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Der Komoediantenroman

Paul Scarron: Der Komoediantenroman - Kapitel 41
Quellenangabe
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typefiction
authorPaul Scarron
titleDer Komoediantenroman
publisherGeorg Mueller
year1908
translatorFranz Blei
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Siebzehntes Kapitel. Was zwischen dem kleinen Ragotin und dem grossen Baguenodière vorfiel

Destin und die Etoile, Leander und Angelique, zwei der schönsten Liebespaare, kamen glücklich in Mans an. Destin söhnte Angelique wieder mit ihrer Mutter aus, der er Leanders Verdienst, Stellung und Liebe so gut zu schildern wusste, dass die gute Caverne die Liebe dieses jungen Menschen zu ihrer Tochter jetzt ebensosehr billigte als sie vorher dagegen gewesen war. Die armen Schauspieler hatten zu Mans noch wenig verdient, aber ein vornehmer Mann, der die Komödie sehr liebte, ersetzte ihnen den Geiz der Manser Bürger. Der grösste Teil seiner Güter lag in Maine; er hatte zu Mans ein eigenes Haus und lud öfters seine vornehmen Freunde dahin, sowohl Hof- als Landedelleute, ja selbst einige Pariser Schöngeister, unter denen sich Poeten von Rang befanden; kurz er war ein Mäcenas. Er liebte das Theater und alle, die sich damit beschäftigten ausserordentlich und dies lockte jährlich die besten Truppen des Königreichs nach Mans. Dieser Herr kam eben zu Mans an, als die Komödianten unzufrieden mit ihrem Publikum wieder abreisen wollten. Er bat sie ihm zu Gefallen noch vierzehn Tage zu bleiben und um sie dazu zu bewegen, gab er ihnen hundert Pistolen und versprach ihnen ebensoviel zu ihrer Abreise. Es war ihm sehr angenehm, dass er den vielen vornehmen Herrschaften, die mit ihm gekommen waren, ein Theater bieten konnte. Dieser Herr, den ich den Marquis d'Orsé nennen will, war auch ein grosser Nimrod und hatte seine Jagdequipage nach Mans bringen lassen, die eine der schönsten der Art im Königreich war. Die sandigen Ebenen und die Wälder der Provinz Maine machen sie zu dem angenehmsten Jagdrevier im ganzen Reich, und zu eben der Zeit war die Stadt Mans ganz voll Jägern, die der Ruf dieser Jagdlustbarkeit dahin gezogen hatte; die meisten hatten ihre Weiber mitgebracht, die begierig waren, Damen von Hof zu sehen, damit sie nachher ihr ganzes Leben durch zu Hause von ihnen erzählen könnten. Es ist kein geringer Ehrgeiz für Landjunker, wenn sie sagen können, dass sie an dem und jenem Ort Leute vom Hof gesehen haben, deren Namen sie nachher zitieren, etwa so: Ich verlor mein Geld an Roquelaure; Crequi hat soundso viel gewonnen; Coaquin ist auf der Hirschjagd in Touraine. Bringt man sie vollends auf einen politischen oder kriegerischen Diskurs, so hören sie so lange nicht auf zu schwatzen, bis sie überhaupt nichts mehr vorzubringen wissen. Doch wieder zur Sache! Mans war also von kleinem und grossem Adel angefüllt. Die Schenken waren voller Gäste und der grösste Teil der wohlhabenden Bürger, die Standespersonen im Quartier hatten, hatten ihre feine Wäsche schon schmutzig und ihren ganzen Waschvorrat verbraucht. Die Komödianten eröffneten ihr Theater wieder mit den besten Absichten, denn sie waren ja im voraus bezahlt worden. Die Bürger von Mans fanden wieder Geschmack an der Komödie; die Stadt- und Landdamen freuten sich, dass sie dort Damen vom Hof zu sehen bekamen, denen sie eine neue Art sich zu kleiden absehen konnten, die besser war als die ihrige, zum grossen Vorteil ihres Schneiders, der so eine Menge alter Kleider zu ändern bekam. Täglich gab es Ball, wo schlechte Tänzer noch schlechtere Tänze aufführten, da die jungen Leute der Stadt in wollenen Strümpfen und gewichsten Schuhen tanzten. Die Komödianten mussten öfters in geschlossenen Gesellschaften spielen. Etoile und Angelique wurden von einigen Herren courtoisiert und die Damen beneideten sie darum. Inezilla, die auf Bitten der Komödianten eine Sarabande tanzte, wurde von allen bewundert. Roquebrune wollte auf der Stelle vor Liebe den Geist aufgeben, so sehr war sie auf einmal dadurch bei ihm gestiegen, und Ragotin gestand dem Rancune offenherzig, dass wenn er ihm nicht bald die Gunst der Mademoiselle de l'Etoile verschaffte, so würde Frankreich seinen grossen Ragotin nicht lange mehr besitzen. Rancune machte ihm Hoffnung und um ihr seine besondere Zuneigung deutlicher machen zu können, bat er ihn, dass er ihm mit fünfundzwanzig bis dreissig Pfund Kleingeld aushelfen möchte; Ragotin erblasste über diese unhöfliche Forderung, bereute was er ihm gesagt hatte und gab seine Liebe gleichsam auf. Allein schliesslich geriet er in Wut, brachte die Summe aus verschiedenen Beuteln zusammen und gab sie ganz traurig dem Rancune, der ihm dafür versprach, dass er noch heute etwas von ihm erfahren sollte. Diesen Tag wurde Don Japhet gespielt, ein Stück, ebenso ausgelassen lustig geschrieben, als sein Verfasser wenig Ursache dazu hatte. Das Publikum war zahlreich, das Stück wurde gut gespielt und alles war vergnügt, der unglückliche Ragotin allein ausgenommen. Er kam spät in die Komödie, und zur Strafe dafür kam er hinter einen dicken Edelmann zu sitzen, der einen grossen Mantel um hatte, der seine Figur noch breiter machte. Er war von so ausserordentlicher Grösse, dass ob er gleich sass, Ragotin, der nur um eine Reihe Stühle hinter ihm war, doch glaubte, dass er aufrecht stehen müsste, und schrie ihm daher immerfort zu, dass er sich doch wie die andern niedersetzen solle, so wenig konnte er begreifen, dass ein sitzender Mensch mit seinem Kopf über alle andern wegragen könnte. Dieser Edelmann, der sich la Baguenodière nannte, glaubte lange nicht, dass Ragotin mit ihm redete. Endlich rief ihn Ragotin und nannte ihn Herr mit der grossen Feder! Und da er wirklich ein solch schmutziges Ding auf dem Hut hatte, so sah er sich nach ihm um und erblickte den kleinen ungeduldigen Herrn, der ihm ziemlich unhöflich gebot, sich doch niederzusetzen. La Baguenodière liess sich dadurch so wenig rühren, dass er sich wieder der Bühne zukehrte, als wenn er gar nichts gehört hätte. Ragotin schrie ihm abermal zu, dass er sich setzen sollte. Der sah sich wieder nach ihm um und drehte sich wieder nach der Bühne. Ragotin schrie wieder, Baguenodière sah sich zum drittenmal um und drehte sich zum drittenmal nach dem Theater. So lange die Komödie dauerte, schrie ihm Ragotin immer das nämliche zu, und der sah ihn jedesmal mit so vieler Gleichgültigkeit an, dass auch der Geduldigste sich darüber hätte ärgern müssen. Man konnte den la Baguenodière füglich einer Dogge und den Ragotin einem Mops vergleichen, der ihn anbellte, ohne dass die Dogge was anderes dabei tut, als ganz ruhig an die nächste Wand pissen. Endlich wurde jedermann auf das aufmerksam, was zwischen dem Grössten und dem Kleinsten in der Gesellschaft vorging, und man lachte darüber, als Ragotin anfing, vor Ungeduld zu fluchen und la Baguenodière ihn noch immer ganz gleichgültig ansah. Dieser Baguenodière war der grösste, aber auch der gröbste Mensch von der Welt. Er fragte zwei Edelleute, die neben ihm sassen, mit der grössten Ruhe, worüber sie lachten. Sie sagten geradezu über ihn und über Ragotin und glaubten ihm dadurch mehr zu gefallen als ihn zu beleidigen. Allein er nahm es übel, und die Worte: »Ihr seid ein paar dumme Kerls« überzeugten sie, dass er es übel genommen hatte, und bewogen jeden von ihnen ihm mit einer derben Ohrfeige darauf zu antworten. La Baguenodière konnte anfangs bloss rechts und links mit seinen Ellenbogen um sich stossen, weil seine Hände in dem Mantel verwickelt waren, und ehe er sie frei machte, konnten die beiden Edelleute, die ein paar Brüder und sehr flink waren, ihm ein halbes Dutzend Ohrfeigen zuzählen und beobachteten dabei die Pausen so sehr, dass diejenigen, die sie hörten aber nicht geben sahen, glauben mussten, dass jemand sechsmal nacheinander in die Hände geklatscht hätte. Endlich machte Baguenodière seine dicken Hände aus dem Mantel los, aber da er von den beiden Brüdern sehr eng eingeschlossen wurde, konnte er sich seiner langen Arme nicht bedienen. Er wollte zurücktreten und fiel rücklings auf einen Mann, der hinter ihm sass, schmiss ihn nebst seinem Stuhl auf den unglücklichen Ragotin, der wieder auf einen andern fiel; dieser fiel wieder auf seinen Nachbar und so gings fort durch die ganze Reihe Stühle, welche im Fallen noch ein Mädchen wie einen Kegel umwarfen. Der Lärm der Fallenden und der zerdrückten Damen, die Angst der Schönen und das Geschrei der Kinder, das Reden, das Lachen der einen und das Jammern der andern und das Händeklatschen verschiedener verursachte einen abscheulichen Lärm. Niemals hat wohl eine so kleine Ursache eine so grosse Wirkung hervorgebracht, und das sonderbarste dabei war noch, dass kein einziger Degen gezogen wurde, obgleich der Zank unter Leuten vorging, die welche bei sich hatten. Allein am allersonderbarsten war dies, dass la Baguenodière sich herumprügelte und wieder geprügelt wurde und dabei so gelassen blieb, als wenn es die gleichgültigste Sache von der Welt gewesen wäre; auch hatte man festgestellt, dass er den ganzen Nachmittag nicht eine Silbe mehr als obige paar Worte gesprochen hatte, die ihm so viele Ohrfeigen zugezogen, und dass er auch nachher kein Wort mehr sprach, so sehr stimmte sein Phlegma und sein Stillschweigen mit seiner grossen Statur überein. Das Chaos von Menschen und Stühlen untereinander brauchte lange Zeit um wieder auseinander zu kommen. Während man damit beschäftigt war, und die Friedfertigsten sich zwischen Baguenodière und seine Feinde stellten, hörte man auf einmal ein schreckliches Geheul gleichsam aus der Erde aufsteigen. Wer konnte das wohl anders sein als Ragotin? Wirklich, wenn das Glück einmal einen Menschen verfolgt, so lässt es nicht von ihm ab. Der Stuhl des kleinen Mannes stand gerade auf dem Deckel der Gosse der Schenke; diese Gosse ist immer in der Mitte, und dient dazu das Regenwasser aufzufangen; der Deckel aber, der darauf liegt, kann wie ein Dosendeckel auf- und zugeklappt werden. Da nun der Zahn der Zeit alles verzehrt, so war dieser Deckel ganz morsch geworden, und brach unter Ragotin entzwei als ein Mann von gehörigem Gewicht auf ihn fiel. Dieser Mann fiel mit dem einen Bein in das Loch, wo Ragotin ganz hineingefallen war; das Bein war gestiefelt und gespornt, und den Sporn spürte Ragotin an der Kehle; daher stiess er ein jämmerliches Geschrei aus, das niemand sich erklären konnte. Jemand reichte dem Mann die Hand, und indem sein eingeklemmtes Bein den Platz veränderte, biss ihn Ragotin so stark in die Waden, dass er glaubte von einer Schlange gebissen zu sein, und daher einen so lauten Schrei tat, dass der, der ihn hielt, erschrak und ihn wieder fallen liess. Endlich fasste er sich wieder, gab dem Mann wieder die Hand, der nun nicht mehr schrie, weil ihn Ragotin nicht mehr biss, und beide zugleich gruben endlich unsern kleinen Mann heraus, der, sobald er das Tageslicht wieder sah, mit dem Kopf und mit den Augen allen denen fürchterlich drohte, die er lachen sah, und so mischte er sich unter die Menge der Hinausgehenden, und sann nun auf etwas sehr rühmliches für ihn und sehr nachteiliges für la Baguenodière. Ich habe nicht erfahren können, was noch zwischen den beiden Brüdern und la Baguenodière vorfiel und ob sie sich wieder versöhnt haben, wenigstens habe ich nicht erfahren, dass sie einander etwas getan hätten. Dieser Zufall störte einigermassen die erste Vorstellung der Komödianten vor der vornehmen Gesellschaft, die sich damals zu Mans befand.

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