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Der Komoediantenroman

Paul Scarron: Der Komoediantenroman - Kapitel 36
Quellenangabe
pfad/scarron/komoedia/komoedia.xml
typefiction
authorPaul Scarron
titleDer Komoediantenroman
publisherGeorg Mueller
year1908
translatorFranz Blei
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20120410
projectide6ec1aa1
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Zwölftes Kapitel welches vielleicht ebensowenig unterhalten wird wie das vorige

Verville und Destin erzählten einander alles, was ihnen seit ihrer Trennung begegnet war. Verville konnte ihm von der Rohheit seines Bruders Saint-Far und der Tugend von dessen Frau nicht genug berichten. Sein eigenes Glück, das er im Besitz seiner Frau genoss, erhob er über alles, und gab ihm noch Nachricht vom Baron d'Arques und dem Herrn von Saint-Sauveur. Destin erzählte ihm alles, was ihm begegnet war, ohne ihm etwas zu verbergen, und Verville vertraute ihm, dass Saldagne noch immer im Lande und als ein schlechter und gefährlicher Mann bekannt wäre; er versprach ihm, dass wenn Mademoiselle de l'Etoile in seiner Gewalt wäre, er alles daranwenden wolle, sie zu entdecken und dem Destin mit seiner Person und allen seinen Freunden behilflich zu sein, sie zu befreien. »Er hat im Lande keinen andern Schutz als bei meinem Vater,« sagte Verville, »und bei einem Edelmann, der nicht viel besser ist als er und der in seinem Hause gar nichts zu befehlen hat, weil er der jüngste unter seinen Brüdern ist. Wenn er sich in der Provinz aufhält, kommt er gewiss zu uns auf Besuch. Mein Vater und ich dulden ihn bloss wegen der Verwandtschaft. Saint-Far kann ihn nicht leiden, so sehr sie auch einander ähnlich sind. Ich bin also der Meinung, dass du morgen mit mir gehst; ich weiss schon, wohin ich dich bringen will, und du wirst von niemandem gesehen werden als von denen, die du sehen willst. Unterdessen werde ich Saldagne genau beobachten lassen, so dass er ohne mein Wissen nichts tun soll.« Destin fand den Rat seines Freundes sehr vernünftig und beschloss, mit ihm zu gehen. Verville kehrte nun zu dem Gutsherrn zum Abendessen zurück; er hatte von ihm eine Erbschaft zu erwarten. Destin ass, was er in der Schenke kriegen konnte, und legte sich früh schlafen, um Verville nicht warten zu lassen, der morgens ganz früh zu seinem Vater zurück wollte. Sie reisten zur bestimmten Stunde ab, und während der drei Meilen, die sie miteinander machten, sagten sie einander noch manches, das sie tags vorher vergessen hatten. Verville wies Destin sein Quartier bei einem Bauern an, der ungefähr fünfhundert Schritte von dem Schlosse des Baron d'Arques ein sehr nettes Haus hatte. Er gab Befehl, alles geheim zu halten und versprach, ihn bald wieder zu besuchen. Verville war kaum zwei Stunden weg, als er wieder kam und Destin sagte, er hätte ihm Wichtiges zu melden. Destin erblasste und wurde zum voraus schon traurig; Verville aber machte ihm gleich Mut, dass er ein Mittel gegen das Unglück bereits wüsste, das er ihm jetzt erzählen müsse. »Als ich nach Hause kam, traf ich Saldagne, den ihrer Viere hergetragen hatten, in einem unteren Zimmer an. Sein Pferd ist eine Stunde von hier unter ihm gestürzt und hat ihn ganz zerquetscht. Er sagte mir, er hätte mit mir zu reden, und ich möchte auf sein Zimmer kommen, sobald der Wundarzt, der eben bei ihm war, sein Bein besichtigt hätte, das fast entzwei war. Als wir allein waren, sagte er mir: ›Ich muss Euch alle meine Fehler bekennen, ob Ihr gleich darin am wenigsten nachsichtig gegen mich seid, und sich meine Torheit immer vor Eurer Weisheit fürchten muss.‹ Er gestand mir also, dass er eine Komödiantin entführt habe, in die er sein ganzes Leben durch verliebt gewesen wäre, und dass er mir Einzelheiten dieser Entführung erzählen wollte, welche mich in Erstaunen setzen würden. Er sagte mir, dass eben der Edelmann, von dem ich dir erzählte, dass er sein Freund sei, ihm in der ganzen Provinz keinen Schutz hätte verschaffen können, und er gezwungen worden wäre, ihn aufzugeben und ihm alle die Leute zu nehmen, die er ihm zu seinem Unternehmen geliehen hatte, weil einer seiner Brüder, der einen Konterbandehandel trieb, von den Zollsoldaten verfolgt würde und er seine Leute zu seiner eigenen Bedeckung nötig hätte. ›Da ich mich nun in keiner Stadt sehen lassen durfte, so bin ich mit meinem Raub hierher gekommen. Ich habe meine Schwester, Eure Frau, gebeten, sie auf ihr Zimmer zu nehmen, damit sie der Baron von Arques nicht sieht, dessen Strenge ich fürchte. Und nun beschwöre ich Euch, da ich das Mädchen einmal nicht hier behalten kann und zwei erzdumme Bediente habe, mir den Eurigen dazu zu leihen, dass er sie nebst meinen zweien auf mein Landgut in die Bretagne bringe, wohin ich folge, sobald ich wieder ein Pferd besteigen kann.‹ Er fragte mich noch, ob ich ihm nicht ausser meinem Bedienten noch einige Leute verschaffen könnte; denn so töricht er auch ist, sieht er doch ein, dass drei Personen ein mit Gewalt entführtes Frauenzimmer schwerlich so weit bringen können. Ich machte ihm die Sache sehr leicht, und er glaubte mir es auch gleich. Seine Bedienten kennen dich nicht, der meinige ist ein geschickter Kerl und mir sehr treu. Ich werde ihn also Saldagne sagen lassen, dass er einen von seinen Freunden, der ein tapferer Bursch wäre, mitnehmen würde. Und dieser sollst du sein. Deine Geliebte soll Nachricht davon erhalten, und diese Nacht, wo sie beim Mondschein einen grossen Weg zurücklegen wollen, wird sie im ersten Dorf eine Übelkeit vorschützen. Man wird anhalten müssen. Mein Bedienter wird die Leute Saldagnes betrunken zu machen suchen, was nicht schwer ist, und dir dadurch die Flucht mit dem Fräulein erleichtern. Nachher wird er ihnen sagen, dass du ihr bereits nachgesetzt wärest, und wird sie einen dem deinigen ganz entgegengesetzten Weg führen.« Destin fand Vervilles Vorschlag sehr wahrscheinlich, als der Bediente, den er hatte holen lassen, eben zur Türe hereintrat. Sie besprachen nun die Sache miteinander und Verville blieb den übrigen Tag mit Destin beisammen. Die Nacht kam, und Destin fand sich nebst Vervilles Bedienten an dem festgesetzten Ort ein, die beiden Bedienten liessen nicht warten und Verville übergab ihnen selber Fräulein Etoile. Man kann sich die Freude dieser beiden jungen Verliebten vorstellen, die sich so liebten und sich doch Gewalt antun mussten, um nicht miteinander zu sprechen! Eine halbe Stunde Wegs fing das Fräulein zu klagen an, und man ermahnte sie, sich bis zu einem Dorf zu gedulden, das zwei Stunden weit entfernt war, wo man sie wolle ausruhen lassen. Sie tat, als wenn sich ihre Übelkeit vermehrte. Vervilles Bedienter und Destin waren sehr geschäftig, um Saldagnes Bedienten begreiflich zu machen, dass man anhalten müsse, obgleich sie noch nah bei dem Ort waren, woher sie gekommen. Endlich erreichte man das Dorf und verlangte Quartier in der Herberge, die glücklicherweise voller Gäste und Trinker war. Mademoiselle de l'Etoile spielte bei Licht die Kranke noch besser als im Dunkeln. Sie legte sich in Kleidern aufs Bett, bat, dass man sie nur eine Stunde möchte ruhen lassen, und sagte, dass sie nachher wohl wieder würde zu Pferde steigen können. Die Bedienten Saldagnes, die grosse Säufer waren, überliessen Vervilles Bedienten alles, der ja die Befehle von ihrem Herrn erhalten hatte, und setzten sich zu einigen Bauern, die ungefähr mit ihnen von einem Schlag waren. Sie fingen zu trinken an, ohne sich um irgendwas mehr zu kümmern. Vervilles Bedienter trank zuweilen ein Glas mit ihnen, um sie sicher zu machen, und unter dem Vorwand, nach der Kranken zu sehen, um sobald als möglich weiterreisen zu können, ging er und liess das Fräulein und Destin zu Pferd steigen und sagte ihm, welchen Weg er nehmen müsste. Er ging nun zu den Trinkern zurück und sagte ihnen, er hätte das Frauenzimmer schlafend angetroffen, was ein gutes Zeichen wäre. Er sagte ihnen noch, dass auch Destin sich zu Bett gelegt hätte, und fing nun an, mit ihnen zu trinken und ihnen Gesundheit zuzubringen, wodurch denn die ihrige vollends kaput wurde. Sie tranken unmässig viel, betranken sich wie Schweine und konnten nicht mehr vom Fleck. Man trug sie schliesslich in eine Scheune, denn sie hätten nur die Betten verdorben, wenn man sie in welche gelegt hätte. Vervilles Bedienter spielte nur den Betrunkenen, und nachdem er bis an den Morgen geschlafen hatte, weckte er plötzlich die Leute Saldagnes auf und sagte ihnen mit bestürztem Gesicht, dass das Frauenzimmer fort wäre, dass er seinen Kameraden nachgeschickt hätte, und dass sie nun zu Pferd steigen und sich trennen müssten, um sie nicht zu verfehlen. Er brauchte wohl eine Stunde dazu, ehe er ihnen das begreiflich machen konnte, und ich glaube, ihr Rausch dauerte acht Tage. Da die ganze Schenke, die Wirtin und die Mägde ausgenommen, vorige Nacht betrunken gewesen war, so dachte man gar nicht daran, sich danach zu erkundigen, wo Destin mit seinem Frauenzimmer hingekommen wäre, – und ich glaube, man erinnerte sich ihrer so wenig, als wenn sie gar nicht dagewesen wären. Während dass so viele Leute ihren Wein austrinken, Vervilles Bedienter den Unruhigen spielt und die von Saldagne zur Abreise treibt, diese beiden Besoffenen aber nicht sehr eilen, fliegt Destin mit seiner lieben Etoile dahin, freut sich, sie wiedergefunden zu haben, und zweifelt nicht, dass Vervilles Bedienter die des Saldagne einen ganz entgegengesetzten Weg geführt habe. Der Mond schien damals sehr hell und sie befanden sich auf einer Landstrasse, die nach einem Dorfe zu führte, in dem wir sie im folgenden Kapitel werden ankommen lassen.

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