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Der Komoediantenroman

Paul Scarron: Der Komoediantenroman - Kapitel 4
Quellenangabe
pfad/scarron/komoedia/komoedia.xml
typefiction
authorPaul Scarron
titleDer Komoediantenroman
publisherGeorg Mueller
year1908
translatorFranz Blei
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Drittes Kapitel. Der beklagenswerte Erfolg der Komödie

In allen kleinen Städten des Königreiches gibt es eine Schenke, wo sich täglich die Faulenzer der Stadt versammeln, einige um zu spielen, andere um den Spielern zuzusehen. Dort wird alles ausgemacht, der Nächste wird gar wenig geschont, die Abwesenden werden mit der Zunge umgebracht, keiner wird verschont – nur jeder wird da hergenommen nach Massgabe des Witzes, so ihm von der Natur zuteil geworden. In einer solchen Schenke, wenn ich mich recht erinnere, habe ich drei Leute vom Theater gelassen, wie sie die Marianne vor einer ehrenfesten Gesellschaft hersagten, an deren Spitze la Rappinière war. Zu eben der Zeit, als Herodes und Marianne einander recht die Wahrheit sagten, traten die zwei jungen Leute, deren Kleider man so ungeniert weggenommen hatte, in blossen Hosen, und jeder sein Rakett in der Hand haltend, in die Stube. Sie hatten vergessen, sich vor der Komödie anzukleiden. Ihre Kleider, welche Herodes und sein Partner trugen, stachen ihnen sogleich in die Augen, und der hitzigere von den beiden sagte zu dem Aufwärter der Schenke: »Hundejunge, warum hast du meinen Rock diesen Seiltänzern gegeben?« Der arme Bursche, der ihn für einen groben Kerl kannte, sagte ihm ganz demütig, er hätte es nicht getan. »Wer denn, du Hahnreigesicht?« sagte der Kerl. Der Knecht traute sich nicht, la Rappinière in seiner Gegenwart anzuklagen; dieser aber, der in der Grobheit seinesgleichen suchte, stand von seinem Stuhle auf und sagte ihm: »Ich habs getan, was wollt Ihr?« – »Ihr seid ein Esel!« sagte der andere, und zugleich schlug er ihm mit seinem Rakett hinter die Ohren. La Rappinière war so verblüfft, den ersten Schlag zu bekommen, er, der ihn sonst immer auszuteilen gewohnt war, dass er gleichsam unbeweglich stehen blieb, sei es nun aus Verwunderung; oder weil er noch nicht wütend genug war, und viel dazu gehörte, um ihn zu dem Entschluss sich herumzuprügeln, zu bringen, wäre es auch bloss mit Faustschlägen, ja vielleicht wäre die ganze Sache dabei geblieben, wenn sein Bedienter, der heftiger war als er, sich nicht über den Angreifer hergemacht und ihm einen derben Faustschlag schön mitten ins Gesicht gegeben hätte, nebst noch einer Menge anderer, welche fielen, wohin sie kamen. La Rappinière machte sich von hinten her an ihn und beehrte ihn mit einer derben Tracht Schläge und liess ihn fühlen, dass er zuerst beleidigt worden war; ein Verwandter seines Gegners machte sich von hinten wieder an la Rappinière, und ein Freund des la Rappinière machte sich wieder an diesen, um ihm Luft zu machen, ein anderer machte sich wieder an diesen, und noch ein anderer an jenen: schliesslich nahmen alle, die im Zimmer waren an dem Streite Teil; der eine fluchte, der andere schimpfte, und alle prügelten sich unter einander. Die Wirtin, die ihre Möbel entzwei schlagen sah, erfüllte das Haus mit einem jämmerlichen Geschrei. Wahrscheinlicherweise hätten alle einander mit Bankbeinen, Faustschlägen und Tritten totgeschlagen, wenn nicht zum Glück eine Magistratsperson der Stadt, die mit dem Seneschall von Mayen spazieren ging, auf den Lärm herbeigekommen wäre. Einige waren der Meinung, man sollte die Schläger mit zwei oder drei Eimern Wasser begiessen, und vielleicht hätte dies Mittel auch gute Wirkung getan, aber sie liessen endlich aus Müdigkeit selber von einander ab; überdies hatten sich auch zwei Kapuziner aus Nächstenliebe in den Kampf gestürzt und stifteten zwar keinen dauerhaften Frieden zwischen den Schlägern, aber doch einen kleinen Waffenstillstand, währenddem man unterhandeln konnte, ohne den Bericht der Sache zu stören, der von beiden sogleich aufgezeichnet wurde. Der Komödiant Destin hielt sich bei der Schlägerei so tapfer, dass man noch jetzt zu Mans davon spricht, nach dem Bericht der beiden jungen Leute, die den Streit angefangen hatten; mit ihnen hatte er es hauptsächlich zu tun und sie halb totgeschlagen, anderer nicht zu gedenken, die er gleich anfangs kampfunfähig machte. Während dem Streit verlor er sein Pflaster, und man bemerkte, dass er ebenso schön an Gesicht als gut gewachsen war. Die blutigen Köpfe wurden nun mit kaltem Wasser abgewaschen, die zerrissenen Jacken gegen ganze vertauscht, man legte einigen Kataplasmen auf, ja man nähte sogar einige Stiche, und die Möbel kamen wieder an ihre Stelle, jedoch nicht mehr so ganz als sie vorher noch gewesen waren; kurz, nach einer kleinen Weile war von dem ganzen Streit nichts mehr zu sehen, als viele Wut, die man auf den Gesichtern der beiden Parteien wahrnahm. Die armen Komödianten gingen erst ganz zuletzt mit la Rappinière weg. Als sie aus der Schenke nach dem Markt zu gingen, wurden sie von sieben bis acht Bravos mit dem Degen in der Faust angegriffen. La Rappinière fürchtete sich wie gewöhnlich, und wäre auch schlimm weggekommen, hätte Destin nicht grossmütigerweise einen Stoss aufgefangen, der ihn beinahe durchbohrt hätte, dem er aber doch noch so gut auswich, dass er mit einer leichten Wunde im Arm davon kam; zu gleicher Zeit zog Destin vom Leder und schlug in kurzer Zeit zwei Degen aus der Faust, spaltete zwei oder drei Köpfe, teilte eine Menge Ohrfeigen aus und arbeitete die Herren Raufbolde so zusammen, dass alle Zuschauer eingestanden, sie hätten noch nie einen so tapferen Mann gesehen. Diesen misslungenen Streich, der auf la Rappinière gemünzt war, hatten zwei Junker angestellt, deren einer die Schwester jenes geheiratet hatte, der zuerst den Streit mit dem Rakettschlag anfing, und wahrscheinlicherweise hätte la Rappinière ohne den tapfern Beistand unsers Komödianten unterliegen müssen. Die Dankbarkeit wurde nun in seinem Felsenherzen rege, und er erlaubte nicht, dass die Überreste einer zerstreuten Truppe in einer Schenke wohnen sollten, sondern er nahm sie mit nach Haus, wo der Fuhrmann das Komödiantengepäck ablud und in sein Dorf zurückkehrte.

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