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Der Komoediantenroman

Paul Scarron: Der Komoediantenroman - Kapitel 31
Quellenangabe
pfad/scarron/komoedia/komoedia.xml
typefiction
authorPaul Scarron
titleDer Komoediantenroman
publisherGeorg Mueller
year1908
translatorFranz Blei
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Siebentes Kapitel. Panischer Schrecken des Ragotin und neues Unglück. Geschichte von dem Kadaver. Prügel und andere überraschende Dinge, eines Platzes in diesem Kapitel würdig

Leander sah also durch das Fenster immer nach der Seite hin, woher sein Diener kommen sollte, als er auf einmal nach der anderen Seite schauend den kleinen Ragotin erblickte, der bis an die Hüften gestiefelt auf einem kleinen Maultier sass und auf einer Seite den la Rancune, auf der andern den Olive hatte, die gleich zwei Trabanten neben ihm hergingen. Sie hatten sich von Dorf zu Dorf nach Destin durchgefragt und mit vielem Suchen ihn endlich gefunden. Destin ging hinunter ihnen entgegen und liess sie ins Zimmer hinaufkommen. Sie erkannten den jungen Leander, der sein Gesicht sowohl wie seine Kleider verändert hatte, nicht gleich. Damit man ihn nun nicht für das erkennen möge, was er wirklich war, befahl ihm Destin in seinem gewöhnlichen, befehlenden Ton, dass er hinuntergehen und das Abendessen bestellen solle. Die Komödianten erkannten ihn daran wieder und hatten ihn kaum seiner Tapferkeit wegen gelobt, als Destin wieder das Wort nahm und ihnen sagte, dass ein reicher Onkel aus Niedermaine den Burschen, so wie sie ihn sahen, vom Fuss zu Kopf neu gekleidet und ihm sogar Geld gegeben hätte, um ihn zu bewegen, das Theater zu verlassen, was er aber nicht hätte tun wollen. Destin und die andern fragten einander um Neuigkeiten wegen ihres Fanges und konnten sich keine geben. Ragotin versicherte dem Destin, dass er die Schauspielerinnen bei guter Gesundheit verlassen hätte, wenn auch sehr traurig über die Entführung der Mademoiselle Angelique. Die Nacht kam und die Neuangekommenen tranken ebenso viel als die anderen wenig. Ragotin wurde lustig und forderte jedermann zum Trinken auf, machte viele Spässe und sang Lieder. Da man ihm aber darin nicht gleichtat, und der Schwager der Wirtin der Gesellschaft vorstellte, dass es nicht schicklich sei, bei Anwesenheit einer Leiche soviel Lärm zu machen, so schwieg Ragotin zwar, trank aber desto mehr. Man ging zu Bett: Destin und Leander in das Zimmer, das sie schon vor inne hatten, Ragotin, Rancune und Olive aber in eine kleine Kammer neben der Küche, die gerade neben dem Raum war, in dem der Leichnam des Verstorbenen lag, den man noch nicht begraben hatte. Die Wirtin schlief im obern Stockwerk nicht weit von dem Zimmer des Destin und Leander. Sie hatte sich dahin begeben, um nicht ihren toten Mann in der Nähe zu haben und um die Trauerbesuche ihrer Freundinnen zu empfangen, die in grosser Anzahl kamen; denn sie war eine der angesehensten Frauen des Dorfes und immer ebensosehr geliebt als ihr Mann gehasst worden. Alles war still in der Schenke, selbst die Hunde, und die Ruhe dauerte so bis zwischen zwei und drei Uhr des Morgens, als auf einmal Ragotin aus vollem Halse zu schreien anfing, dass Rancune gestorben sei. Zugleich weckte er Olive auf, ging hinauf zu Destin und Leander und brachte sie herunter, in seine Kammer, um, wie er sagte, den Rancune, der eben an seiner Seite verschieden wäre zu beklagen und anzusehen. Destin und Leander gingen mit, und das erste, was ihnen beim Eintritt in das Zimmer in die Augen fiel war Rancune, der so wie jeder andre gesunde Mensch im Zimmer auf und ab spazierte, wenngleich dies nach einem plötzlichen Tod ziemlich schwer sein dürfte. Ragotin, der zuerst hineinging, hatte ihn kaum erblickt, als er zurückfuhr als ob er auf eine Schlange getreten hätte; er tat einen Schrei, wurde totenblass und stiess, als er zur Kammer hinausfuhr, so hart an Destin und Leander, dass er sie beinah umgerannt hätte. Während er bis in den Garten der Schenke floh, wo er beinah erfroren wäre, fragte Destin und Leander den Rancune um einige Nachrichten von seinem Tode. La Rancune sagte, er wüsste ebensowenig davon wie sie, und Ragotin müsste nicht gescheit im Kopf sein. Olive lachte immerzu, aber la Rancune blieb nach seiner Gewohnheit ganz kühl, ohne ein Wort zu reden, und weder er noch Olive erklärten sich deutlicher. Leander ging dem Ragotin nach und fand ihn hinter einem Baum versteckt, wo er mehr vor Furcht als vor Kälte zitterte obschon er im Hemd war. Seine Phantasie war so erfüllt von Rancunes Tod, dass er anfangs den Leander für dessen Geist hielt und fortlaufen wollte als er auf ihn zukam. Dann kam noch Destin dazu, den er für ein zweites Gespenst hielt, – sie konnten, soviel sie ihn fragten, auch nicht ein Wort aus ihm herausbringen, fassten ihn schliesslich unter den Armen und wollten ihn in seine Kammer zurückführen. Als sie gerade zum Garten hinausgehen wollten, erschien la Rancune, der eben hinein wollte. Ragotin machte sich schnell los und lief, mit erschrockenem Gesicht zurückschauend, in eine dicke Rosenhecke hinein, in die er sich mit Händen und Füssen hineinarbeitete und nicht wieder heraus konnte. La Rancune lief nun auf ihn zu und hiess ihn hundertmal einen Narren, den man einsperren müsse. Sie zogen ihn nun zu dritt aus der Rosenhecke heraus und Rancune gab ihm einen Schlag auf den blossen Hintern, um ihm zu beweisen, dass er noch nicht tot sei, – worauf sie den kleinen erschrockenen Mann wieder in seine Kammer führten und ins Bett legten. Kaum aber lag er darin, als sich ein Geschrei von Weiberstimmen in der nächsten Kammer erhob. Destin ging hinein und fand vier oder fünf Weiber, die zugleich mit der Wirtin unter dem Bett herumsuchten, in den Kamin schauten und höchst erschrocken schienen. Er fragte, was ihnen fehlte, und die Wirtin sagte ihm halb heulend, halb redend, dass sie nicht wüsste, wo der Leichnam ihres armen Mannes hingekommen wäre. Und fing gleich wieder an zu heulen und die übrigen stimmten mit ein, und es war ein so erbärmliches Geschrei, dass alle Leute, die in der Schenke waren, in das Zimmer kamen, ja selbst die Nachbarn und die Vorbeigehenden liefen herbei. Während der Zeit hatte sich ein Kater einer Taube bemächtigt, welche die Magd halb gespickt auf dem Küchentisch hatte liegen lassen, und lief mit seinem Raub in Ragotins Zimmer unter das Bett, in dem er mit Rancune geschlafen hatte. Die Magd lief mit einem Stock hinterdrein, und als sie unter das Bett nach ihrer Taube sah, schrie sie auf einmal aus vollem Hals, sie hätte ihren Herrn gefunden und schrie das so oft, dass die Wirtin und die andern Weiber herbeiliefen. Die Magd fiel ihrer Frau um den Hals und sagte ihr so voller Freude, sie hätte ihren Herrn wiedergefunden, dass die arme Witwe beinahe glaubte, ihr Mann sei wieder auferstanden – denn sie wurde totenblass. Endlich liess sie die Magd unter das Bett sehen, wo sie denn den Leichnam fanden, den sie suchten. Es kostete nicht viele Mühe, ihn da wegzubringen, trotzdem er sehr schwer war, – es war nur die Frage, wer ihn dahin gelegt hatte! Man trug ihn wieder in seine Kammer und legte ihn in den Sarg. Die Schauspieler gingen mit Destin in sein Zimmer, der von alledem nichts begreifen konnte. Und Leander war bloss mit seiner geliebten Angelique beschäftigt, was ihn so tiefsinnig wie Ragotin geärgert darüber machte, dass Rancune nicht gestorben war, unter dessen Spott er so viel litt, dass er ganz gegen seine Gewohnheit unaufhörlich zu reden und sich in alles zu mischen, überhaupt nichts mehr sprach. La Rancune und Olive hatten sich über die Wanderung eines Leichnams von einem Zimmer in das andere so wenig gewundert, dass Destin leicht sah, dass sie an diesem Wunder vielen Anteil haben müssten. Inzwischen klärte sich die Sache in der Küche auf. Ein Knecht, der eben vom Feld nach Haus zum Essen kam, und dem die Magd mit grossem Schrecken erzählte, dass der Leichnam ihres Herrn von selbst aufgestanden und herumgegangen wäre, sagte ihr, dass, als er bei Tagesanbruch durch die Küche gegangen wäre, er zwei Männer im blossen Hemde gesehen habe, die den toten Herrn auf ihren Schultern in die Kammer trugen, wo man ihn gefunden hatte. Der Bruder des Verstorbenen hörte mit an was der Knecht sagte und nahm es sehr übel. Die Witwe und ihre Freundinnen erfuhren es gleich wieder und alle ärgerten sich höchlichst darüber und meinten, ein Hexenmeister müsse mit dem toten Körper Unfug treiben. Während man Rancune so schlimm beurteilte, kam er selber in die Küche, um das Frühstück auf das Zimmer zu bestellen. Der Bruder des Verstorbenen fragte ihn, weshalb er den toten Körper in seine Kammer getragen hätte. La Rancune, weit entfernt ihm zu antworten, sah ihn nicht einmal an. Die Witwe fragte ihn das gleiche, und er war ebenso gleichgültig gegen sie, wie die Dame nicht gegen ihn. Sie sprang ihm in die Augen wie eine wütende Löwin, der man die Jungen geraubt hat (der Vergleich ist, fürchte ich, ein bisschen zu grossartig), ihr Schwager gab ihm einen Schlag mit der Faust, und auch die Freundinnen der Wirtin schonten ihn nicht. Schliesslich mischten sich noch die Knechte und Mägde mit hinein. Aber ein einziger Mensch war für so viel Schläge viel zu klein und so hauten sie sich also selber untereinander. La Rancune, allein gegen viele, liess sich durch die Anzahl seiner Feinde nicht abschrecken, machte aus der Not eine Tugend und bediente sich seiner Fäuste und Arme soviel als möglich – das übrige überliess er dem Schicksal. Niemals war ein so ungleicher Streit so heftig geführt worden. La Rancune behielt mitten in der Gefahr alle Gegenwart des Geistes, und gebrauchte sowohl seine List als seine Stärke. Er sparte seine Streiche und brachte sie nur so vorteilhaft als möglich an; wenn er also eine Ohrfeige austeilte, so fiel sie zwar nicht geradezu auf die Backe seines Gegners sondern glitschte gleichsam ab auf eine zweite, ja oft auf eine dritte Backe, weil er die meisten seiner Hiebe im Springen austeilte, so dass eine einzige Backpfeife Töne aus verschiedenen Visagen zog. Auf den Lärm kam Olive in die Küche herunter. Kaum hatte er seinen Kameraden unter allen die ihn prügelten unterschieden, als er sich auch schon geprügelt fühlte und das noch stärker als la Rancune, dessen tapferer Widerstand einige Furcht eingeflösst hatte. Zwei, drei, die von la Rancune am übelsten waren zugerichtet worden, fielen gleich, wie um sich zu rächen, über Olive her. Der Lärm wurde immer ärger. Die Wirtin kriegte einen Schlag aufs Auge, wodurch sie auf einmal tausend Lichterchen zu sehen bekam und zum Kampf unfähig wurde. Sie heulte noch stärker und herzlicher als sie bei dem Tode ihres Mannes getan hatte, was die Nachbarn ins Haus lockte und auch Destin und Leander in die Küche herunterkommen liess. Ob sie nun gleich mit Friedensgesinnungen herunterkamen, fing man doch sofort und ohne Erklärung den Krieg gegen sie an. Die Schläge fielen hageldicht auf sie, und sie gaben sie ebenso wieder. Die Wirtin, ihre Freundinnen und die Mägde schrien Diebe und Mörder. Sie waren nunmehr brüllende Zuschauerinnen des Streites, die eine mit einem eingeschlagenen Auge, die andere mit blutiger Nase, eine dritte mit zerbrochner Kinnlade, alle mit zerrauften Haaren und zerrissenen Kleidern. Die Nachbarn nahmen sich nun der Wirtin an gegen jene, die sie Mörder nannte. Es gehört eine geschicktere Feder als die meine dazu, alle die Schläge zu beschreiben, die da fielen. Schliesslich übermannte Zorn und Wut beide Parteien und man fing an, Bratspiesse und andere solche Gegenstände einander an den Kopf zu schmeissen, – als der Pfarrer in das Zimmer trat und sich bemühte, dem Kampf Einhalt zu tun. So viel Respekt man auch für ihn hatte, es hätte ihm doch viel Mühe gekostet, die Streitenden auseinander zu bringen, wenn sie nicht selber wären müde geworden. Die Prügel hörten von beiden Seiten auf, nicht aber der Lärm; denn jeder wollte zuerst reden, besonders die Weiber mit ihren Fistelstimmen. Der arme Hochwürden musste sich die Ohren zuhalten und lief zur Tür hinaus. Dies brachte die Lautesten zum Schweigen. Er erschien nun wieder auf dem Kampfplatz und der Bruder des Wirts nahm auf seinen Befehl das Wort und brachte seine Klage vor wegen Transportierung des Leichnams aus einem Zimmer in das andere. Er würde die schlechte Tat noch weit mehr übertrieben haben als er wirklich tat, wenn er weniger Blut gespien hätte, ausser dem, das ihm aus der Nase lief und das er nicht stillen konnte. La Rancune und Olive gestanden das ein, dessen man sie beschuldigte und erklärten, dass sie es in keiner bösen Absicht getan hätten, sondern bloss um einen ihrer Kameraden damit zu erschrecken. Der Pfarrer verwies es ihnen sehr und bewies ihnen, dass ein solches Unternehmen für keinen Spass mehr zu halten sei. Und da er ein vernünftiger Mann und in seinem Kirchspiel sehr beliebt war, so stillte er den Aufruhr ohne viele Mühe. Allein die Zwietracht hatte in diesem Hause noch nicht alles getan, was sie tun wollte. Man vernahm aus dem oberen Zimmer ein Geheul, dem eines abgestochnen Schweines nicht unähnlich, und der von dem es herrührte war kein andrer als der kleine Ragotin. Der Pfarrer, die Komödianten und verschiedene andere noch eilten zu ihm, und fanden seinen ganzen Leib, den Kopf ausgenommen, in einem grossen hölzernen Kasten stecken, worin man die Wäsche zu verwahren pflegte und das schlimmste: der feste und schwere Deckel des Kastens war ihm auf die Beine gefallen und drückte sie mächtig. Eine starke Magd die nicht weit von dem Kasten war als man hereinkam und die sehr in Aufregung schien, wurde sogleich als die Täterin erkannt. Sie war es auch und war so stolz darauf, dass sie ruhig weiter das Bett im Zimmer in Ordnung brachte, ohne nur hinzusehen auf welche Art man Ragotin aus dem Kasten zöge, ja sie antwortete nicht einmal auf die Fragen, die man an sie richtete. Der kleine Mann wurde aus seinem Käfig befreit. Kaum war er auf den Beinen, als er nach einem Degen lief. Den nahm man ihm weg, aber man konnte ihn nicht abhalten, auf die starke Magd loszustürzen, die man ebensowenig davon abhalten konnte, ihm eine solche Ohrfeige zu geben, dass der weite Sitz seines engen Verstandes völlig davon erschüttert wurde. Ragotin fuhr drei Schritt zurück; aber bloss um besser vorwärts springen zu können, wenn nicht Olive ihn in dem Augenblick bei den Hosen zurückgehalten hätte. Die Gewalt, die er anwandte um loszukommen, war obgleich vergebens doch so heftig, dass das Hosenband entzwei riss. Und die ganze Gesellschaft fing nun unbändig zu lachen an. Der Pfarrer vergass darüber Ernst und Würde und der Bruder des Wirts, dass er den Leidtragenden zu mimen hatte. Ragotin allein hatte keine Lust zu lachen, kehrte seine Wut gegen Olive, der davon beleidigt, ihn auf das Bett hintrug, das die Magd machte, und ihm dort mit herkulischer Stärke die Hosen völlig herunter zog; und indem er seine Hände aufhob und wechselweise niederfallen liess, machte er ihm sein Hinterteil und die benachbarten Örter in kurzem so rot wie Scharlach. Der tapfere Ragotin warf sich mutig vom Bett herunter, aber diese kühne Tat hatte nicht den Erfolg, den sie verdiente. Sein Fuss stieg in einen Nachttopf, den man zu seinem Unglück unter dem Bett hatte stehen lassen, und da er darin so fest stak, dass er ihn mit Hilfe seines andern Fusses nicht herausziehn konnte, schämte er sich, hinter dem Bette wo er war hervorzukommen, um der Gesellschaft nicht zum Spott zu werden, was er am wenigsten vertragen konnte. So stand er also zwischen Bett und Zimmerwand. Ein jeder wunderte sich, ihn auf einmal so ruhig zu sehen. La Rancune vermutete aber gleich, dass es eine Ursache haben müsste, zog ihn also halb willig, halb mit Gewalt hinter dem Bett hervor, und alsdann sah man die Falle, worin er gefangen war, und niemand konnte sich des Lachens enthalten als man den blechernen Fuss sah, den sich der kleine Mann gemacht hatte. Wir wollen ihn nun mit stolzen Füssen auf Blech einhergehen lassen, um eine andere Gesellschaft zu empfangen, die eben in die Schenke trat.

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