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Der Komoediantenroman

Paul Scarron: Der Komoediantenroman - Kapitel 34
Quellenangabe
pfad/scarron/komoedia/komoedia.xml
typefiction
authorPaul Scarron
titleDer Komoediantenroman
publisherGeorg Mueller
year1908
translatorFranz Blei
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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projectide6ec1aa1
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Zehntes Kapitel. Madame Bouvillon kann einer Versuchung nicht widerstehen und erhält eine Beule auf die Stirn

Die Kutsche, die einen langen Weg zu machen hatte, war bei guter Zeit fertig. Die sieben Personen, die sie füllten, setzten sich hinein. Nun gings dahin und zehn Schritte von der Schenke brach die Achse mitten durch. Der Kutscher fluchte alles was er wusste, und man schimpfte auf ihn, gerade als ob er für die Dauer der Achse gebürgt hätte. Man musste nun eines nach dem andern aus dem Wagen ziehen und man nahm wieder den Weg nach der Schenke zurück. Die Inwohner der zerbrochenen Kutsche wurden sehr verdrossen, als man ihnen sagte, dass in dem ganzen Land kein Stellmacher näher wohne als der in einem grossen Dorf, so drei Meilen entfernt. Sie beratschlagten und beschlossen nichts, weil sie wohl einsahen, dass die Kutsche nicht eher als den andern Tag fertig werden konnte. Madame Bouvillon, die eine grosse Macht über ihren Sohn behalten hatte, da der ganze Reichtum des Hauses von ihr herrührte, befahl ihm, das eine Pferd der Bedienten zu besteigen und seine Frau auf das andere sitzen zu lassen, um einen Besuch bei ihrem alten Onkel zu machen, der in ebendem Dorf Pfarrer war, wo man den Stellmacher abholen wollte. Der Gutsherr dieses Dorfes war ein Verwandter des Rats und kannte den Advokaten und den Edelmann. Sie bekamen also Lust, ihn alle zusammen zu besuchen. Die Wirtin verschaffte ihnen Pferde, die sie sehr teuer vermietete, und Madame Bouvillon blieb von ihrer ganzen Gesellschaft allein in der Schenke zurück, da sie ein wenig müde war, oder es zu sein vorgab; zudem erlaubte es ihre kugelrunde Taille nicht einmal, einen Esel zu besteigen, wenn man auch einen hätte finden können, der stark genug gewesen wäre, sie zu tragen. Sie schickte ihre Magd, um Destin zu Tisch einzuladen, und in Erwartung des Essens setzte sie eine neue Haube auf, frisierte und puderte sich wieder frisch und band einen neuen Spitzenkragen um. Sie nahm des weitern aus einem Koffer eines von den Hochzeitskleidern ihrer Schwägerin und zog es an; kurz, sie verwandelte sich ein eine kleine vollkommene Nymphe. Destin hätte sehr gern ungeniert mit seinen Kameraden gegessen, aber wie konnte er einer so schönen Dame wie Madame Bouvillon absagen, die ihn rufen liess, sobald das Essen auf dem Tische stand. Destin wunderte sich, sie so galant gekleidet zu sehen. Sie empfing ihn mit lachendem Gesicht, nahm ihm beide Hände und drückte sie ihm auf eine Art, die etwas sagen wollte. Er dachte weniger an das Essen als an die Frage, warum er dazu war gebeten worden; doch Madame Bouvillon nötigte ihn so oft zu essen, dass er es nicht ablehnen konnte. Er wusste nicht, was er sagen sollte, wo er ja zudem von Natur sehr wenig sprach. Madame Bouvillon fand nur zuviel Stoff zur Unterhaltung; denn wenn eine sehr gesprächige Person mit einer andern, die wenig spricht, allein ist, so spricht sie nur desto mehr, denn sie beurteilt andere nach sich selbst; wenn sie sieht, dass man ihr nicht antwortet, wie sie in ähnlichem Fall getan haben würde, so glaubt sie, dass das was sie gesagt, ihrem gleichgültigen Zuhörer nicht gefalle, und will also ihren Fehler durch weiteres Reden verbessern, was aber öfters noch schlimmer ist als das was sie schon gesagt hat, – und so hört sie nicht auf zu reden und zu reden solange man ihr zuhört. Was Madame Bouvillon betrifft, so war sie die allergrösste Schwätzerin: sie sprach nicht nur ganz allein, sondern antwortete sich auch selber. Da nun Destins Stillschweigen ihr alle Freiheit gab, so holte sie sehr weit aus, und erzählte ihm alles was in der Stadt Laval, wo sie wohnte, vorging, machte ihn mit deren skandalöser Chronik bekannt, und nannte weder eine einzelne Person noch eine ganze Familie, ohne nicht zugleich Lobsprüche auf sich selber daraus zu ziehen. Ferner beschwor sie auch bei jedem Fehler, den sie bei ihrem Nächsten feststellt, dass ob sie gleich auch viele Fehler hätte, so doch wenigstens diesen nicht, von dem sie redete. Destin ärgerte sich anfangs darüber und antwortete nichts. Aber von Zeit zu Zeit war er zu lächeln gezwungen und manchmal rief er aus: »Das ist hübsch, das ist komisch« und öfters beides sehr zur unpassenden Zeit. Man räumte ab, sobald Destin gegessen hatte. Madame Bouvillon liess ihn neben sich auf ein Bett sitzen und ihre Magd ging endlich hinaus und machte die Türe zu. Madame Bouvillon, die glaubte, dass Destin darauf acht gegeben hätte, sagte: »Die dumme Person hat uns zusammen eingeschlossen.« – »Ich will sogleich die Tür aufmachen, wenn Sie es befehlen«, sagte Destin. – »Das will ich eben nicht sagen,« antwortete Madame Bouvillon, indem sie ihn zurückhielt, »allein Sie wissen wohl, dass man von zwei Personen, die sich zusammen einschliessen, alles mögliche denken kann, weil sie, nun ja, weil sie alles tun können was sie wollen.« – »Von Damen Ihrer Art,« meinte Destin, »urteilt man doch nicht so verwegen.« – »Ich will das auch nicht sagen,« versetzte sie, »aber man kann die üble Nachrede nicht genug vermeiden.« – »Man muss immer einigen Grund dazu haben,« sagte Destin, »und was Sie und mich betrifft, so weiss man ja zu gut, wie weit der Stand eines armen Komödianten wie ich von dem einer Dame von Stand, wie Sie, getrennt ist. Befehlen Sie also, dass ich die Tür öffnen soll?« – »Das meinte ich nicht,« sagte sie, indem sie die Türe ganz verschloss, »denn man wird es vielleicht nicht einmal bemerken, ob sie offen oder verschlossen ist; verschlossen oder nicht, es ist immer besser, dass sie nur mit unserer Einwilligung aufgemacht werden kann.« Und damit kam sie auf Destin zu, ihr dickes Gesicht war feuerrot und ihre kleinen Augen funkelten, und gaben ihm sehr zu überlegen, wie er sich mit Ehren aus dieser Sache ziehen könnte, die sie ihm da anbot. Die dicke wollüstige Dame nahm ihr Halstuch ab und legte den Augen Destins (der aber wenig Vergnügen daran fand) so an die zehn Pfund Brust vor, das heisst, den dritten Teil ihres Busens, denn der Rest war in gleicher Ware und Gewicht unter ihre beiden Schultern verteilt. Ihre bösen Begierden machten sie erröten (was auch solchen Weibern passiert); ihr Busen war ebenso rot wie ihr Gesicht, und beide zusammen hätte man von weitem für ein Stück Scharlach ansehen können. Destin wurde gleichfalls rot, aber aus Scham, während Madame Bouvillon, die keine Scham mehr hatte, aus Begierde errötete. Sie schrie, dass ein kleines Tier auf ihrem Rücken wäre, und zuckte in ihren Kleidern herum, als wenn sie sich gebissen fühlte – endlich bat sie den Destin, die Hand hineinzustecken. Der arme Mensch tat es mit Zittern, und unterdessen fasste ihn Madame Bouvillon bei den Hüften und fragte ihn ob er kitzlich wäre. Er musste nun entweder kämpfen oder nachgeben, wenn nicht Ragotin sich dort, wo die Türe war, hätte hören lassen, gegen die er mit Händen und Füssen pochte, als wenn er sie eindrücken wollte, und Destin zurief, er sollte aufmachen. Destin zog seine Hand aus dem schweissigen Rücken der Madame Bouvillon, um dem Ragotin zu öffnen, der immerfort lärmte; und als er geschickt zwischen ihr und dem Tisch durch wollte, um sie nicht zu berühren, stiess er mit dem Fuss an etwas, stolperte und fiel mit dem Kopf so stark an eine Bank, dass er eine Zeitlang ganz betäubt war. Madame Bouvillon, die unterdessen in der Eile ihr Halstuch wieder umgetan hatte, öffnete dem tollen Ragotin, der zu gleicher Zeit von aussen mit solcher Kraft an die Tür drückte und sie so stark gegen das Gesicht der armen Dame stiess, dass ihr die Nase davon blutete und sie eine faustdicke Beule auf der Stirn bekam. Sie schrie, sie wäre tot. Der kleine Kerl entschuldigte sich nicht einmal, sondern sprang in der Stube herum und rief einmal über das andere: Mademoiselle Angelique ist gefunden! Mademoiselle ist wieder hier! und hätte damit den Destin bald wild gemacht, der die Magd der Madame Bouvillon zu Hilfe rufen wollte, und vor Ragotins Geschrei gar nicht gehört werden konnte. Endlich brachte die Magd eine Serviette und Wasser. Destin und sie korrigierten so gut wie möglich den Schaden, den die allzu stark eingeschlagene Türe der armen Dame verursacht hatte. So neugierig er auch war, zu wissen, ob Ragotin die Wahrheit sagte, so folgte er doch seinem Ungestüm nicht sogleich und verliess Madame Bouvillon nicht eher, bis ihr Gesicht abgewaschen und getrocknet und ihre Beule verbunden war; schalt auch zwischen durch Ragotin einen unbesonnen Menschen, der aber trotzdem immer an ihm zog, um ihn dahin zu bringen, wo er ihn haben wollte.

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