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Der Komoediantenroman

Paul Scarron: Der Komoediantenroman - Kapitel 42
Quellenangabe
pfad/scarron/komoedia/komoedia.xml
typefiction
authorPaul Scarron
titleDer Komoediantenroman
publisherGeorg Mueller
year1908
translatorFranz Blei
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20120410
projectide6ec1aa1
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Achtzehntes Kapitel welches keinen Titel nötig hat

Den folgenden Tag wurde der Nicomedes des unnachahmlichen Corneille aufgeführt. Die Vorstellung wurde nicht gestört und dies vielleicht bloss deswegen weil Ragotin nicht zugegen war; denn es ging bald kein Tag vorbei, dass er sich nicht durch seine Prahlerei oder durch seine Hitze und seinen Stolz etwas zuzog, wozu noch sein unglückliches Schicksal kam, das ihn bis zu diesem Tag noch nicht verschont hatte. Der kleine Mann hatte den Nachmittag in dem Zimmer des Mannes der Inezilla, dem Feldscherer Ferdinando Ferdinandi zugebracht, eines gebornen Normannen, der sich aber für einen Venezianer ausgab, wie ich schon gesagt habe, und einen spagyrischen Arzt vorstellen wollte, im Grund aber ein grosser Marktschreier und noch grösserer Schelm war. La Rancune, um sich einige Ruhe vor Ragotin zu verschaffen, weil der ihm versprochen hatte, ihm die Gunst der Mademoiselle de l'Etoile zu verschaffen, hatte ihm weis gemacht, dass der Operateur ein grosser Zauberer wäre, der machen könnte, dass die züchtigste Frau einem Mann im blossen Hemde nachlaufen müsse; allein er verrichte dergleichen Wunder nur seinen besten Freunden zu Gefallen, deren Verschwiegenheit er kenne, weil es ihm einmal übel bekommen war, dass er seine Kunst an einem der grössten Herrn in Europa probiert hatte. Er riet also dem Ragotin alles anzuwenden um seine Gunst zu gewinnen und versicherte ihm, dass dies eben nicht so schwer wäre, denn der Operateur wäre ein sehr kluger Kopf, der diejenigen leicht liebte, die wenig Geist besässen, und der für seine Freunde keine Geheimnisse hätte. La Rancune machte dem Ragotin alles weis, was er nur wollte und Ragotin ging sofort zu dem Knochenflicker und überzeugte ihn, dass er ein grosser Zauberer wäre. Ich weiss gerade nicht, was dieser ihm antwortete; soviel ist gewiss, dass der Operateur, den la Rancune schon vorbereitet hatte, seine Rolle sehr gut spielte und es so geschickt von sich abzulehnen wusste, er sei ein Zauberer, dass jeder hätte glauben sollen, er wäre wirklich einer. La Rancune blieb den Nachmittag bei ihm; er hatte eben ein Glas zu irgend einer chemischen Operation auf dem Feuer, aber er konnte diesmal nichts Zustimmendes aus ihm herausbringen, worüber der ungeduldige Ragotin eine sehr unruhige Nacht verbrachte. Den andern Morgen trat er ganz früh in des Feldscherers Zimmer, der noch im Bette lag. Inezilla nahm dies sehr übel, denn sie war nicht mehr in dem Alter, wo man wie eine blühende Rose aufsteht, und musste alle Morgen einige Stunden eingesperrt bleiben, ehe sie öffentlich erscheinen konnte. Sie verbarg sich also in ein kleines Kabinett, wohin ihr ihre Magd, eine Mohrin, nachfolgte und alle ihre Liebesmunition nachtrug. Ragotin brachte unterdessen den Operateur wieder auf die Magie, und dieser war diesmal offenherziger als je, aber versprechen wollte er ihm noch immer nichts. Ragotin wollte ihn Zeichen seiner Freigebigkeit sehen lassen, und liess daher ein gutes Mittagessen zurechtmachen, wozu er die Komödianten und die Komödiantinnen einlud. Von dem Essen will ich nichts erzählen, genug, man lachte dabei sehr stark und ass noch stärker. Nach Tisch wurde Inezilla von Destin und der Etoile gebeten, ihnen eine von den kleinen spanischen Geschichten vorzulesen, die sie täglich entweder selbst verfertigte, oder mit Hilfe des göttlichen Roquebrune übersetzte, der ihr bei Apollo und den neun Musen geschworen hatte, dass er sie in sechs Monaten alle Schönheiten unserer Sprache lehren wollte. Inezilla liess sich nicht bitten, und während Ragotin dem Zauberer Ferdinandi hofierte, las sie im angenehmsten Ton die Novelle, welche im folgenden Kapitel zu finden ist.

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