Rede und Aufnahme Ragotins in die Komödiantentruppe

Als die Jesuiten von La Fleche sahen, dass sie Leander nicht bewegen konnten, seine Studien bei ihnen fortzusetzen, und seinen Hang zum Theater bemerkten, mutmassten sie gleich, dass er in eine Komödiantin verliebt sein müsste, worin sie auch bestärkt wurden, als sie erfuhren, dass er der Truppe nach Angers gefolgt sei. Sie schickten also einen Boten mit dieser Nachricht an seinen Vater, der gerade ankam, als Leanders Brief ihm überbracht wurde, worin er ihm meldete, dass er zu den Soldaten gehe und ihn bat, ihm Geld zu schicken. Sein Vater, der nun die Betrügerei einsah, ärgerte sich so sehr darüber, dass er, da er ohnehin alt und schwach war, in eine langwierige Krankheit verfiel, die schliesslich mit dem Tode endigte. Als er sich seinem Ende nahe fühlte, befahl er einem seiner Pächter, seinen Sohn aufzusuchen und ihn zu bereden, dass er zu ihm zurückkäme; er sagte ihm noch, er brauche sich nur zu erkundigen, wo Komödianten wären, da würde er ihn gewiss antreffen. Dies wusste der Pächter sehr wohl, denn es war ebender, der ihn immer mit Geld versah. Da er nun erfuhr, dass die Truppe zu Mans wäre, ging er dahin und kam zu Leander, wie man im vorigen Kapitel gesehen hat. Ragotin wurde nun von der ganzen Truppe ersucht, sie einen Augenblick wegen der Ankunft des Pächters beratschlagen zu lassen; er tat es und ging in ein anderes Zimmer, nicht ohne grosse Ungeduld, sein Schicksal bald zu wissen. Sobald er weg war, liess Leander den Pächter hereinkommen, der ihm denn den Zustand seines Vaters und den Wunsch, den er hatte, ihn vor seinem Ende noch zu sehen, vorstellte. Leander nahm also Urlaub und nun entdeckte Destin das Geheimnis, das er bisher verborgen hatte: Leanders wahren Stand, den er nach Angeliquens Entführung von ihm erfahren hatte. Nun sei alle Verheimlichung überflüssig, sowohl um Fräulein La Caverne zu überzeugen, dass Leander weder der Urheber der Entführung ihrer Tochter, noch der Entführer selbst gewesen wäre, als auch um sie von seiner aufrichtigen Liebe zu ihrer Tochter zu überzeugen, um derentwillen er sich entschlossen hätte, ihm zu dienen und noch dienen würde, wenn er nicht in jener Schenke wäre gezwungen worden, sich ihm zu entdecken. Und, setzte er hinzu, er war so wenig in die Entführung verwickelt, dass, als er ihre Räuber angetroffen, er sein Leben für sie gewagt habe, allein er hätte so vielen Leuten nicht widerstehen können und wäre halbtot auf dem Platze geblieben. Die ganze Truppe entschuldigte sich nun bei ihm, dass man ihm nicht seinem Stand entsprechend begegnet wäre. Fräulein Etoile sagte, dass sie immer viel Verstand und Talente an ihm bemerkt und daher schon lange etwas vermutet hätte, worin sie auch seit ihrer Rückkunft wäre bestärkt worden. Nun nahm auch die Caverne das Wort und sagte zu Leander: »Nachdem ich Ihren Stand aus dem Inhalt der Briefe vermutete, die Sie an meine Tochter schrieben, hatte ich gerechte Ursache, Misstrauen in Sie zu setzen, weil es unwahrscheinlich war, dass Ihre Liebe zu ihr aufrichtig sein konnte, wie dies denn auch Ihr Vorhaben, sie nach England zu bringen, hinlänglich beweist. Wie sollte ein so vornehmer Herr, wie Sie nach dem Tode Ihres Vaters einer zu werden hoffen, sich in den Sinn kommen lassen, eine arme Komödiantin zu heiraten? Ich danke also dem Himmel, dass die Zeit gekommen ist, wo Sie die schönen Güter, die er Ihnen hinterlässt, in Ruhe besitzen können, und dass ich für mein Teil der Unruhe überhoben bin, dass Sie mir noch einen schlimmeren Streich spielen möchten.« Leander antwortete ungeduldig: »Alles, was Sie da sagen, dass ich besitzen werde, kann mich ohne den Besitz Ihrer Tochter nicht glücklich machen, und ohne sie tue ich auf alles Verzicht, was mir durch den Tod meines Vaters zufallen kann. Ich erkläre hiemit, dass ich sein Erbe bloss antreten will, um damit wieder hierher zurückzukommen und das Versprechen zu erfüllen, das ich vor dieser ehrbaren Gesellschaft ablege: niemand anders als Ihre Tochter Angelique zu meiner Frau zu machen, vorausgesetzt, dass Sie mir sie geben, und sie dazu einwilligen wird, worum ich Sie beide recht inständig bitte. Glauben Sie auch nicht, dass ich sie nachher mit mir fortführen will. Daran denke ich gar nicht, sondern ich habe an dem Theaterleben so viel Reiz gefunden, dass ich mich nicht davon trennen kann, ebensowenig wie von den braven Leuten dieser Truppe.« Nach dieser freimütigen Erklärung dankten ihm alle einstimmig für die Ehre, die er ihnen erwies, und sagten, die Caverne und ihre Tochter würden gewiss seine Wünsche erfüllen. Angelique antwortete ihm als eine Tochter, die ganz von dem Willen ihrer Mutter abhängt, welche letztere damit schloss, dass wenn er bei seiner Rückkunft noch gleiche Gesinnung hegte, er alles hoffen könnte. Nun folgten viele Umarmungen und Tränen, wovon einige aus Freude, andere aus Zärtlichkeit flössen. Nach allen diesen schönen Komplimenten wurde beschlossen, dass Leander den andern Tag abreisen und eines von den Pferden dazu nehmen sollte, die man gemietet hatte; aber er sagte, er wollte sich seines Pächters Pferd bedienen, und dieser könnte ihm auf seinem eigenen sehr gut folgen. »Wir hätten aber bald vergessen,« sagte nun Destin, »dass Herrn Ragotin die Zeit lange werden wird; wir wollen ihn also hereinrufen lassen. Aber weiss denn niemand etwas von seinem Vorhaben?« Rancune, der bisher noch nicht gesprochen hatte, tat nun den Mund auf und sagte, dass er es wüsste, und dass er ihn diesen Morgen zum Frühstück gebeten und ihm erklärt hätte, dass er gesonnen sei, unter die Truppe zu gehen und Komödie zu spielen, ohne jedoch der Gesellschaft zur Last zu fallen, weil er ohnehin vermögend und es ihm gleichgültig wäre, ob er sein Geld auf Reisen oder zu Mans verzehre. Nach diesem trat Roquebrune auf und sagte, dass er nicht raten wollte, ihn anzunehmen, weil es mit Dichtern gerade so ginge wie mit Frauenzimmern: wenn zwei in einem Hause beisammen sind, sei immer eine zuviel, und zwei Dichter unter einer Truppe würden Stürme erregen, aus der Verschiedenheit des Parnasses entsprungen; und dass übrigens Ragotins Wuchs so mangelhaft wäre, dass anstatt das Theater damit zu zieren, es dadurch vielmehr verunehrt würde. Und welche Rollen wollte er denn spielen? Die ersten? Dem würde sich Herr Destin entgegensetzen. Die zweiten? Dies würde Herr Olive nicht zugeben; kurz, er kann weder einen König, noch eine Amme, noch eine Vertraute darstellen, denn er würde unter der Maske ebenso hässlich aussehen wie mit seinem natürlichen Gesicht, daher ich denn der Meinung bin, dass man ihn abweise.« – »Und ich«, versetzte Rancune, »behaupte, dass man ihn aufnehmen soll, und dass er sehr geschickt ist, um im Notfall Zwerge oder andere Monstra vorzustellen, z. B. das in der Andromeda, und dies würde alsdann viel natürlicher sein als die künstlichen. Und was die Deklamation anbetrifft, so kann ich versichern, dass er ein zweiter Orpheus werden und das Publikum bezaubern wird. Als Olive und ich Fräulein Angelique aufsuchten, trafen wir ihn auf einem Maultier reitend. Da wir nun so neben ihm hergingen, fing er an Verse aus Piramus und Thisbe zu deklamieren und zwar mit solchem Pathos, dass einige vorübergehende Leute, die Esel vor sich hertrieben, sich seinem Maultier näherten und ihm aufmerksam zuhörten, ja sogar den Hut abzogen, um desto besser zu hören, und uns bis an eine Schenke nachfolgten, wo wir hielten, um eins zu trinken. Wenn er also imstand war Eseltreiber anzulocken, um wieviel mehr wird er nicht andere Personen reizen, die imstande sind, gute Sachen zu beurteilen?« Dieser Witz machte alle Zuhörer lachen und man beschloss also, Ragotin hereinzurufen um ihn selbst anzuhören. Er kam. Und nach einem Dutzend Bücklingen hielt er seine Anrede folgendermassen: »Hochberühmte Personen, Hochweisester Senat des Parnasses! (Vermutlich glaubte er hier vor dem Rat von Mans zu stehen, den er aber, seitdem er Advokat war, nur selten zu sehen bekam.) Man sagt zwar im gemeinen Sprichwort, böse Gesellschaft verderbe gute Sitten, und ebendaher kann man auch sagen, dass gute Gesellschaften böse Sitten bessern und die Personen nach denjenigen umschaffen, mit denen sie umgehen.« Dieser artige Empfang liess die Komödianten vermuten, dass er eine Predigt halten wollte, denn sie drehten den Kopf herum und hatten Mühe, das Lachen zurückzuhalten. Vielleicht wird sich mancher Kritiker über das Wort Predigt aufhalten, allein warum sollte Ragotin eines solchen Streichs nicht fähig sein, da er doch Kirchengesänge statt eines Ständchens auf der Strasse absingen liess? – Er fuhr nun fort: »Mich haben alle Tugenden so sehr verlassen, dass ich wünsche, mit in Ihre berühmte Gesellschaft aufgenommen zu werden, um sie von Ihnen zu lernen und mich nach Ihrem Beispiel zu richten, denn Sie sind die Dolmetscher der Musen, das lebendige Echo Ihrer liebsten Zöglinge, und Ihre Verdienste sind in ganz Frankreich so sehr bekannt, dass man Sie unter beiden Polen bewundert. Sie aber, unvergleichliche Damen, welche jeden entzücken, der Sie nur sieht, und deren schöne Stimmen man nicht anhören kann, ohne vor Verwunderung ausser sich selbst zu geraten, die Sie an Ihrem Fleische sowohl als an Ihren Knochen den Engeln gleichen, Ihr Lob ist von den grössten Dichtern besungen worden. Alexander und Cäsar kamen dem Mut des Herrn Destin und der andern Herrn dieser Gesellschaft nie bei. Sie dürfen sich daher nicht wundern, wenn ich so begierig wünsche, Ihre Zahl zu vermehren, welches Ihnen sehr leicht werden wird sobald Sie mir die Ehre erweisen, mich aufzunehmen. Übrigens erkläre ich, dass ich niemandem zur Last fallen, noch irgendeinen Anspruch auf die Einnahme des Theaters machen will, sondern ich werde beständig Ihr gehorsamster und ergebenster Diener sein.« Man bat ihn nun hinauszugehen, damit man über den Inhalt seiner Rede ordentlich die Stimmen sammeln könne. Er ging hinaus und man fing schon an zu stimmen, als der Poet aufstand, um eine zweite Opposition zu machen; aber er wurde von Rancune zurückgewiesen, der ihn noch lieber zurückgestossen hätte, allein er sah sein neues Kleid an, das er mit seinem Geld sich angeschafft hatte, und dies besänftigte ihn. Endlich wurde beschlossen, dass er zum Spass der Gesellschaft sollte angenommen werden. Man rief ihn, und sobald er eintrat, kündigte Destin ihm sein Glück an; man verrichtete die gewöhnlichen Zeremonien, er wurde in die Register eingeschrieben, legte den Eid der Treue ab, und man gab ihm das Wort, an welchem alle Komödianten einander erkennen, und er ass diesen Abend mit der ganzen Gesellschaft.

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