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Der Komoediantenroman

Paul Scarron: Der Komoediantenroman - Kapitel 3
Quellenangabe
pfad/scarron/komoedia/komoedia.xml
typefiction
authorPaul Scarron
titleDer Komoediantenroman
publisherGeorg Mueller
year1908
translatorFranz Blei
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Zweites Kapitel. Was Herr de la Rappinière für ein Mensch war

La Rappinière war damals der Spassmacher der Stadt Mans, und gibt es wohl keine Stadt, die nicht den ihrigen hat; Paris hat in jedem Viertel einen, und ich selbst hätte ihn in meinem Viertel vorstellen können, wenn ich gewollt hätte; allein seit langer Zeit habe ich, wie jedermann weiss, allen Eitelkeiten der Welt abgesagt. Um wieder auf la Rappinière zurückzukommen, so knüpfte er den Faden der durch die Prügel unterbrochenen Unterhaltung bald wieder an und fragte den jungen Menschen, ob ihre Truppe bloss aus ihm, der Mademoiselle la Caverne und dem Herrn la Rancune bestände. »Unsere Truppe«, antwortete dieser, »ist eben so vollständig als die des Prinzen von Oranien oder die des Herzogs von Epernon, allein durch ein Unglück, das uns zu Tours begegnete, wo unser Türsteher einen von den Tölpeln von Soldaten des Provinzintendanten totschlug, sind wir gezwungen worden, halb nackend und in dem Zustand, in dem wir hier stehen, uns davon zu machen.« – »Diese Soldaten des Herrn Intendanten haben an la Fleche das nämliche begangen«, antwortete la Rappinière. »Das Feuer des heiligen Antonius möge sie alle brennen,« sagte die Wirtin, »sie sind schuld, dass wir nun keine Komödie haben werden.« »An uns soll es nicht liegen,« sagte der alte Komödiant »wenn wir nur die Schlüssel zu unsern Koffern hätten, um unsere Kleider herauszunehmen, so würden wir bevor wir nach Alençon gehen, wo der Rest der Truppe sich versammelte, die Herren dieser Stadt gerne vier oder fünf Tage belustigen.« Diese Antwort des Komödianten machte die Zuhörer die Ohren spitzen, und la Rappinière erbot sich, der la Caverne einen alten Rock von seiner Frau zu borgen, die Wirtin aber bot dem Destin und la Rancune zwei, drei Paar Kleider an, die bei ihr versetzt waren. »Aber,« sagte einer aus der Gesellschaft, »ihr seid ja nur eurer drei!« Darauf antwortete la Rancune: »Ich allein habe eine ganze Komödie gespielt und habe zugleich den König, die Königin und den Gesandten vorgestellt; wenn ich die Königin spielte, so sprach ich durch die Fistel, stellte ich den Gesandten vor, so sprach ich durch die Nase und stellte mich meiner Krone gegenüber, die auf einem Stuhl lag; machte ich aber den König, so nahm ich auf meinem Stuhl wieder Platz, setzte die Krone auf und nahm ein majestätisches Wesen an, indem ich meine Stimme etwas verstärkte. Lasset euch also nichts anfechten, sondern bezahlt nur den Fuhrmann und die Zeche in der Schenke und gebt uns die Kleider, so werden wir noch vor Nachts Anbruch vor euch spielen, oder aber mit eurer Erlaubnis eins trinken und uns niederlegen, denn wir haben heute einen starken Marsch gemacht.« Der Vorschlag wurde angenommen, und der Spitzbube la Rappinière, der immer einen Streich im Sinne hatte, sagte, man brauche keine andern Kleider als die der zwei jungen Leute aus der Stadt, die in der Schenke sassen und spielten, und dass Mademoiselle de la Caverne in ihrem gewöhnlichen Kleide alles vorstellen könnte, was man nur in einer Komödie verlange. Wie gesagt, so geschehen. Die Komödianten hatten in weniger als einer halben Viertelstunde zwei, drei Becher getrunken, waren angekleidet, und die Gesellschaft, die angewachsen war, hatte sich kaum in einer obern Stube niedergesetzt, so sah man hinter einem schmutzigen Tuch, das man aufhob, den Komödianten Destin: er lag auf einer Matratze, statt der Krone hatte er einen kleinen Korb auf dem Kopf, und rieb sich die Augen gleich einem Menschen, der aus dem Schlaf erwacht, und rezitierte in einem pathetischen Ton die Rolle des Herodes, welche mit den Worten anfängt: »Ruchloses Gespenst, das meine Ruhe stört!« Das Pflaster, das ihm das halbe Gesicht bedeckte, hinderte nicht, dass man an ihm einen vortrefflichen Komödianten entdecken konnte; Mademoiselle de la Caverne tat Wunder in den Rollen der Marianne und Salome, und la Rancune erhielt in den übrigen den allgemeinen Beifall. Das Stück sollte eben zu Ende gehen, als der Teufel, der nie schläft, sich darein mischte und dem Trauerspiel auf einmal ein Ende machte, nicht zwar durch den Tod der Marianne und durch die Verzweiflung des Herodes, sondern durch einige hundert Prügel, ebensoviele Ohrfeigen, eine schreckliche Menge Fusstritte und unzählige Flüche, und endlich durch einen schönen Bericht, den la Rappinière von dem Verlauf der Sache aufnehmen liess, der in solchen Dingen seinesgleichen nicht hatte.

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