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Der Komoediantenroman

Paul Scarron: Der Komoediantenroman - Kapitel 32
Quellenangabe
pfad/scarron/komoedia/komoedia.xml
typefiction
authorPaul Scarron
titleDer Komoediantenroman
publisherGeorg Mueller
year1908
translatorFranz Blei
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Achtes Kapitel. Was ferner sich mit Ragotins Fuss zutrug

Wenn Ragotin ganz allein und ohne Hilfe seiner Freunde seinen Fuss von dem bösen Nachtgeschirr hätte befreien können, in dem er stak, so hätte seine Wut sich gewiss den ganzen Tag nicht gelegt. So aber war er gezwungen seinen Stolz klein zu machen, gute Worte zu geben und den Destin und Rancune sehr demütig zu bitten, dass sie ihm zur Befreiung seines rechten oder linken Fusses (denn ich weiss nicht genau, welcher es war) behilflich seien. Den Olive bat er nicht darum, wegen dem was zwischen ihnen vorgefallen war, aber der kam ihm, ohne sich bitten zu lassen, zu Hilfe und plagte sich mit seinen beiden Kameraden. Die Gewalt, die der kleine Mann angewandt hatte, um seinen Fuss aus dem Nachttopf zu bringen, hatte ihn aufschwellen machen; und die Gewalt, die Destin und Olive anwandten, liessen ihn noch mehr aufschwellen. La Rancune hatte zuerst Hand angelegt, aber so ungeschickt oder so boshaft, dass Ragotin nicht anders glaubte als er wolle ihm das Bein brechen. Er bat ihn daher inständig, nichts weiter zu tun, und das gleiche bat er die andern. Er legte sich auf ein Bett, während man einen Schlosser holte, der ihm den Nachttopf vom Fuss abfeilen sollte. – Der Rest des Tages wurde in der Schenke ziemlich ruhig und von Destin und Leander ziemlich traurig hingebracht. Der eine war um seinen Diener besorgt, der nicht zurückkam und ihm die versprochenen Nachrichten von seiner Geliebten brachte, und der andere konnte wegen der Abwesenheit seiner geliebten Mademoiselle de l'Etoile nicht vergnügt sein; ausserdem nahm er an der Entführung der Mademoiselle Angelique vielen Anteil und bedauerte den Leander, auf dessen Gesicht man die deutlichen Zeichen tiefen Kummers wahrnahm. La Rancune und Olive gesellten sich bald zu einigen Dörflern, die Kegel spielten, und Ragotin schlief, nachdem er seinen Fuss hatte losmachen lassen, den ganzen Tag durch, sei es, dass er Lust dazu hatte, oder dass er nach allen den Unfällen, die ihm begegnet waren, nicht gerne öffentlich sich zeigen wollte. Der Wirt wurde begraben, und die Wirtin liess, ungeachtet der erbaulichen Vorsätze, die sie bei der Beerdigung genommen hatte, zwei Engländer, die von der Bretagne nach Paris reisten, ganz judenmässig bezahlen. Die Sonne ging eben unter, als Destin und Leander, die das Fenster ihres Zimmers nicht verliessen, vor der Schenke eine Kutsche mit vier Pferden halten sahen, von drei Männern zu Pferd und vier oder fünf Bedienten begleitetet. Eine Magd kam herauf und bat, sie möchten der Gesellschaft, die eben angekommen wäre, ihr Zimmer überlassen. Ragotin war so gezwungen, sich zu zeigen, obgleich er gerne das Zimmer gehütet hätte, und folgte dem Destin und Leander in jene Kammer, wo er den Tag vorher la Rancune sterben zu sehen geglaubt hatte. Destin wurde in der Küche von einem der Herren des Wagens erkannt; es war der nämliche Parlamentsrat von Rennes, mit dem er auf der Hochzeit, die für die arme Caverne so unglücklich ablief, Bekanntschaft gemacht hatte. Der Rat fragte den Destin um Nachrichten von Angelique und zeigte sein Missvergnügen darüber, dass sie sich nicht wiedergefunden hätte. Er nannte sich la Garouffiere und hatte, wie ich schon sagte, Verstand. Er war keineswegs ein Landjunker, sondern verzehrte während der Parlamentsferien sein Geld in Paris, und trauerte, wenn der Hof Trauer anlegte. Alles dieses zusammen würde zwar keinen ganzen Adelsbrief ausmachen, aber doch wenigstens, wenn ich so sagen darf, einen unbürgerlichen Brief. Im übrigen war er ein Schöngeist, weil ja jeder für Geist und Geistesdinge empfänglich zu sein vorgibt, sowohl Kenner als auch Ignoranten, die ganz dreist über Prosa und Verse urteilen, wenn sie auch glauben, dass es eine Schande ist, gut zu schreiben, und im Notfall das Bücherschreiben ebensosehr für ein Verbrechen halten wie die Falschmünzerei. Die Komödianten haben Vorteil davon. Man schmeichelt ihnen in allen Städten, wo sie spielen, denn da sie gleichsam die Papageien der Dichter sind, und einige von ihnen auch selber entweder eigene oder von andern gestohlene Stücke schreiben, so hält man es für eine Art von Ehre, Schauspieler zu kennen und mit ihnen zu verkehren. In unseren Tagen hat man ihrem Beruf Gerechtigkeit widerfahren lassen, und man achtet sie jetzt mehr als früher. Dann hat auch wirklich das Volk im Theater seine unschuldigste Unterhaltung, amüsiert sich und belehrt sich. Die Stücke sind, besonders in Paris, von Zoten heute gesäubert. Man möchte wünschen, sie wären es auch von Bedienten, Pagen und Spitzbuben und anderem Dreck des Menschengeschlechts. Aber zurück zur Sache. Herr de la Garouffiere war sehr erfreut, Destin in der Schenke zu treffen und liess sich von ihm versprechen, dass er mit der Gesellschaft, die mit ihm im Wagen gekommen wäre, zu Abend esse. Diese Gesellschaft bestand aus dem Neuvermählten von Mans und aus seiner jungen Gemahlin, die er in seine Heimat Laval führte, aus seiner Mutter, aus einem Provinzedelmann, einem Parlamentsadvokaten und aus ebendem Herrn la Garouffiere, alle miteinander verwandt; alle hatten Destin bei der Hochzeit gesehen, bei der Angelique entführt worden war. Zählt man zu allen diesen noch eine Art von Kammermädchen, so wird man finden, dass der Wagen, in dem sie fuhren, ziemlich voll gewesen sein muss. Zudem war Madame Bouvillon (dies war die Mutter des Neuvermählten) eine der dicksten Damen im Königreich, wenn auch sehr klein; man hat mir versichert, dass sie durchschnittlich, ob gutes oder schlechtes Jahr, drei Zentner Fleisch auf sich trug, ohne die andern dichten und flüssigen Materien mitzurechnen, die in einen menschlichen Körper hineingehen. Man brachte das Abendessen, und Destin erschien dabei mit seinem wie immer hübschen Gesicht, das auch durch schwarze Wäsche nicht entstellt war, da ihm Leander weisse geborgt hatte. Er sprach nach seiner Gewohnheit sehr wenig; und wenn er auch so viel gesprochen hätte wie die übrigen, die fortwährend sprachen, so hätte er vielleicht nicht so viel Unsinn geredet wie sie sagten. La Garouffiere legte ihm von allem vor, was da war. Madame Bouvillon wetteiferte hierin mit ihm und mit so wenig Vernunft, dass alle Schüsseln, die auf dem Tisch standen, bald leer waren, und Destins Teller hingegen so voller Hühnerflügel und Schenkel, dass man sich wundern musste, wie eine so hohe Fleischpyramide auf einer so kleinen Basis, wie ein Teller, Platz haben konnte. La Garouffiere gab nicht acht darauf, so sehr war er damit beschäftigt, Destin mit Versen zu unterhalten und ihm dadurch eine hohe Meinung von seiner Kennerschaft beizubringen. Madame Bouvillon, die gleichfalls ihre Absichten hatte, fuhr in ihrem Eifer für den Schauspieler fort, und da sie nun keine Hühner mehr zu zerschneiden fand, so fing sie an, ihm Stücke Schöpsenbraten vorzulegen. Er wusste nicht, wo er sie hintun sollte, und hielt verlegen in jeder Hand ein Stück, als der Edelmann, der hungrig war, ihn lächelnd fragte, ob er wohl alles das aufessen wollte, was auf seinem Teller läge. Destin sah vor sich und war sehr erstaunt, eine Hekatombe von zerlegten Hühnern vor sich zu sehen, die ihm bald an das Kinn reichte und mit denen la Garouffiere und Bouvillon seinem Verdienst eine Ehrensäule errichtet hatten. Er errötete und konnte sich nicht enthalten, darüber zu lachen. Frau Bouvillon wurde verlegen, la Garouffiere lachte sehr stark und veranlasste dadurch die ganze Gesellschaft, aus vollem Halse mitzulachen. Als die Herren aufhörten, fingen die Bedienten an, und dies wieder fand die Neuvermählte so lächerlich, dass sie während des Trinkens anfing zu lachen und das ganze Gesicht ihres Gemahls und das ihrer Schwiegermutter mit allem Wein, der im Glas war, beprustete; das übrige kam auf den Tisch und auf die Kleider derer, die neben ihr sassen. Man fing nun aufs neue an zu lachen, nur die Bouvillon lachte nicht, sondern wurde sehr rot, und gab ihrer Schwiegertochter einen zornigen Blick, der ihre Lustigkeit etwas niederschlug. Endlich hörte man zu lachen auf, weil man schliesslich nicht immer lachen kann. Man wischte sich die Augen, die Bouvillon und ihr Sohn trockneten den Wein ab, der ihnen über das Gesicht herunterlief, und die Neuvermählte entschuldigte sich, immer noch mit vieler Mühe das Lachen zurückhaltend. Destin setzte seinen Teller mitten auf den Tisch, und jeder nahm nun davon, was ihm gehörte. Man konnte während dem Essen von nichts anderem mehr sprechen, und der Spass ging sehr weit, obzwar die ernsthafte Miene, welche die Madame Bouvillon unschicklicherweise aufsetzte, einigermassen das Vergnügen der Gesellschaft störte. Sobald man abgetragen hatte, gingen die Damen in ihr Zimmer. Der Advokat und der Edelmann liessen sich Karten geben und spielten Piquet. La Garouffiere und Destin, die nicht unter jene gehörten, denen die Zeit lang wird, wenn sie nicht spielen, unterhielten sich sehr gelehrt und hielten eine der schönsten Unterredungen, die jemals in einer Schenke von Niedermaine war gehalten worden. La Garouffiere sprach mit Fleiss von all dem, was ein Schauspieler gewöhnlich nicht versteht, dessen Geist beschränkter ist als sein Gedächtnis. Destin antwortete darauf als ein Mensch, der die Welt kennt. Unter anderm gab er mit allem möglichen Scharfsinn den Unterschied an, der zwischen den Frauen besteht, die viel Verstand besitzen, ihn aber nur gelegentlich zeigen, und jenen, die ihn nur haben, um ihn bei jeder Gelegenheit zu zeigen; ferner zwischen denen, die den Witzlingen ihre Eigenschaft als Lustigmacher und guter Gesellschafter neiden, über alle zweideutigen Anspielungen und Worte lachen, und jenen, die den liebenswürdigeren Teil dieses Geschlechts ausmachen. Er sprach ferner von den Frauenzimmern, die so gut schrieben wie die Mannspersonen, und aus blosser Bescheidenheit ihre Werke nicht öffentlich in den Druck gegeben. La Garouffiere, der ein braver Mann war und brave Leute herauszukennen wusste, konnte nicht begreifen, wie ein Berufsschauspieler so gute Lebensart so vollkommen besitzen konnte. Er bewunderte ihn bei sich selber. Der Advokat und der Edelmann, die nicht mehr spielten, weil sie sich wegen einer tournierten Karte gezankt hatten, gähnten einander wechselweise an und waren sehr schläfrig. Man machte ihnen drei Betten in das Zimmer, wo sie gegessen hatten, und Destin ging in das seiner Kameraden, wo er bei Leander schlief.

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