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Der Komoediantenroman

Paul Scarron: Der Komoediantenroman - Kapitel 46
Quellenangabe
pfad/scarron/komoedia/komoedia.xml
typefiction
authorPaul Scarron
titleDer Komoediantenroman
publisherGeorg Mueller
year1908
translatorFranz Blei
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Zweites Kapitel. Ragotins Entschluss

Die Schnapsverkäufer hatten durch ihr Schreien die Schläfer noch nicht aus dem Schlaf gestört, als Ragotin schon ganz angekleidet war, um zu der Truppe zu gehen und ihnen seinen Wunsch zu entdecken: dass er bei ihnen aufgenommen werden möchte. Er ging also zu den Schauspielern, die aber noch nicht aufgestanden waren; jedoch war er so höflich, sie noch schlafen zu lassen und ging in das Zimmer, in dem Olive und Rancune schliefen, bat sie aufzustehen und einen Spaziergang nach der sehr schönen Abtei Cousture mit ihm zu machen, die in der Vorstadt lag; und nachher wollten sie in dem Gasthof zum goldenen Stern frühstücken. La Rancune, der gerne ass, war sogleich angezogen, worüber man sich eben nicht wundern darf, wenn man bedenkt, dass diese Leute gewohnt sind, sich hinter dem Theater beständig aus- und anzukleiden, besonders, wenn ein Akteur zwei Personen darstellt. Ragotin und la Rancune gingen also miteinander nach der Abtei Cousture, und vermutlich gingen sie auch in die Kirche, um ein Stossgebet zu verrichten, ein ganz kleines, denn Ragotin hatte andere Dinge im Kopf als dass er lange beten konnte. Er sagte jedoch auf dem ganzen Weg dem Rancune nichts davon, weil er wohl merkte, dass dadurch das Frühstück aufgehalten würde, an welchem Rancune mehr gelegen war als an allen seinen Komplimenten. Sie gingen also in den Gasthof, wo der kleine Mann anfing zu lärmen, dass man die kleinen Pastetchen noch nicht aufgetragen hatte, die er hätte bestellen lassen, worauf die Wirtin, ohne von ihrem Stuhl aufzustehen, antwortete: »Ich kann unmöglich wahrsagen, Herr Ragotin, und die Stunde erraten, wann Sie hierher kommen wollen; da Sie nun aber hier sind, so sollen die Pastetchen gleich folgen. Gehen Sie unterdes in den Saal, wo man gedeckt hat, bedienen Sie sich einstweilen, bis das übrige kommt, mit dem Schinken, der dort steht.« Sie sagte alles dies mit einer so ernsthaften Schenkwirtsmiene, dass Rancune ihr recht gab und zu Ragotin sagte: »Lassen Sie es gut sein; wir wollen unterdessen eins trinken, bis alles fertig wird.« Sie setzten sich also zu Tisch, der sogleich gedeckt wurde, und frühstückten nach Manser Art d. h. sehr gut, tranken sehr viel und auf das Wohl verschiedener Personen; man kann also leicht denken, dass Etoile nicht vergessen wurde. Ragotin trank auf sie wohl ein dutzendmal, bald sitzend, bald stehend, bald mit entblösstem Kopf. Allein das letztemal trank er auf ihre Gesundheit kniend und mit abgezogenem Hut, als wenn er Kirchenbusse tun müsste. Nun fing er an, den Rancune sehr ernstlich zu bitten, ihm sein Wort zu halten und in einer so wichtigen Sache als die Eroberung der Mademoiselle de l'Etoile sein Beschützer und sein Freund zu sein, worauf Rancune halb im Zorn, oder indem er sich nur so stellte, antwortete: »Sie sollten wissen, dass ich niemals eine Sache unternehme, die ich nicht ausführen kann; begnügen Sie sich unterdessen mit meinem guten Willen Ihnen zu dienen. Ich wiederhole es nochmals, ich weiss die Mittel dazu und werde sie zu seiner Zeit anwenden, allein für jetzund setzt unsere Abreise Ihrem Vorhaben ein grosses Hindernis entgegen, und ich sehe kein anderes Mittel dafür, als wenn Sie dasjenige tun, was ich Ihnen schon einmal vorgeschlagen habe, und sich entschliessen, Komödie mit uns zu spielen. Sie haben ja dazu alle erforderlichen Anlagen: gutes Ansehen, angenehme Stimme, reine Aussprache und ein gutes Gedächtnis. Man sieht Ihnen gar nichts Ländliches an und sollte glauben, Sie wären Ihr ganzes Leben durch bei Hofe gewesen. Sie haben so sehr den Hofton an sich, dass man es schon eine Viertelstunde weit an Ihnen merkt und werden das Theater nicht zwölfmal betreten, ohne unsere jungen, vielwissenden Herren zu verdunkeln, welche gezwungen sein werden, Ihnen die ersten Rollen zu überlassen; und alsdann lassen Sie mich nur sorgen; denn für jetzt haben wir es mit einer eigensinnigen Person zu tun. Man muss sehr behutsam mit ihr umgehen. Zwar weiss ich wohl, dass es Ihnen an Klugheit nicht fehlt, allein ein guter Rat kann nicht schaden. Denn überlegen Sie selbst; wenn Sie Ihre verliebte Absicht zugleich mit dem Vorhaben, unter die Truppe zu gehen, entdeckten, so würde man Sie dieserwegen gewiss abweisen, also müssen Sie behutsam zu Werk gehen.« Der kleine Kerl war auf Rancunes Rede so hoffnungslos gespannt gewesen, dass er nun darüber ganz entzückt wurde und glaubte, er hätte nun schon alles gewonnen, als er gleichsam wie aus dem Schlaf erwachte, aufstand und den Rancune umarmte, und ihm zugleich dankte und um seine fernere Freundschaft bat. Er gestand ihm nun, dass er ihn bloss deswegen zum Frühstück gebeten hätte, um ihm seinen Entschluss bekannt zu machen, unter die Truppe zu gehen, von welchem ihn nun kein Mensch mehr abbringen könnte; er möchte es daher der Gesellschaft anzeigen und ein günstiges Wort für ihn einlegen, denn er wünschte, dass es jetzt gleich geschähe. Sie machten ihre Zeche, Ragotin bezahlte und beide machten sich nun auf den Weg zu den Komödianten, die nicht weit von ihrem Frühstücksort entfernt waren. Sie fanden die Damen angekleidet; als aber Rancune anfing den Vortrag wegen Ragotins Aufnahme zu tun, wurde er durch die Ankunft eines Pächters von Leanders Vater unterbrochen, der zu ihm schickte, um ihn zu benachrichtigen, dass er todkrank wäre und ihn gern noch vor seinem Ende zu sehen wünschte. Dies verursachte unter der ganzen Gesellschaft eine Beratschlagung über den unvermuteten Zwischenfall. Leander nahm Angelique beiseite und sagte ihr, dass nunmehr die Zeit gekommen wäre, wo sie glücklich leben könnten, wenn sie anders dazu einwilligte, worauf sie antwortete, dass es nicht an ihr liegen sollte. Das übrige wird man aus folgendem Kapitel ersehen.

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