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Der Komoediantenroman

Paul Scarron: Der Komoediantenroman - Kapitel 37
Quellenangabe
pfad/scarron/komoedia/komoedia.xml
typefiction
authorPaul Scarron
titleDer Komoediantenroman
publisherGeorg Mueller
year1908
translatorFranz Blei
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20120410
projectide6ec1aa1
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Dreizehntes Kapitel. Schlechter Streich des Herrn la Rappinière

Destin war sehr begierig, von seiner lieben Etoile zu erfahren, weshalb sie sich in dem Gehölz befunden hätte, aus dem Saldagne sie entführt hatte; aber er fürchtete sich noch zu sehr, dass man ihm nachsetzen möchte. Daher dachte er bloss darauf, sein Pferd, das eben nicht sehr gut war, anzutreiben, und sowohl mit der Stimme als mit der Peitsche das Pferd der Etoile, das ein guter Hengst war, vor sich her zu jagen. Endlich fassten sich die beiden Liebenden, und nachdem sie sich viel Zärtliches gesagt hatten, erzählte Etoile dem Destin alle die Gefälligkeiten, die sie der Caverne erwiesen hatte. »Und ich fürchte,« setzte sie hinzu, »ihre Traurigkeit wird sie noch krank machen; denn so traurig sah ich noch niemand. Was mich betrifft, lieber Bruder, so kannst du leicht denken, dass ich den Trost ebenso nötig hatte wie sie, seit dein Bedienter mir ein Pferd von dir brachte und die Nachricht, dass du Angeliquens Entführer getroffen und von ihnen verwundet worden wärest.« – »Ich verwundet?« fragte Destin. Ich bin es nicht gewesen, war auch nicht in Gefahr, es zu werden, und habe dir auch kein Pferd geschickt. Hier liegt etwas verborgen, das ich nicht verstehen kann. Ich habe mich auch schon vorhin gewundert, dass du mich so oft fragtest, wie ich mich befände und ob mir das schnelle Reiten nicht schade.« – »Du erfreust mich und machst mich auch zugleich traurig«, sagte Etoile. »Deine Wunden machten mich sehr unruhig, und was du mir jetzt sagst, bringt mich auf die Vermutung, dass dein Bedienter von einem Feinde müsse gedungen sein worden, der einen bösen Anschlag gegen uns im Sinne hat.« – »O,« sagte Destin, »er ist vielmehr von einem gewonnen worden, der ganz und sehr unser Freund ist. Ich habe hier keinen andern Feind als Saldagne; allein dieser kann meinen Bedienten nicht gewonnen haben, weil ich weiss, dass er ihn prügelte, als er dich fand.« – »Und wie weisst du das?« fragte Etoile, »denn ich erinnere mich nicht, es dir gesagt zu haben.« – »Du sollst es erfahren, sobald du mir sagen wirst, auf welche Art man dich aus Mans herauslockte.« – »Ich kann dir nichts weiter davon erzählen, als was ich dir bereits gesagt habe,« sagte Etoile; »andern Tages, nachdem ich mit der Caverne nach Mans zurückgekommen war, brachte mir dein Bedienter ein Pferd von dir und sagte mir, dass du sehr verwundet worden wärest und mich bitten liessest, zu dir zu kommen. Ich setzte mich also sogleich zu Pferd, obgleich es sehr spät war, und schlief die Nacht fünf Stunden von Mans in einem Ort, dessen Namen ich nicht weiss. Den andern Morgen wurde ich beim Eingang in ein Gehölz von einigen mir unbekannten Personen angehalten. Ich sah, dass dein Bedienter geprügelt wurde und bedauerte ihn sehr. Ich sah ferner ein Frauenzimmer sehr unsanft von einem Pferde absetzen und erkannte sie für meine Freundin, allein der Zustand, in dem ich selbst war, und die Unruhe, in der ich deinetwegen war, hinderte mich weiter an sie zu denken. Man setzte mich an ihre Stelle, und wir ritten bis auf den Abend zu. Nachdem wir so einen langen Weg zurückgelegt hatten, kamen wir ganz spät in der Nacht bei einem Edelhof an, wo man uns, wie ich merkte, nicht aufnehmen wollte. Dort erkannte ich den Saldagne und dies brachte mich vollends zur Verzweiflung. Wir ritten nun noch lange fort und endlich brachte man uns in das Haus, aus dem du mich glücklicherweise erlöst hast.« Etoile endigte diese Erzählung als eben der Tag anbrach. Sie waren nun auf der Landstrasse von Mans und trieben ihre Pferde stärker an, um ein Dorf zu erreichen, das gerade vor ihnen lag. Destin wünschte sehr seinen Bedienten zu finden, um zu erfahren, welchen Feind er ausser Saldagne noch zu fürchten hätte; aber es war nicht wahrscheinlich, dass er nach dem schlechten Streich, den er gespielt, ihm wieder vor die Augen kommen würde. Er sagte nun seiner lieben Etoile alles, was er von ihrer Freundin Angelique wusste, als ein Mensch, der der Länge nach mitten im Wege lag, ihre Pferde so sehr erschreckte, dass das des Destin bald mit ausgerissen wäre, und das andere das Fräulein de l'Etoile herunterwarf. Destin erschrak über ihren Fall und hob sie geschwind auf sein Pferd, das immer noch stieg und schnaubte. Das Fräulein war nicht verwundet, die Pferde wurden wieder ruhig, und Destin ging, um zu sehen, ob der liegende Mensch tot oder im Schlafe wäre. Man konnte aber beides von ihm sagen, denn er war so stark betrunken, dass ob er gleich stark schnarchte (was anzeigte, dass er noch lebte), Destin dennoch die grösste Mühe hatte, ihn aufzuwecken. Nach vielem Hin- und Herzerren öffnet er endlich die Augen, und Destin erkannte ihn als seinen eigenen Bedienten, den er so gern anzutreffen wünschte. So betrunken der Schelm auch war, so erkannte er doch gleich seinen Herrn und wurde sehr verwirrt, so dass Destins Vermutung wegen seiner Untreue ihm zur Gewissheit wurde. Er fragte ihn, warum er der Mademoiselle de l'Etoile gesagt hätte, er wäre verwundet? Warum er sie aus Mans geführt hätte? Wo er sie hätte hinführen wollen? Wer ihm das Pferd dazu gegeben hätte? Aber er konnte kein Wort aus dem Burschen herausbringen, sei es nun, dass er wirklich so betrunken war oder sich nur so stellte. Destin geriet in Zorn und gab ihm einige Hiebe, dann band er ihm die Hände zusammen, nahm den Zügel vom Pferd der Etoile und band ihn daran, um ihn so neben sich herlaufen zu lassen. Zugleich brach er sich einen Ast von ansehnlicher Dicke ab, um sich dessen zu bedienen, wenn sein Bedienter nicht gutwillig mitlaufen wollte. Er half dem Fräulein wieder aufs Pferd, stieg auf das seinige und ritt nun weiter, seinen Gefangenen immer wie einen Spürhund an der Leine neben sich hertreibend. Das Dorf war dasselbe, aus dem Destin vor zwei Tagen abgereist war und wo er den Herrn la Garouffiere verlassen hatte. Dieser war mit seiner Gesellschaft noch immer da, weil Madame Bouvillon von einer grimmigen Kolik befallen worden. Als Destin ankam, fand er la Rancune, Olive und Ragotin nicht mehr, die zusammen nach Mans zurückgekehrt waren. Leander aber hatte seine liebe Angelique nicht verlassen wollen. Ich werde hier die Art, wie sie Mademoiselle de l'Etoile empfing, nicht beschreiben, da man sich leicht die Zärtlichkeit zweier solcher Freundinnen vorstellen kann. Destin erzählte Herrn la Garouffiere den Erfolg seiner Reise, und nachdem er leise etwas mit ihm gesprochen hatte, liess man den Bedienten Destins ins Zimmer kommen. Dort fragte man ihn aufs neue. Als er aber weiter den Stummen spielen wollte, liess man eine Flinte bringen und drohte ihm mit der Daumenschraube. Bei diesem Anblick fiel er auf die Knie, fing zu weinen an, bat seinen Herrn um Verzeihung und gestand, dass ihn la Rappinière alles das geheissen hätte was er getan hatte, und ihm zur Belohnung versprochen, ihn in seinen Dienst zu nehmen. Man erfuhr auch von ihm, dass la Rappinière sich in einem Haus zwei Stunden vom Dorf entfernt aufhielt, das er einer armen Witwe abgezwungen hatte. Destin sprach ein Wort mit Herrn la Garouffiere, worauf dieser seinen Bedienten fortschickte und dem la Rappinière sagen liess, er möge wegen einer wichtigen Sache sogleich zu ihm kommen. Der Rat von Rennes hatte alle Autorität über den la Rappinière; zudem hatte er ihn einmal in der Bretagne vom Rad errettet und ihn in allen Kriminalhändeln, die er gehabt, beschützt. Zwar wusste er wohl, dass er ein schlechter Mensch war, aber seine Frau war weitläufig mit ihm verwandt. Der Bediente traf ihn, als er eben zu Pferd steigen und nach Mans zurückkehren wollte. Sobald er hörte, dass Herr la Garouffiere mit ihm sprechen wollte, machte er sich zu ihm auf den Weg. Unterdessen liess la Garouffiere, der ein Schöngeist sein wollte, sein Portefeuille herbeibringen, woraus er allerlei, sowohl gute als schlechte Verse, holte. Er las sie Destin vor und kam schliesslich an eine kleine Geschichte, die er aus dem Spanischen übersetzt hatte, und die man im folgenden Kapitel lesen kann.

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