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Der Komoediantenroman

Paul Scarron: Der Komoediantenroman - Kapitel 33
Quellenangabe
pfad/scarron/komoedia/komoedia.xml
typefiction
authorPaul Scarron
titleDer Komoediantenroman
publisherGeorg Mueller
year1908
translatorFranz Blei
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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projectide6ec1aa1
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Neuntes Kapitel. Neuer Unfall Ragotins

La Rancune und Ragotin schliefen miteinander. Olive brachte einen Teil der Nacht damit zu, dass er sein Wams wieder zusammenflickte, das bei der Balgerei mit Ragotin an verschiedenen Stellen aufgegangen war. Die diesen kleinen Kerl persönlich kannten, haben bemerkt, dass, so oft er sich mit jemandem prügelte (was ihm oft begegnete), er immer die Kleider seines Feindes entweder ganz oder zum Teil zerrissen hatte. Dies war sein Hauptvorteil, und wer sich mit ihm hauen wollte, musste seine Kleider ebenso sorgfältig schützen, als ein anderer sein Gesicht beim Fechten. La Rancune fragte ihn beim Schlafengehen, ob er krank wäre, denn er sähe sehr übel aus. Ragotin antwortete, dass er sich nie besser befunden hätte. Sie schliefen bald ein, und Ragotin musste es der Achtung danken, die la Rancune für die neu angekommene Gesellschaft in der Schenke hatte, sonst würde er die Nacht sehr übel zugebracht haben. Unterdessen flickte Olive immer an seinem Wams, und als er damit fertig war, nahm er Ragotins Kleider und nähte so geschickt wie der beste Schneider dessen Wams und Hosen enger zusammen und legte sie wieder an ihre Stelle. Nachdem er damit die halbe Nacht hingebracht hatte, legte er sich zu Ragotin und la Rancune ins Bett. Man stand, wie es in den Schenken, wo der Lärm mit dem Tag anfängt, der Brauch ist, sehr früh auf. La Rancune sagte Ragotin nochmals, dass er schlecht aussehe und Olive sagte ihm dasselbe. Er fing nun an, es wirklich zu glauben, und da er zu gleicher Zeit seine Kleider um vier Finger breit zu eng fand, so glaubte er, er wäre die Nacht über so stark geschwollen und erschrak mächtig über seine so plötzliche Geschwulst. La Rancune und Olive versicherten ihn immer, dass er krank aussähe, und Destin und Leander, die sie von dem Streich unterrichtet hatten, sagten ihm gleichfalls, er hätte sich sehr verändert. Dem armen Ragotin kamen darüber die Tränen in die Augen, und Destin konnte sich nicht enthalten, über ihn zu lachen, worüber der Kleine sich aber sehr ärgerte. Er ging in die Küche, wo ihm jedermann ebendas sagte, was ihm die Schauspieler gesagt hatten, ja sogar die Leute aus dem Wagen, die diesen Tag einen langen Weg zu machen hatten und sehr früh aufgestanden waren. Sie luden die Komödianten ein mit ihnen zu frühstücken, und jeder trank auf des kranken Ragotin Gesundheit, der statt ihnen dafür zu danken, brummend von ihnen weg zum Dorfbader ging, dem er die Geschichte von seiner Geschwulst erzählte. Der Barbier schwatzte ein Langes und ein Breites von den Ursachen und der Wirkung seines Übels, wovon er ebensoviel verstand als von der Algebra, und sprach eine Viertelstunde mit ihm in Kunstwörtern, die gar nicht auf die Sache passten. Ragotin wurde ungeduldig und fluchte, ob er ihm sonst nichts zu sagen hätte. Der Bader wollte weiterreden, aber Ragotin wollte ihn prügeln und der Barbier würde es gewiss getan haben, wenn er nicht mit diesem zornigen Patienten Mitleid gehabt und ihm Ader gelassen hätte. Dies war eben geschehen, als Leander herzu kam und ihm sagte, dass wenn er nicht böse würde, er ihm einen Streich entdecken wolle, den man ihm gespielt hätte. Er versprach mehr als Leander wollte und schwur auf seine Seligkeit, alles zu halten, was man verlange. Leander erklärte, dass einige Zeugen bei seinem Schwur sein müssten, und führte ihn in die Schenke zurück, wo er ihn in Gegenwart aller Herren und Bedienten aufs neue schwören liess, und ihm dann entdeckte, dass man ihm seine Kleider enger gemacht hatte. Ragotin wurde zuerst rot vor Scham, dann wieder blass vor Zorn, und wollte eben seinen Schwur brechen, als sechs oder sieben Personen auf einmal und zwar so heftig anfingen, ihm Vorstellungen zu machen, dass, ob er gleich aus allen Kräften fluchte, man ihn doch nicht hören konnte. Er hörte schliesslich zu schreien auf, aber die andern brüllten ihm weiter in die Ohren und taten dies so lange, dass der arme Mann beinahe das Gehör darüber verloren hätte. Endlich zog er sich besser aus der Sache als man vermutete, und fing plötzlich an, aus allen Kräften das erste beste Lied zu singen, das ihm in den Mund kam. Das veränderte auf einmal den grossen Lärm in ein ausgelassenes Gelächter, das sich von den Herren auf die Bedienten verbreitete und durch alle Zimmer in der ganzen Schenke. Während nun der Lärm so vieler Lachenden nach und nach abnimmt und sich in der Luft verliert, so wie etwa die Stimme des Echos, also wird der aufrichtige Geschichtsschreiber mit Erlaubnis des wohlwollenden oder übelwollenden Lesers hier schliessen.

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